Wie unsinnig ist es, wenn wir unsere Gesellschaft in Frage stellen wollen, ohne zugleich die Grenzen der Sprache zu bedenken, mittels deren wir sie in Frage zu stellen vorgeben.
FF1

Willst Du Kenntnis erwerben, musst du an der die Wirklichkeit verändernden Praxis teilnehmen. Willst du den Geschmack einer Birne kennen lernen, musst du sie verändern, dass heisst sie in deinem Mund zerkauen.
FF2

Dieser Text zitiert eine gewisse chinesische Enzyklopädie, in der es heisst, dass die Tiere sich wie folgt gruppieren:
a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabelwesen,
g) herrenlose Hunde,
h) in diese Gruppe gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
l) und so weiter,
m) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
n) die von weitem wie Fliegen aussehen.
FF3

Mein Herr
Ich will Poet werden, und ich arbeite daran, mich sehend zu machen. Das wird ihnen völlig unverständlich sein, und ich bin beinahe ausser Stande, es ihnen zu erklären. Es geht darum, durch die Entregelung der Sinne das Unbekannte zu erreichen. Die Leiden sind ungeheuerlich, aber man muss leiden, wenn man als Dichter geboren ist. Es ist falsch zu sagen: Ich denke. Man sollte sagen: Es denkt mich. Verzeihen Sie das Wortspiel. Ich ist ein Anderer.
Von Herzen einen guten Tag.
FF4


Wenn man über das “Unvorstellbare“ schreibt, darf das Schreiben vor allem kein herrschaftliches, didaktisches und spekulatives sein. Man muss versuchen, beim Schreiben Raum für das Schweigen derer zu lassen, die nicht Sprechen konnten: Das ist ein Schreiben “ohne Macht”. Es muss das Unermessliche, das Unreduzierbare des Menschen aufscheinen lassen, jenseits aller Kräfte und Gewalten, die versucht haben, ihn zu reduzieren beziehungsweise sogar auszulöschen. Es gibt also eine unauflösliche Verbindung zwischen der höchsten ethischen Forderung, sich dafür zu entscheiden, Wort zu halten, indem man den anderen reden lässt, anstatt ihn zu töten, und der höchsten Forderung an das Schreiben, das Schreiben ohne Macht.
FF5

Es war einmal ein Rotschopf, der hatte weder Augen noch Ohren. Er hatte auch keine Haare, so dass man ihn an sich grundlos Rotschopf nannte. Er konnte nicht sprechen, denn er hatte keinen Mund. Eine Nase hatte er auch nicht.
Er hatte sogar weder Arme noch Beine. Er hatte keinen Bauch, er hatte keinen Rücken, er hatte kein Rückgrat, er hatte auch keinerlei Eingeweide. Nichts hatte er! So dass unklar ist, um wen es hier eigentlich geht.
Reden wir lieber nicht weiter über ihn.
FF6

Eines Tages schleifte ein zorniger Mann seinen Vater durch seinen eigenen Obstgarten. “Halt!” rief der stöhnende alte Mann schliesslich, “Halt! Ich habe meinen Vater nur bis zu diesem Baum geschleift.”
FF7

Ich blicke der Frau, die ich in den Armen halte, nicht mehr in die Augen, sondern schwimme durch sie hindurch mit Kopf, Armen und Beinen und sehe, dass hinter den Augenhöhlen eine unerforschte Region, die Welt des Zukünftigen liegt, und hier herrscht keinerlei Logik... Ich habe die... Wand eingerissen... Meine Augen sind nutzlos, denn sie geben nur das Bild des Bekannten wieder. Mein ganzer Körper muss ein bleibender Lichtstrahl werden, der sich mit immer grösserer Schnelligkeit bewegt, nie stillsteht, nie zurückblickt, nie schwindet... Deshalb schliesse ich meine Ohren, meine Augen, meinen Mund.
FF8

Die Gestaltpsychologie hat uns gelehrt, dass zu jedem Wahrnehmen nicht nur ein Nicht-Wahrnehmen gehört, sondern dass solcher Ausschluss, solche Selektivität für das Wahrnehmenkönnen konstitutiv (bestimmend, grundlegend, wesentlich) ist… Wir sehen nicht, weil wir nicht blind sind, sondern wir sehen, weil wir für das meiste blind sind; entsprechend heisst, etwas sichtbar machen, im gleichen Akt etwas anderes unsichtbar machen. Keine aisthesis ohne anaisthesis - nicht einmal im einfachsten Wahrnehmen.
Was so innerhalb eines Sinnes gilt, trifft auch auf das Verhältnis zwischen den Sinnen zu. Das Wahrnehmungsfeld des Sehens beispielsweise ist ganz anders strukturiert als das des Hörens. Während das visuelle Feld eines des Überblicks, der Überschau, der Beherrschung ist und eine prinzipiell homogene, isotope und von einem Punkt aus beherrschbare Struktur aufweist, ist das Feld des Hörens zumindest bipolar verfasst und überdies vektoriell und ereignishaft strukturiert…
Wegen dieser Unterschiedlichkeit der Sinnfelder bedeutet die Bevorzugung eines Sinnestyps vor den anderen eine nicht bloss ästhetische, sondern zugleich anästhetische Entscheidung: Sie drängt die andere Struktur ins Abseits, in die Latenz, oft gar ins Vergessen.
Die abendländische Bevorzugung des Sehens ist ein klassischer Fall und besonders einschneidend wegen ihrer Fortsetzung im Ideal der Theorie, die ja eben jenes „Betrachten“ ist, das ganz und gar auf Distanz und Ueberschau setzt - im Unterschied etwa zum Betroffensein und Involviertsein des Hörens. Infolge dieses Distanz- und Ueberlegenheitspathos kann sich die Theorie dann ja auch fatal immun verhalten gegen das, was sie der Realität antut. Und das ist nicht wenig. Foucault hat in „Surveiller et punir“(1975) gezeigt, wie nötig eine Kritik am abendländischen Visualprimat und Panoptismus wäre. Denn wo das optische Weltverständnis regiert, da gerät die Welt zu einer gigantischen Überwachungsanstalt vor dem grossen Auge des Geistes, und diese Gesetzlichkeit reicht von der Strafanstalt bis zu den Weltszenarien der Wissenschaft.

Was ich bislang bezüglich des einfachen Wahrnehmens dargestellt habe, gilt ebenso für höherstufige, inhaltlich aufgeladene Wahrnehmungsformen. Gerade den Grundbildern, die unseren Wirklichkeitszugang leiten - unsere archetypischen Schemata (die ich freilich als durchaus kulturelle und soziale Prägungen verstehe möchte) - ist in drastischer Weise eine immanente Anästhetik gesellt. Und bei diesen Grundbildern wird das Verhältnis von Ästhetik und Anästhetik vollends schmerzlich relevant. Denn wer diese Bilder, die unsere individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeit durchherrschen, nicht irgendwann in ihrer Spezifität und Massivität vor Augen bekommen hat, der wird, in ihrem undurchschauten Glanz sich sonnend, ein Leben lang nach ihrer Pfeife tanzen müssen.
Ich denke etwa daran, wie Bilder von Mann und Frau, von Geschlechtlichkeit und idealem Zusammenleben, die uns in der familiären und sozialen Kindheit eingesenkt wurden, unser Wahrnehmen und Verhalten fortan imprägnieren und bestimmen. Stets handeln wir im Duktus solcher Grundbilder. Gerade als unbewusste sind sie wirksam. Eben indem diese Bilder - die doch ihrer Konstitution nach ästhetisch sind - die Tarnkappe des Anästhetischen überzogen, in anästhetischer Latenz sich begeben haben, wurden sie «verbindlich», d.h. zwingend.
Solche Bilder sind Fallen. Sie haben zugeschnappt, als man an sie sich hielt. Nachher wird man mit Wittgenstein sagen:
« Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen» - Aber wie gelangt man ins Nachher, wie kommt man aus diesen Bildern heraus?
Am ehesten wohl über Bilderfahrung und Bildarbeit, die sich daran macht, diese vorgängige Prägung zu exponieren und ihre Anästhetik zu durchbrechen. Man darf sich dieses Hervorholen der Grundbilder freilich nicht zu leicht vorstellen. Denn die Bilder sind untereinander verflochten und stützen sich wechselseitig. Man muss mit einem Dickicht dieser Grundbilder und mit lateralen Kraftbeiständen rechnen, sobald das Potential eines dieser Grundbilder bedroht ist. Eine schlagartige Veränderung im Ganzen wird einem in den seltensten Fällen geschenkt, die verbleibende Alternative aber, die sukzessive Durcharbeitung, bleibt schwierig und langwierig. Auch die ästhetische Psychoanalyse hat kein Ende.
FF9


Das Mannigfaltige muss gemacht werden, aber nicht dadurch, dass man immer wieder eine höhere Dimension hinzufügt, sondern vielmehr schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt....Ein Rhizom kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen...
Jeder Punkt eines Rhizoms kann (und muss) mit jedem andern verbunden werden...Ein Rhizom verbindet unaufhörlich semiotische Kettenglieder, Machtorganisationen, Ereignisse aus Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen.Es gibt in einem Rhizom keine Punkte oder Positionen. Es gibt nur Linien...Ein Rhizom kann an jeder Stelle unterbrochen oder zerrissen werden...
Es ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften des Rhizoms, immer vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu bieten...Rhizomorph sein bedeutet, Stränge und Fasern zu produzieren... Wir sind des Baumes überdrüssig geworden...Bildet Rhizome und keine Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nichts aus, sondern nehmt Ableger!
FF10

Ein Bild will nichts aussagen. Wenn das sein Vorhaben wäre, wäre es tatsächlich dem Wort unterlegen, und müsste von der Sprache aufgehoben werden, um eine Bedeutung, eine klare mittelbare Bedeutung zu erlangen. Zwischen der figurativen Ordnung und der Sprache gibt es einen Spielraum, der durch nichts auszufüllen ist...Die sogenannte «Darstellende Kunst» kann nicht mehr als einfache Wiederholung eines vorher existierenden Modells verstanden werden, sondern nur als ein ursprüngliches Double, das jede Sicherheit erschüttert: die der Identität des «Gegenstandes», sowie jene des Subjekts, indem es jedes«Wirkliche» durch seine aussergewöhnliche und faszinierende Präsenz verdoppelt.
FF11

Ja, Poesie beruht auf einer ausgesprochenen nichtlinearen Anwendung von Sprache (...). Ich kann mir gut vorstellen, dass die wissenschaftliche Kultur sich in Zukunft sehr viel mehr von so etwas wie Poesie leiten lassen wird.
FF12

Dichten ist ein viel mächtigeres Werkzeug der Erkenntnis als etwa die Philosophie. Weil sie immer der dynamische Prozess von Setzung und Abweichung, von Bewusstsein und Intuition ist... Eine erste Zeile wird gesetzt in einem Reimgedicht; die Notwendigkeit des Reimes reisst Himmel und Erde auf, ein undefiniertes Wissen und Gewissen tritt in Funktion, und es resultiert ein Text, den der Dichter gar nicht hat schreiben wollen .
FF13

Sie müsste zunächst s a g e n , sie müsste beginnen zu sagen und sich nicht sagen zu lassen, dass sie nichts zu sagen habe! Sich nicht in der Schule einreden lassen, dass die Frauen gemacht sind, um zuzuhören, um zu glauben und um nichts zu erfinden. Sie müsste es wagen zu sagen, was sie zu sagen hat über die Gabe, über eine gewisse Möglichkeit zu geben, die keine Gabe wäre, die nimmt, sondern eine Gabe , die gibt. Von ihrem Genuss sagen, und Gott weiss, dass sie davon zu sagen hat, und zwar so, dass es ihr gelingt, sowohl die weibliche als auch die männliche Sexualität freizusetzen, und den Körper zu “dephallozentrieren”, den Mann von seinem Phallus zu befreien, ihn zu einer erogenen Flächigkeit zu bringen und zu einer Libido, die nicht stupide um das Denkmal herum angeordnet wäre, sondern die erscheinen würde als eine bewegte, als eine verteilte, also genau so fähig zu all diesem Anderen in sich. Das ist sehr schwierig: Am Anfang muss man die Zensursysteme loswerden... Man muss damit aufräumen und gleichzeitig erklären, was jede Wissenschaft an Macht mit sich bringt: aufzeigen, an welchem Punkt in der Kultur Wissen immer Komplize der Macht ist; dass dort, wo das Wissen ist, immer auch ein Gewinn an Macht gemacht werden kann: zeigen, dass alles Denken bis heute immer organisiert gewesen war durch diesen Vorteil, durch diesen Mehrwert an Macht, der demjenigen zukommt, der weiss.
FF14

Nach manchen missglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammen zu schweissen, sah ich ein, dass mir dies nie gelingen würde. Dass das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; dass meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in eine Richtung weiter zu zwingen. - Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchungen selbst zusammen. Sie nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind. Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser waren verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten, werden mussten, dass sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten. So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album.
FF15

Die Menschen werden in Zellen sitzen jeder für sich, dabei mit Fingerspitzen an Tastaturen spielen, auf winzige Bildschirme starren und Bilder empfangen, verändern und senden. Hinter ihrem Rücken werden Roboter Dinge heran- schaffen, um ihre verkümmerten Körper zu erhalten und zu vermehren. Durch ihre Fingerspitzen hindurch werden die Menschen miteinander verbunden sein und so ein dialogisches Netz, ein kosmisches Uebergehirn bilden, dessen Funktion es sein wird, durch Kalkulation und Komputation unwahrscheinliche Situationen ins Bild zu setzen, Informationen, Katastrophen herbeizuführen. Zwischen den Menschen werden künstliche Intelligenzen eingeschaltet sein, die durch Kabel und ähnliche Nervenstränge hindurch mit den Menschen dialogisieren. Es wird daher funktionell sinnlos sein, zwischen «natürlichen»und «künstlichen» Intelligenzen (zwischen «Primatengehirnen» und «Sekundantengehirnen») unter- scheiden zu wollen. Das Ganze wird funktionell ein kybernetisch gelenktes, in seine Elemente unzerlegbares System sein: Eine schwarze Kiste. Die Stimmung, die dort herrschen wird an jene gemahnen, die wir in unseren schöpferischen Augenblicken erleben. Die Stimmung des Aus-sich-Herausgehens, des Abenteuers, des Orgasmus. Das telematische Uebergehirn wird eine immer weiter um sich greifende, sich erneuernde und verdichtende Aura von technischen Bildern ausstrahlen und ein universales Schauspiel abgeben. Die Situation ist aber ernüchternd. Solange nämlich an den Gehirnen und Fingerspitzen der künftigen, telematischen Menschen Säugetierleiber hängen, werden diese leiden und sterben.
FF 16

1
Der Körper muss aus seinem biologischen, kulturellen und planetarischen Behälter ausbrechen, da die überflutenden Informationen, der unvorstellbare Informationsschub vom Körper nicht mehr aufgenommen und kreativ verarbeitet werden kann. Information wird zur Prothese, die den veralteten Körper abstürzt. Der Cortext sucht seine letzte Zuflucht in der Spezialisierung, aber die Anhäufung von Informationen hat jeden Zweck eingebüsst. Gedächtnis führt zu Nachäffung, Nachdenken reicht nicht mehr aus. Könnte es nicht gerade der Höhepunkt der menschlichen Erkenntnis sein, den Körper als veraltet zu erkennen und zu einer Mensch-Maschine-Schnittstelle zu erweitern?
2
Von Bedeutung ist die Freiheit der Form. Die Freiheit den Körper zu modifizieren und zu verändern, sein eigenes DNA-Schicksal bestimmen zu können. Zusammengestückelte Menschen mit zahllosen Körperschrittmachern, synchron reguliert von pulsierenden Bildern.
3
Ein hohler Körper wäre ein besserer Wirt für technologische Komponenten. Die Strategie sollte es sein ihn auszuhöhlen, zu verhärten und zu entwässern; also Körper radikal neu zu gestalten, möglichst ohne Organe , damit er besser mit miniaturisierten Robotern bevölkert werden kann. Interne Ueberwachungssysteme: Kristallgrosse Roboter sind denkbar, die im Körper für Ordnung schauen.
4
Technisch wird es keine Geburt mehr geben und es gibt auch keinen Grund mehr für den Tod (die Verfügbarkeit von Ersatzteilen vorausgesetzt). Der Tod ist eine veraltete evolutionäre Strategie. Technologie befriedigt den Körper und die Welt; der Körper wird wohl seine Mobilität aufgeben, da er an ein maschinelles Netzwerk angeschlossen wird, und mehr und mehr anästhetisiert.
5
Der elektronische Raum wird eher zu einem Medium der Handlung als zu einem der Information: Er verbindet den Körper mit seinen Maschinen zu einer immer grösser werdenden Komplexität und Interaktivität.
Teleoperationssysteme mit Teleautomaten.
6
Bilder sind keine Illusionen mehr wenn sie interaktiv werden; sie werden zu handelnden Agenten. Phantomkörper sind hohl. Es sind virtuelle Ersatzkörper. Phantome projizieren den Körper und statten ihn mit Macht aus. Der Körper bringt die beste Leistung, wenn er als Bild handelt. Körper sind vergänglich. Bilder sind unsterblich.
FF17

Wir sind Knoten in einem Netz, in welchem Fäden zusammenkommen und auseinanderfliessen. Die Stellung eines jeden Knoten verschiebt sich ständig, je nach Intensität. Das ganze Netz schwingt, wogt, verdichtet sich an einigen Stellen und wird an anderen wieder dünner. Jedes «Ich» ist ein einzigartiger Knotenpunkt und ist von allen übrigen Knotenpunkten im Netz durch seine Stellung, und die in ihm gelagerten Informationen unterschieden. Das was einst «Ich», die«Identität», das «Selbst» genannt wurde, entpuppt sich als Knoten von Relationen. Ich bin, was immer ich in Bezug auf andere bin. Wir sind die Summe der Verhältnisse, die uns mit anderen verbindet, und wenn wir Schritt für Schritt diese Beziehungen abstrahieren, dann bleibt, wie bei der berüchtigten Zwiebel, nichts mehr übrig.
FF18

Die Suche nach der Materia prima ist die erste Aufgabe des Schülers. ihr herkömmlicher Name „Stein der Weisen“ beschreibt diese Substanz hinlänglich. es handelt sich tatsächlich um einen echten Stein. Dieser Alchemistenstein, der „Gegenstand“ der Kunst, darf nicht mit dem Stein der Weisen verwechselt werden. Der Gegenstand wird erst dann zum Stein der Weisen, wenn er, umgestaltet und vervollkommnet durch die Kunst, seine höchste Vollendung und verwandelnde Kraft erlangt hat. In alchemistischen Texten wird alles, was sich auf den Beginn des „Werkes“ bezieht, fast immer weggelassen oder bewusst irreführend beschrieben.
FF19

So wenig als möglich s i t z e n; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorteile kommen aus den Eingeweiden.
FF20

Neurophysiologisch betrachtet ist Sehen das Komplizierteste, was in unserer Kognition abläuft. Visuelle Wahrnehmung ist eine Anstrengung unseres neuronalen Apparates, die weit über jene Anstrengung hinausgeht, die uns das sogenannte Denken abverlangt. Sehen ist kein Abbilden der Realität, sondern eine Konstruktion visueller Modelle von (genauer: für ) Wirklichkeit.
Diese Konstruktion ist nur möglich, wenn unser Körper sich im Raum bewegen und Erfahrungen machen kann; wenn wir mit anderen interagieren. Visuelle Wahrnehmung ist durch lange stammesgeschichtliche Entwicklung bei allen Menschen weitgehend vergleichbar. Aber das spricht nicht dagegen, dass es sich um eine Konstruktion und nicht um Realitätsabbildung handelt. Unsere visuellen Wirklichkeitsmodelle sind soziale Konstruktionen, die sich im Kopf jedes einzelnen vollziehen.
FF21

Das Experiment kann misslingen. Das belegt nicht nur der australische Performanc-Künstler Stelarc, mit seiner Vision des ausgehöhlten, entwässerten Körpers. Gilles Deleuse und Felix Guattari beschreiben sehr präzis das Missverständnis, wenn anstelle eines gewünschten “organlosen Körpers” (oK) ein ausgehöhlter Körper entsteht. Die Schwierigkeit mit den Organen, mit dem Organismus. Das schwierige Modell des oK verdient eine nähere Betrachtung, weil mit ihm das Geheimnis der Poesie beleuchtet und eine Lebens- und Arbeitsstrategie in Praxis beschrieben wird. Der oK ist keineswegs das Gegenteil der Organe. Die Organe sind nicht seine Feinde. Der Feind ist der Organismus, die Organisation der Organe: Für Antonin Artaud, auf den sich Deleuse und Guatttari explizit berufen, ist das das “Gottesgericht”, das theologische System, von dem die Ärzte profitieren und ihre Macht beziehen. Für Paul Virilio wäre es vielleicht die ”Dressur des Blicks”. Kurz: Der Organismus ist keineswegs der Körper, der o.K., sondern eine Schicht auf dem oK, das heisst ein Phänomen der Akkumulation, der Gerinnung und der Sedimentierung, die ihm Formen, Funktionen, Verbindungen, Organisationen aufzwingt. Schichten sind Bindungen, Zangen. “Binden sie mich, wenn sie wollen.” Der oK ist die eisige Realität in der sich diese Ablagerungen, Sedimentierungen, Gerinnungen, Faltungen und Umklappungen ausprägen, die einen Organismus bilden -und ein Subjekt und eine Signifikation. Der oK heult: „Man hat mir einen Organismus gemacht! Man hat mich zu unrecht gefaltet! Man hat mir meinen Körper gestohlen!“ Er schwankt ständig zwischen den zwei Polen, zwischen den Oberflächen der Faltungen, um die er herumgeklappt wird, und der Konsistenzebene, die eisige Realität., auf der er sich entfaltet und dem Experimentieren öffnet. Und wenn der oK eine Grenze ist, wenn man ihn immer angestrebt hat, so liegt das daran, dass es hinter jeder Schicht eine andere gibt und jede in eine andere eingefügt ist. Denn man braucht viele Schichten und nicht nur Schichten des Organismus, um das Gottesgericht abzuhalten. Dieser Prozess kann in ganz verschiednen Gesellschaftsformationen geschehen, und durch ganz unterschiedliche Gefüge, durch perverse, künstlerische, wissenschaftliche, mystische, oder politische Gefüge, die nicht denselben Typus von organlosem Körper haben. Mit der notwendigen Klugheit, der Kunst der Dosierung muss vorgegangen werden: Man geht nicht mit Hammerschlägen vor, sondern mit einer ganz feinen Feile. Man erfindet Selbstzerstörungen, die man nicht mit dem Todestrieb verwechseln darf. Den Organismus aufzulösen hat nie bedeutet, sich umzubringen, sondern den Körper für Konnexionen zu öffen. Man sollte folgendes tun: Sich auf einer Schicht einrichten, mit den Möglichkeiten experimentieren, die sie uns bietet. dort nach einem günstigen Ort suchen, nach Bewegungen der Entgrenzung, nach möglichen Fluchtlinien, sie erproben, hier und da Zusammenflüsse von Strömen sichern und immer ein kleines Stück Neuland haben. Nur durch ein gewissenhaftes Verhältnis zu den Schichten gelingt das. Wir befinden uns in einer Gesellschaftsformation; wir müssen zunächst schauen, wie sie für uns, in uns und da, wo wir uns befinden, gelagert ist; wir müssen die Schichten bis zum grundlegenden Gefüge zurückverfolgen, von dem wir umschlossen sind; das Gefüge ganz vorsichtig ins Wanken bringen, um es auf die Seite der Konsistenzebene übergehen zu lassen. Nur dort erweist sich der oK als das, was er ist, nämlich als Konnexion von Begehren, Konnexion von Strömen und als Intensitätskontinuum. Man hat sich seine eigene kleine Maschine gebastelt und ist bereit, sich je nach Umständen an andere kollektive Maschinen anzuschliessen. Man muss also genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neugestalten kann. Ahmt die Schichten nach. Man erreicht den oK und seine Konsistenzebene nicht, wenn man wild drauflos stratifiziert. Deshalb begegneten wir anfangs dem Paradox dieser finsteren, ausgehöhlten Körper.
FF22

Der schwammige Begriff “Geist” bezeichnet einen Komplexitätsgrad eines Organismus. Die Organismen sind Akkumulatoren verdrängter Drücke. Der Organismus ist ein geschichtetes Gedächtnis, das aus überlagerten Verdrängungen aufgebaut ist, etwa wie geologische Formationen. Die den Organismus oberflächlich umhüllenden Schichten akkumulieren die äusseren und inneren Einflüsse, die der Organismus im Laufe seines Lebens verdrängt hat und bilden einen Panzer. Beim Menschen sind diese Einflüsse grösstenteils kulturell. Sie werden in der Muskulatur aufgehoben. Es geht um einen Muskelkrampf, um die individuelle Haltung, darum, was die “Persönlichkeit” genannt wird.
Je starrer der Krampf, desto stärker die Persönlichkeit.
FF23

Somit verspürt jeder Körper alles, was in der Welt geschieht, so dass jemand, der alles sieht, in einem jeden einzelnen lesen könnte, was überall geschieht und sogar, was geschehen ist oder geschehen wird, indem er in dem Gegenwärtigen das nach Zeit und Ort Entfernte bemerkt...Aber eine Seele kann in sich selbst nur das deutlich Vorgestellte lesen; sie kann nicht auf einen Schlag auseinanderlegen, was in ihr zusammengefaltet ist; denn diese Fältelung geht ins Unendliche.
FF24

Mobilität und Motilität des Körpers erst führen der Wahnehmung jenen Reichtum zu, der für die Ichbildung unabdindbar ist. Diese Dynamik der Fortbewegung zu verlangsamen oder gar ganz zu beseitigen, Verhalten und Bewegungen aufs Äusserste zu fixieren, führt zu schwersten Störungen der Person und zu Schädigungen ihrer Realitätstüchtigkeit. Der Verlust kinetischer und taktiler Eindrücke, von Geruchseindrücken, wie sie die direkte Fortbewegung noch liefert, lässt sich nicht durch das Vorbeiziehen der Bilder an der Windschutzscheibe des Autos, auf der Kinoleinwand oder gar dem kleinen Fernsehbildschirm ersetzen. Dieser illusorische Ersatz ist gleichwohl zu einer “Spitzenindustrie” der Elektronik geworden.

Letzten Endes ist es natürlich der Begriff des Mediums, der verschwindet, verschwinden muss: Die ausgetauschte Rede, der reziproke und symbolische Austausch negiert die Vorstellung und Funktion des Mediums, des Intermediären. Der Austausch kann ein technisches Dispositiv einschliessen (Ton, Bild, Wellen, Energie usw.), wie auch ein körperliches Dispositiv (Gesten, Sprache, Sexualität), aber in diesem Fall spielt es nicht mehr die Rolle eines Mediums, im Sinne eines autonomen, von einem Code beherrschten Systems.
Reziprozität wird erst möglich durch die Destruktion des Mediums als solches.
“ Der Brand eines Mietshauses gibt den Menschen Gelegenheit, ihre Nachbarn kennenzulernen.”
FF25

Vergleicht man Kafkas tiefsinnigen Gedanken über die ohnmächtige Empörung des Menschen gegen das „Gesetz“:“Die Erbsünde, das uralte Unrecht, das der Mensch begangen hat, besteht in dem Vorwurf, den der Mensch macht und von dem er nicht ablässt, dass ihm ein Unrecht geschehen ist, dass an ihm die Erbsünde begangen wurde“, - vergleicht man diesen Gedanken Kafkas mit Adolf Wölflis Gedanken vom Betroffensein des Menschen durch einen „wohlgereimten Fluch“, um den ein Hauch von Trauer ist, so hat dieser Gedanke zwar gegenüber Kafkas ein versöhnlicheres Gesicht. Aber die unbeantwortete Frage bleibt: Warum müssen die Menschen schuldig werden und warum einige auch noch verrückt?
...Die Sehnsucht nach Versöhnung (...), die wohl auch Wölfli im Sinne hatte als er an seinem „grossen“ Trauermarsch dachte: einen Marsch, der die Sehnsucht aller armen Verrückten nach Erlösung zum Ausdruck bringt, die wie die Armen in Brechts Dreigroschenoper im Dunkel abseits des sozialen Lebens, und auch noch im Dunkel der Psychose sind, und die von den Reichen und den Sich-Bereichernden (nicht nur materiell, sondern auch zum ästhetischen Genuss) ausgebeutet werden.
...In einer solchen Situation kann man sich dann wohl fragen, ob nicht Verrücktsein auch zu einer Kunst werden kann und ob nicht überhaupt der Psychiater den Kranken in der unabwendbaren Not der Psychose helfen sollte, Verücktseinkönnen zur Kunst zu machen ...( die Verpflichtung,den Kranken zu helfen, verrücktsein zu können)...
Das braucht ja nicht immer grosse „sichtbare“ Kunst zu sein. „Kunst“ aber bekommt hier einen sehr ernsten Sinn und deren nur ästhetischer Genuss wird dabei tief fragwürdig.
FF26

Für Plinius steht die Zeichnung am Ursprung aller bildenden Künste.
Er erzählt die Geschichte von der Tochter eines Töpfers, die in einen jungen Mann verliebt ist, der eines Tages zu einer langen Reise aufbrechen muss. Während der Abschiedsszene... befinden sich die beiden Liebenden in einer Kammer, die durch ein Feuer (oder eine Lampe) beleuchtet wird. Das Licht wirft somit den Schatten der beiden an die Wand. Um die bevorstehende Abwesenheit ihres Geliebten zu bannen und eine physische Spur seiner gegenwärtigen Anwesenheit zu bewahren, also in diesem von Angst und Begehren bis zum Zerreissen gespannten Moment, kommt das Mädchen auf den Gedanken, die Silhouette des Geliebten, die sich auf der Wand abzeichnet, mit Kohle nachzuzeichnen. Sie will in diesem letzten, lichtdurchzuckten Moment die Zeit töten und den Schatten desjenigen festhalten, der noch da ist, aber bald fort sein wird.

Die Geschichte ist damit nicht zu Ende:
Der Töpfer – so fährt Plinius fort – trug dann Lehm auf diese Zeichnung auf und fertigte durch eine Art Schattenabguss ein Relief an. Daraufhin brannte er es im Ofen mit anderen Töpferwaren und erzielte somit das erste Basrelief aus Ton.

Dieser Ursprungsmythos wird in den letzten Jahren von Kunst- und Filmhistorikern gerne zitiert, um jene mediale, anthropologische, körperbezogene Dimension der Kunst wieder ins rechte Licht zu rücken. Wichtig scheint, dass es sich um eine Zeichnung handelt, welche die Kammer in ein Atelier verwandelt, und damit um die unmittelbare Umsetzung eines Gefühls und eines Gedankens. Die Liebe ist es, die sich hier direkt ihr Medium sucht. Die Liebe ist der Motor, die Zeichnung ihr Medium.
FF27

Das abstrakte Empfinden vermittelt eine gewisse Distanz zu den zweckmässigen kollektiven Sehgewohnheiten. Darin liegt vermutlich seine Bedeutung für die schöpferische Persönlichkeitsentwicklung und damit für die kulturelle Erneuerung. Wer die gewohnten Dinge neu sehen kann, erhält damit eine gewisse individuelle Freiheit.

Das haben schon die Griechen bemerkt. Nur so lässt es sich erklären, dass nach der „Naturkunde“ von Plinius (1. Jh. n.Chr) im 35. Buch, (Heimeran-Ausgabe, München 1978, Seite 63) in ganz Griechenland freigeborene Knaben „im Zeichnen, das heisst in der Malerei auf Buchsbaumholz, unterrichtet wurden, (...), wobei immerfort verboten war, Sklaven darin Unterricht zu erteilen.“
FF27/2


... ein reines ausgeschnittenes Segment mit klar definierten Ecken irreversibel und unzerstörbar; alles , was es umgibt,, wird ins Nichts gestossen, bleibt unbenannt, während alles, was in seinen Bereich eintreten darf, Dasein, Licht und Aufmerksamkeit erhält.
FF28

Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenähnlichen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber umzudrehen der Fessel wegen nicht vermögen....
FF29

Nachdem der junge Kampfflieger 1998 in seine F16C eingestiegen ist, setzt er einfach seinen Helm auf und klappt das Sichtgerät herunter, um sein Super Cockpit System zu aktivieren. Die virtuelle Welt, die er sah, ahmt auf exakte Weise die äussere Welt nach. Verschwommene Umrisse des Bodens wurden scharf nachgezogen und in drei Dimensionen von zwei winzigen Kathodenstrahlröhren dargestellt, die auf seine individuelle Sichtferne fokussiert weden... Seine Kompassrichtung wurde durch ein breites Zahlenband auf der Horizontlinie dargestellt, seine projizierte Flugbahn war eine leuchtende Bahn, die in die Unendlichkeit geht.
FF30


Hilde Zaloscer geht in ihrer Arbeit (31)von der Grundthese aus, dass jede Kunstform sich einem Gesamtentwurf unterordnet, dieser aber letztlich theologisch-philosophischer Herkunft sei. Jede Änderung der Form z.B. der auffällige Wechsel von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität, in der Zeitspanne vom zweiten bis zum fünften Jh., sei durch eine Änderung des Weltbewusstseins bedingt. Wird die Dreidimensionalität und Naturtreue der Plastik , der früheren Idole und Totenmasken, als Bestreben nach Identität von Urbild und Abbild, resp. von Vorbild und Nachbild interpretiert, im Bestreben das physische Weiterleben der irdischen Erscheinung zu garantieren (d.h. die Plastik fungiert als Stellvertreter des Toten für das Weiterleben), so drückten die neuaufkommenden Formwerte - die Wahl des Mediums der Malerei selbst, die bewusste Wahl der Zweidimensionalität und das Formprinzip der Frontalität in der Gesichtsdarstellung - eine neuaufkommende Geisteshaltung aus. Interessant scheint mir die Beschreibung der Bedingungen, ihre Komplexität und Verwobenheit, die zu diesen neuen Formwerten geführt habe. Hilde Zaloscer beginnt mit den Bemerkungen der ökonomischen und sozialen Destabilisierungen, die der Umbruch vom absinkenden Hellenismus zum aufkommenden (und aus ihm hervorgehenden) Christentum bewirkt habe. Die wirtschaftliche Krise, die Barbarengefahr, vielleicht auch der östliche Einfluss riefen eine allgemeine Weltfluchtstimmung hervor, eine Suche nach Bleibendem, Grösserem. Wie von Plato vorgeahnt, habe sich eine neue Form des Gottesglaubens (die Vorstellung einer transzendenten Gottheit) angebahnt, mit ihr die Vorstellung von der Trennung von Körper, der stofflich und elend sei, und der Seele, die allein göttlich sei. Plato bezeichnete den Körper als quälendes Gefängnis der Seele; aber auch ihr Diener. Die Reinigung des Körpers, seine Kontrolle. war Mittel zur Läuterung der Seele. Dieser Gedanke wurde vom Christentum weitergeführt. Diese Abkehr von der dieseitigen stofflichen Welt habe ein Rückgang (des Interesses) der Naturwissenschaften bewirkt, ein Absinken des logisch-diskursiven Erkennenwollens. Eine Geringschätzung des Dieseitigen habe eine intuitiv-mystische Durchdringung der Welt gefördert. Auch für Plotin sei die Materie die Quelle allen Uebels und Elends. Kurz: Eine körperfeindliche Haltung habe sich breitgemacht, und propagiert sei eine asketische Lebenshaltung bis hin zum Märtyrertum : Das Mönchstum war im Aufwind. Es ist also anzunehmen, dass diese immer stärker werdende Entstofflichungs - und Abstraktionswelle ihren Niederschlag in der Kunst fand: Hilde Zaloscer sieht das in der Aufgabe der Plastik . An ihre Stelle tritt die Malerei. Begünstigt sei dies durch das “Bilderverbot” worden, das sich keineswegs um das Versagen jedweder bildlicher Wiedergabe gedreht , sich vielmehr gegen die Götzen und den Götzendienst gerichtete habe.. Das politische Umfeld zeigt sich exemplarisch am 725 ausgebrochenen grausamen Bürgerkrieg, der als “Bilderstreit” in die Geschichte eingegangen ist. Unterstützte der Staat anfänglich den aufkommenden Bilderkult (er konnte so auch die niederen Schichten unter Kontrolle bringen) wurde dem Staat zunehmend die Macht der Kirche , der Klöster lästig, und so erliess 726 Kaiser Leo III. ein Edikt , das den Bilderkult kurzerhand verbot: “Bilderverbot”. Die ideologischen Vertreter der Bilderfeinde (Ikonoklasten) beriefen sich auf das Alte Testament mit seinem Bildverbot, sie setzten das Bild dem Idol gleich und betrachteten den Bilderkult als Götzendienst. Diese philosophische, intellektuelle und politische Elite war gegen die Anbetung der toten Materie, gegen die Anbetung von Götterbildern. Die Bilderfreunde (Ikonodulen), die mehr die unteren Schichten vertraten ( wir ahnen hier, dass die Einstellung zum Bild immer schon klassenprägend und klassengeprägt war) widersetzten sich (durch einen allmählichen differenzierten internen Prozess ) der Behauptung von der Identität von Abbild und Urbild, von Bild und Person. Ihre These fusste auf
platonischen Gedankengängen, indem sie an Stelle des Prinzips der Identität das der Ähnlichkeit postulierten. Das Verhältnis der Ikone zu ihrem Vorbild sei die gleiche Beziehung wie zwischen den Erscheinungen und der Welt der göttlichen Ideen; sie seien in diesem Sinne nicht substanzgleich, sondern das Bild sei nur Abglanz, Abdruck, Schatten, Spiegelbild, Siegelabdruck des Siegelstempels: So habe jedes Urbild sein Abbild in sich selbst enthalten). Künstlerische Produktion wird als Nachahmung der Nachahmung verstanden und entsprechend klassiert. Nach einem 100jährigen blutigen Krieg um die Macht und den vorder- oder hintergründigen Streit , um die Bedeutung und Funktion des Bildes , siegten die Mönche und Bilderfreunde.

Die dominante Macht der Kirche, die starke Hierarchisierung und Reglementierung fällt besonders auch in Bezug zu den Ikonen auf. Diese primär nicht als Kunstwerke, denn als Kultgegenstände aufgefassten “heiligen Geräte”, waren in ihrer Produktion selbst strengster Kontrolle und Reglementierung unterworfen. Nach Vorbildern aus Malbüchern, mit präzisesten Angaben, wurde in einem kultischen, liturgischen Akt, durch Fasten und Beten, Segnung des Malmaterials, die heilige Handlung vollzogen und erst durch die Beschriftung der Ikone, durch die Weihe des Bischofs war die Ikone nun Träger des Göttlichen und erlangte.den Ruf, nicht von Menschenhand erschaffen zu sein.
FF31

Das Göttliche darf nicht nur abgebildet werden, im Gegenteil es verlangt gleichsam, seiner Natur nach, nach der Abbildung. Das Bild steht nur in einem Aehnlichkeitsverhältnis zum Urbild. Das Bild soll nicht Nachahmung der empirischen Welt sein, sondern Resultat einer inneren geistigen „Schau“.
FF32

„Ganz wie ein Frosch hüpfen“
Dann gibt es aber auch die wichtige Frage der Wiederholung. Und gibt es das überhaupt? Ist das Wiederholung oder ist es Beharrlichkeit? Ich neige zu glauben: Es gibt gar kein solches Ding wie Wiederholung; und wirklich, wie kann es gehen? Jedesmal in den hunderten von Malen, wenn ein Journalist sich über mein Schreiben und meine Wiederholung lustig macht, hat er immer dasselbe Thema, nämlich: Wiederholung. Aber einmal begonnen das auszudrücken, irgendetwas auszudrücken, dann kann es keine Wiederholung geben. Denn das Wesentliche dieses Ausdrucks ist Beharrlichkeit. Und wenn man beharrt, dann muss man betonen. Und wenn man betont, dann ist es nicht möglich, solange man lebt, dass man genau für dasselbe, dieselbe Betonung benutzt. Wir wollen aber ernstlich über den Unterschied zwischen Wiederholung und Beharrlichkeit nachdenken. Jeder kann von einer Geschichte über ein Verbrechen gefesselt sein, denn wie oft er auch die Zeugen dieselbe Geschichte erzählen hört, die Betonung ist unterschiedlich. Das ist was das Leben ausmacht, dass die Betonung verschieden ist, egal wie oft man dieselbe Geschichte erzählt, wenn sie lebendig erzählt werden soll, dann ist die Betonung verschieden. Es muss so sein. Es ist genau wie ein Frosch hüpft. Er kann niemals über die genau die gleiche Entfernung, oder die genau die gleichen Weiten seinen Sprungmachen. Vogelgesang kommt vielleicht der Wiederholung am nächsten. Aber wenn man gut zuhört, dann ändert auch der Vogel seine Betonung. Das ist der Ausdruck des Menschen: Dasselbe zu sagen, beharrlich, die Betonung zu verwandeln.
FF33

Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns unerbittlich zu wiederholen.
FF34


Unsere heiligsten Ueberzeugungen, unser Unwandelbares in Hinsicht auf die obersten Werte sind Urteile unserer Muskeln.
FF35


Ja, ja, ich weiss, es gibt viele wie uns, die die Welt anschauen, aber die Welt schaut nicht zurück.
FF36


Träumereien aus einer Phänomenologie der Einbildungskraft:
7 Hier heisst es gegenwärtig sein, in der Gegenwart des Bildes, in der Minute des Bildes: wenn es eine Philosophie der Poesie gibt, dann muss diese Philosophie entstehen und wieder entstehen, aus der Gelegenheit eines dominierenden Verses (Bildes), aus der totalen Hingabe an ein isoliertes Bild, im genausten Sinn aus der Ekstase der Bildneuheit.
13 Das Bild hat die Tiefen berührt, bevor es die Oberfläche bewegt...
Es schlägt Wurzeln in uns.
53 Zunächst muss man...Zentren der Einfachheit suchen...
Man muss die Primitivität der Schlupfwinkel berühren.
86 Wir rühren hier an das Paradox der Erstmaligkeit einer altgewohnten Handlung.
88 Aber welche Freude..., wenn wir die Bedeutsamkeit der unbedeutenden Dinge erkennen.
96 Auf dem Kulminationspunkt eines lebendigen Bildes ist immer ein Exzess.
102 Immer ist einbilden grösser als leben...
Wer einen Schatz eingräbt, gräbt sich selber mit ihm ein.
109 Fernand Lequenne, der Freund der Pflanzen, sieht, als er mit seiner Frau Mathilde spazieren geht, ein Grasmückennest in einem Schwarzdornstrauch: Mathilde kniet nieder, steckt einen Finger aus, streift das feine Moos, lässt den Finger in der Luft...Plötzlich ergreift ihn ein Schauer. Die weibliche Bedeutung des Nestes in der Gabel zwischen zwei Aesten enthüllt sich ihm plötzlich. Der Strauch gewinnt einen solchen menschlichen Gehalt, dass er ruft: Rühr es nicht an, vor allen Dingen, rühr es nicht an.
115 Das Leben beginnt für den Menschen mit einem guten Schlaf, und alle Eier in den Nestern werden gut gebrütet. Die Erfahrung der feindlichen Welt – und infolgedessen unsere Abwehr- und Angriffsträume – sind späteren Datums. In seinem Keim ist jedes Leben Wohlsein.
117 Tatsächlich beginnt das Leben weniger mit einem Aufschwung als mit einer Drehung.
120 Der Mensch entsteht aus dem Stein.
161 Die warme Innerlichkeit ist die Wurzel aller Bilder.
165 Alle kleinen Dinge erfordern Langsamkeit.
173 Ein Bild entfaltet seine Kraft erst in der Isolierung.
176 Claudel schreibt:
So wie man kleine Spinnen oder gewisse Insektenlarven sehen kann, die wie kostbare Steine schön versteckt sind im Futteral aus Watte oder Seide,
So ist mir ein Wurf junger Sonnen gezeigt worden, die noch ganz verwirrt waren in den kalten Falten des Spiralnebels.
183
Violane (blind) – Ich höre...
Mara – Was hörst du?
Violane – Ich höre die Dinge mit mir existieren.
187 Bei der Analyse der Unermesslichkeitsbilder würden wir in uns das reine Sein der reinen Einbildungskraft realisieren. Dann träte klar zutage, dass die Kunstwerke Nebenprodukte dieses Existentialismus des imaginierenden Seins sind.
197 Für Baudlaire besteht die poetische Bestimmung des Menschen darin, der Spiegel der Unermesslichkeit zu sein, oder noch genauer, die Unermesslichkeit gelangt im Menschen zum Bewusstsein ihrer selbst.
199 Alle grossen Wörter (Bilder), alle von einem Dichter (Maler/ZeichnerIn) zur Grösse aufgerufenen Wörter (Bilder) sind Schlüssel des Universum.: des Weltraums und der menschlichen Seelentiefe.
212 Alles lässt sich zeichnen, sogar das Unendliche.
213 Das Dasein des Menschen lässt sich nicht fixieren.
214 Die Anschauung sagt zuviel Dinge auf einmal.
226 Das Wort (Bild) genügt nicht, die Idee genügt nicht, ein Schriftsteller (Maler/ZeichnerIn) muss uns dabei helfen, den Raum umzukehren, uns von dem was man beschreiben (zeigen) könnte, zu entfernen, um besser die Hierarchie unserer Ruhe zu erleben.
232 Die Philosophie macht uns zu rasch reif.
233 Man muss sich also „entreifen“.
FF37

Von der Strenge der Wissenschaft

...In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit, dass die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese masslosen Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des Reichs, die die Grösse des Reichs besass und und sich mit ihm in jedem Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht, diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und überliessen sie, nicht ohne Verstoss gegen die Pietät, den Unbilden der Sonne und der Winter. In den Wüsten des Westens überdauern zerstückelte Ruinen der Karte, behaust von Tieren und von Bettlern; im ganzen Land gibt es keine anderen Ueberreste der geographischen Lehrwissenschaften.

Suarrez Miranda : Viajes de varones prudentes, IV.Buch, Kapitel XI.V, Lerida, 1658
FF38

Ordnung ist selten. Sie ist eine Insel, eine Inselgruppe.
Die Unordnung ist der Ozean, aus dem die Inseln aufgetaucht sind...Die Brandung nagt an den Ufern. Die Unordnung ist die Bestimmung aller Systeme - und ihr Ausgangspunkt... Man kann den Wunsch haben, an die beiden Ränder der Existenz zu gelangen, die eigene Geburt und den eigenen Tod. Dazu muss man die Insel verlassen und sich ins Meer stürzen.
FF39


“ Das Niedere wurde für immer zu meinem Ideal. Wenn ich jemand verehrte, so war es der Geknechtete, doch wusste ich nicht, dass ich, einen Geknechteten verehrend, zu einem Aristokraten wurde” .
W. Gombrowicz/NZZ 167


Das Bewusssein der Welt
fällt nicht mit unserem Bewohnen der Welt zusammen.
Nähe ist nicht Bewusstsein von Nähe.

-Verbindungen, die nicht bloss Gedanken sind -.

Im Verstehen finden wir Sinn.
In diesem Sinn rufen wir
das Leben und den Anderen
n i c h t an, sondern benennen es lediglich.

Ich habe ihm nicht ins Gesicht gesehen.

- Die Gegenwart des Antlitzes

Dem Nächsten von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen heisst, nicht töten zu können.

Der Erste ist der Andere.
Verantwortung.
Die Unmöglichkeit ,ihn im Geheimnis des Todes alleine zu lassen.

- Mut zur Angst.-.

Vor dem Eros
war schon das Antlitz;
Eros ist nur zwischen Antlitzen möglich.

Der Mensch erschliesst sich nur einer Beziehung,
die nicht Macht ist.
Sie ist eher Beziehung zu einer Tiefe als zu einem Horizont .

- Durchlöcherung des Horizontes -.

Im Antlitz des Anderen behauptet sich der unendliche Widerstand gegen unsere Macht,
eben gegen diesen Mordwillen,
den er herausfordert,
ganz nackt.

- Die Nacktheit des Antlitzes-

Können Dinge ein Antlitz haben?
Ist nicht Kunst ein Tun, das Dingen ein Antlitz verleiht?
Oder ist das eine masslose Überschätzung?

Schaut uns die Häuserfassade an?
Inwiefern ist das Sehen des Antlitzes nicht mehr Sehen, sondern Hören und Sprechen?
Inwiefern kann ich mir selbst als Antlitz begegnen?

Verbündeter der Geschlagenen, der Armen, der Gehetzten:
- Das heisst genau nicht , sich in die Ordnung eingliedern:
Das ist absolut störend.

Damit das Sichlosreissen von der Ordnung nicht Teilnahme an der Ordnung werde, muss dieses Sichlosreissen dem Eintritt in diese Ordnung vorausgehen.

Erfordert ist ein Rückzug, der dem Vormarsch innenwohnt.
Das Eintreten das später als der Auszug erfogt, diese Denkfigur nennen wir Spur.

Erscheinenlassen im Rückzug,
dieses Verschwinden im Erscheinenlassen

- Urmodus der Kommunikation

Kommunikation bedeutet nicht die Anwesenheit des Ich bei sich
in der Gewissheit,
d.h. einen ununterbrochenen Aufenthalt im Selbst -
sondern R i s i k o .
Gefählich leben bedeutet
nicht Verzweiflung,
sondern die positive Grosszügigkeit der Ungewissheit.

Eine Hand berührt
die andere, die andere berührt die erste;
die Hand wird also berührt und berührt das Berühren,
eine Hand berührt
das Berühren.
Kommunikation als Austausch
FF40

Macht gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden kann. Der Tausch wird zum eigenen Vorteil durchbrochen und ein Monopol errichtet. Darin gründet das System der (sozialen) Kontrolle und der Macht. Die einzige mögliche Revolution - in den Medien - aber auch in allen anderen Bereichen, die Revolution überhaupt, besteht in der
(Wieder)Herstellung dieser Möglichkeit der Antwort.
FF41 (siehe auch FF108)

Die Beziehung zu Gott wird vorgestellt als Beziehung zum anderen Menschen.
Das ist keine Metapher. Im Nächsten ist reale Anwesenheit Gottes. Ich sage nicht, dass der Nächste Gott ist, aber dass ich in seinem Antlitz Gottes Worte höre.
FF42

Alles Beobachtbare ist Eigenleistung der Beobachters, eingeschlossen das Beobachten von Beobachtern (...)
Alles Beobachten ist Grenzziehung, ein Schnitt durch die Welt, eine Verletzung des “unmarked speace” (...)
Beobachte den Beobachter.
FF43

Beobachte den Beobachter

Was immer ein Beobachter sieht, sieht er dank den Unterscheidungen, die er verwendet; und man wird ihn fragen dürfen, warum er die Welt so ( z.B. Unterschicht/ Oberschicht) und nicht anders (z.B. Mann/Frau, Mehrheiten/Minderheiten, Arbeit/Kapital) anschneidet.

Jeden Beobachter kann man beim Beobachten beobachten und ihm zurufen:
“Ich sehe was, was Du nicht siehst !” - nämlich den “blinden Fleck” seiner Betrachtung

Was es nicht mehr gibt: Eine Beobachterposition. Was bleibt, ist das Beobachten des Beobachters.

Funktionale Differenzierung; es lösen sich die Banden, die die Einzelnen an ihren Stand geknüpft und die Stände oder Schichten untereinander in eine hierarchische Ordnung gebracht haben.
Keine übergeordnete Instanz regelt das wechselseitige Verhältnis von Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Recht usw. Das rein selbstbezügliche Operieren der einzelnen Funktionssysteme ist es, das die Ordnung der modernen Gesellschaft ausmacht.
Die Wirtschaft orientiert sich nun ausschliesslich an der systemeigenen Unterscheidung von Gewinn und Verlust, die Wissenschaft an derjenigen des wissenschaftlich Wahren und Unwahren; kein übergreifender Ordnungsrahmen garantiert, dass dem rechtlich Richtigen, auch wissenschaftliche Wahrheit oder politische Opportunität zukommt.
Kann man nun auch Verbrecher lieben?

Überhaupt kann man nicht genug bedenken, dass wir nur immer uns beobachten, wenn wir die Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten.
FF44

Ein Werk, dessen wesentliche Darstellungsmittel Fläche, Linie und Farben sind, fordert vom Beschauer einen selbständigen schöpferischen Akt in Form von Rückprojektion aus der planen Ebene in den dreidimensionalen Raum der (eigenen) Realität.
Wesensmässig steht das Bild der Schrift näher. beide Schrift und Bild, gehen von der Fläche aus, beide sind „Symbolisationen“, semantische Zeichen, gleich ob Schrift oder Bild, die für etwas anderes stehen.
Die Raumfrage ist eine der entscheidenden Fragen der bildenden Kunst.
FF45

Ich habe in meinem Vortrag über Ethik zum Schluss in der ersten Person gesprochen: Ich glaub, dass das etwas ganz Wesentliches ist. Hier lässt sich nichts mehr konstatieren: Ich kann nur als Persönlichkeit hervortreten und in der ersten Person sprechen.
Für mich hat Theorie keinen Wert.
Eine Theorie gibt mir nichts.
FF46

Ich bin hier... und es gibt nichts zu sagen. ...
...
...Was wir brauchen... ist Stille...; ... aber was
die Stille will ... ist, dass ich weiterrede.
...
Aber nun... gibt es Stille... und die Wörter...
erzeugen sie, ... helfen mit...
Diese Stille zu erzeugen.
FF47

Meine Tätigkeit hat vorwiegend darin bestanden, Gewicht wegzunehmen...
Der Dichter des Vagen kann nur der Dichter der Präzision sein...
“Es gilt, leicht zu sein wie ein Vogel, nicht wie eine Feder.”

Erkennen heisst, etwas ins Wirkliche einführen, also die Wirklichkeit deformieren.
FF48

Ein System greift ein, um einer Sache Sinn zu verleihen, die ursprünglich keinen Sinn hat. In Ermangelung eines Systems kann ein nicht-codifiziertes Etwas das dem System vorausgeht, unendlich viele Zusammenstellungen erzeugen, denen erst hinterher, dadurch,dass man ein System auf sie legt, einen Sinn zuschreibt.
Was ist dieses Nicht-Codifizierte?
Es ist die Quelle jeder möglichen Information oder-wenn man will - die Realität.
FF49

Einem Kind

Wirst dir einige Figuren zulegen
Hans im Glück
zum Beispiel
Mann im Mond
St. Nikolaus
zum Beispiel
und lernen
dass die Stunde sechzig Minuten hat
kurze und lange
dass zwei mal zwei vier ist
und viel viel oder wenig
dass schön hässlich
und hässlich schön ist
und
dass historisches Gelände
etwas an sich hat
Zuweilen
sommers oder so
begegnet dir in einem Duft von Blumen
einiges dessen
das man Leben nennt
und du stellst fest
dass
was du feststellst
etwas an sich hat.
FF50

Gut und Böse tritt erst durch das Subjekt ein. Und das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist Grenze der Welt.
FF51

...dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.
FF52


Wir sind Knoten in einem Netz, in welchem Fäden zusammenkommen und auseinanderfliessen. Die Stellung eines jeden Knoten verschiebt sich ständig, je nach Intensität. Das ganze Netz schwingt, wogt, verdichtet sich an einigen Stellen und wird an anderen wieder dünner. Jedes “Ich” ist ein einzigartiger Knotenpunkt und ist von allen übrigen Knotenpunkten im Netz durch seine Stellung, und die in ihm gelagerten Informationen unterschieden. Das was einst “Ich”, die “Identität” das “Selbst” genannt wurde, entpuppt sich als Knoten von Relationen. Ich bin, was immer ich in Bezug auf andere bin. Wir sind die Summe der Verhältnisse, die uns mit anderen verbindet, und wenn wir Schritt für Schritt diese Beziehungen abstrahieren, dann bleibt - wie bei der berüchtigten Zwiebel - nichts mehr übrig.
FF53


Falls im Menschen kein ewiges Bewusstsein herrschte, falls allem nur eine wild gärende Macht zugrunde läge, die, sich in dunklen Leidenschaften windend, alles vollbrächte, was wäre dann gross und was wäre dann unbedeutend; wenn eine bodenlose Leere, die durch nichts zu sättigen ist, sich hinter allem verstecken würde, was wäre dann das Leben anderes als Verzweiflung? Falls es sich so verhielte, falls es kein heiliges Band gäbe, das die Menschheit verknüpfte, wenn so ein Geschlecht nach dem andern erwachte wie Laub im Walde, wenn ein Geschlecht das andere ablöste wie der Vogelsang im Walde, wenn das Menschengeschlecht durch die Welt ginge, wie das Schiff durchs Wasser zieht, wie der Wind durch die Wüste streift, ein gedankenloses und unfruchtbares Tun und Treiben, falls ein ewiges Vergessen immer hungrig auf seine Beute lauerte und keine Macht stark genug wäre, ihm diese zu entreissen, - wie wäre dann das Leben leer und trostlos!

„Furcht und Zittern“ sind nicht der primus motor des (christlichen) Lebens, denn das ist die Liebe, aber sie sind, was die Unruhe in der Uhr ist – sie sind die Unruhe des
(christlichen) Lebens.
FF54

Nicht zufällig erörtern diese Seiten von Piaget mathematische Probleme, die mit den Forschungen von Gödel in Verbindung stehen. Die Strukturen enthalten einen inneren Widerspruch, und dieser Widerspruch wird evident und eventuell lösbar, wenn sich eine neue Struktur abzeichnet. Es bildet sich so eine Art Pyramide, deren Fundamente nicht auf der - immer widersprochenen -
Basis stehen, sondern auf jener ständigen Öffnung und Progression der Spitze, die die Pyramide in eine Spirale verwandelt mit immer weiteren Windungen, je weiter man nach oben kommt.
FF55

Die Aufgabe der Philosophie besteht nicht darin, uns über Unbekanntes oder Geheimnisvolles aufzuklären, sondern das was wir ständig vor Augen haben und uns deshalb vielfach nicht mehr bewusst ist, in ein anderes Licht zu rücken, so dass wir es wahrnehmen und die falschen Bilder, die unsere Gedanken in die verkehrte Richtung geleitet haben, korrigieren zu können. Die Philosophie stellt eben alles bloss hin, und folgert nichts. Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.
FF56

Ist deine Mutter eine Landschaft oder ein Gesicht? Oder eine Fabrik?
FF57

Der Akt, ein Blatt zu nehmen, es in zwei Teile zu reissen und auf diese Weise ein Paar zu schaffen, ist schliesslich immer noch ein ziemlich wunderliches Ereignis.
FF58

Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit... ist, dass der Mensch nicht ein sanftes, liebesbedürftiges Wesen ist, das sich höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern dass er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Aggressionen an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädigung zu gebrauchen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?
FF59

Stammesgeschichtlich wird der Krisenpunkt der Geburt dadurch begründet, dass bei den noch eierlegenden Vorfahren des Menschen der Geburtskanal zum Schutze des Eies durch den einzigen stabilen Knochenring geleitet wurde. Dieser Weg des Geburtskanals war bauplanmässig so festgelegt, dass er bei der Entwicklung zu den Säugetieren beibehalten wurde, was bei den Vierfüsslern auch kein Problem wurde, da dieser Knochenring locker sein konnte, ohne die Statik des Skeletts zu beeinträchtigen. Als sich aber die Hinterbeine zu den tragenden Laufbeinen entwickelten, musste dieser Knochenring, der Beckenring, wesentliche statische Funktionen übernehmen und musste dadurch fest sein. Dies wiederum begrenzte die Grösse des Kindes bei der Geburt, was zur Folge hatte, dass die Schwangerschaft verkürzt wurde. Möglicherweise ist dies dann ein Umstand gewesen, der wesentlich zur enormen Entwicklung des Bewusstseins beim Menschen beigetragen hat, dass er in einem embryonalen Stadium geboren wird und schon in diesem Stadium die Aussenreize zu verarbeiten hat. Sowohl die Verlegung des Geburtstermins, wie auch die daraus resultierende Reifungsverzögerung sind stammesgeschichtlich junge Bildungen und insofern vom genetischen Programm her Zonen der Labilität. Wenn wir diesen Grundgedanken weiter folgen, so ergibt sich hieraus die Perspektive zur Erklärung der eigenartigen Aggressivierung des Menschen im Vergleich zu seinen stammesgeschichtlichen Vorfahren.
FF60

Schon im frühen Kindesalter (6.-18.Monat) entwirft das in den Spiegel schauende Kind ein imaginäres Bild von der Gestalt seines Körpers. Es antizipiert eine somatische Einheit und identifiziert sich mit dieser, obgleich seine körperliche Kompetenz in diesem Stadium noch sehr mangelhaft und auf weitgehende Hilfe von aussen angewiesen ist. Der Blick - und damit die der Motorik weit überlegene visuelle Wahrnehmung - perzipiert die Einheit eines Bildes, die in Realität noch fehlt und setzt sie in Beziehung zum eigenen Körper. Es ist die triumphale Setzung eines Ideal-Ich, vermittelt durch die Spiegel-Imago, die dem Kind als Garant jener Einheit und Omnipotenz dient, die seine körperliche Existenz ihm noch nicht verleihen kann.
Im faszinierenden Spiel zwischen Leib und imaginierter Leiblichkeit entwirft das Subjekt sein Ich als psychische Einheit. Und aus diesem Spiel der Identifizierung wird sich fortan der immense Reichtum an Phantasien entwickeln.
FF61/1

Jenes Wechselspiel von Sich-Erkennen und Verkennen, von spiegelhafter Faszination und Aggression schildert bereits der römische Dichter Ovid (43 v.Ch. – 17 n.Ch.) im Mythos von „Narziss“. Sechszehnjährig entdeckt der Jüngling im Gebirge eine noch „unberührte“ Quelle. Aus dem Bedürfnis, seinen Durst an derselben zu stillen, „erwächst ihm ein anderer Durst“, ein Begehren nach Liebe, erblickt er doch beim Trinken sein eigenes Bild im Wasser. Von diesem fasziniert, versucht er eins zu sein mit ihm als „Liebender und Geliebter“... Schliesslich erkennt Narziss, dass die Liebe, die er der Spiegelung zubringt, ihm selbst gilt. In der Faszination dieser Schemen sich findend, verliert er sich aufs Neue, denn er sieht sich da, wo er selbst nicht ist... Das was Identität zu verbürgen scheint, erweist sich als unerreichbar fremd. Faszination und Aggression bilden den Zirkel dieser instabilen Beziehung. Eine Lösung scheint ihm nur in der Vernichtung des einen – sich selbst – möglich, obwohl er weiss, dass diese auch den Tod des anderen fordert: “Doch jetzt sterben wir beide, vereint im einzigen Hauch.“
FF61/2

Versuchen wir also zu klären, a) welches die Ideologie dessen ist, der fragt: "Wer spricht?"; b) welches die Ideologie dessen ist, der diese Frage durch eine andere ersetzt.

Achten wir darauf: diese Frage ist die erste, diejenige, die jedes Denken begründet, wenn die Voraussetzung akzeptiert wird, daß das, was die Frage stellt, immer etwas ist, was vor uns da ist. Aber um zu dieser Annahme zu gelangen, muß man schon die Schlußfolgerung akzeptiert haben, zu der uns die Frage geführt hat. Sonst muß die Frage als das erkannt werden, was die war: ein Glaubensakt, ein mystisches Postulat. Wir sagen nun nicht, daß diese Frage nicht gestellt werden könne, daß der Mensch von Natur aus nicht dazu neige, die Frage zu stellen. Das könnte man kaum behaupten, da der Mensch einige Jahrtausende lang nichts anderes getan hat. Aber wer hat es getan? Eine bestimmte Kategorie von Menschen, die nämlich, denen die Sklavenarbeit anderer die Kontemplation des Seins erlaubte und denen es diese Sklavenarbeit der anderen erlaubte, diese Frage als die dringlichste von allen zu empfinden.
Stellen wir die Hypothese auf, daß es eine wesentlichere Frage geben kann, die nicht von dem freien Mann (der unter Bedingungen lebt, die ihm 'Kontemplation' ermöglichen), sondern vom Sklaven gestellt wird, der sie sich nicht stellen kann und der es dringlicher empfindet, sich statt "wer spricht?" "wer stirbt?" zu fragen (und der es daher dringlicher findet, sich zu rühren, nicht um zu philosophieren, sondern um ein wassergetriebenes Mühlrad zu konstruieren, das es ihm ermöglicht, weniger schnell zu sterben und sich von dem Mühlstein zu befreien, an den er gefesselt ist).
Die Nähe zum Sein ist für den Sklaven nicht die tiefste Bindung: zuerst kommt die Nähe zum eigenen Körper und zu dem der anderen.
FF62

Der Mensch begegnet sich nach Heidegger im technischen Denken nirgendwo mehr selber, sondern nur noch dem “Gestell”, als dem hermeneutischen Wesen der Technik. In der technisch scheinbar beherrschten Welt erfährt der Mensch die Welt nicht mehr in ihrem Sein, sondern er erfährt sie in ihrer technischen Bedeutung. Diese Seinsvergessenheit bedenken die Menschen nicht und versuchen bloss technisch besser zu handeln.
FF63

Auch wenn man nämlich zweifelt, lebt man; wenn man zweifelt, erinnert man sich, woran man zweifelt; wenn man zweifelt, sieht man ein, dass man zweifelt; wenn man zweifelt, will man Sicherheit haben; wenn man zweifelt, denkt man; wenn man zweifelt weiss man, dass man nicht weiss; wenn man zweifelt, urteilt man, dass man nicht voreilig seine Zustimmung geben dürfe. Wenn also jemand an allem andern zweifelt, an all dem darf er nicht zweifeln. Wenn es diese Vorgänge nicht gäbe, könnte er überhaupt über nichts zweifeln.
FF64

...diese Prägungen sind vielleicht dann in meine Schreibe eingegangen, in der Spiegelung quasi als Gerüche, als Töne, aber nicht frontal, weil ich das Frontale nicht liebe, weil ich finde, dass hinter dem Frontalen die Welt erst sich ausbreitet.
FF65

Aus dem Blickwinkel von gewissen Computerwissenschaftern (M.Minsky z.B.) ist Denken nichts anderes als eine Form von Rechnen. Denken ist aber mehr als Rechnen, wie die Mathematik auch. In der Mathematik gibt es viele Dinge, die perfekt und mathematisch präzis definiert sind, ein Computer aber nicht berechnen kann.
Denken und Bewusstsein gehen weit über das blosse Rechnen hinaus. Deshalb bin ich überzeugt: Denken ist etwas, das auf einem Computer nicht einmal simuliert werden kann, geschweige denn gedacht.
FF66

Ohne Zweifel Herr, fehlt hier ein ganzes Kapitel, und es ist im Buch eine Lücke von ungefähr zehn Seiten entstanden, doch ist der Buchbinder weder ein Narr noch ein Schelm, noch ist das Buch darum nicht um einen Deut weniger gut ( zum mindesten in dieser Hinsicht); im Gegenteil, das Buch ist durch dieses fehlende Kapitel besser und vollständiger, wie ich es Euer Wohlgeboren gleich beweisen werde.
FF67

Den Kopf in Brand setzen
1
Ungesätigt gleich der Flamme glüh und verzehr ich mich.
2
Ich stelle mir die Erde als Projektion im Raum vor, einer schreienden Frau gleich, deren Kopf in Flammen steht... vor dem Universum, zusammengesetzt aus unzähligen kreisenden Sternen, die sich verlieren und sich masslos verzehren, sehe ich nur eine Abfolge grausamer Herrlichkeiten, deren Bewegung selbst es erfordert, dass ich sterbe; dieser Tod ist nur ein glanzvoller Verzehr von all dem, was Freude am Existieren war, von all dem, was zur Welt kommt.
3
Über den Wolken, in den höchsten Lüften, im Delirium verbrenne ich manchmal... Und um meinem Geist ein Asyl in der Frische zu verschaffen, baue ich aus meinem Feuer ein Schloss.
4
Man muss dem Verbrennen zustimmen, man muss ihm voraus und ohne Umschweife nicht nur etwas verbrennen, sondern alles, was für uns die Dinge ausmachen, um nicht uns selbst der Gefahr auszusetzen, ganz und gar zu verbrennen.
5(25)
“ Der Brand eines Mietshauses gibt den Menschen Gelegenheit, ihre Nachbarn kennenzulernen.””
FF68

Ich glaube, dass in diesen letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts (der Psychoanalyse) es vor allem Denker mit bildlicher Vorstellungskraft - penseurs par images - braucht und nicht gelehrte Scholasten und abstrakte Formalisten.
Von der Notwendigkeit Grenzen zu setzen :
- Bevölkerungswachstum
- Wettrüsten
- Atombombenversuche
- wirtschaftliches Wachstum
- unstillbarer Konsum
- wachsende Kluft zwischen Armen (Menschen/Länder) und Reichen.
- Grössenwahnsinn bei wissenschaftlichen Projekten und wirtschaftlichen Unternehmungen
- Ueberflutung der Privatsphäre durch Massenmedien
- Zwang zu Rekorden
- Sucht immer schneller, weiter, alles was möglich ist zu produzieren, auch wenn dabei mechanische, architektonische und biologische Monster entstehen.
Von der Notwendigkeit Grenzen zu setzen:
- der Gewalt an Natur und Mensch
- Verschmutzung von Luft, Erde, Wasser
- der Energieverschwendung
- der Auflösung moralischer, sozialer Werte
- der fortschreitenden technologischen Entwicklung, die die körperliche Integrität, die geistige Freiheit, die natürliche Zeugung und das Überleben der Menschheit bedrohen.
Grenzen wiederherstellen,
Beschränkungen wieder einführen, bewohnbare Gebiete,
in denen sich leben lässt.
Die Grenze ist nicht als Hindernis, als Barriere zu denken, sondern als eine Bedingung, die es ermöglicht Differenzierungen wahrzunehmen.
Trennungen und dadurch entstehende Grenzflächen (interfaces) sind notwendig.
FF69

I C H
Ein Ich zu sein bedeutet, die Fähigkeit in sich zu spüren, Signale auszusenden, die von anderen wahrgenommen werden.
Ein Ich zu sein heisst, sich einzigartig zu fühlen.
Ein Ich zu haben heisst, sich in sich selbst zurückziehen zu können. (S.87)

Das Bewusstsein ist eine Grenzfläche, das Bewusstsein erscheint auf der Oberfläche (des psychischen Apparates), besser noch, es ist diese Oberfläche. (S.114)

Freud hat folgende Charakteristika im „Wunderblock”
herausgearbeitetet:
Die doppelblättrige Struktur des Ich; das obere Blatt als Reizschutz (Panzer, Leder, Pelz), das untere Blatt aus W(?) (entspricht der sensorischen Aufnahme exogener Reize und der Eintragung ihrer Spuren auf das Wachspapier.
(S.116)
Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst eine Projektion einer Oberfläche.
Das heisst, das Ich leitet sich letztlich von körperlichen Gefühlen ab, hauptsächlich von solchen, die auf der Körperoberfläche entstehen.
FF70

Die zeitliche und räumliche Integration des Ichs hängt von der Fähigkeit der Mutter ab, den Säugling zu halten; die Identitätsfindung des Ichs hängt von der mütterlichen Fähigkeit ab, den Säugling zu pflegen.
FF71

Das menschliche Denken beruht auf drei Fundamenten: der Haut, dem Grosshirn und der sexuellen Vereinigung, analog zu den drei Varianten der Oberfläche : der Hülle, der Haube und der Tasche.
FF72

Neue Konsequenzen für die ästhetische Theorie:
- Schule der Wahrnehmung
- Lehre von Abrüstung
- Kunst des Umgangs mit Kunst
- Technik der Entbrutalisierung der Technik
- Ästhetische Ökonomie
- Logik der Schonung
- Wissenschaft vom Unterlassen.

Ästhetik hingegen wäre die Aufklärung menschlicher Bewegungen durch ein waches Dabeisein und Darinsein. Aufgeklärte Beweglichkeit zeigt sich darum weniger in der lauten Akklamation von Kunstwerken - Kunstbedarf ist eher ein Indiz von struktureller Barbarei - als in dem stillen Einbau von Aufmerksamkeit in Lebensformen.
Wer aber will das wirklich?
FF73

1. Das Küssen lehren,
2. Den Mund betheren,
3. Sich nie beschweren,
4. Die Schafe scheeren,
5. Im Walde beeren,
6. Sein Brot verzehren,
7. Die Schnitze deeren,
8. Nie was verhehren,
9. Das Unglück wehren,
10.Ein Trunk in Ehren?,
Wer will* s verwehren.
FF74

...Elefanten wissen, wo sie zum Sterben hingehen, die Erinnerung an etwas, das sie nicht erlebt haben, führt sie dorthin... Wir sind keine Elefanten oder Lachse, die stromaufwärts zum kalten Wasser schwimmen, und die Erinnerung ist kein Instinkt, aber nach einiger Zeit, wenn etwas einmal passiert ist, ein Ereignis, eine Geste, ein ausgesprochenes oder unausgesprochen gebliebenes Wort, wird es zur Tatsache im Körper, die vielleicht nicht pysisch ist, auf die man aber zurückkommt, als wäre sie ein Instinkt...
FF75

Moränen, Muränen und Meere und Mähren,/ Karfunkel und Funken und Bären und Beeren, / wo stell ich das hin, und wie soll ich mich wehren?
FF76

Für meinen Begriff ist das Politische innerhalb gewisser Grenzen schon immer eine Sache der Sprache gewesen.
So gesehen besteht nicht unbedingt ein Bruch. Aber das Politische und das Poetische, das würde ich als genau den Unterschied zwischen dem rein gesetzmässigen Kalkül und dem geheimnisvollen, offenen Terrain verstehen, in dem man lernt, auf den anderen einzugehen, und zwar so, dass man ihm eine Antwort entlockt.
Das erste ist Kalkül, Politik ist Kalkül, das dürfen wir nie vergessen. Deshalb geht es ja nicht ohne den Klassenbegriff. Aber man muss ihn zum Spielen bringen. Das ist der Punkt, an dem wir nicht einfach nur Rechte lockern, sondern dazu Verantwortung in einem ganz konkreten Sinn übernehmen: Wir müssen auf den andern eingehen, bis wir eine Antwort bekommen. Dazu in der Lage sein, das will ich vorerst das Poetische nennen, denn das bringt eine weitere unmögliche Dimension ins Spiel, die notwendige Dimension des Politischen. Das ist für mich heute das wichtigste. Deshalb kann ich auch davon sprechen, dass das Analytische aufgehoben wird - nicht dass es fortgeworfen wird, sondern dass man einen neuen Weg zum Dialog findet.
FF77

Der brasilianische Fotograf Sebastiano Salgado zeigt in seinem berühmten Buch “Arbeiter” handwerkliche Tätigkeiten, bei denen jede Handbewegung noch das bedeutet, als was sie erscheint. Heute gibt es ganz neue Welten, in denen die Erscheinung der Dinge kaum mehr visuell mit den von ihnen bedeuteten Inhalten in Zusammenhang zu bringen ist.
FF78

Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen. Und wer im Stande ist uns einen Sack voll Rosinen zu geben, kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige, dass er etwas besseres kann.
FF79

Kunst ist ein Mittel, um zu einer Aktivität des Erforschens zu gelangen... Aber meine Haltung ergibt sich daraus, dass ich nicht Wissenschafter, sondern Künstler bin, was gleichbedeutend ist mit einer anderen Art des Forschens.
FF80

Es ist eine böse Welt.
FF81

Jede Erfahrung ist entschieden persönlich...
FF82

Das ungute Gefühl beim Reden über die eigene Arbeit:
Gibt es eine wahre Rede über das eigene Ich?
FF83

“Die Sprache untersuchen heisst nur, die Sprache befragen. Die Sprache ist niemals das, was gedacht wird, sondern das, in dem gedacht wird. Ueber die Sprache sprechen heisst nicht, Erklärungsstrukturen zu entwickeln und die Regeln des Sprechens auf genau bestimmte kulturelle Situationen zu beziehen, sondern es bedeutet, der Sprache ihre ganze konnotative Kraft zu geben, den Inhalt durch die Kombination der Wörter mehr und mehr aufzuladen. Das Wort ist nicht Zeichen. Es ist das Sich-öffnen des Seins selbst. Anstelle der Semiotik gibt es dann nur eine einzige Wissenschaft der Sprache: Die Dichtung, die schöpferische ecriture, die Poesie.”
FF84

A33
Die Schnecke baut ihr Haus nicht, sondern es wächst ihr aus dem Leib. (F567)
So traurig stand er da wie das Trinkschälchen eines krepierten Vogels.
FF85

Alles was man ist, enthüllt sich als zerbrechlich und vergänglich, und worauf wir sämtliche Berechnungen unserer Existenz stützen, ist dazu bestimmt, sich in einer Art unbeständigen Dunst aufzulösen... Ist mein Satz abgeschlossen?

Das Ich ist nur bei sich,
wenn es ausser sich ist.
FF86

Keine Weise des Wahrnehmens und Beobachtens kann uns sagen, wie die Dinge sind; nur, wie sie sich im Rahmen vorgeformter Erwartungen verhalten.
FF87

Es war ein Frühlingstag und ich war auf dem Weg zum Kindergarten gegenüber. Da ging mir, noch auf dem Gehsteig auf unserer Seite, in mehreren Schüben, ich trat und starrte, das Geheimnis des Zählens im Zehnersystem auf.
FF88

In erkenntnistheoretischem Interesse angestellte Selbstbeobachtungen sind schwierig zu beschreiben, und noch schwieriger ist es, Fassungen der Protokolle herzustellen, die dem Leser nach Umfang und Uebersichtlichkeit zugemutet werden können und dabei auch den Urheber noch einigermassen befriedigen. Es wären einige Formate der Beschreibung erforderlich, in denen quasi-sinnlichen Tatsachen der Selbstwahrnehmung klar unterschieden sind von den jede Selbstbeobachtung begleitenden “nicht direkt wahrnehmbaren”, das heisst nicht quasi-sinnlichen auftretenden Orientiertheiten, von einem ständig präsenten “Mitwissen” (ein sozusagen implizites Wissen, dessen Gegenstände nicht aktuelle Gegenstände der Aufmerksamkeit sind), von Zielgefühlen, Wünschen, “Willensregungen” etc.; und ferner natürlich von den Gedanken, die sich im zeitlich unmittelbaren Anschluss zu den wahrgenommenen Ereignissen einstellen. Es ist selbstverständlich, dass all diese, und ähnliche Wahrnehmungen, wie sie sich in jeder Selbstbeobachtung zuhauf ergeben, eingehendst beschrieben, analysiert und systematisiert werden müssen
FF89


Sprache ist kein System der Wirklichkeitsabbildung.
Spielt sich denn die Erkenntnis nicht immer mehr auf dem Papier ab...
Noch einmal und immer wieder: Es ist die Sprache das Wirkliche, das Reale, das Einzige, das Greifbare, das Vorhandene; der Masstab ist die Kommunikation - Nebelflecke und Sinnenseindrücke heften sich daran als “Wirklichkeit” und “Bewusstsein”
FF90

Ist es alles
am meisten alles, und dieses
es wenig wird,
es am wenigsten dies wird
- falls es das wird.
FF91

Listen

1 S...........
2 G.............
3 E.......
4 S................
5 S.................
6 K...........

1 T................
2 S............
3 S.............
4 M...............
5 S..............
6 B..............

FF92

Kunst ist das, was das Leben interessanter macht als die Kunst.
FF 93

Der Mensch wird durch die soziale Welt determiniert - das ist sein „Elend“; er vermag die Determinismen zu erkennen und kann sie überwinden - das ist seine „Grösse“. Er nimmt einen Platz ein im sozialen Universum und steht über seinen Körper in Beziehung zur Welt. Diese spezifische Relation beschreibt Bourdieu über den Begriff des Habitus, der bei ihm eine spezifische Bedeutung angenommen hat. Durch diesen Begriff setzt er sich ab von einer Bewusstseinsphilosophie, die alle Handlungen als Resultat bewusst kalkulierter Ueberlegungen versteht.
Der Habitus als Sediment vergangener Erfahrungen ermöglicht es, sich gleichsam unbewusst an den im Wandel begriffenen Kontext anzupassen. Handeln ist so weder Konfrontation eines Subjets mit der Welt noch mechanische Determinierung durch ein Milieu, sondern die Bewegung von zwei „Realisierungen“ der Geschichte, nämlich der in den Dingen objektivierten Geschichte in der Form von F e l d s t r u k t u r e n und der im Körper inkarnierten Geschichte in Form des H a b i t u s.
FF94

Es ist nicht möglich, dass ein Mensch völlig mit einem andern übereinstimmt.
Mein Zuhörer versteht mich nicht wörtlich. Der Zuhörer nimmt nur teil an der Vitalität dieser Augenblicke der Erkenntnisse - beim Selber- Ueberrraschtsein von der Entdeckung dessen, was ich weiss, ohne es bis zu diesem Augenblick zu wissen...

Es ist nicht Klarheit die wünschenswert ist, sondern Kraft.
Klarheit ist unwichtig weil niemand zuhört und niemand weiss was man meint, noch wie klar man das meint was man meint. Aber wenn man genug Vitalität besitzt um genügend zu wissen was man meint, wird zuweilen jemand und zuweilen und zuweilen werden sehr viele einsehen müssen, dass man weiss was man meint, und so werden sie zustimmen dass man meint was man weiss, dass man das was man weiss, meint, und das ist so nahe wie man kommen kann um einen anderen zu verstehen.
FF95

Die philosophische Grundfrage, was ich (Subjekt) von dem, was man gemeinhin Welt (Objekt) nennt, wissen kann, beantwortet Schopenhauer quer zum erkenntnistheoretischen Auffassungsschema, wie es die gesamte abendländische Philosophie von Platon über die Scholastik bis hin zu Kant und Hegel dominierte.
Er steigt nicht ein auf die dualistischen Modelle Realismus versus Idealismus, subjektivistische oder objektivistische Position, Metaphysik gegen reine Empirie. Schopenhauer setzt auf einen doppelten Weg der Erkenntnis, ein methodisches « Sowohl-als auch»: die Welt als Wille (objektiv) und Vorstellung (subjektiv).
Schopenhauer:« Man kann nur dadurch zum Ding an sich gelangen, dass man einmal den Standpunkt verlegt, nämlich statt wie bisher immer nur von dem auszugehen, was vorstellt, einmal ausgeht von dem, was vorgestellt wird. Dies ist jedem aber nur bei einem einzigen Ding möglich, welches ihm auch von innen zugänglich und dadurch ihm auf zweifache Weise gegeben ist: Es ist sein Leib, der in der objektiven Welt eben auch als Vorstellung im Raume dasteht, zugleich aber sich dem eigenen Selbstbewusstsein als Wille kundgibt.»
FF96

Es ist nicht überall ganz geheuer im Land. Noch immer kann es geschehen, dass einem in der Nacht, wenn man allein unterwegs ist, plötzlich ein Reiter begegnet. Der sitzt auf einem gewaltigen Ross, gestiefelt und gespornt, und nebenher läuft ein weisses Hündchen. Der Boden dröhnt, die Sporen klirren, das Ross rast mit aufgerissenen Augen voran. Dem Reiter aber sitzt der Kopf verkehrt auf dem Leib, und seine Augen starren rückwärts in die Nacht. Vergebens versucht er den Kopf zu drehen. Immerzu muss er zurückblicken, als wäre dort etwas, was er nicht aus den Augen bringt.
Das ist der Stiefelreiter. Man kennt seine Geschichte. Ein Verbrechen hat er begangen gegen Recht und Gesetz und gegen die Menschlichkeit. Jetzt starrt er zurück in seine Vergangenheit und bringt sie nicht mehr los.
FF97

Es geht nicht darum politische Kunst zu machen. Es geht darum politisch Kunst zu machen.
FF98

Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei wie es wolle, es war doch so schön!
FF99

Mit den Kindern allein im Haus, sagt der Onkel, er wolle sich verkleiden, um ihnen eine Freude zu machen. Als er nach langem Warten noch immer nicht erschien, gingen sie hinab und sahen, wie ein maskierter Mann das Tafelsilber in einen Sack packte. «Oh Onkel», riefen sie entzückt. «Tja, ist meine Verkleidung nicht gut?» sagte der Onkel und nahm die Maske ab.
FF100

Nachtrag:
So geht der hegelsche Sylogismus des Humors. These: Der Onkel verkleidet sich als Einbrecher (die Kinder lachen). Antithese: Es war ein Einbrecher (der Leser lacht; Synthese: Es war dennoch der Onkel (der Leser wird zum Narren gehalten).
Zusatz zu FF100

Das Wehen der Luft das Rieseln des Wassers das Wachsen der Getreide das Wogen des Meeres das Grünen der Erde das Glänzen des Himmels das Schimmern der Gestirne halte ich für gross...
FF101

Die Bilder sind das Urgestein der Kulte; sie leben länger als die Götter, zu deren Ehren sie errichtet worden sind.
Religionen sind mehr oder weniger gelungene Kunstwerke... Ob dieser Trieb zur Kunst dem religiösen vorausgeht oder ihm folgt, ist müssig zu fragen, beide sind untrennbar verbunden.
FF102

GEGEN DIE NACHT
DER NACHT
ENTGEGEN
FF103

Während wir immer gedacht haben, wir können Gehen und Denken zu einem einzigen totalen Vorgang machen auch für längere Zeit; muss ich jetzt sagen, dass es unmöglich ist, Gehen und Denken zu einem einzigen totalen Vorgang zu machen auf längere Zeit...
Gehen wir intensiver, lässt unser Denken nach, sagt Oehler, denken wir intensiver, unser Gehen. Andererseits müssen wir gehen, um denken zu können, sagt Oehler, wie wir denken müssen, um gehen zu können, eines aus dem andern und eines aus dem andern mit einer immer noch grösseren Kunstfertigkeit. Aber alles immer nur bis zu dem Grade der Erschöpfung.
FF104

Nachdem der letzte Schritt kaum
gut gegangen, ruht der Fuss einstweilen,
wie es gang und gäbe ist, bis der andere Fuss
das Gleiche tut, wie es gang und gäbe ist,
und so die Last noch weiter voranträgt,
wie es gang und gäbe ist, jedenfallls bis jetzt.
FF105

Eigentlich entdeckt der lebende Organismus dort oben, dass man keine Knochen braucht, und Muskeln auch nicht Knochen und Muskelgewebe werden abgebaut. So ist das mit dem Leben. Sobald es einer anderen Umgebung ausgesetzt wird, passt es sich an.
(Astronaut Wubbo Ockels über die asketische Reaktion des Körpers auf einen Zustand langanhaltender Schwerelosigkeit.)
FF106

Ich zerstöre, ich zerstöre, ich zerstöre.
Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Grosse und Wichtige, zu zerstören scheint? (Gleichsam alle Bauwerke, indem sie nur Steinbrocken und Schutt übrig lässt).
Hat der Philosoph eben nicht neue Theoriegebäude auszuführen oder sie zu flicken, sondern „Klärungsarbeit“ zu leisten, die von den Gebäuden nichts übrig lässt?
FF107

Um diesen Terminus der Antwort richtig zu begreifen, muss man ihn in einem starken Sinne verstehen und dazu sich auf das beziehen, was in den „primitiven“ Gesellschaften sein Äquivalent ist: Die Macht gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden kann. Geben, und zwar in der Weise, dass einem nicht zurückgegeben werden kann, das heisst den Tausch zum eigenen Vorteil zu durchbrechen und ein Monopol aufzurichten; der gesellschaftliche Prozess ist auf diese Weise aus dem Gleichgewicht gebracht. Zurückgeben dagegen bedeutet, diese Machtbeziehung zu zerbrechen und auf der Basis einer antagonistischen Reziprozität den Kreislauf des symbolischen Austausches herzustellen.
In der Späre der Medien verhält es sich ebenso: Hier wird zwar gesprochen, aber so, dass niergends darauf geantwortet werden kann.
Deshalb besteht die einzige mögliche Revolution in diesem Bereich - aber auch in allen anderen Bereichen - die Revolution überhaupt, in der Wiederherstellung dieser Möglichkeit der Antwort.
FF108 (1./30)

Es gibt in der Tat kein privates Bild mehr. Jede organisierte Gesellschaft organisiert zuerst die Wahrnehmung... Der Staat, die staatliche Funktion ist zuerst die Organisation der Weltsicht. Der Staat ist die Weltanschauung, die Wahrnehmung der Welt... Die Dressur des Blicks.
Jede Kriegsepoche bringt eine Veränderung, eine Mutation der Wahrnehmung mit sich. Die Funktion des Auges ist die Funktion der Waffe. Man experimentiert im Krieg nicht nur mit Waffen, Geschossen, Raketen..., sondern macht immer auch Experimente des Sehens.
FF109 (1./54)

Ein Insasse eines Irrenhauses wird zwecks Entlassung befragt. Die erste Frage: “Was machst du, wenn du rauskommst?“
Der Insasse antwortet: “Ich beschaffe mir eine Steinschleuder und kommen zurück, um hier jedes verdammte Fenster kaputtzumachen.“ Nach sechs Monaten Gummizelle wird er wieder befragt. „Also, ich werde eine Stelle suchen“, war die Antwort. „Gut.“ „Und dann werde ich ein schönes Mädchen kennenlernen.“ „Das ist ja wunderbar.“ Dann suche ich eine einsame Strasse und werde mit ihr dorthin fahren.“
„Ja.“ „ Dann werde ich ihren Strumpfhalter packen, daraus eine Steinschleuder machen, hierher zurückkommen und jedes einzelne Fenster kaputtmachen.“
FF110

Hängt die Seele an einem Faden, so vergiss das Fragen.
Unnötig sind die Sicheln
der Fragezeichen.

Die Frage ist das Efeu,
der uns bedeckt und trügt.
Sie gaukelt uns vor Augen
Prismen und Scheidewege.

Die Antwort ist genau
die Frage in anderer Maske.
Sie geht hinaus als Quelle
und kommt als Spiegel zurück.
FF111

Ich konnte die akademische Idee nicht akzeptieren, die Absicht der Musik, der Kunst sei Kommunikation, weil ich feststellte, dass wenn ich mit Bedacht etwas Trauriges schrieb, die Höhrer und Kritiker oft dadurch zum lachen gereizt wurden. Ich beschloss, das Komponieren aufzugeben, falls ich keinen besseren Grund dafür fände als Kommunikation. Eine Lösung gab mir eine indische Sängerin: Der Zweck der Musik, der Kunst sei es, das Bewusstsein zu ernüchtern und zu beruhigen, um es dadurch für göttliche Einflüsse empfänglich zu machen.
FF112


Am Anfang der fünfziger Jahre traf ich die Entscheidung, alle Klänge dieser Welt anzunehmen. Davor war ich tatsächlich so naiv gewesen, an etwas wie künstliche Stille zu glauben. Dann aber ging ich an der Harvard Universität in Cambridge in einen schalldichten Raum und hörte ganz deutlich zwei Geräusche. Ich dachte, der Raum sei schuld daran, und rief den Techniker. Er forderte mich auf, sie zu beschreiben, und nachdem ich das getan hatte, sagte er: "Sehen sie, das hohe Geräusch war ihr tätiges Nervensystem und das niedrige Geräusch ihre Blutzirkulation." Mir wurde auf einmal bewußt, daß es Klänge und Geräusche gibt, die gänzlich unabhängig von mir existieren. Stille ergibt sich in dem Moment der Veränderung meines Bewußtseins. Es geht darum, Klänge hören zu lernen, und nicht so sehr darum, eigene Musik zu machen und in den Vordergrund zu stellen. Seitdem dreht sich meine Arbeit um genau dieses Problem. Wenn ich ein neues Musikstück herstelle, versuche ich es so zu konzipieren, daß es auf gar keinen Fall die Stille unterbricht, die bereits schon vorhanden ist.
FF113


Die von technischen Medien bewirkte Veränderung der Realität hat paradoxerweise die zentrale Stellung des “Körpers” als unser erstes Medium herausgestellt. Wie hilflos der Begriffe des Körpers, des Leibes dastehen, erkennen wir im komplexen Vorgang der Wahrnehmung, in der Entwicklung unserer Handlungs- und Denkfähigkeit, in der engen Verflechtung von Bewegen und Wahrnehmen, im feinsten Augenflimmern, der Veränderung des Muskeltonus, der Berührung, des Unterbruchs eines Klangs. Nietzsche verteidigt den Körper als “Ausgangspunkt”. Er forderte, sich am “Leitfaden des Leibes” zu orientieren und die Erdung des Denkens im Körper zu vollziehen. Für ihn war der Körper als Ursprung aller Werte eher Herr als Diener; die Seele dagegen ablenkende, verderbliche Illusion. Nietzsche wäre aber gegenüber heutigen Trends wohl vorsichtig, die den Körper als das, was wir zutiefst und unmittelbar sind, definieren. Der Körper ist für ihn doch immer eine Konstruktion aus einer riesigen Vielfalt unterschiedlichster Elemente und “Lebensprozesse”. Das Bild des Körpers als Einheit ist nur ein “von Auge konstruiertes Ganzes”.
FF114


In der westlichen Tradition muss der Körper im Raum fixiert werden, wenn der Betrachter das Bild überhaupt sehen soll. Von der monokularen Perspektive der Renaissance bis zum modernen Kino muss der Körper stillgestellt und eingesperrt werden. Das an den Tisch gekettete Buch lässt sich als Vorläufer des Bildschirms verstehen. Die frühe Photographie und später das Kino setzten die Tendenz zur Einsperrung fort. Durch Virtuelle Realität (VR) verschwindet nun der Bildschirm. Frontalität, rechteckige Oberfläche, Unterschiede im Grössenmassstab sind nicht mehr vorhanden. Gleichzeitig aber sperrt VR den Körper in einem noch nie dagewesenen Ausmass ein. Das paradoxe der VR besteht darin, den Zuschauer sich physisch bewegen zu lassen und ihn gleichzeitig an die Maschine zu fesseln. Immer wird dabei die existierende physische Realität übersehen, ausser Acht gelassen, verlassen. Es ist der letzte Akt in der langen Geschichte der Einschliessung des Körpers.
FF115

In der griechischen Antike wurde Kommunikation als müdlicher Dialog zwischen Menschen verstanden. Das hiess auch, dass physische Bewegung den Dialog und den Denkprozess stimulierte. Aristoteles und seine Schüler gingen herum, während sie philosophische Probleme diskutierten.
FF116


Ideale zu schaffen,
neue und ewige,
in und von der Welt,
alte und vergängliche
ist meine Aufgabe, die Roboter nicht leisten können.
Dafür hat mich meine Mutter zur Welt gebracht.
FF117

Ich denke etwa daran wie Bilder von Mann und Frau, von Geschlechtlichkeit und idealem Zusammenleben, die uns in der familiären und sozialen Kindheit eingesenkt wurden, unser Wahrnehmen und Verhalten fortan imprägnieren und bestimmen. Stets handeln wir im Duktus solcher Grundbilder. Gerade als unbewusste sind sie wirksam. Solche Bilder sind Fallen. Sie haben zugeschnappt, als man an sie sich hielt. Nachher wird man wie Wittgenstein sagen: "Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es nur unerbittlich zu wiederholen". Aber wie gelangt man ins Nachher, wie kommt man aus diesen Bildern heraus? Am ehesten wohl über Bilderfahrung und Bildarbeit, die sich daran macht, diese vorgängigen Prägungen zu exponieren ... Eine schlagartige Veränderung im Ganzen wird einem in den seltensten Fällen geschenkt.
FF118

Das Verständnis der ästhetischen Botschaft basiert auf einer Dialektik zwischen Akzentuierung und Ablehnung der Codes. Ein Charakteristikum der ästhetischen Kommunikation ist der Verfremdungseffekt. Die Kunst erhöht die Schwierigkeit und die Dauer der Wahrnehmung, sie beschreibt das Objekt, als ob sie es zum ersten Mal sähe (als ob es nicht schon Formeln gäbe, es zu beschreiben). Der Zweck des Bildes ist es nicht, unserem Verständnis die Bedeutung, die es trägt, näherzubringen, sondern eine besondere Wahrnehmung des Gegenstandes zu schaffen.
FF119/1

"Willst du Kenntnisse erwerben, mußt du an der die Wirklichkeit verändernden Praxis teilnehmen. Willst du den Geschmack einer Birne kennenlernen, mußt du sie verändern, das heißt sie in deinem Mund zerkauen."
FF119/2

Die Gestaltpsychologie hat uns gelehrt, dass zu jedem Wahrnehmen nicht nur ein Nicht-Wahrnehmen gehört, sondern dass solcher Ausschluss, solche Selektivität für das Wahrnehmenkönnen konstitutiv ist. Neurophysiologische Untersuchungen haben diesen Zusammenhang inzwischen besser verständlich gemacht: Kognitive Systeme können generell nur, weil sie selbstreferentiell geschlossen sind, umweltoffen operieren. Wir sehen nicht, weil wir nicht blind sind, sondern wir sehen, weil wir für das meiste blind sind; entsprechend heisst, etwas sichtbar zu machen, im gleichen Akt etwas anderes unsichtbar zu machen. Keine aisthesis ohne anaisthesis - nicht einmal im einfachsten Wahrnehmen.

Die abendländische Bevorzugung
des Sehens ist ein klassischer Fall und besonders einschneidend wegen ihrer Fortsetzung im Ideal der Theorie, die ja eben jenes 'Betrachten' ist, das ganz und gar auf Distanz und Ueberschau setzt - im Unterschied etwa zum Betroffensein und Involviertsein des Hörens. Infolge dieses Distanz- und Ueberlegenheitspathos kann sich die Theorie dann ja auch fatal immun verhalten gegen das, was sie der Realität antut. Und das ist nicht wenig. Foucault hat in Surveiller et punir (1975) gezeigt, wie nötig eine Kritik am abendländischen Visualprimat und Panoptismus wäre. Denn wo das optische Weltverhältnis regiert, da gerät die Welt zu einer gigantischen Ueberwachungsanstalt vor dem grossen Auge des Geistes, und diese Gesetzlichkeit reicht von den Strafanstalten bis zu den Weltszenarien der Wissenschaft.
FF120

Eine unendliche Beziehung:
Sprache und Malerei verhalten sich zueinander irreduzibel: vergeblich spricht man aus, was man sieht: das, was man sieht, liegt nie in dem, was man sagt.
FF121


So ist meine Arbeitsstrategie mehr zu einem Wechselspiel von schichten, umschichten und umfalten, entfalten, auslegen geworden: Kein Entweder-oder. Ein Entwurf, oder präziser ein ständig neuer Faltenwurf.
FF 122

Konsequenzen für die ästhetischeTheorie:
- Schule der Wahrnehmung
- Lehre von Abrüstung
- Kunst des Umgangs mit Kunst
- Technik der Entbrutalisierung der Technik
- Ästhetische Ökonomie
- Logik der Schonung
- Wissenschaft vom Unterlassen

Ästhetik hingegen wäre die Aufklärung menschlicher Bewegungen durch ein waches Dabeisein und Darinsein. Aufgeklärte Beweglichkeit zeigt sich darum weniger in der lauten Akklamation von Kunstwerken - Kunstbedarf ist eher ein Indiz von struktureller Barbarei - als in dem stillen Einbau von Aufmerksamkeit in Lebensformen.

(Mehr Erlebnisabläufe
weniger Bilder produzieren.)
FF123

Kultur ist alles, was wir der Wildnis entreissen und im landwirtschaftlichen, aber auch im übertragenen Sinn kultiviert, d.h. bebaut, gehegt und gepflegt haben.

Kultur ist immer auch eine Kritik an Kultur. Die Welt ist entdeckt, jeder Urwald parzelliert, und dennoch gibt es eine Wildnis, die sich für einige von uns erhalten hat: das Religiöse, Gott und die Götter. Sie entzogen sich der Kultivierung, sie bleiben fremd.

Kultur enthält für Adorno ein Element des Widerspruchs gegen die blinde Notwendigkeit: nämlich den Willen, sich selbst zu bestimmen durch Erkenntnis.
Heute sind wir nach Adorno einer Macht ausgesetzt, der Technik, die sich ins Ungemessene, dadurch ins Irrationale und also in einen Bereich hinauf entfaltet, der uns göttergleich bedroht und unterdrückt. Das Wort LORD ist durch das Wort FORD ersetzt.
Geschichte ist ein Prozess, so dass das Neue, das aus den Säften der Überlieferung sich nährt, dem Alten „authentisch“ gegenübertreten kann; und zum andern haben wir, wie gesagt, den Willen und das Vermögen uns selbst zu bestimmen durch Erkenntnis: Wir sind in der Lage das Neue, das sich in der Wirklichkeit anmeldet, wahrzunehmen und ins Bild zu setzen. Diese Wörter müssen wir wörtlich verstehen. Es geht um Wahrnehmen, es geht um Bilder, um Bildung, also um Kunst. Um die richtige Kunst, um die äusserste Kunst, denn nur das, was ausserhalb der Konformität mit den herrschenden gesellschaftlichen Interessen geschaffen wird, was sich der wirtschaftlichen Verfügung entzieht und „authentisch“ gegen die Tradition steht, lässt Adorno gelten. Er ist ein radikaler Partisan der Avangarde. In einer Welt der Unwahrheit soll die Kunst eine künftige Wahrheit raunen. Formale Progressivität und daseinsverändernde Qualität werden in eins gesetzt. Diese Forderungen müssen und mussten scheitern und führen zu einer formalästhetischen und ideologischen Erstarrung und zu einer endlosen Repetition (z:B. der Erfindungen eines Duchamp...). Das «Endspiel» setzt ein Ende, und jedes Stück, das dieses Ende noch einmal thematisiert, springt nicht, wie es glaubt, über die äusserste Grenze hinaus, sondern fällt hinter Beckett, den es nachahmt, zurück. Was sich revolutionär gibt ist epigonal.


Was ist Kunst? Vielleicht die extremste Form des kulturellen Kampfes. Vielleicht müssen wir noch weiter gehen, über die Grenzen hinaus und die Behauptung aufstellen: Kunst ist der Zusammenstoss mit der Kultur, nämlich der riskante Versuch in die Wildnis zurückzukehren, in die Wildnis von Erfahrungen, in die Wildnis der eigenen Seele, jedenfalls ins Fremde , ins Ausgesonderte, an die Grenze des Universums und ins Innere der Dinge.
Vielleicht lebt die Kultur in und von diesem Widerspruch. Kultur kultiviert diese Welt, und die Kunst, in der sich eine Kultur am deutlichsten ausdrückt, zeigt auf dass die Wildnis lebt. Kultur gibt es nur im Plural. Und im Schlaf. Und die Kunst? Sie ist singulär, ist Wildnis, ist Traum.
FF124

Warum macht uns der Ozean oder das Meer seekrank? Ist nicht vielleicht Seekrankheit wie Schwindel (Kants Anthropologie bringt beide miteinander in Verbindung) eine Sehnsucht nach etwas, was uns krank macht? Wie Heimweh oder Liebeskummer könnte sie ein zutiefst ambivalentes Element enthalten: Das Meer macht uns vielleicht krank, weil Seekrankheit eine Art Heimweh ist, ein unmöglicher, enttäuschter oder unterdrückter Wunsch, dorthin zurückzukehren; Ferenczi nennt das den «thalassalen Regressionszug»: das Streben nach der in der Urzeit verlassenen «See-Existenz». Der Koitus, sagt Ferenczi, sei der Ersatz für den Wunsch zur Rückkehr in den Mutterleib und dieser wiederum ein Ersatz für das Ur-Meer, denn das Fruchtwasser verkörpert den in den Mutterleib introjizierten Ozean.
FF125

Ein Opernsänger trat in Parma auf, wo das Publikum sich in Sachen Oper wirklich auskennt. Nachdem er schlecht gesungen hatte, forderte das Publikum Zugabe um Zugabe, und er dachte:« Das ist ja merkwürdig, ich dachte, die verstehen was von Oper hier.» Schliesslich krächzte er:«ich kann nicht mehr singen!» Und eine Stimme aus den hinteren Plätzen rief: « Und Du wirst das singen, bis Du es kannst!»
FF126

Die Ethnologin Margaret Mead lernte schnell die Umgangssprache vieler Stämme, indem sie auf Objekte zeigte, und auf das entsprechende Geräusch wartete. Einmal besuchte sie einen Stamm, zeigte wieder auf verschiedene Objekte und hörte immer die gleichen Geräusche:«chu mulu». Eine primitive Sprache , dachte sie, sie haben nur ein Wort zur Verfügung. Später erfuhr sie, dass «chu mulu» «mit dem Finger zeigen» bedeutet.
FF127

Es ist interessant festzustellen, dass wir die unerklärlichen Dinge - d.h. die Dinge, die wir nicht begründen oder verstandesmässig nicht erfassen können, nicht sehen möchten. In anderen Worten: Etwas, das wir nicht erklären können, kann nicht gesehen werden. Wir nehmen unseren blinden Fleck nicht wahr. Nein, wir können nicht sehen, dass wir einen blinden Fleck haben.
FF128

Ist die Frage nach dem Ursprung des Universums eine unentscheidbare Frage?
Sind Zahlen, mathematische Formeln, Theoreme, Beweise usw. Entdeckungen oder sind sie unsere Erfindungen?
Können wir wirklich nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, entscheiden?
Wie sind Fragen zu beantworten, die prinzipiell unentscheidbar sind?

Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind können wir entscheiden.
Warum? Einfach, weil über entscheidbare Fragen schon immer durch die Wahl des Rahmens, indem sie gestellt werden, entschieden wird. Der Rahmen selbst mag sogar eine Antwort auf die von uns gestellte prinzipiell unentscheidbare Frage sein. Diese Beobachtung verdeutlicht den Unterschied zwischen diesen zwei Arten von Fragen. Antworten auf entscheidbare Fragen sind auf Notwendigkeiten diktiert, während Antworten auf unentscheidbare Fragen durch die Freiheit unserer Wahl bestimmt werden. Aber für diese Freiheit der Wahl müssen wir die Verantwortung tragen. Dies verdeutlicht zusätzlich den Unterschied zwischen diesen Fragen: Verfahrensweisen, durch die man eine Antwort auf Fragen entscheidbare erhält, mögen falsch sein, deshalb taucht in diesem Zusammenhang die Vorstellung von Wahrheit auf. Ethik ist jedoch der Bereich, in dem wir Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen. Das Antonym für Notwendigkeit ist nicht Zufall, es ist vielmehr Freiheit, es ist Wahl.
FF129

Und es geht doch immer um den Körper - um den Körper und seine Kräfte, um deren Nützlichkeit und Gelehrigkeit, um deren Anordnung und Unterwerfung.

Aber der Körper steht auch unmittelbar im Felde des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, martern ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen.
ev.ff S.37/38
FF130

Beweisführung
Die wahren, unmittelbaren oder legitimen Beweise
Die mittelbaren, mutmasslichen, künstlichen Beweise
Die offensichtlichen Beweise
Die beachtenswertern Beweise
Die unvollkommenen oder unbedeutenden Beweise
Die «vollen» Beweise (die dringlichen oder notwendigen Beweise)
Die «halbvollen» Beweise
Die «Hilfsbeweise » (öffentliche Gerüchte, Flucht des Verdächtigen, Verwirrung des Angeklagten beim Verhör)
FF131

Ich halte das Rohmaterial der inneren Bilder und den Erfahrungsschatz, den wir alle in uns tragen, für extrem wichtig in meiner Arbeit. Solche Bilder oder Stimmungen sind reichhaltiger als ein abstrakter Gedanke. Ein Bild umfasst Dinge, von denen ich im Moment der Eingebung nicht einmal weiss, was sie bedeuten. Ich versuche dann herauszufinden, warum mir ein solches Bild bei einer bestimmten Bauaufgabe in den Sinn kommt. Denken in Bildern ist nicht das Gegenteil von abstraktem Denken. Auch bei einem abstrakten Gedanken hat man räumliche Vorstellungen. Deswegen erkläre ich auch jungen Architekten immer wieder, dass die Form eigentlich erst am Schluss kommt. Grundriss, Aufriss etc. sind wie Partituren in der Musik. Man muss sie aufführen, und dann erst hört oder sieht man sie. Zeichnen als Abbild, das gibt es bei mir nicht. Zeichnen ist eine Sucharbeit, ein Hilfsmittel für das Denken.
FF132

Etwas wirklich Wertvolles kann man oft nur durch scheinbar sinnloses Tun erreichen.
FF133

Ich glaube, ich habe nie eine Gedankenbewegung erfunden, sondern sie wurde mir immer von jemandem anderen gegeben. Ich habe sie nur sogleich leidenschaftlich zu meinem Klärungswerk aufgegriffen.
FF134


Die Kurzvorbereitung

1. Was ist meine Hauptbotschaft?
2. Was sind meine wichtigsten Argumente?
3. Welche Beispiele kann ich bringen?
4. Was für Gefühle habe ich eigentlich bei der ganzen Sache?

Wer sich auf diese Weise vorbereitet, kann die Drei-Minuten-Rede zu einem wichtigen Instrument machen, das der eigenen Karriere förderlich sein kann.
FF135

Spielregeln für «Persönliches Resource Management»

1. Ungeschriebene Gesetze Ihres Arbeitsumfeldes kennenlernen.
2. Lösungen statt Probleme.
3. Beziehungsnetz aufbauen.
4. Investition in Marktfähigkeit
5. Selbstmotivation.
6. Inhalte statt Hülsen.
7. Stolpern fördert.
(Leisten sie sich ab und zu einen Fehler)
7. Erwartungen formulieren.
8. Kreative Tapetenwechsel.
9. Ausgeglichenes Privatleben und Freizeit
10. Das Rezept sind Sie.
FF136

Zitiere leise für dich ein Gedicht in der Generalversammlung einer Aktiengesellschaft, und dieses wird augenblicklich ebenso sinnlos werden, wie es das Gedicht in ihr ist.
FF137

Vor vielen Jahren habe ich ein Mädchen verloren, und es hört nicht auf, dass ich sie verliere.

(Vor vielen Jahren habe ich einen Buben verloren, und es hört nicht auf, dass ich ihn verliere.)
FF138

Verglichen mit der Klarheit, die eine mündliche Überlieferung bietet, hat das Zeugnis alter Bücher zum Thema „Frühe Religionen“ nur einen geringen Wert. Denn das Schrifttum beschleunigt den gedanklichen Fortschritt in einem Mass, das die langsame Entwicklung der Überzeugungen durch das gesprochene Wort unendlich weit hinter sich lässt. Zwei oder drei Generationen Schrifttum können das Denken stärker verändern als zwei- oder dreitausendjähriges Leben in mündlicher Überlieferung. Aber das Schrifttum ist, wie wir heute wissen verglichen mit Presse, Radio, Film, (Internet) ein relativ konservatives, den Zeitfluss bindendes Medium. Und so taucht heute die Frage auf: Wie viele tausend Jahre Wandel können wir uns alle zehn Jahre erlauben?
FF139

Endlich komm ich von mir weg, endlich komm ich in den Zwitscherraum.
FF140

SICH SICH SEHEN SEHEND
FF141

Der Betrachter moderner Werke lernt, dass Bilder nicht verschwinden, sondern dass sie sich auf völlig gewandelte Weise bezeugen. Sie wechseln ihr materielles Kleid, gewiss auch ihren Gehalt und dennoch sind sie weiterhin Bilder, deren jeweilige ikonische Differenz zu sehen und zu denken gibt. So betrachtet ist das gewaltige Transformationsgeschehen in der Kunst unseres Jahrhunderts durchaus auf das Stichwort einer gewandelten Ikonizität hin zu diskutieren. Der retrospektive Blick auf die Zeit der Antike, auf prähistorische Artefakte, auf Volkskulturen, auf den Bereich der sogenannten angewandten Kunst, ebenso sehr der Blick auf aussereuropäische Stammeskunst bzw. auf die bildnerische Hinterlassenschaft ferner Kulturen verdeutlichen, dass unser - oft unausgesprochenes - Vorurteil, das Bild als Modell des«Gemäldes» oder des Tafelbildes zu messen, in die Enge führt und revisionsbedürftig ist....
Denn tatsächlich sind viele Bedingungen des Bildes weiterhin im Spiel: Anschaulichkeit, Begrenzung (wie prekär auch immer), Ökonomie der Mittel, Totalität u.a. Es geht weiterhin darum, im ausgesteckten Feld der Materie einen Überschuss an Sinn zu erzeugen.
FF142

Der Unterhaltungsvirus hat seinen Ursprung in den USA. Es liegt etwas zutiefst Amerikanisches in dem Bestreben, die spirituellen und mentalen Mängel unseres Lebens mit Unterhaltung zu füllen. Nun hat sich das amerikanische Virus um den Globus verbreitet.
FF143

(Gibt es also keine gesellig-unterhaltsame Kunst?)
Man will vor einem grossen Bild stehen und sich klein fühlen. In der Kunst findet ein verlässliches Mass an Repression statt.
Leider kann man heute nichts mehr machen, was nicht kunstverdächtig ist: Marcel, ich möchte mein Pissoir wiederhaben.
Wo ist der Ort der Kunst? Was bedeutet Kunst überhaupt?
Gegen das Zuviel an (Kunst-) Dingen in unserer Überflussgesellschaft. Für ein Agieren als Katalysator von Denk- und Kommunikationsprozessen im Betrachter.
FF144

Wir arbeiten in der Dunkelheit - wir tun, was wir können -, wir geben, was wir haben. Unser Zweifel ist unsere Leidenschaft, und unsere Leidenschaft ist unsere Aufgabe. Der Rest ist der Wahnsinn der Kunst.
FF145


Schrödinger hatte zwei Antworten auf die Frage „Was ist Leben?“ gegeben. Erstens die, dass Lebewesen Inseln der Ordnung sind, zweitens, dass sie von einem aperiodischen Kristall bestimmt sind, der DNS.
FF146


Regel
1 Zeit ist Geld
2 Das Gesetz von Angebot und Nachfrage regelt die Länge der Schlange
3 Wir schätzen das, worauf wir warten
4 Der Status bestimmt, wer wartet
5 Je länger die Menschen auf dich warten,
desto höher ist dein Status
6 Geld verschafft einen Platz vorne in der Schlange
7 Der Mächtige kontrolliert, wer wartet
8 Warten kann ein wirksames Kontrollinstrument sein
9 Wenn man sich in eine Schlange drängelt, sollte man es hinten tun
FF146

1 Ist Schöpfung Sublimation?
2 Befriedigt, erquickt das Werk die Leute?
3 Wird ihr eigenes Begehren, zu schauen,
befriedigt?
4 Erhebt dies die Seele, d.h. ermutigt dies
ihrerseits zur Entsagung?
5 Ist das Blickzähmung? Oder Augentäuschung?
6 Was verführt, was befriedigt uns an der
Augentäuschung?
7 Rivalisiert das Bild mit dem Schein, oder mit dem , was uns Platon jenseits des Scheins uns als Idee vorstellt?
8 Stellt der Maler die Quelle für etwas dar, das ins Reale zu gelangen vermag?
FF147

Mich ergötzt und zersetzt vor Freude das in mir ruhende musikalische Mysterium, das Reflexe in melodischen Wogen auswirft, das mich zerfasert und meine Substanz auf reinen Rhythmus reduziert.
FF148

Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen. Von«Natur» aus ist der Mensch ein einsames Tier, denn er weiss, dass er sterben wird und dass in der Stunde des Todes keine wie immer geartete Gemeinschaft gilt: Jeder muss für sich allein sterben. Und potentiell ist jede Stunde die Stunde des Todes. selbstredend kann man mit so einem Wissen um die grundlegende Einsamkeit und Sinnlosigkeit nicht leben. Die menschliche Kommunikation webt einen Schleier der kodifizierten Welt, einen Schleier aus Kunst und Wissenschaft, Philosophie und Religion um uns und webt ihn immer dichter, damit wir unsere Einsamkeit und unseren Tod und den Tod derer , die wir lieben, vergessen. Kurz, der Mensch kommuniziert mit anderen, ist ein «politisches Tier», nicht weil er ein geselliges Tier ist, sondern weil er ein einsames Tier ist, welches unfähig ist, in Einsamkeit zu leben.
FF149


Konzept der Indeterminiertheit nach Jean Piaget:
Es geht um die Anerkennung des Spontancharakters der geistigen Kulturentwicklung. Das was ein Individuum wird, ist weder primär von seiner Umwelt noch vom Ensemble seiner Erbeigenschaften allein abhängig, sondern von seiner Aktivität, seiner Eigenbewegung, die über weite Strecken eigenen Regeln folgt.
FF150

Ein alter Posthalter von 70 Jahren Alter kam einst mit zwei Schimmeln aus Russland gefahren.
Die Schimmel, die Schimmel die waren so keck und warfen den alten Posthalter in Dreck.
FF151

Der menschliche Körper soll zu achzig Prozent aus Wasser bestehen, es ist daher auch kaum verwunderlich, dass sich jeden Morgen ein anderes Gesicht im Spiegel zeigt. Die Haut an Stirn und Wangen verändert sich von Augenblick zu Augenblick wie der Schlamm in einem Sumpf, je nach der Bewegung des Wassers, das unter ihm fliesst, und der Bewegung der Menschen, die auf ihm ihre Fussspuren hinterlassen.
FF152

Auch dieses Kinn, das du manchmal im Spiegel siehst,
Wird man irgendwann finden, den Kiefer dazu,
Unter anderen Knochen. Heute noch unrasiert.
Wird es morgen abstrakt sein, ein weisser Bügel,
Rein wie ein Notenschlüssel aus Draht.
FF153

Ich spreche von einer fatalen Kluft. Ich glaube nämlich, dass der Berührungsverlust und die Kälte (natur-)wissenschaftlichen Wissens eng verbunden sind mit einer ganz bestimmten Haltung, mit einer chronischen Ueberangestrengstheit, die diese Erkenntniskultur ihren Vertretern aufnötigt.
FF154

In Heinz von Foersters Büchlein «KybernEthik» findet sich die Geschichte des Kater Murr von E.T.H. Hoffann. Der Kater schreibt seine Biografie auf geklaute Blätter seines Meisters Abraham. Beim Druck der Biografie stellt sich nun heraus, dass z.T. die Rückseiten mit physikalischen Problemen des Meisters belegt sind. Der Drucker bemerkte dies aber zu spät, und so vermischen sich die Lebensgeschichte des Katers, mit Problemen der Physik und der Welt der Unterhaltung, die den Meister beschäftigen: Notizen zur Konstruktion von Springbrunnen, Wasserspiele und weitere Automaten.
FF155

Das Bildchen «jetzt» kommt niemals wieder.
FF156

Liebe und Krieg (Gimme Shelter)
Lust und Mord (Midnight Rambler)
Sex und Drogen ( Brown Sugar)
Freude und Verzweiflung ( Paint it Black)
Schuld und Sühne ( Saint of Me)
Spiel und Leidenschaft ( Tumblin‘Dice)
Besinnung und Niedertracht ( Sympathy for the Devil)
Sucht und Ruhm ( Before They Make Me Run)
Mann und Frau in allen Varianten und Positionen ( Some Girls, Bitch, Ruby Tuesday, Honlky Tonk Women)
FF157

Wahrnehmung lässt sich am liebsten auf bekannte Muster ein, d.h. beim Hören eines Dur-Akkordes oder 4/4-Taktes stellt sich ein Erkennen im muttersprachlichen Sinn ein. In der klassischen Musik kennen wir die übliche Sonatenhauptsatzform. Helmut Lachenmann nennt dies in einem kritisch-ironischen Sinn «Geborgenheitsästhetik», eine Kategorie von Kunst, die durch Konvention verführt.
FF158

Ich ertrage die Unzerrissenen nicht, niemand der nicht raues Wetter durchlitten hat, zusammengebrochen, in Stücke gerissen worden ist, sich selber wieder zusammengeflickt hat, mit breiter Naht, gezackten Stichen, nichts Hübsches. Dann strahlt etwas aus. Doch die hier glänzen nur von aussen, die Arschgeigen. Ich bin ehrlich, ich mag sie nicht.
FF159

Ein Mensch ist in einem Zimmer g e f a n g e n , wenn die Tür versperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu z i e h e n, statt gegen sie zu drücken.
FF160

Was ich Poesie nenne wird oft Inhalt genannt. Ich selbst habe es Form genannt. es ist die Kontinuität eines (Musik)Stückes. Kontinuität heute, wo sie notwendig ist, ist eine Demonstration des Desinteresses.

Die meisten reden sind voll von Ideen. Diese hier braucht keine zu haben. Aber jeden Augenblick kann eine Idee daherkommen. Dann können wir uns darüber freuen.

Struktur ohne Leben ist tot. Aber Leben ohne Struktur ist nicht wahrzunehmen.
Pures Leben drückt sich in und durch Struktur aus.
Deutlich fangen wir an nirgendwo hinzugelangen.
Aber eins ist sicher. Wenn man etwas macht, was nichts zu sein hat, muss, wer es macht, das Material das er wählt, lieben und Geduld damit haben.
Sonst macht er aufmerksam aufs Material, das etwas Bestimmtes ist, während es nichts war, das gemacht werden sollte; oder er macht aufmerksam auf sich, während nichts anonym ist.

Die Technik Material zu behandeln ist, auf Sinnesebene, was Struktur als Disziplin auf rationaler Ebene ist.

Ich erinnere mich Klang geliebt zu haben bevor ich je eine Musikstunde nahm. Und so bestimmen wir unser Leben durch das, was wir lieben.

Ich weiss eine Geschichte:
«Es war einmal ein Mann der stand auf einer Anhöhe. Eine Gruppe von Männern, die gerade die Strasse entlangkamen, bemerkten von weitem den Mann, der auf der Anhöhe stand, und sprachen miteinander über diesen Mann. Einer von ihnen sagte: er muss sein liebstes Tier verloren haben. Ein anderer sagte: Nein, es muss sein Freund sein, nach dem er Ausschau hält. Ein dritter sagte: Er geniesst nur die kühle Luft dort oben. Die drei konnten sich nicht einigen und die Diskussion (wollen wir nachher eine abhalten) ging weiter bis sie die Anhöhe erreichten, wo der Mann stand. Einer von den dreien fragte: O Freund da oben, hast du nicht dein Lieblingstier verloren? Nein Herr, ich habe keins verloren. Der zweite Mann fragte: Hast du nicht deinen Freund verloren? Nein Herr, ich habe auch meinen Kopf nicht verloren. Der dritte Mann fragte: Geniesst du nicht die frische Brise da oben? Nein Herr, das nicht. Was also stehst du da oben, wenn du nichts sagst auf all unsre Fragen? Der Mann oben sagte:«Ich stehe hier nur.»
Eine Methode ist eine Kontrolle...Eine Struktur ist wie eine Brücke von nirgendwo nach nirgendwo und jeder kann auf ihr gehen, Geräusche oder Töne, Mais oder Weizen...

Möchten Sie gerne einer Gesellschaft beitreten die sich Kapitalisten AG nennt?

Ein jeder hat ein Lied
das gar kein Lied ist:
Es ist ein Vorgang
des Singens,
wenn du singst
bist du
wo du bist.

Alles was ich über die Methode weiss ist dies, dass ich manchmal, wenn ich nicht arbeite, denke, ich wüsste etwas, aber wenn ich arbeite, ist es ganz klar, dass ich nichts weiss.
FF161

Dies ist ein Vortrag über etwas und natürlich auch ein Vortrag über nichts. Darüber, wie etwas und nichts einander nicht entgegengesetzt sind, sondern einander brauchen um in Gang zu bleiben.

Wenn Kunst von innen kommt, was sie so lange tat, wurde sie ein Ding das den Mann der es schuf zu erheben schien über jene die es beachteten oder hörten; und der Künstler wurde als Genie betrachtet oder bewertet: Erster, Zweiter, Nicht gut, bis schliesslich zur Fahrt im Bus in der U-Bahn: so signiert er stolz sein Werk wie ein Fabrikant.
Aber da sich alles verändert geht die Kunst jetzt nach innen und es ist höchst wichtig kein Ding zu erzeugen sondern im Gegenteil nichts. Und wie tut man das? Man macht etwas das dann nach innen geht und uns an nichts erinnert. Es ist wichtig, dass dieses Etwas bloss etwas ist, begrenzt etwas; dann geht es sehr einfach nach innen und wird unbegrenzt nichts.

«Die höchste Verantwortung des Künstlers ist es, Schönheit zu verbergen.» Die wichtige Frage ist: Was ist es, das nicht einfach schön ist sondern auch hässlich, nicht bloss gut sondern auch böse, nicht bloss wahr sondern auch Illusion. Mir fällt jetzt ein, dass Feldmann von Schatten sprach. Er sagte dass die Klänge nicht Klänge sondern Schatten seien. Es sind offensichtlich Klänge; deshalb sind sie Schatten. Jedes Etwas ist ein Echo von nichts.

...denn wir haben festgestellt dass wir durch Ausschluss innen dünn werden, auch wenn wir vielleicht aussen ein enormes Bankkonto haben. Für Etwas braucht man Kritiker, Kenner, Urteile von Autoritäten, andernfalls wird man beschwindelt; aber für nichts kann man all diesen Schnickschnack entbehren, niemand verliert nichts denn nichts hat man in sichrem Besitz. Wenn man nichts in sicherem Besitz hat, ist man frei jedes Etwas zu akzeptieren.

Aber wenn einer den sichern Besitz von nichts beibehält, dann gibt es keine Grenze für das, was er uneingeschränkt geniessen kann. In diesem uneingeschränkten Genuss gibt es keinen Besitz von Dingen. Es gibt nur Genuss. Was man besitzt ist nichts. Ist man im Zustand des Nichts, hat man das Etwas in einem verhindert: Charakter.

Manchmal sagen die Leute ängstlich: Ich verstehe nichts von Musik aber ich weiss, was ich mag. Doch die wichtigsten Fragen werden nicht nur durch das Mögen sondern das Nicht-mögen und Akzeptieren sowohl dessen was man mag wie nicht mag, beantwortet. Andernfalls gibt es keinen Zugang zur dunkeln Nacht der Seele.

Kein einziger Klang fürchtet die Stille die ihn auslöscht. Und es gibt keine Stille die nicht mit Klang geladen ist.

Wenn du es lässt, trägt es sich selbst. Du brauchst nicht. Jedes Etwas ist eine Feier des Nichts das es trägt. Wenn wir die Welt von unseren Schultern nehmen bemerken wir dass sie nicht fällt. Wo liegt die Verantwortung?

«Erde» (das ist jedes Etwas) «entgeht nicht dem Himmel:»(das ist nichts) «ob sie aufwärts fliegt oder abwärts fliegt, der Himmel dringt dennoch in sie ein, füllt sie mit Kraft, macht sie fruchtbar. ,, Sei es zu ihrem Wohl oder zu ihrem Weh.» Meister Eckhart.
FF 162

Musik (Kunst) ist eine Uebervereifachung der Situation in der wir uns tatsächlich befinden.

Ich habe bemerkt dass Musik für mich dann am lebendigsten ist, wenn mich das Zuhören zum Beispiel vom Sehen nicht ablenkt. Man sollte Musik sehr natürlich auffassen.
Keine Technik.

Die Präparierung der Klaviere wird auch vom Zufall bestimmt.
Die verschiedenen Materialien die es gibt werden in den folgenden Kategorien untergebracht:
P bedeutet Plastik, Knochen, Glas etc.,
M bedeutet Metall
S bedeutet Stoff, Fasern, Gummi,
H bedeutet Holz, Papier
X bedeutet andres Material, besondere
Umstände, freie Wahlmöglichkeit usw.

Form ist nicht zweimal das gleiche..

Vor Jahren fragte ich mich «Warum schreibe ich Musik?»
Ein indischer Musiker sagte mir, die traditionelle Antwort in Indien sei «Um den Sinn nüchtern, und dadurch für göttliche Einflüsse empfänglich zu machen.»

Was ich denke und was ich fühle, kann meine Inspiration sein, doch es ist dann auch mein Paar Scheuklappen. Um zu sehn, muss man über die Vorstellung hinausgehen, und dazu muss man absolut stillstehen wie im Mittelpunkt eines Sprunges.

Kommunikation, falls erforderlich, ist eine Art des Aufmerksam-machens auf die eigene Psychologie. Zugelassen, findet sie von selbst statt und ist letzten Endes unvermeidlich.

Es gibt nicht so etwas wie Stille. Etwas geschieht immer, das einen Klang erzeugt.
FF 163

Zitat ist etwas, was ich schon immer hasste. Es ist eher ein Anti-Zitat, es zitiert nichts, es ist einfach da. Jeder Stein steht für sich selbst und ist gleichzeitig nur Funktion.
FF164

In Wissenschaft und Krieg gibt es Regeln für die Behandlung von Menschen; nicht so aber in der Kunst.
FF165

Was heute aus dem Gedächtniskult verschwunden ist, bezeichnet das entscheidende Problem: Die Unvermeidlichkeit der Auszehrung eines Erinnerungsvermögen, das nicht Bewahrung will, sondern Ueberwindung, nicht Konstanz, sondern Bruch, nicht Konservierung, sondern Zerstörung. Erinnerung beruht nämlich entschieden auf Zerstörung und bewirkt diese unentwegt.

Wer zuviel abrufen kann und soll, vermag sich nicht mehr zu orientieren.

Alles zu erinnern bedeutet, nichts mehr zu überblicken.

Gedächtnis ist weiterhin das bloss Auswendige, das Speicherbare, ein Mechanisches: die Welt der Archive und Datenordnungen. Erinnern dagegen ist das Inwendige, ein Lebendiges. Gedächtnis und Erinnerung fallen prinzipiell nicht zusammen.

Wesentliche Tätigkeit des Erinnerns ist nicht die Gedächtnisbildung, die dem Training der Mnemotechniken entspringt, sondern das vom Schriftsteller Marcel Proust unvergleichlich geschilderte unwillentliche Erinnern, die«mémoire involontaire». Die Wege einer assoziativen Entwicklung und Verknüpfung des Erinnerns sind subjektiv und an eine integrale Erfahrungswelt der einzelnen Persönlichkeit gebunden.
FF166

Die Erfahrung der Rückkehr zu dem, was wir ursprünglich sind, heisst « den Käfig der Vögel betreten, ohne sie zum Singen zu bringen».

Ich bin für die Vögel nicht für die Käfige (cages).
FF167

Unmöglich einzugrenzen, ob das Licht die Dunkelheit erzeugt oder umgekehrt.
FF168

«Was ist ihre erste Erinnerung?» wurde sie mitunter befragt. Und dann antwortete sie:
«Daran kann ich mich nicht erinnern.»
FF169

Für die religiösen Bedürfnisse scheint mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch sie geweckte Vatersehnsucht unabweisbar...Ein ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vaterschutz wüsste ich nicht anzugeben.
FF170

Freud verdanken wir die weitestgehenden Einsichten in die Funktionsweise der Herrschaft. Gemäss seiner Auffassung des Naturzustandes erkannte Freud die Ursprünge der Kultur im primären Kampf zwischen Vater und Sohn. Die Söhne, die die Autorität des Vaters stürzen, fürchten schliesslich ihre eigene Aggression und Gesetzlosigkeit und bereuen den Verlust der herrlichen Macht des Vaters; und so richten sie Gesetz und Autorität im Vaterbild wieder auf.
FF171/1


Ödipus floh aus seiner Heimatstadt Korinth, um sich dem Spruch des Delphischen Orakels zu entziehen, der prophezeit hatte, er werde seinen Vater erschlagen und mit seiner Mutter Inzest begehen. Was Ödipus nicht wusste, war, dass der Mann, den er auf der Flucht erschlug, sein leiblicher Vater war, der ihn als Kind ausgesetzt hatte, um sich der nämlichen Prophezeiung zu entziehen. Als Ödipus die Wahrheit erfährt, dass er seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hat, sticht er sich die Augen aus und verbannt sich aus der menschlichen Gemeinschaft.

Das Bild des gefährlichen Vaters taucht auch in Freuds Mythos der Urhorde wieder auf. Am Anfang der menschlichen Geschichte stellt sich Freud eine Urhorde vor, regiert von einem gefürchteten Patriarchen, gegen den die Söhne aufstehen und den sie ermorden. Aus Reue schaffen sich die Söhne ein Ideal der Güte, denn sie fürchten eine Wiederkehr der Aggressivität des Vaters und ihrer eigenen Mordgelüste.
Das Ideal des guten Vaters (und seines Gesetzes) wird also - durch einen psychischen Akt der Verinnerlichung - von den Söhnen so geschaffen. Der schreckliche Urvater wandelt sich zum Über-Ich, und dieses Über-Ich stützt das Gesetz, das den Vatermord verbietet.

„Die Reue der Söhne war das Ergebnis der uranfänglichen Gefühlsambivalenz gegen den Vater; die Söhne hassten ihn, aber sie liebten ihn auch.
FF171/2

Es lässt sich plausibel behaupten, dass die Unterwerfung unter den faschistischen Führer nicht durch das Fehlen väterlicher Autorität bedingt ist, sondern durch die Frustration der identifikatorischen Liebe: durch die unerfüllte Sehnsucht nach Anerkennung von Seiten eines frühen idealisierten, aber weniger autoritären Vaters. Wenn das Kind keine solche Anerkennung erfährt, wird der Vater zum fernen unerreichbaren Ideal. Dieses Scheitern der identifikatorischen Liebe impliziert nicht das Fehlen einer Autorität. Oft geschieht es gerade dann, wenn der Vater autoritär und strafend ist. Erst die Kombination von narzisstischer Enttäuschung und Angst vor der Autorität produziert jene Art der mit Furcht vermischter Bewunderung, die die Kritiker des Faschismus in der Liebe der Massen zum Führer feststellen. Der faschistische Führer befriedigt den Wunsch nach idealer Liebe, aber in einer Version, die auch ödipale Komponenten wie Feindseligkeit und Autorität umfasst. Auch hier können wir sagen, dass nicht das Fehlen einer väterlichen Autorität, also die«Vaterlosigkeit», sondern die fehlende Fürsorglichkeit des Vaters zur Unterwerfung führt.
FF171/3

Der soziologische Aspekt der Kunst interessiert mich nicht. Er wird allgemein überschätzt. was wirklich zählt, ist eine der Kunst immanente Eigenschaft, die ich formal-philosophisch als r e l i g i ö s bezeichnen würde.
FF172

Der Mensch ist, was er nicht ist,
und ist nicht, was er ist.

(Das Bild ist, was es nicht ist,
und ist nicht, was es ist.)
FF173

Wenn eine Tätigkeit nur als Vorbereitung für
Ausführungen verstanden wird, dann ist es nur
lähmende Vorbereitung. Eine Vorbereitung nährt
die andere, wenn sie nicht für andere, sondern
für sich getan ist.
FF174

Während einer Vorlesung zeichnete John Cage einmal ein Oval und auf halber Höhe links davon zwei parallele Linien. er sagte: « Das ist die Struktur des Geistes. Die zwei parallelen Linien sind das Ich. Das Ich hat durch seine Vorlieben und Abneigungen die Fähigkeit, sich von seinen Erfahrungen abzutrennen, ob diese nun von oben, der Welt der Relativität, dem Wahrnehmungssinn kommt oder von unten, dem Absoluten, dem kollektiven Unbewussten und den Träumen. Das Ich kann aber auch, anstatt sich von seiner Erfahrung abzutrennen, mit dieser mitfliessen, und das ist es, so Suzuki, was Zen will. Während ich früher Musik geschrieben hatte, um, wie Gita Sarabhai mit ihrem Lehrer in Indien sagte, den Geist zu beruhigen und zu mässigen, so dass er für göttliche Einflüsse geöffnet wird, so beschloss ich damals aufgrund der Vorlesungen von Suzuki, mich eher nach aussen als nach innen zu wenden, Zufallsoperationen als Methode meiner Musik zu gebrauchen. Ich vertraute darauf, dass diese Methode dem Sitzen mit übergeschlagenen Beinen gleichkomme, dass der Geist wirklich oval sei (in sich selbst fliessend), so dass meine Noten nicht Ausdruck, sondern Wandlung des Selbst sein würde.»
FF175

Sprache und Denken sind nur im Gespräch.
Nur das gesprochene Wort kann angemessen verstanden werden.

Der Mensch kann nicht beliebig viel verstehen, sondern nur das, was die Tradition ihm zu verstehen gibt. Die Tatsache, dass wir auf Vorverständnis angewiesen sind, ist eine fundamentale Bestimmung des menschlichen Daseins.
Heisst „in Ueberlieferung stehen“ in erster Linie Vorurteilen unterliegen und in seiner Freiheit begrenzt sein?

Gegen vorschnelle Verurteilung von Vorurteilen!
FF176

Die Tatsache, dass die Wahrnehmung ein Tun darstellt, lässt sich bereits am anatomischen Aufbau des Sehsystems im Primatengehirn ablesen. Es entstehen auf der Netzhaut des Auges optische Bilder von den Sehdingen, die in Form elektrischer Impulse über den seitlichen Kniehöcker im Zwischenhirn zunächst zur primären Sehrinde am hinteren Pol des Grosshirns übertragen werden. Es gibt aber, wie der Neuroanatom David van Essen und seine Kollegen berichten, insgesamt 32 funktionell spezialisierte Areale auf der Hirnrinde, die visuelle Informationen verarbeiten, und davon sind 25 sogar überwiegend mit dem Sehvorgang beschäftigt. Zwischen all den Arealen sind 305 Verbindungen bekannt, die etwa ein Drittel von dem ausmachen, was in einem voll vernetzten System möglich ist. Von verschiedener Bedeutung ist nun die Tatsache, dass keines der visuellen Hirnareale die Rolle eines Fernsehschirms im Gehirn spielt, auf dem die Information aller anderen Areale zu einem Bild der Welt zusammengefasst wird.

Trotz grosser Fortschritte in der Hirnforschung kann nicht die Rede sein, dass wir das Problem der visuellen Wahrnehmung wirklich verstanden hätten.

Es bestätigt sich die Erkenntnis der Psychologie, dass Wahrnehmung weniger ein Abbilden als ein Auswahlprozess ist. Dabei bleibt aber unklar, wie Wahrnehmungsinhalte begriffen und in angemessenes Handeln in der Welt umgesetzt werden.
FF177

Die Philosophie der Neuzeit ist auch dort, wo sie von Triumphen des menschlichen Geistes zu handeln scheint, weithin eine Beschreibung von Gefangenschaften.
FF178

Immer, wenn ich über die Logik nachzudenken versuche, sind meine Gedanken so vage, dass sich niemals etwas herauskristallisieren kann. Was ich empfinde, ist der Fluch aller, die nur ein halbes Talent haben; als ob man von jemanden mit einem Licht durch einen dunkeln Gang geführt würde, und gerade wenn man in der Mitte ankommt, geht das Licht aus, und man ist allein gelassen.

Was ist dein Ziel in der Philosophie? - Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.

Ein Mensch ist in einem Zimmer g e f a n g e n , wenn die Türe versperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu z i e h e n, statt gegen sie zu drücken.

Wir quälen uns in unserer Stube vergebens ab, ein Werk zustande zu bringen, und die Mittel, es zu vollenden, liegen vielleicht vor der Tür.

Die Verfassung des Eingeschlossenen ist Beharrung im Vorurteil.
Wie können wir die Wahrheit sagen, und dabei diese starken Vorurteile
b e r u h i g e n ?

Ich kann mir sehr wohl denken, dass jemand jedesmal vor dem Öffnen seiner Haustür zweifelt, ob sich hinter ihr nicht ein Abgrund aufgetan hat, und dass er sich darüber vergewissert, eh‘ er durch die Türe tritt.

Wenn jemand nie aus seinem Zimmer herauskommt, so weiss er doch, dass der Raum weitergeht, d.h. dass die Möglichkeit besteht, aus dem Zimmer herauszukommen (und wenn es auch diamantene Wände hätte). Woher weiss er das?

Es gab einmal ein Experiment. Zwei kleine Kinder, die noch nicht Sprechen gelernt hatten, sperrte man mit einer stummen Frau zusammen. Man wollte herausfinden, ob sie eine primitive Sprache erfinden würden. Das Experiment ist gescheitert.

Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.

Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenzen der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jeder Entdeckung erkennen.

Das Werk besteht aus zwei Teilen; aus dem, der hier vorliegt, und aus alledem, was ich n i c h t geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtigere.

Sagt ihnen, dass ich ein wunderbares Leben gehabt habe.
FF 179

Wittgenstein pflegte eine Idee solange zu verfolgen, bis er entweder behaupten konnte, sie stimme oder aber, dass das Leben nun einmal nicht so sei und man neu beginnen müsse. Er pflegte aber ein solch unbrauchbares Argument nicht einfach auszuklammern, sondern schloss es in sein Buch mit ein.
FF180

Ich weiss nicht, was ein Bild ist
Ich kenne nur seinen Preis
(Zitat nach Brecht)

Gerade diese Unangemessenheit, Unabzählbarkeit, Unkalkulierbarkeit ist es, die uns Bilder so wertvoll machen.

„(...) Was ist‘s,
das hinter diesem Schleier sich verbirgt?“
„ Die Wahrheit“, ist die Antwort. “Wie?“ ruft jener,
„Nach Wahrheit streb ich allein, und diese
Gerade ist es, die man mir verhüllt?“

Uns erstaunt nicht, dass sich der wahrheitsbegierige Jüngling von des Orakels Warnung nicht abhalten lässt, den Schleier zu heben:

„Was er allda gesehen und erfahren,
hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riss ein tiefer Gram zum frühen Grab.“

Hinter dem Schleier verbarg sich: ein Bild. Das hat uns gerade noch gefehlt.
(frei nach Schiller)
FF181

Die Leute benehmen sich dem einen Menschen gegenüber so ganz anders als gegenüber dem anderen, dass man daran zweifeln kann, ob die Persönlichkeit überhaupt eine eigene Substanz hat und nicht in ihren Beziehungen aufgeht.
FF182

»Sollte es nicht nützlich sein zu versuchen, den Willen zur Demaskierung zu demaskieren? Sie suchen nach dem, was sich hinter deinen Erlebnissen verbirgt, aber was beseelt sie selbst?»
Man greift nach Deutungen, um des Gefühls verzweifelter Machtlosigkeit Herr zu werden. Ausserdem schafft man auf diese Weise einen grossen Abstand zwischen sich und dem Gegenstand der Deutung.

Sich mit sich selbst beschäftigen, an sich selbst arbeiten, um auf diese Weise weniger egozentrisch, bescheidener zu werden, führt zu gar nichts. Durch zusätzliche Aufmerksamkeit werden lebendige Wesen nicht kleiner, sondern grösser... Welche Ängste versuche ich abzuwehren, wenn ich mich selbst so wichtig finde?
FF183

Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen, von Aussen ist eigentlich nur ein grosses Loch sichtbar, dieses führt aber in Wirklichkeit nirgends hin.
FF184

Tout cela n‘est pas grand‘ chose,
toute la peinture, sculpture, dessin,
écriture ou plutôt littérature,
tout cela a sa place.

Les essais c‘est tout,

Oh merveille!
FF185

Ich verstehe nicht ganz, was man in der Kunst einen Neuerer nennt. Soll ein Werk von zukünftigen Generationen verstanden werden? Aber warum? Und was hätte das zu bedeuten? Dass sie es gebrauchen könnten? Wozu? Ich sehe das nicht ein. Aber ich sehe vielmehr - wenn auch sehr dunkel - dass jedes Kunstwerk, wenn es die grossartigsten Proportionen erreichen will, vom Augenblick seiner Ausführung an mit unendlicher Geduld und Anpassungsfähigkeit in die Jahrtausende zurücktauchen, wenn möglich der undenkbaren Nacht entgegengehen muss, welche von den Toten bevölkert ist, die sich in diesem Werk wiedererkennen werden.

Nein, nein, das Kunstwerk ist nicht für die heranwachsenden Generationen bestimmt. Es ist dem unzählbaren Volk der Toten dargeboten. Mögen sie es annehmen. Oder ablehnen. Aber diese Toten, von denen ich sprach, sind nie lebendig gewesen. Oder ich habe es vergessen. Sie waren so lebendig, dass man es vergisst und dass ihr Leben den Sinn hatte, sie zu jenem Ufer hinüberzuführen, wo sie auf ein Zeichen warten - das von hier kommt - und das sie erkennen.
...
Schon ein lebendiges Gesicht bietet sich nicht so leicht dar, immerhin erfordert es keine grosse Mühe, seine Bedeutung zu erkennen. Ich meine - das wage ich zu behaupten - ich meine, es sei sehr wichtig, dass man es isoliert. Wenn mein Blick es aus allem herauslöst, was es umgibt, wenn mein Blick (meine Aufmerksamkeit) verhindert, dass dieses Gesicht sich mit der übrigen Welt vermengt, und dass es sich bloss ins Unendliche in immer unbestimmtere Bedeutungen ausserhalb seiner selbst verliert, und wenn im Gegenteil diese Einsamkeit erreicht wird, durch die mein Blick es von der Welt abschneidet, dann wird seine einzige Bedeutung in dieses Gesicht - oder diese Person oder dieses Wesen oder dieses Phänomen - einströmen und sich darin stauen. Ich will sagen, dass die Kenntnis eines Gesichtes nicht historisch sein darf, wenn sie ästhetisch sein will.
FF186

Was soll denn eigentlich diese ununterbrochene Verbildlichung unseres Lebens, diese tendenzielle Verdoppelung der Realität? Dazu müssen wir den Unterschied von Original und Bild befragen.
Original und Bild sind je auf ihre Weise reicher, übertreffen einander. Die nicht schon als Bild gesehene Realität ist unbestimmt, und in der Unbestimmtheit reicher an Möglichkeiten.
Das Bild ist in gewisser Weise ärmer als das Original, weil in ihm die Perspektive, die Konstellation, die Einheit und der Rahmen festgelegt sind. Das Bild ist insofern ärmer an Möglichkeiten, aber es übertrifft das Original gewissermassen an Wirklichkeit. Das Bild ist eindeutiger, bestimmter, entschiedener als die Realität. Es kann deshalb die Realität an emotionaler Wirkung bedeutend übertreffen.

Charakteristisch für diesen Effekt ist die „Landschaft“ im Rückspiegel des Autos. Genaugenommen ist ja das, was man draussen vor Augen hat, niemals Landschaft, nicht als solches. Damit eine vorliegende Natur zur Landschaft werde, bedarf sie der Einheit, der Perspektive, des Rahmens. All das widerfährt ihr auf einen Schlag im Rückspiegel des Autos.

Es zeigt sich, dass Verbildlichung eine Steigerung von Wirklichkeit darstellt. Im Bild tritt die Realität mehr aus sich heraus, wird bestimmter, entschiedener, prägnanter und in diesem Sinne auch wirklicher. Sie wird erst im Bild eigentlich etwas Bestimmtes aus der Fülle er mannigfaltigen Möglichkeiten, in denen sie sich zeigen kann und die zunächst unbestimmt und diffus bleiben; sie wird erst im Bild eigentlich wirklich. In diesem Sinne kann man sagen, dass in der Tat die Wirklichkeit der Realität den Bildern geschuldet ist. Das unstillbare Begehren nach Bildern, von dem wir getrieben sind, erweist sich als ei Bedürfnis nach Wirklichkeit.
FF187

Ich traue den Autoren nicht, sie lügen oft. Ich traue nur den Texten.
FF188

Richard Senett sieht in seinem Buch «Der flexible Mensch» in der Flexiblisierung von Organisations- und Lebensformen eine Machtstrategie: Gewachsene Arbeitsformen werden ohne Wahrung historischer Kontinuität verändert. Permanente Innovation wird als marktgerechte Strategie durchgesetzt. Sie verhindert die Identifikation mit dem Produkt. Machtzentren werden unsichtbarer, einzelne Arbeitsgruppen sollen selbständiger handeln. Macht wird über Zielvorgaben ausgeübt, die dann als sachlich notwendige Macht entpersonalisiert ist. Das Wesen des flexiblen Wandels soll es sein, sich von der Vergangenheit zu lösen und das Vorausgehende entschieden und unwiderruflich zu verändern. Die flexible Persönlichkeit ist frei vom Wunsch, Dinge festzuhalten; sie erkennt das Fehlen langfristiger Bindungen als Wettbewerbsvorteil; sie passt sich flexibel an; sie nimmt Fragmentierungen eigener Wahrnehmungen und Erfahrungen im Arbeitsprozess hin; sie kann sich von der eigenen Vergangenheit lösen.

Gegenüber der Bindungslosigkeit als Marktvorteil beharrt die Psychoanalyse auf der zentralen Bedeutung von Bindung und Beziehung. Im Gegensatz zur permanenten Anpassungsbereitschaft steht die klinische Erfahrung, dass in manchem Scheitern, in mancher Kapitulation auch ein Aufschrei enthalten sein kann. Fragmentierungen werden untersucht, nicht hingenommen. Gerade in der Behandlung traumatisierter Patienten versteht die Psychoanalyse solche Fragmentierungen, Spaltungen, Dissoziationen, usw. als verzweifelte Schutzmechanismen, die es zu verstehen und zu überwinden gilt. Statt den Verzicht auf die eigene Vergangenheit zu unterstützen, beharrt die Psychoanalyse auf dem narrativen Zusammenhang des eigenen Lebens. Auch wenn sie kein naives Konzept von biografischer Kontinuität hat, besteht sie darauf, dass es zur eigenen Identität gehört, sein Leben als einen inneren Zusammenhang rekonstruieren zu können.
FF189

Der Blick auf die Zeit vor der Antike, auf prähistorische Artefakte, auf Volkskulturen, auf den Bereich der sogenannten angewandten Kunst, ebensosehr der Blick auf aussereuropäische Stammenskunst bezw.auf die bildnerische Hinterlassenschaft ferner Hochkulturen verdeutlichen, dass unser - oft unausgesprochenes - Vorurteil, das Bild am Modell des „Gemäldes“ oder des Tafelbildes zu messen, in die Enge führt und revisionsbedürftig ist. Die alte Bildgeschichte besitzt einen enormen Gestaltungsreichtum. Die moderne Parole einer Erweiterung des Kunstbegriffes ist deshalb nicht besonders originell und besagt wenig, solange sie nicht zu zeigen vermag, wie sich Bildlichkeit neu manifestiert. Den tatsächlich sind viele Bedingungen des Bildes weiterhin im Spiel: Anschaulichkeit, Begrenzung, Oekonomie der Mittel, Totalität u.a. Es geht weiterhin darum, im abgesteckten Felde der Materie einen Ueberschuss an Sinn zu erzeugen.
FF190

Die feröstliche Malerei interessiert mich nicht aufgrund ihres Exotismus, sondern aufgrund ihrer Absicht, das Nicht-Darstellbare darzustellen: Den Wind, die Leere, die Strömung, das Verwelken, das Weiche; alles im wesentlichen taktile Dinge, die uns noch jenseits der Möglichkeiten der Zeichenkunst zu liegen scheinen.
Man kann also mit einer Bleistiftmine, einem Pinsel oder mit Tinte übertragen, was wir nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Tastsinn, durch die Haut wahrnehmen. Die Formen setzen uns nicht nur über ihr Wesen, über das, was sie materiell darstellen in Kenntnis, sondern informieren uns auch über ihre Erfahrungen im Augenblick, innerhalb der Zeit. Durch ihre Bewegungen, von der geringfügigsten bis zur heftigsten, unterrichten sie über das Wesen der Leere, über die Windstärke, die Strömung eines Flusses..... das war für mich eine Entdeckung und zugleich eine Bestätigung: Die Formen, die Dinge geben und empfangen Informationen, informieren über ihre fühlbare Realität und die erfahrenen Wirkungen, sie empfangen und spiegeln die Totalität des Sinnes in ihrem Milieu und in ihrer unmittelbaren Umgebung, wie sie es immer schon taten.
FF191

Kantor sagt: Kunst ist eher eine Antwort auf die Wirklichkeit als deren Darstellung oder Abbild.
FF192

Die abendländische Bevorzugung des Sehens ist ein klassischer Fall und besonders einschneidend wegen ihrer Fortsetzung im Ideal der Theorie, die ja eben jener „Betrachten“ ist, das ganz und gar auf Distanz und Ueberschau setzt - im Unterschied etwa zum Betroffensein und Involviertsein des Hörens. Infolge dieses Distanz- und Ueberlegenheitspathos kann sich die Theorie dann ja auch fatal immun verhalten gegen das, was sie der Realität antut. Und das ist nicht wenig. Foucault hat in „Surveiller et punir“(1975) gezeigt, wie nötig eine Kritik am abendländischen Visualprimat und Panoptismus wäre. Denn wo das optische Weltverständnis regiert, da gerät die Welt zu einer gigantischen Ueberwachungsanstalt vor dem grossen Auge des Geistes, und diese Gesetzlichkeit reicht von der Strafanstalt bis zu den Weltszenarien der Wissenschaft.
FF193

Ein System wird auf die Gleichwahrscheinlichkeit einer Informationsquelle gelegt, um auf Grund bestimmter Regeln die Möglichkeit, daß alles geschehen kann, einzuschränken. Ein System ist ein Wahrscheinlichkeitssystem, das die ursprüngliche Gleichwahrscheinlichkeit einschränkt. Ein phonologisches System wählt ein paar Dutzend Laute aus, läßt sie in Oppositionen erstarren und verleiht ihnen differentielle Bedeutung. Alles das, was vor dieser Operation steht, ist die undifferenzierte Welt aller möglichen Laute und aller Geräusche, in der jede Verbindung möglich ist. Ein System greift ein, um einer Sache Sinn zu verleihen, die ursprünglich keinen Sinn hat, indem es bestimmte Elemente dieser Sache in den Rang eines Signifikans erhebt. Aber in Ermangelung eines Systems kann dieses nicht-codifizierte Etwas, das dem System vorausgeht, unendlich viele Zusammenstellungen erzeugen, denen erst hinterher, dadurch daß man ein System auf sie legt, ein Sinn zugeschrieben werden kann.
Was ist das Nicht-Codifizierte? Es ist die Quelle jeder möglichen Information oder - wenn man will - die Realität. Es ist das, was vor jeder Semiose steht und was die Semiotik nicht untersuchen kann und darf, außer wenn ein System ihm Gestalt verleiht und seine Möglichkeiten einschränkt.
FF194

Es gibt nichts zu verstehen.
FF195

„Halt dich gerade!“
Trotz der Beiläufigkeit einer solchen Formulierung gehen ihre Wirkungen tief.
Eine solche Aufforderung zielt zugleich auf eine soziale Einstellung, eine Weltsicht und die damit verbundenen Einstellungen, Werte und Wahrnehmungsweisen. Der Körper wird zum Gedächtnis der Kultur. Ueber seine rituelle Konstruktion werden das Verhältnis des Körpers zu sich bestimmt und eine körperliche Geografie entwickelt. Besonders gesellschaftliche Institutionen wie Familie und Schule bilden Rituale aus, um den „wilden Körper“ zu domestizieren. Mit ihrer Hilfe greift die „Oekonomie der Macht“ in die Körper... In der Erzeugung von Normalitätsvorstellungen drückt sich politische Macht aus.
FF196

Ich möchte gern mich auf einen Augenblick mit mir selbst unterreden, um zu erfahren, ob ich selbst liebe, oder ob nur mein Name ...... -und ob die Liebe selbst etwas ist, oder nur ein Name.
FF197


ich nenne mich du weil der Abstand
so vergeht zwischen uns wie Haut
an Haut wir sind nicht
zu unterscheiden zu trennen eins
und das Andere die Grenze ist
die Verletzung der Uebergang
eine offene Wunde du nennst mich
ich wer von uns beiden sagt
hier hast du ein Messer
mach meinen Schnitt.
FF198

Thomas Huber sagte es heute treffend; die Anmassung, das kaum mehr erträgliche der Frontalität des Bildes. Er betrachte die Bilder lieber von der Seite oder von hinten.
Das Bild als Gebäude aufbauen, mit Durchblicken, mit Fenster und Türen, mit Möglichkeiten es zu begehen.

Bilder als Bauvorhaben. Ein Mensch steht am Rand der Baugrube .
Wozu eine Bauleitung?(FF28 )

Bilder für die Oeffentlichkeit, für den öffentlichen Gebrauch.
Die Verirrung des Künstlers der sein privates Haus baut, sich mit seiner Familie einmauert und erst nach vier Jahren wieder befreit werden kann. Eine tragische Geschichte.
FF199

Tun ist ein Mittel zum träumen. Betrachten ist ein Mittel zum Wachbleiben.
FF200

Das Subjekt ist ausser Stande, das masslose Disparate, das ihm zugespielt und eingeblendet wird, als ein A u t o r zu verstehen.

Die Kultur ist leer, weil sie politisiert wurde, die Politik ist vergiftet, weil sie kulturlos wurde.
FF201

Körper, in andere Gestalten
verändert, will ich besingen;
FF202

Wir leben in einer Gesellschaft, die immer schon unseren Blick dressiert hat. Wir leben in einem gesellschaftlichen Einschliessungssystem.
Wir haben in dem Sinne viele (unbewusste) Filter von Wertmodellen inkorporiert. Wir sind unvorstellbar verflochten und eingeflochten. Unsere Grenzen sind künstlich und ein Konstrukt, unsere Bilder und Begriffe darüber hilflos.
FF203

In aller Ernsthaftigkeit wird in jüngster Zeit die Ansicht vertreten, dass wir mit unseren Armen und mit unserem Magen denken. Neuere (neurobiologische) Forschungen haben gezeigt, dass der menschliche Magen neuronal weitaus komplexer ist, als man dies in der westlichen Wissenschaft geglaubt hat. Aehnlich wie man herausgefunden hat, dass bestimmte motorische Entscheidungen oder Antworten nicht durch das Gehirn laufen, sondern in den Gliedmassen ( im Fall von Geigenspielen im Arm ) getroffen werden, so ist auch die Vorstellung möglich, dass der Magen eigen Entscheidungen “selbst” trifft. Wenn der Magen denkt, dann werden das ähnlich auch die Leber und die Nieren machen. Und wenn der Arm als geschlossener neuronaler Kreislauf funktioniert, dann sprechen die Organe vielleicht miteinander: Eine Art und Weise der “Körperdemokratie”. Nun tendieren die neusten Bestrebungen der Computerrevolution zur Auflösung der verschiedenen menschlichen Aktivitäten in eine vom Computer erzeugte Aktivität durch die Entwicklung der Simulation. Alle diese Tätigkeiten können jetzt durch das Tippen auf einer Tastatur geleistet werden, während man auf einen Bildschirm schaut, der sich dicht vor einem befindet. Die Virtuelle Realität ist der letzte Akt in der langen Geschichte der Einschliessung des Körpers. Dies führt zu einer “körperliches Monokultur”, mit der Kehrseite, dass die komplexe Ökologie des Körperwissens droht zerstört zu werden. Das Potential des Körperwissens, der Körperintelligenz bleibt weitgehend ungenutzt.
FF204

Die von technischen Medien bewirkte Veränderung der Realität hat paradoxerweise die zentrale Stellung des “Körpers” als unser erstes Medium herausgestellt. Wie hilflos der Begriffe des Körpers, des Leibes dastehen, erkennen wir im komplexen Vorgang der Wahrnehmung in der Entwicklung unserer Handlungs- und Denkfähigkeit, in der engen Verflechtung von Bewegen und Wahrnehmen: Im feinsten Augenflimmern, in der Veränderung des Muskeltonus, der Berührung, des Unterbruchs eines Klangs. Die Begriffe des Mediums und der Realität haben sich stark verändert. War früher der Körper bloss Medium oder Werkzeug des Realen, dieses spiegelnd und verzerrend und diesem untergeordnet (Quälendes Gefängnis der Seele bei Platon, Reinigungsmittel im Christentum), so wird er nun zu einem realen Wert in sich selbst. - Realität wird stets durch Medien konstruiert. Aus diesem Grund sollten wir aufmerksam gegenüber allen Behauptungen absoluter Unmittelbarkeit sein.
FF205

Modell, Grundkonzeptionen sind notwendig, damit wir an ihnen Realität kritisieren können. Modelle sind Modelle. Realität ist nicht fassbar, codifizierbar. Interessant sind philosophische, wissenschaftliche, theologische, psychologischer Grundkonzepte wie sie Jean Gebser in seinem “Neues Wirklichkeitsverständnis” formuliert hat: Das Grundkonzept des platonischen Dialoges, also des deduktiven Denkens, das Grundkonzept der christlichen Verantwortung, also die Ich-Bewusstheit, das von Galilei postulierte Konzept der Wissenschaftlichkeit: ”Messen was messbar ist, messbar machen, was es noch nicht ist”, oder etwa das Konzept der Indeterminiertheit, also beispielsweise die Anerkennung des Spontancharakters der geistigen Kulturentwicklung, wie sie Jean Piaget formuliert hat: «Das, was ein Individuum wird, ist weder primär von seiner Umwelt noch vom Ensemble seiner Erbeigenschaften allein abhängig, sondern von seiner eigenen Aktivität, seiner Eigenbewegung, die über weite Strecken eigenen Regeln folgt.» All diese Konzepte, Modelle sind Konstruktionen. Sie sind für unser Verhalten, für unsere Art, Welt und Realität zu sehen und zu gestalten d.h. für unser Wahnehmen bestimmend, und sie beeinflussen jede unserer Äusserungen, jede Beziehung, bewirken die jeweils vorherrschende soziologische Struktur und damit selbst die Art des wirtschaftlichen Denkens. Es sind Filter, und es dringt nur das ins Bewusstsein, was diese Filter passiert. Hier vollzieht sich “Die Dressur des Blicks”, hier setzt die Frage nach der Aesthetik und Anästhetik an.
FF206

Sigmund Freud formulierte am Anfang unseres Jahrhunderts die wohl empfindlichste Kränkung für die Menschen: “Das Ich ist nicht Herr in seinem Hause”. Jacques Lacan hat diesen Gedanken fortgesetzt. Er bezeichnet das “wahre Ich / je” n i c h t als Selbstbewusstsein, sondern als Subjekt des Unbewussten:
“Ich ist ein Anderer”. Er stellt sich damit gegen die Herrschaftsfunktion, die Prunk- und Machtgebärden dieses “falschen Ich / moi”, gegen die in ihm festverankerten Allmachtsansprüche und die Rivalitätsbereitschaft, also gegen das ewige Baby in uns. Er entlarvt dies als Resultat und Produkt eines eben zu früh in die Welt geworfenen Wesens, das in omnipotenter Selbstliebe
(Narzissmus), in der Mutterleibsregression verharren will, und sich dafür triumphal ein Ich-Ideal setzt: Das in den Spiegel schauende Kind entwirft ab ca. dem 18. Monat ein imaginäres Bild von der Gestalt seines Körpers, letztlich seiner Identität. Es entwirft ein Bild, ein Ideal-Ich, das ihm als Garant jener Einheit und Dauerhaftigkeit, jener Präsenz und Omnipotenz dient, die seine (körperliche) Existenz ihm noch nicht, nicht mehr oder nie mehr verleihen kann. Im Spiel zwischen Leib und imaginierter Leiblichkeit entwirft das Subjekt sein Ich als (psychische) Einheit. Aus diesem Spiel der Identifizierung wird sich fortan auch der immense Reichtum an Phantasien entwickeln.
FF207

In der menschlichen Entwicklung aber auch in der künstlerischen spielt neben dem fortschrittlichen, eben auch das regressive Element eine wichtige Rolle. Vielleicht weil der Mensch den Einbruch von Realität in einem fötalen Zustand zu verarbeiten hat. Dieses frühe Ausgesetztsein - der Mensch als Frühgeburt - könnte Ursache für die enorme Entwicklung des Hirns und des Bewusstseins sein. Geboren in einem embryonalen Stadium, früh Aussenreizen ausgesetzt: Hieraus ergibt sich eine Perspektive zur Erklärung der besonderen Labilität, Kreativität und auch der eigenartigen Aggressivität des Menschen.
FF208


Die Überbetonung des Individuellen hat im Künstler- und Geniekult seinen Niederschlag gefunden, im Bild des Künstlers als einsamer, genialer Einzelkämpfer und Virtuose. Duchamps Forderung “Tatzen zurücknehmen!” bezog sich auf die Kritik einer übersteigerten Könnerschaft, einer Selbstinszenierung dieses Virtuosen, des Handwerks und der Überbetonung des Individuellen und der “Handschrift”. Diese Kritik ist berechtigt. Das bedeutet aber nicht, keine“ Handschrift“ mehr zu haben oder gleich die ganze Hand abzuhacken.
FF209


Hilde Zaloscer vertritt in ihrem bemerkenswerten Büchlein “Vom Mumienbildnis zur Ikone” die These, dass jede Kunstform sich einem Gesamtentwurf unterordnet, dieser aber letztlich theologisch-philosophischer Herkunft sei. Jede Änderung der Form z.B. der auffällige Wechsel von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität (in der Zeitspanne vom zweiten bis zum fünften Jh.) sei durch eine Änderung des Weltbewusstseins, der Bedeutung bedingt: Hier - nach ihrer Interpretation - mit der Hinwendung zum Geistigen. Die neuaufkommenden Formwerte - die Wahl des Mediums der Malerei selbst, die bewusste Wahl der Zweidimensionalität und das Formprinzip der Frontalität in der Gesichtsdarstellung- seien einer neuaufkommenden Geisteshaltung zuzuschreiben.

Ist es nicht ebenso möglich, dass jede neue Wahrnehmungsweise eben n i c h t auf reflektierte oder ideologiekritische Veränderung zurückgeht, sondern auf technische Ausweitung des Menschen? Auf Medien wie Rad, Geld, Schrift, Druck , Elektrizität, Computertechnologie? Geht es dabei nicht ebensosehr um Austausch, Ordnung und Beschleunigung von Information, letztlich um Machtvergrösserung? Oder sind die Fragen wieder falsch gestellt?
FF210

Ich hatte mich ins Hinterland zurückgezogen. Die langen Spaziergänge in dieser erdigen spanischen Landschaft beruhigten mich. Stille Momente alleine am offenen Feuer. Doch allmählich ertrug ich die Eindrücke, die Stille nicht mehr. Die Notwendigkeit in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, zu antworten liess mich aufspringen und wild drauflos singen was in der Folge auf mich zukam.
FF211

Ich zeichne ständig neue Karten und reise gleichzeitig gerne ohne Plan herum. Im Grunde also ein Plädoyer weniger Bilder zu produzieren und mehr Erlebnisabläufe zu vollziehen. Meine Frau Sarah lacht jeweils bei dieser Formulierung in Anbetracht meiner immensen Bildproduktion und -Manie. Es ist paradox : Wenn alles nur ein Annrennen gegen eine Grenze, gegen eine Wand ist - alles nur Vorwand - deutet diese Tendenz, das Anrennen doch auf etwas hin. Anders kann ich es nicht sagen. Das hat schon der heilige Augustin gewusst:

Was, Du Mistviech, du willst keinen Unsinn reden?
Rede nur einen Unsinn, es macht nichts! (Siehe FF507)
FF212

Am Anfang meiner Gesichtsbilder taucht das Bild eines sechjährigen Jünglings auf. Das Bild als Auslöser. Eine eigene Kindheitserinnerung. Ich gehe an den Punkt zurück, an dem ein Ich im Bewusstsein, in der Erinnerung auftaucht und versuche von da aus in allen Richtungen die Bedingungen dieser Wahrnehmung zu rekonstruieren. Das heisst vor allem die jetzige Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen. Erinnerungsstoff ist immer Gegenwartsstoff. Die eingenommene Kinderperspektive ist nur eine vorläufige und scheinbare, denn es geht allein um den gegenwärtigen Augenblick, da etwas im Entstehen begriffen ist. Die Vasinar-Arbeit ist primär die Spur eines bildnerischen Prozesses, indem ich insistierend dieses Ausgangsbild befrage und gespannt beobachte was sich zeigt. Ein Kippen in diese Ge- Schichte, in dieses Gesicht, das Wiederauftauchen mit Erstaunen - die Distanznahme - um wieder neu einzutauchen. Mir ist bewusst, dass ich mich auf Glatteis begebe: Vor einer egomanischen Selbstbespiegelung und einem überbordenden Narzissmus graut mir. Mir graut vor der Beschönigung und Behübschung. Mir graut vor den eigenen unausweichlichen Scheuklappen. Der Grat ist schmal. Die Arbeit zielt nicht primär auf mich ab. Sie will Fragen der Wahrnehmung und der Entstehung des Selbstbildes beleuchten. (Für mich braucht es dazu einen notwendigen Prozess der kritischen Selbstwahrnehmung, um dann über die (eigenen) Vorstellungen hinauszugehen. Wie ist die Beziehung der einzelnen «Ge-Schichten», der Beziehung zwischen psychischen und sozialen Faktoren, die Beziehung zwischen «Jetzt» und «Damals», zwischen «Jetzt» und «Morgen», und vor allem zwischen «Mir» und dem «Anderen»?
FF213

Es gilt ein Paradox zu realisieren; nämlich ganz nahe an einen Sachverhalt heranzugehen und gleichzeitig eine grosse Distanz zu bewahren und zu schaffen.
FF214

Enge und Gefangensein. Grenzziehungen:
Wo wird das Bewohnen zum Gefangensein, zur Isolation, zum Zerstörungspotential?
Diese manische Selbstvergewisserung, als könnte das Festhalten den Prozess des Verschwindens und des Todes verhindern, oder die Isolation und Fixierung überwinden.
FF215

So einfach,
einfach so in ein Gesicht zu schauen.
Ich will dieses Bild des Kindes, des Kindergesichtes
- in seiner Zwanghaftigkeit-
auch loswerden;
es befreien aus dem Gitter des Kinderbettes.
Das Kind in meine Arme schliessen, ihm gut zureden
und es dann wieder -beruhigt – schlafen legen.
So einfach,
einfach so das Kind in den Armen zu halten.
Vielleicht ist es das was ich will.
Vielleicht ist es das, was mich am Bild fasziniert. Diese Einschliessung, und das was daraus entsteht.
Diese Spannung, in der schon ein Stück Spiel, ein Stück Bewegung und Freiheit aufblitzt. Und auch ein Stück Trauer.
Ist es bewohnen, beschützen, beziehen, verantworten;
oder ist es bannen, beherrschen, kontrollieren, berechnen?
Vielleicht ist es das, was mich am fixierten Bild stört,
am gerahmten, isolierten, zentrierten, stillgelegten.
Bereitgestellt zum Herzeigen, zum Anglotzen;
Zum Tode verurteilt.
Diese Ruhigstellung,
dieses “ Du darfst dich nicht bewegen!”,
mehr noch :
” Du bist mir alles,
aber im Grunde darfst du gar nicht sein!”
Dieses Paradox.
Dieses Paradox, durch das Fixieren im Bild,
einen Akt der Einschliessung und der Befreiung zu vollziehen
Dieser Widerspruch bleibt.
FF216

Herrscht in meiner Arbeit lange Zeit diese Strategie des Grabens, des Vertiefens, also eine Art der geschichtlich-geologischen, archäologischen, vertikalen Arbeitsauffassung, mit der Hoffnung auf einen Sinn oder Grund zu stossen, etwas herauszukristallisieren, zu verdichten und so vielleicht auf eine gültige Ordnung, auf ein Ur- Bild zu stossen, drängte es mich plötzlich immer mehr an die Oberfläche. Dies hängt vielleicht mit der intensiveren Befragung an das Bild zusammen; diese flache, rechtwinklige Oberfläche.
Das Prinzip der Ge-Schichte ist in den jüngsten Arbeiten immer noch da. Im Grunde ist diese Vorstellung von Schichtung viel zu einfach und „falsch“. Es ist bekannt, dass Geschichte alles andere als ein Kontinuum ist. Die Geschichte ist eher eine Folge radikaler Diskontinuitäten; Rissen, Brüchen, bei denen sich in jedem einzelnen Falle völlig neue Möglichkeiten ergeben zu betrachten, zu bedenken und zu reagieren.
Auch bei der Ge-Schichte geht es um Oberflächenarbeit. Die Vergangenheit ist kein Prolog; wie die einzelnen Schichten in Schliemanns Grabungsstätte folgt nur eine verschüttete Gegenwart auf die andere. Ich wage heute fast zu behaupten:
Ge-Schichte ist Illusion.
Es gibt keine Tiefe.
Das paradoxe ist doch, dass das Zentrum letztlich an der Peripherie, am Rande liegt, resp. dass das Periphere sehr zentral sein kann.

So ist nun meine Arbeitsstrategie mehr zu einem Wechselspiel von schichten, umschichten, umfalten entfalten und auslegen geworden: Kein Entweder-oder. Ein Entwurf, oder präziser ein ständig neuer Faltenwurf.
FF217

In der Öffentlichkeitsherstellung zieht es mich stärker zu Strategien des Beweglichen, Provisorischen; Formen die den Aspekten der Wendigkeit und der optimalen Ökonomie gerecht werden. Die Suche gilt unspektakulären, leicht auf- und abbaubaren, variablen, materiell unaufwendigen Formen. Dies entspricht für mich auch dem Medium der Zeichnung, das ich hauptsächlich benutze. Mir gefällt das Bild der japanischen Schrift- und Bilderrollen : Schnell auslegbar, nur für ganz bestimmte und kurze Momente und Anlässe ausgerollt und wieder zusammengepackt. Ansonsten in Bündel verschnürt, still und doch geladen wie Dynamit. Laborsituationen also.
FF218

D i e D i n g e a u s s e r K o n t r o l l e b r i n g e n . D i e v e r l o g e n e H a r m o n i e , d i e ü b e r a l l v o n d e n M e d i e n , i n d e r I n d u s t r i e u n d d e r P o l i t i k p r ä s e n t i e r t w i r d s t ö r e n . D e s h a l b m a c h e n w i r d i e s e A r b e i t . e s i s t f u n k t i o n e l l e A r b e i t . S i e s o l l U n r u h e v e r b r e i t e n .
FF219

Das Ich spielt doch die Rolle des dummen August im Zirkus, der überall seinen Kren (Senf) dazu gibt, damit die Zuschauer glauben, er ordne alles an, was da vor sich geht.
FF220

Machen Sie eine Faust.
Nun werden wir ihre Faust verschwinden lassen. Sind Sie bereit? Gut - öffnen Sie die Hand.
Sehen Sie?
Wir können das sogenannte Ding (eine Faust) „verschwinden“ lassen, weil es eben nicht nur ein Ding ist. Hinter der Maske des Dingwortes verbirgt sich ein Prozess ( der Akt des Handschliessend).

Die Idee des Konstruktivismus: Personen oder Systeme gestalten oder konstruieren Realität.

Die Idee der Entwicklung:
Organische Systeme entwickeln sich in gesetzmässig wechselden Phasen von Stabilität und Veränderung.
FF221

Wo befindet sich das Bild?
Das Bild befindet sich aber eigentlich nicht auf dem Papier - auf dem Papier befindet sich nur eine Anordnung von hellen und dunklen Formen, von Linien und leeren Räumen; das Bild entsteht in dem metaphysischen „Raum zwischen“ dem Papier und einem bedeutungsbildenden Organismus - Ihnen nämlich.

Es gibt keine Gefühle, keine Erfahrungen, keine Gedanken und keine Wahrnehmungen, die von dem Prozess der Bedeutungsbildung unabhängig wären. Erst durch den Prozess der Bedeutungsbildung wird etwas zu Gefühlen, Erfahrungen, Gedanken und Wahrnehmungen, weil wir nämlich dieser Prozess sind.
FF222

Grundlegend ist die Frage nach unserem Antrieb - es geht um ein Verständnis der Lebenskraft selbst und um die Rolle, die uns dabei zukommt. Ob Psychoanalyse, genetische Biologie oder moderne „Soziobiologie“, die herrschende Vorstellung über unsere biologische Realität ist - und war - im Grunde immer deterministisch und körperorientiert. Dieser Auffassung zufolge liegt der Schauplatz der Handlung im Inneren jeden einzelnen, biololgisch eigenständigen Systems (des Individuums). Dieses System trägt einen angeborenen Code in sich, gemäss dem es sich in recht genau festgelegter Bahn oder Abfolge entwickelt (und der die Entwicklung des Individuums bewirkt). Der Gedanke vom individuellen oder einzelnen Körper als dem eigentlichen Ursprung der Lebensvorgänge steht im Widerspruch zur behavoristischem Sichtweise. Nach deren Auffassung liegt der Ursprung der „Handlung“ eher in der Umwelt, auf die der Mensch reagiert. Wenn Piaget eher bekannt als verstanden ist, mag das teilweise daran liegen, dass er weder den Erb- und Reifungsfaktor noch den Umweltfaktoren den Vorrang gibt. Piaget selbst hat oft auf die Schwierigkeit hingewiesen, eine dritte Möglichkeit für andere überhaupt nur sichtbar zu machen.
Eigentlich ist Piagets Denken am Modell des offenen Systems orientiert. Vielleicht sollten wir als erstes sagen, dass diese Theorie nicht von einem Energiesystem in uns ausgeht; vielmehr begreift sie uns als Teil eines einheitlichen Energiesystems, das alle Lebewesen umfasst. Diese Theorie wendet sich daher nicht in erster Linie den Verschiebungen und Veränderungen eines inneren Gleichgewichtes zu, sondern sie beschäftigt sich mit dem Gleichgewicht, das in der Welt herrscht, das zwischen dem zunehmend eigenständig werdenden Selbst und dem weiteren Lebensfeld besteht. Zwischen Selbst und Umwelt existiert ein Zusammenspiel, auf das beide einwirken; dieses Zusammenspiel ist das, was wir Realität nennen.
FF223 (siehe auch FF 206)

Jenseits der Berge ist der Schrein für Rita, den alle aufsuchen, die nicht mehr weiterwissen. Rita ist die Heilige der verlorenen Sache. Die Heilige für alle, die mit ihrem Latein am Ende sind, die von den Fakten der Welt umzingelt und eingeschlossen sind. Diese Fakten, losgelöst von jeder Ursache, hielten den blauäugigen Knaben in einem System der Unwirklichkeit fest. Würden all diese Fakten, die trügen, bei seinem letzten Atemzug dahinschwinden? Denn seine Welt, gewöhnt, an das Bild als einen absoluten Wert zu glauben, hatte das wesentliche Gebot vergessen:
Du sollst Dir kein Bildnis machen, obwohl du weisst, dass die Aufgabe darin besteht, die leere Seite zu füllen. Bete vom Grunde deines Herzens darum, vom Bild erlöst zu werden.

Die Zeit ist es, die das Licht daran hindert, uns zu erreichen. Das Bild ist ein Gefängnis für die Seele, deine Vererbung, deine Erziehung, deine Laster und Bestrebungen, deine Qualitäten, deine psychische Welt.
FF224

Krishnas Mutter, noch nicht wissend, dass er ein Gott ist, war mit ihm zum Strand gegangen. Krishna ass etwas Sand ( wie alle Kinder ), und als die Mutter zu ihm ging und in seinen Mund sah, erblickte sie, so heisst es, das gesamte Universum.
FF225

Die Erdoberfläche und der menschliche Verstand neigen dazu, sich in eigenständige Kunstgebiete aufzuteilen. Verschiedene, sowohl fiktive wie reale Kräfte tauschen die Plätze - wenn es um Erd-Projekte oder, wie ich es nenne, „abstrakte Geologie“ geht, lässt sich „matschiges“ Denken nicht vermeiden. Unser Geist und die Erde sind einer ständigen Erosion unterworfen: Geistige Flüsse waschen abstrakte Ufer aus, gedankliche Wellen unterspülen geistige Klippen, Ideen verwittern zu Steinen des Unwissens, und Gedankenkristalle zerbrechen zu Splittern des Verstandes. In diesem geologischen Maisma wirken rasante Kräfte und sie bewegen sich in sehr physischer Weise fort. Ihre Bewegung scheint äusserst träge, doch sie begräbt die Landschaft der Logik unter Gletschern der Imagination. Dieser langsame Fluss macht uns die Verworrenheit des Denkens bewusst. Innerhalb der bestehenden Grenzen des Geistes gehen Steinschlag, Erdrutsche und Lawinen nieder. Der ganze Körper wird ins geistige Sediment hineingezogen, wo Teilchen und Bruchstücke sich als solides Bewusstsein zu erkennen geben. Der Künstler ist von einer fahlen, zersplitterten Welt umgeben. Mit Mustern, Schemen und Unterteilungen. Ordnung in dieses chaotische Werk des Zufalls zu bringen ist ein ästhetischer Prozess, mit dem man sich bisher kaum befasst hat.
FF226

Es muss gewesen sein, als ich sieben war. Dass ich eines klaren, stürmischen Frühlingstages, während mich irgendwer von hinten umfasste, im Winkel des Gartens in den aufgelassenen Brunnen sah, in den eckigen Schacht, der abwärts in die Tiefe stürzte: bemoostes, altes Steingemäuer, wuchernde Farne, schaudernd eisige Luft; und drunten auf dem Grund stand reglos und wie ein rostiger Spiegel das Wasser. Heute weiss ich: da zum ersten Mal beschlich mich etwas, das vieles in meinem Leben bestimmte.

Wäre jene eine Sekunde eines Frühlingstages des Kindes nicht gewesen und nicht der Blick hinab in die mit kalten Mörderaugen aufgefüllte Düsternis in der Erde -, womöglich hätte ich, zwanzig Jahre alt, dem Freund die Stirn gespalten, oder ich wäre mit fünfundzwanzig in der Kolonne der Ideologen marschiert, hätte vielleicht mit dreissig mich für die Liebe geopfert, mit fünfunddreissig vor Verzweiflung den Strom des Unabänderlichen überquert oder aber mir mit vierzig in unserer Stadt einen Namen gemacht. Doch es ist anders gekommen. Einmal nur im nördlichen China am Yung-time, dem „Ewig-Unwandelbaren“, als auf seinen Wellen unirdisch weiss die Sonne flammte, überfiel mich der Rausch des Kampfes, der das Leben für nichts erachtet; sonst bin ich in allem träge geblieben und immer der unbeteiligte Augenzeuge.
FF227

Die Dekonstruktion ist (nach Jacques Derrida) eine Lektüreweise, die in den Texten der Philosophie, an ihren „Rändern“ aufzusuchen versucht, was sich ihrer Begrifflichkeit entzieht. Sie nimmt ernst, was Nietzsche meinte, als er von einem Philosophieren „mit dem Hammer“ sprach. Denn das ist nicht der Hammer der Zerstörung, sondern der Hammer - das Hämmerchen -, mit dem wir prüfend gegen eine Glocke schlagen, um zu hören, ob sie einen Sprung hat. Die Dekonstruktion ist eine Lesekunst, die die Sprünge in unserem Denken und Selbstverständnis auffindet.

Der Aufweis des Sprunges in der philosophischen Schüssel vollzieht sich um willen dessen, das heisst: aus Verantwortung für das, was nicht in sie hineinpasst. Ein Ausdruck für es (es trägt bei Derrida viele Namen) ist das „Singuläre“. Die Dekonstruktion unterläuft und zerlegt die philosophischen Konzepte - die Konzepte wie Bedeutung, Uebereinstimmung, Recht, Werk -, weil sie dem Singulären nicht gerecht werden können: dem Singulären des sprachlichen Akts, der abweichenden Meinung, der individuellen Sprache, des textuellen Ereignisses.

Was ist aber die Quelle dieser Verantwortung gegenüber dem Singulären? Eine erste Antwort von Jacques Derrida besteht in der Verweigerung einer Antwort.
Eine zweite Antwort deutet die Verantwortung gegenüber dem Singulären gleich und ausschliesslich in einem ethischen-politischen Sinn.

In wessen Namen operiert die Dekonstruktion? Es ist die Idee des Unbedingten. Die Dekonstruktion will zeigen, dass jedes philosophische Konzept auf einen unbedingten Anspruch antwortet, der dieses zugleich unendlich überschreitet: philosophische Konzept sind Gefässe unbedingter Ideen, die in keinem Gefäss gefasst werden können. Für Derrida sind Wahrheit und Gerechtigkeit wohl die wichtigsten unbedingten Ideen. Sie müssen wir einzuholen versuchen - zum Beispiel die Wahrheit durch Begründungen und die Gerechtigkeit durch Recht -, aber nichts kann sie einholen: sie sprengen ihre begrifflichen Gefässe. Die manchmal kaum merklichen Risse, die dabei entstehen, ertastet die Dekonstruktion.

Wir sind niemals ganz das, was wir kulturell, geschichtlich und sozial geworden sind. Wir sind die Bewegung des Hinausgehens über alles, was wir sind. Diese Bewegung kann in ihren Spuren gelesen werden, begreifen kann und will auch die Dekonstruktion sie nicht.
FF228/1

Dekonstruktion ist keine Theorie, sondern eine Strategie. Jacques Derrida, von dem der Begriff stammt interessiert dabei die Fragestellung:
Was tun eigentlich Autoren (Künstler), damit sie in ihren Werken unteilbare Wahrheiten und Absolutheiten postulieren können? Was unternehmen sie, um Grundprinzipien schlüssig rechtfertigen und behaupten zu können?
Durch einen mehrschichtigen und mehrstimmigen Kommentar versucht Derrida herauszufiltern, welche Anstrengungen, Täuschungsmanöver und Vereinfachungen Autoren (Künstler) machen müssen, um Eindeutigkeit und Unumstösslichkeit zu konstruieren. Diese Schichtarbeit nennt sich Dekonstruktion. Sie bewegt sich in Zwischenräumen und ist als Denken selbst unterwegs in Zwischenräumen um herauszufinden, wer und wo wir sind, wenn wir keine festen und unveränderlichen Bedeutungen mehr annehmen.
FF228/2

Nur dadurch, dass wir Handlungen und Dinge als Handlungen und Dinge bezeichnen, die diese Handlungen und Dinge überhaupt nicht sind, weil sie diese Handlungen und Dinge überhaupt nicht sein können, kommen wir weiter, nur dadurch, sagt Oehler.

Im Grunde ist alles was gesagt wird zitiert, ist auch ein Satz von Karrer.
FF229

Wenn wir uns selbst beobachten, beobachten wir ja immer niemals uns selbst, sondern immer einen andern. Wir können also niemals von Selbstbeobachtung sprechen, oder wir sprechen davon, dass wir uns selbst beobachten als der, der wir sind, wenn wir uns selbst beobachten, der wir aber niemals sind, wenn wir uns selbst beobachten und also beobachten wir, wenn wir uns selbst beobachten, niemals den, welcher wir zu beobachten beabsichtigt haben, sondern einen Anderen... Der Begriff der Selbstbeobachtung ist also falsch. So gesehen sind alle Begriffe (Vorstellungen), sagt Oehler, wie Selbstbeobachtung, Selbstmitleid, Selbstbezichtigung und so fort, falsch. Wir selbst sehen uns nicht, wir haben niemals die Möglichkeit, uns selbst zu sehen. Wir können aber auch einem anderen ( einen anderen Gegenstand ) nicht erklären, wie er ist, weil wir ihm nur erklären können, wie wir ihn sehen, was wahrscheinlich dem entspricht, das er ist, das wir aber nicht so erklären können, dass wir sagen können, so ist er. So ist alles immer etwas ganz anderes, als es für uns ist, sagt Oehler. Und immer etwas ganz anderes, als es für alles andere ist. Ganz abgesehen davon, dass auch noch die Bezeichnungen, mit welchen wir bezeichnen, ganz andere als die tatsächlichen sind. Insoferne alle Bezeichnungen gar nicht stimmen, sagt Oehler.
FF230

Seine Sprache, „vom tosenden Kopf hinuntergeschissen auf die Finger“, war nicht eine Sprache der Kunst, sondern eine radikale Kunstsprache.
FF231


Kunst ist ein Mittel, um zu einer Aktivität des Erforschens zu gelangen. Aber meine Haltung ergibt sich daraus, dass ich nicht Wissenschafter, sondern Künstler bin, was gleichbedeutend ist mit einer anderen Art des Forschens.
FF232

Wenn die Menschen nicht manchmal unsinnige Dinge täten, würde nichts
Kluges getan werden.
FF233

Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, ausser an zusätzlicher Information.
FF234

Für mich ist die Bedeutung der Pausen entscheidend. es kommt mir in meinen Stücken auf das unsichtbare Gegenwärtige an; auf das, was anwesend ist, aber nicht ausgesprochen wird; auf die Kräfte zwischen den Figuren, die in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen.
FF235

Wie ein Quell muss es sprudeln. So wie Ideen sprudeln, befindet sich einer in guter Gesellschaft. Dazu müsste ich, sagte der Arzt, Ihre Halsschlagader anstechen; ein breiter Längsschnitt - dann sehen Sie es sprudeln.
Der Patient lachte.
FF236

Für die Welt bin ich, und bin es mit Absicht, bloss ein Dilettant und ein Dandy - es ist nicht klug, der Welt sein Herz zu zeigen, und da gravitätisches Auftreten der Deckmantel der Narren ist, ist die Narrheit in ihren erlesenen Verkleidungen von Trivialität und Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit das Gewand des Weisen. In unserem vulgären Zeitalter braucht jeder eine Maske.
FF237

Ethik oder die 101. Kuh

In einem Dorf gibt es 100 Bauern, die vereinbart haben, dass jeder täglich eine Kuh auf die Allmend schicken darf. Das funktioniert sehr gut über einen längeren Zeitraum.
Eines Tages jedoch sieht ein Bauer, wie sein Nachbar nicht nur eine Kuh, sondern zwei Kühe in die vorbeiziehende Herde schiebt. Er traut seinen Augen nicht, möchte aber ganz sicher gehen. Also steht er am nächsten Morgen um dieselbe Zeit wieder am Fenster und siehe da: Wiederum sind es zwei Kühe, die der Nachbar aus dem Stall lässt. Der Bauer ist empört, aber nicht lange. Sehr bald nämlich kommt ihm eine Idee:“ Wenn das mit zwei Kühen bisher bei meinem Nachbarn gut gegangen ist, dann wird es sicher auch nichts ausmachen, wenn ich täglich eine zweite Kuh auf die Allmend schicke.“
Gedacht, getan - und so sind es nun 102 Kühe, die dieselbe Futtermenge beanspruchen.
Natürlich bleibt das nicht lange unbemerkt, und jede Woche gibt es mehr Kühe auf der Weide, die für 100 von ihnen reichlich Nahrung spendet, für 120, 130 oder gar 150 jedoch nicht mehr brauchbar ist. Und so bricht nach einer gewissen Zeit das System zusammen, dessen Basis Anständigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen waren.
FF238

Nie habe ich etwas anderes als nichts geliebt.
FF239

Wenn das Kissen warm geworden ist, sollte man es umdrehen.
FF240

Nimmt man den Begriff Poesie als Synonym für die Herstellung und Wirkung von Kunst, böte sich die Definition von Marcel Duchamp an, der den schöpferischen Akt als Ausdruck der Differenz zwischen einem Rest an Nichtdarstellbarkeit der künstlerischen Vision und dem ästhetischen Surplus eines ungewollt Mitdargestellten sieht. Auch für Duchamp scheint mithin das Unstimmige, der „Fehler“ dasjenige zu sein, was dem künstlerischen Produkt erst Gültigkeit verschafft.
FF 241

Aus dem Paradies des Illusionismus vertrieben, von der reinen Bildfläche ferngehalten, verstrickt sich der Betrachter zwischen den verwirrenden Anforderungen, die die Moderne an das Sinnesverhalten erhebt. Der unreine Raum , indem er steht, hat sich radikal verändert. Die Aesthetik des Diskontinuierlichen manifestiert sich in veränderten Raum-Zeit-Verhältnissen: Die Autonomie der Teile, der Aufstand der Objekte und die Leerstellen werden zu produktiven Kräften in allen Künsten. Abstraktion und Realität - nicht Realismus - führen dieses erbitterte Streitgespräch...

Verfremdung scheint eine notwendige Vorbedingung für Erfahrung zu sein. Alles, was uns zu nahe kommt, trägt die Aufschrift: Objektiviere mich erst und verschlinge mich dann...
FF 242

Wir haben 99.9 Prozent unserer DNA mit Schimpansen gemeinsam und wahrscheinlich 50 Prozent mit Bananen. Wir sind trotzdem einzigartig und nicht Halbbananen. Für mich ist das ein sehr erhebendes Gefühl.
FF243

Es gibt für die meisten Leute keine Lücken, durch die man zwischen Wort und Gegenstand hindurchschauen und ins Nichts starren muss, als rutsche man aus seiner Haut ins Leere.

Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt. Bis heute denke ich vieles nicht in Worten, habe keine gefunden, nicht im Dorfdeutschen, nicht im Stadtdeutschen, nicht im Ost- oder Westdeutschen. Und in keinem Buch. Die inneren Bereiche decken sich nicht mit der Sprache, sie zerren einen dorthin, wo sich Wörter nicht aufhalten können. Oft ist es das Entscheidende, über das nichts mehr gesagt werden kann. Den Glauben, das Reden komme den Wirrnissen bei, kenne ich nur aus dem Westen.
FF244

Der Künstler als Verkörperung des Menschenwitzes: In der Antike beweist der geistreiche Künstler durch seinen Witz, dass sein Können die bloss technische Fertigkeit übersteigt.

Michel Foucault sieht im Autor die Schnittstelle einer Funktion, welche die Existenz, die Operation und die Zirkulation von Diskursen in der Gesellschaft über die Maske einer Person anschaulich macht.
FF245

Mais ce qui reste est oeuvre des poétes
FF246

Die Technisierung der Wahrnehmung fordert als ihren Gegenpol eine Theorie leiblicher Anwesenheit heraus.
FF247

Die Sprache quillt aus einem unpersönlichen Schweigen, steigt durch Geplapper und Wortsalat hindurch zu geordnetem Gespräch auf; und von dem Gespräch entwickelt sie sich über Dichtung und Gebet schliesslich hin zu einem echten, persönlichen Schweigen.
FF248

Real ist das, woran wir glauben.
(Zusatz: Ich glaube weil es absurd ist.)
FF249

Der vollkommene Mensch ist ohne Ich, der inspirierte Mensch ist ohne Werk, der heilige Mensch hinterlässt keinen Namen.
FF250

Schlecht gesehen schlecht gesagt.
FF251

„ Ein Mann läuft auf der Strasse, stolpert und fällt hin: die Passanten lachen.“

Die Quelle des Lachens liegt hier, nach Henri Bergson in der Interferenz zwischen dem Mechanischen und dem Lebendigen, in einem Zusammenstoss zwischen einer materiellen Dynamik (der hier den vertikalen Fall des Körpers bewirkt) und einer lebendigen Dynamik (die dazu einlädt, den horizontalen Lauf fortzusetzen).
Indem Bergson das Lebendige mit dem Automatischen zusammenfallen lässt, offenbart er uns nicht nur die Triebfeder des Komischen, sondern auch eine dunkle und tiefe Wahrheit, die die Natur dessen berührt, was sich als freies und autonomes Leben ausgibt. Laufen ist im Endeffekt vielleicht nur eine abgewandelte Form des Fallens (was im übrigen die Physik lehrt), eine scheinbar spontane Geste könnte in Wirklichkeit nur eine besonders gekünstelte Version des automatischen Handelns sein, und die Tatsache zu leben eine subtile und komplizierte Version der Tatsache, tot zu sein.
Frei nach Kant: „ Es muss in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann)“
FF252

Bei einem Abendessen wird dem Gast Salat angeboten. Statt sich zu bedienen setzt dieser die Salatschüssel auf den Kopf. Angsichts des allgemeinen Erstaunens rufen alle:“Aber das ist doch Salat!“ Der Gast antwortet:“Entschuldigen Sie, ich dachte, es sei Spinat.“
FF253

Wenn wir die Welt von unsern Schultern nehmen, bemerken wir, dass sie nicht fällt.
FF254

Der Programmierer-Gott macht die Welt nicht ein für allemal, sondern viele Male (...). Das Universum verhält sich wie ein Programm, bis es abstürzt oder wild wird, und dann wird die Tafel saubergewischt, und ein neues Spiel beginnt.
FF255

Auf der Bühne des Lebens treten Psyche und Soma immer gemeinsam auf; sie können nur aufeinander bezogen sinnvoll gedacht werden und existieren nur miteinander. Was den einen Bereich betrifft, bewirkt etwas auch im anderen. Diese besondere Art der Zusammengehörigkeit ist in neuerer Zeit sowohl durch die theoretische Physik wie durch die dialogische Philosophie geklärt worden. Es handelt sich um Bereiche und Begriffe, die sowohl gleichzeitig und gleichwertig zusammengehören, wie auch sich gegenseitig ausschliessen und in mancher Beziehung gegensätzlich und widersprüchlich sind. Mit dem einfachen entweder „psycho-...“ oder „somato-...“ ist es vorbei; aber auch der Weg zurück in ein diffuses Einheitsdenken ist eine Sackgasse.
FF256

Woher stammt die menschliche Gewalttätigkeit? Warum gibt es sie? Die neue Evolutionstheorie, die Theorie spricht von der natürlichen Auslese durch ein „egoistisches“ Gen, anders bezeichnet als „inklusive Fitness-Theorie“, „Sozialbiologie“ oder, umfassender als „Verhaltensökologie“. Sie eroberte sich unsere Hochschulen und revolutionierte das Darwinsche Denken durch den Nachdruck, den sie auf die Tatsache legte, dass die letzte Ursache für das Verhalten jedes Individuums nur die Maximierung des genetischen Erfolges dieses Individuums sei, mit andern Worten: die möglichst gute Uebertragung der Gene dieses Individuums auf nachfolgene Generationen. Die neue Theorie, publikumswirksam in Richard Dawkins „Das egoistische Gen“ dargestellt, ist inzwischen Allgemeingut der Biologie geworden, da sie tierisches Verhalten wunderbar erklärt. Sie macht Egoismus, sogar Mord aus Egoismus, ohne weiteres einsichtig. Und sie wurde immer überzeugender auch auf menschliches Verhalten angewendet, obgleich die Debatte immer noch sehr heiss ist. Jedenfalls ist das allgemeine Prinzip, dass Verhalten egoistischen Zielen dient, weitgehend akzeptiert. Und die Vorstellung, der Mensch könnte durch die natürliche Auslese mit der „vorteilhaften“ Eigenschaft bedacht sein, seine Feinde zu hassen und zu töten, erscheint vollkommen vernünftig, wenn auch nicht ohne Tragik.
Die konkrete Ausarbeitung dieser Theorie fehlt aber: Die meisten Tiere sind nämlich nirgends auch nur annähernd so gewalttätig wie der Mensch - warum also hat sich derart aggressives Verhalten gerade bei Menschen entwickelt? Warum tötet er den Feind, statt ihn einfach zu vertreiben? Warum vergewaltigt, foltert und verstümmelt er? Warum entdecken wir diese Verhaltensmuster bei uns selbst, aber auch bei den Schimpansen? Weshalb aber bei den verschwisterten Bonobos nicht?
FF257

Nun sei gesagt, dass Kunst kein Geschäft ist; ist sie dies, ist sie eine „Schweinerei“, und sonst nichts. Kunst ist eine Lebensform. Sie ist durchaus mit dergleichen wie einen Bus nehmen, Blumen pflücken, lieben, den Boden fegen, von einem Affen gebissen werden, ein Buch lesen usw. ad infinitum vergleichbar.... Kunst ist, wenn sie Kunst ist, wie sie z.B. Satie gelebt und gemacht hat, ist sie nicht vom Leben isoliert.
FF258


Nun, meine Kreationen lassen sich wie Frisuren beurteilen, sie gelingen unterschiedlich ordentlich.
Das Kino ist zum Denken gemacht.
Wie Duras liebe ich das Kino, weil es da nichts zu tun gibt: das Set ist wie eine Baustelle, die eine gaffende Menge anlockt, doch nichts geschiet.
FF259

Um einige chronologische Anhaltspunkte zur Verdichtung der Zeit in der Geschichte zu liefern, sei daran erinnert, dass man um 1600 begann, von Zehntelsekunden zu sprechen, um 1800 von Hundertstelsekunden, um 1850 von Millisekunden und um 1950 von Mikrosekunden (Millionstelsekunden); 1965 waren es Nanosekunden (Milliardstelsekunden), 1970 Pikosekunden ( Tausendstel von Milliardstelsekunden), 1990 Femtosekunden ( Millionstel von Milliardstelsekunden), und 2020 werden wir vermutlich bei Attosekunden angekommen sein, das sind Milliardstel von Milliardstelsekunden.
FF260

1
Wir alle haben tiefgreifende Unterdrückung und Ablehnung erlebt. In unserer Kultur ist es üblich, dass man in seinem Kindsein zurückgewiesen wird, weil man nicht den Erwartungen von Erwachsenen entspricht. Gleichzeitig darf ein Kind sich nicht als Opfer erleben, denn das würde dem Mythos widersprechen, dass ja alles aus Liebe und zu seinem Besten geschieht. So wird das Opfersein zur Quelle eines unbewussten Zustandes, in dem das eigene Erleben als etwas Fremdes ausgestossen und verleugnet werden muss. Diesen Teil von sich wird der Mensch fortan suchen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es ist dieses Suchen, das uns zum Verhängnis wird.
2
Unsere Wahrnehmung wird durch Prozesse geformt, die auf Gehorsam und der Identifikation mit der Macht basieren.
3
Verwöhnung hat nichts mit Liebe zu tun. Eine Mutter die ihren Sohn verzärtelt, setzt sich gegen den Vater, wodurch er sich als der Bessere fühlt. Diese Phantasien schaden der Entwicklung des Sohnes. Es beginnt ein permanenter Wettkampf mit dem Vater - und mit allen, die stellvertretend für diesen stehen. Doch die vermeintliche Stärke des Sohnes ist keine eigene innere Kraft. Sie ist nur ein von der Mutter aufgezwungenes Konstrukt.
4
Wir müssen alles fördern, was Liebe gedeihen lässt. Dies ist der Weg, wie man sich aus der Identifikation mit dem Aggressor lösen kann. Indem man die Idealisierung reduziert, wird die Entwicklung eines eigenen Selbst und so auch von Menschlichkeit gefördert.
Die wirkliche Lösung besteht jedoch in dem Bemühen, dem Drang nach Grösse und Besitz Einhalt zu gebieten und Menschen stattdessen zu ihren wahren Möglichkeiten zurückzuführen, die mit Liebe, Zuwendung, Nähe und Zugang zum Schmerz in Zusammenhang stehen.
FF261

Grundlage einer Entwicklung zur anti-demokratischen Persönlichkeit ist für Winnicott die Tatsache, dass viele Eltern keine gute Eltern sind. Mit einer solchen Entwicklung geht auch eine Angst vor der Frau einher, die ihre Ursachen in der tiefen Abhängigkeit des kleinen Kindes von der Mutter hat.
FF262

Freud irrte sich, als er annahm, dass das Destruktive durch Sublimierung in konstruktive Bahnen umgeleitet werden kann. Das Destruktive ist nicht dasselbe wie die Aggression, die eine berechtigte Reaktion auf eine Unterdrückung ist. Das Destruktive im Menschen entsteht, weil das Eigene zum Fremden gemacht und dann gehasst wird. Dieser Hass muss zurückgeführt werden zu seinen Quellen, zum eigenen Opfer, das man einst war. Nur so lässt sich der wahre Aggressor identifiziern. Erst wenn wir uns mit seiner terrorisierenden Macht konfrontieren, können wir den Hass auf uns selbst und auf andere Opfer erkennen. Der Hass lässt sich nur beenden, indem man die Trauer über die ungenügende Liebe der Eltern zulässt. Erst dann kann der Mensch kreativ werden. Freud dachte, dass das Aggressive, das Bösartige einfach umgeleitet werden kann. Dadurch erkannte er nicht, dass es einen Unterschied gibt zwischen berechtigter Agression und Hass. indem er beides in einen Topf warf, verschleierte er den destruktiven Aspekt des Ehrgeizes und unterstütze damit das, was unsere auf Erfolg und Leistung ausgerichtete Kultur fördert: Ehrgeiz und Leistung, das Schaffen von Grösse als Selbstzweck. Erfolg und Leistung beeindrucken natürlich, deshalb wird auch nicht sichtbar, dass sie dem Destruktiven dienen.
FF263

Wenn wir sagen, dass das Wort „Katze“ fünf Buchstaben hat, bedeutet „Katze“ ein Wort und nicht mehr ein Tier. Philipp der Kanzler (1228) unterschied daher eine Verwendung des Begriffs in essendo und in significando. Da Bilder Zeichen seien, könne man auf sie dieselbe Diochtomie anwenden: Wie das Wort „Katze“ für sich selbst oder für eine Katze stehen könne, könne man das Bild für sich oder in Bezug auf den Dargestellten (Christus) betrachten. Im zweiten Fall sei es nur Medium, durch das die Anbetung auf den Dargestellten übergehe.
FF 264


Löst Kunst ihre Transportprobleme?
(F439)
Theorien beantworten keine Transportfragen. Theorien antworten immer nur auf andere Theorien und entwickeln zu ihrer eigenen Unterhaltung verstiegene Knacknuss-Gebilde. Wenn Gilles Deleuze anlässlich der Bilder von Francis Bacon eine Logik der Sensation schreibt, so war das seine Logik, und nicht diejenige Bacons. Aber Deleuze wusste natürlich selbst am besten, dass das Denken mit der Logik alleine nicht zu erfassen ist.
Es ist das Bild mit all diesen so unlogischen Linien, die mit Fingern zeigen und grinsen. Seine Linien sind es, die etwas zeigen, aber nichts verraten. All die Dinge, die man zu sehen glaubt, sind letztlich nur bewegte Linien.
FF265


In Jean-Luc Godards Film „Passion“ (1982) fragt ein Mitarbeiter den Regisseur Jerzy Radziwilowicz:“ Gibt es beim Filmen Gesetze?“ - und dieser antwortet so knapp, wie er nur kann:“Gibt es nicht!“
FF266

Es gibt beispielsweise dieses Buch mit dem Titel: „ Was ist der Name dieses Buches?“ Und wenn man fragt: „Was ist der Name dieses Buches?“, so lautet die Antwort: „ Was ist der Name dieses Buches“? Das gehört in diese ganz spezielle Klasse von Phänomenen, in denen Fragen und Antworten identisch werden. Dieser Buchtitel ist ein wunderschöner Hinweis darauf, wie wenig sich Fragen und Antworten trennen lassen. Noch pointierter finden wir das bei Ludwig Wittgenstein: „Was ist eine Frage?“ Damit kann man die Leute am besten ärgern.
FF267

Feuerbachs Urteil, dass seine Zeit „das Bild der Sache, die Kopie dem Original und die Vorstellung der Wirklichkeit“ vorziehe, ist durch das Jahrhundert des Spektakels voll und ganz bestätigt worden. (Siehe auch FF269)

Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder.
FF268

Aber freilich... diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht...; denn heilig ist sich nur die Illusion, profan aber die Wahrheit. Ja die Heiligkeit steigt in ihren Augen in demselben Masse, als die Wahrheit ab- und die Illusion zunimmt, so dass der höchste Grad der Illusion für sie auch der höchste Grad der Heiligkeit ist.
FF269

Robert Pirsig erzählt in seinem Buch «Zen und Kunst ein Motorrad zu warten» die Geschichte einer Studentin, die es nicht schaffte einen Aufsatz ( über die Vereinigten Staaten) zu schreiben. Sie war sehr gewissenhaft, diszipliniert und fleissig. „Grenzen sie das Thema auf die Haupstrasse von Bozeman ein“. Das die plötzliche Einsicht des Professors. Sie nickte pflichbewusst und ging hinaus. Aber kurz vor der nächsten Stunde kam sie wieder, völlig niedergeschlagen und in Tränen aufgelöst. „Sie machen eben die Augen nicht auf“! sagte er wütend. Er dachte daran, wie er selbst von der Universität geflogen war, weil er zuviel zu sagen gehabt hatte. Aergerlich sagte er ihr:“ Grenzen sie es auf die Fassade eines einzigen Gebäudes auf der Hauptstrasse von Bozeman ein. Meinetwegen des Opernhauses. Fangen sie mit dem ersten Ziegelstein oben links an.“ Mit einem verwirrten Ausdruck im Gesicht kam sie in der nächsten Stunde und überreichte ihm einen fünftausend Worte langen Aufsatz.
Er kam zum Schluss, dass sie offenbar eine ganz ähnliche Blockade gehabt hatte, wie er an seinem ersten Unterrichtstag. Sie war blockiert, weil sie versuchte, mit eigenen Worten Dinge zu wiederholen, die sie schon einmal gehört hatte, genau wie er am ersten Tag versucht hatte, Dinge zu wiederholen die er sich vorher schon zurechtgelegt hatte. Sie wusste nicht, was sie über Bozeman schreiben sollte, weil sie sich an nichts erinnern konnte, was einer Wiederholung wert gewesen wäre. Sie kam sonderbarerweise gar nicht auf den Gedanken, dass sie sich beim Schreiben selber umschauen, mit eigenen Augen sehen konnte, ohne sich darum zu kümmern, was andere vor ihr gesagt hatten. Die Eingrenzung auf einen Ziegelstein beseitigte die Blockade.
FF270


Bilder zählen, sie sind keine blossen Spielmarken, doch nicht, weil sie Urbilder von etwas über, unter oder entfernt von ihnen wären: sie zählen, weil sie ermöglichen, sich zu einem anderen Bild zu bewegen, das ebenso zerbrechlich und bescheiden wie das erste, doch von diesem verschieden ist.

„La vérité est image, mais il n`y a pas d`image de la vérité“. M-J. Mondszain
Die Wahrheit ist Bild, doch es gibt kein Bild von der Wahrheit.
FF271

Der Sachverhalt besteht darin, dass unser Leben bis in den Alltag hinein und damit unsere Einstellung zur Wirklichkeit von gewissen gedanklich klar formulierten Grundkonzepten abhängen. Diese Grundkonzepte sind es, welche unsere gesamte Wirklichkeit gestalten. Grundkonzepte wie das des platonischen Dialoges, also das deduktive Denken(*1) ; wie ebenfalls das Konzept der christlichen Verantwortung, also die Ichbewusstheit; wie das von Galilei postulierte Konzept der Wissenschaftlichkeit, welches er in den Satz zusammenfasste: “Messen was messbar ist, und messbar machen, was es noch nicht ist“, sowie seit einigen Jahrzehnten unter anderem das Konzept der Indeterminiertheit (*2). Sie alle sind für unser Verhalten, für unsere Art, Welt und Wirklichkeit zu sehen und zu gestalten, bestimmend, und sie beeinflussen jede unserer Aeusserungen, jede Beziehung, bewirken die jeweils vorherrschende soziologische Struktur und damit selbst die Art unseres wirtschaftlichen Denkens.

(*1) Ableitung des Besonderen und Einzelnen aus dem Allgemeinen. Die allgemeine Denkform der Deduktion ist dabei der Schluss. Die deduktive Methode ist nur in der Naturwissenschaft, besonders in der Mathematik anwendbar.
(*2) Konzept der Indeterminiertheit nach Jean Piaget:
Anerkennung des Spontancharakters der geistigen Kulturentwicklung.
Das was ein Individuum wird, ist weder primär von seiner Umwelt noch vom Ensemble seiner Erbeigenschaften allein abhängig, sondern von seiner Aktivität, seiner Eigenbewegung, die über weite Strecken eigenen Regeln folgt.
FF272


Einem bekannten Universitätslehrer, der sein wenig anmutendes Spezialfach reichlich mit Witzen zu würzen pflegte , wird zur Geburt seines jüngsten Kindes gratuliert, das ihm in bereits vorgerückten Alter beschieden wurde. „Ja“, erwidert er den Glückwünschenden, „ es ist merkwürdig, was Menschenhände zustande bringen können.“
FF273


Die Lust am Unsinn: Die Einschränkungen, die bei der Erziehung zum richtigen Denken und zur Sonderung des in der Realität Wahren vom Falschen Platz greifen müssen, sind gewaltig. Und darum ist die Auflehnung gegen den Denk- und Realitätszwang eine tiefgreifende und langanhaltende; selbst die Phänomene der Phantasiebetätigungen fallen unter diesen Gesichtspunkt. Die Macht der Kritik ist in dem späten Abschnitt der Kindheit und in der über die Pubertät hinausreichenden Periode des Lernens meist so sehr gewachsen, dass die Lust am „befreiten Unsinn“, sich nur selten direkt zu äussern wagt. Ein guter Teil des studentischen Ulks und der Revolte gehört dieser Reaktion an. Der Mensch ist eben ein „unermüdlicher Lustsucher“.
Die Bedingtheit des Witzes ist seine Tendenz, das lustvolle Spiel durchzusetzen, und es vor der Kritik der Vernunft zu schützen. Die Macht des Witzes besteht in dem Lustgewinn, den er aus den Quellen des Spielens mit Worten () und des befreiten Unsinnes zieht.
FF274

Definitionen sind konventionell und lassen sich abändern.
FF275

Computer und Mensch haben bei der Verarbeitung von Informationen völlig verschiedene Fähigkeiten. Es gibt deshalb keinen Grund, von Computern zu verlangen, Probleme wie ein Mensch zu lösen. Die Maschine ist äusserst schnell und im konkreten Rechnen praktisch fehlerfrei. Aber der Mensch hat das, was man Intuition nennt, und er kann ganzheitliche Urteile fällen. Die menschliche Intelligenz zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt aus. Im Leben zählt viel mehr als ein akademisch hoher IQ. Etwa die soziale Intelligenz.
FF276

Georges Bataille verstand seine Streitschrift „Die Aufhebung der Oekonomie“ als Kritik am Produktionswahn des Kapitalismus, an dem auch der Kommunismus prinzipiell festgehalten hätte. Gegen dieses Paradigma bringt er darin ein - im wahrsten Sinne des Wortes - luxuriöses Konzept von Wirtschaft ins Spiel, das er bildhaft als eine „Oekonomie im Rahmen des Universums“ formuliert. Reichtum und Energie setzt er darin gleich.
„Die Energie ist Grund und Zweck der Produktion“, und es komme darauf an, wie überschüssige Energien, die Resultat jeglicher Produktion seien, verbraucht werden. Den Sinn einer poetischen Form einer Verausgabung, die er als eine Möglichkeit begreift, dem Zwang zur Akkumulation zu entgehen, beschreibt er in einem Vergleich mit der Sonnenenergie. „ Der Sonnenstahl, der wir sind, findet am Ende die Natur und den Sinn der Sonne wieder: er muss sich verschenken, sich ohne Brechungen verlieren. Ein lebendes System wächst, oder verschwendet sich grundlos.
FF277

Der Dichter Edouard Glissant aus Martinique behauptet, dass die europäischen Intellektuellen unter dem Zwang zu universalistischen Weltanschauungen und Theorien,zur Vereinheitlichung des Wissens neigen: Deshalb nur das eine Meer in der Mitte, der eine Gott, die eine Ideologie, die eine Wahrheit und damit die verheerenden Auswirkungen in der Geschichte: Kolonialismus, Zentralperspektive...
Gegen die Definition durch „Identitätsmaschinen“ setzt Glissant die mögliche Kraft einer „Poetik der Beziehungen“. Es sind Energien gegen die Abschaffung von kraftvollen Mannigfaltigkeiten durch die Globalisierung. Mit Bataille, Blanchot, Deleuze, Derrida, Foucault u.a. kämpft er im Jahrhundert der Uniformierungen dagegen und bringt das Konzept einer mondialité (Mundialität) ins Spiel, bei dem die Mitspieler aus den Peripherien, den Nischen, den Rändern der Machtterritorien kommen, nicht nur, aber auch im geografischen Sinne. „ Jene, die sich hier ein Stelldichein geben, kommen immer von einem „dort drüben“, aus der weiten Welt, und sie haben beschlossen, das unsichere Wissen ins Hier mitzubringen, das sie von dort abgeholt haben“. Derrida:“ Dieses brüchige Wissen ist keine gebietende Wissenschaft. Wir ahnen, wir folgen einer Spur“.


Kunst schafft nicht nur, sondern beobachtet, reflektiert auch. Der Künstler schafft Spuren und er entziffert sie: Er ist Spurenleger und Spurenleser. Spuren sind nichts Naturwüchsiges. Sie sind Imprägnierungen von Ereignissen und Bewegungen und bedurften schon in der archaischen Zeit der Jäger und Sammler eines intensiven Lernens im Entziffern, im Lesen und im Zuordnen von Zeichen. Formen auch des Theoretisierens zu finden ist Teil der kreativen Arbeit des Künstler-Forschers.
FF278

Das einfachste lebende System ist die Zelle. Eine Zelle ist ein von Membranen begrenztes, selbsterzeugendes, organisatorisch geschlossenes metabolisches (1) Netzwerk. Die Zelle ist in materieller und energetischer Hinsicht offen und der ständige Fluss von Materie und Energie wird dazu benutzt, sich zu produzieren, zu reparieren und fortzupflanzen. Die Zelle operiert fern vom Gleichgewicht, wo neue Strukturen und neue Formen spontan entstehen können, was somit zu Entwicklung und Evolution führt. Diese Merkmale werden von zwei verschiedenen Theorien beschrieben: der Theorie der Autopoiese (wörtlich: “Selbstmachen“) und der Theorie dissipativer Strukturen. Eine dissipative Struktur ist ein offenes System, das sich selbst in einem Zustand fern von Gleichgewicht erhält. Auch wenn sich dieser Zustand fern vom Gleichgewicht unterscheidet, ist es gleichwohl stabil: Die gleiche Gesamtstruktur wird trotz eines anhaltenden Flusses und einer Veränderung von Komponenten aufrechterhalten. Dieser enge Zusammenhang zwischen Struktur einerseits und Fluss und Veränderung andererseits beschreibt Ilya Prigogine in seiner Theorie offener Systeme als „dissipative Strukturen“.
Diese Dynamik schliesst insbesondere die spontane Entstehung neuer Formen von Ordnung ein: Nimmt der Energiefluss zu, kann das System an einen Punkt der Instabilität gelangen (Bifurkationspunkt), an dem es sich in einen völlig neuen Zustand verzweigen kann, in dem neue Strukturen und neue Formen entstehen können. Dieses spontane Entstehen von Ordnung an entscheidenden Punkten der Instabilität ist eines der wichtigsten Konzepte des neuen Verständnisses von Leben. Fachsprachlich nennt man es S e l b s t o r g a n i s a t i o n , oft spricht man einfach von „Emergenz“. Dieses Phänomen der Emergenz ist eines der Kennzeichen von Leben. es gilt als der dynamische Ursprung von Entwicklung, Lernen und Evolution. Mit anderen Worten: Kreativität - die Erzeugung von neuen Formen - ist eine Schlüsseleigenschaft aller lebenden Systeme. das Leben greift ständig nach Neuem.
Diese Sachverhalte verhelfen uns auch zu einer Definition von Komplexität: Während das Studium von Komplexität traditionellerweise ein Studium komplexer Strukturen ist, verlagert sich der Blickwinkel heute von den Strukturen zu den Prozessen ihres Entstehens.

1 Metabolische Prozesse = Muster von Beziehungen (hier zwischen den Makromolekülen)
FF279



Ich gab auf, ehe ich geboren wurde, es ist anders nicht möglich, es musste jedoch geboren werden, er war es, ich war darin, so sehe ich es, er war es, der geschrien hat, er war es, der das Licht erblickt hat, ich habe nicht geschrien, ich habe nicht das Licht erblickt, es ist unmöglich, dass ich eine Stimme habe, es ist unmöglich, dass ich Gedanken habe, und doch spreche und denke ich, ich tue Unmögliches, es ist nicht anders möglich, er war es, der gelebt hat, ich habe nicht gelebt, er hat schlecht gelebt, wegen mir, er wird sich umbringen, wegen mir, ich werde das erzählen, ich werde seinen Tod erzählen, das Ende seines Lebens und seinen Tod, eines nach dem anderen, im Präsens, sein Tod allein wäre nicht genug, nicht genug für mich, wenn es röchelt, so wird er es sein, der röchelt, ich werde nicht röcheln, so wird er es sein, der stirbt, ich werde nicht sterben . . .man wird ihn vielleicht beerdigen, falls man ihn findet, ich werde darin sein, er wird verwesen, ich werde nicht verwesen...
FF280

Drei Jahrhunderte nach Descartes hat uns die Quantentheorie gezeigt, dass sich das klassische Ideal einer objektiven Wissenschaft nicht aufrechterhalten lässt, wenn wir uns mit atomaren Phänomenen befassen. Und in neuerer Zeit hat die Santiago-Theorie der Kognition klar gemacht, dass die Kognition an sich nicht eine Darstellung einer unabhängig existierenden Welt, sondern vielmehr ein „Hervorbringen“ einer Welt durch den Prozess des Lebens ist. Somit sind wir uns nun darüber im Klaren, dass die subjektive Dimension stets in der wissenschaftlichen Praxis impliziert ist.
FF281

Eine wahre Wissenschaft vom Bewusstsein müsste eine neu Art von Naturwissenschaft sein, die sich mehr mit Qualitäten als mit Quantitäten befasst und mehr auf gemeinsamen Erfahrungen als auf verifizierbaren Messungen beruht. Die Daten einer solchen Naturwissenschaft würden Erfahrungsmuster sein, die sich weder quantifiziern noch analysieren lassen.
FF282

„Lieber den Flug des Vogels, der vorüberzieht und keine Spur hinterlässt, als den Zug des Tieres, der sich nutzlos dem Boden einprägt.... Zieh vorüber, Vogel, vorüber und lehr mich vorüberziehen!“

Ich muss euch gestehen, dass dieser Gedanke von Pessoa mich immer wieder getroffen macht. Bei mir sieht es so aus, dass ich immer bestrebt bin irgend welche Spuren zu hinterlassen, irgendein Werk, ein kleines Häuschen vielleicht... und dann kommt einer daher, und sagt:“ Die Postkutsche fuhr über die Strasse und verschwand, die Strasse wurde dadurch nicht schöner und nicht einmal hässlicher“.
FF283

Wer denkt hat eine Augenkrankheit.
FF284

Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue Körper, so treibt mich der Geist.
FF285

Weiber und Western.
Wenn etwa, um nur ein Genre-Beispiel zu nennen, im konventionellen Western der Held in die Weite der Prärie reitet, ist das eine mit genderspezifischen Bedeutungen aufgeladene Aktion. Der aktive und mobile, traditionell männliche Held dringt - eine Aktion, die sich als Penetration konzeptualisieren lässt - in einen weiblich semantisierten Raum ein, der gefahrenvoll, rätselhaft, unheimlich ist, also jenen dunklen unbekannten Kontinent figuriert, den nicht erst Freud mit Weiblichkeit gleichsetzte. Die Landschaft substituiert hier den Frauenkörper.
FF286


„Das Verzeihen ist in den Todeslagern gestorben“. (Vladimir Jankélévitch)
„Der Sinn der Vergebung liegt in ihrer Sinnlosigkeit, in ihrer Unabhängigkeit von Zwecken, Begründungen, strategischen Kalkülen. Dass einer, der seine Familie in den Gaskammern gesehen hat, den Satz aussprechen kann: “Ich vergebe“, ist demnach keineswegs verständlicher als der Satz: “Ich vergebe nicht“. Wir verstehen, dass hier nichts zu verstehen ist“. Mit seinem Hinweis lenkt Derrida die Aufmerksamkeit auf den Punkt, an dem die Intuition und der Akt des Vergebens gemeinsam entspringen.
FF287

Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh ich die Nazuna
An der Hecke blühen!
Basho (1688-1694)

Eine scheinbar unbedeutende und gewöhnliche Begebenheit, die Basho beschreibt. Basho betrachtet die Blume nur. Er fühlt etwas in seinem Inneren, aber er spricht es nicht aus. Basho sieht die Nazuna, die Nazuna sieht ihn. Hier gibt es weder Einfühlung noch Mitgefühl und auch keine Identifikation. Für ihn ist Freiheit eine unsinnige Idee. Der Mensch ist nur frei, wenn er unpersönlich ist. Er ist frei, wenn er er selbst und doch nicht er selbst ist. Solange er diesen scheinbaren Widerspruch nicht voll und ganz versteht, steht es ihm nicht zu, von Freiheit, Verantwortung oder Spontaneität zu sprechen. Freiheit ist ein subjektiver Begriff, der sich objektiv nicht interpretieren lässt.

Im Gegensatz zu Basho pflückt der westliche Dichter Tennyson die Blume. Er pflückt sie von der Stelle, wo sie wächst. er reisst sie aus ihrem Nährboden, was bedeutet, dass die Pflanze sterben muss. Er analysiert sie und ist beredt: Er beschreibt den Gegenstand, er spricht über ihn, er geht um ihn herum, er hält alles fest was seine Sinne und seinen Verstand erregt. Ist aber der ganze Gegenstand damit im Netz gefangen? Der Westen liebt es alles in Worte zu fassen: Es ist ein Appell an das Verstehen, dieses Verstehen ist ein „wissenschaftlich objektives“. Es gibt keine Gefühlstiefe, es ist ganz Intellekt und Logos.
FF288

Religion leitet Giordano Bruno vom lateinischen religare (verbinden) ab, legt dies aber im Gegensatz zu Calvin nicht als das Verbindende von Mensch zu Gott, sondern als das Verbindende zwischen Mensch und Mensch aus. Unabhängig vom Wahrheitswert ihrer Glaubenssätze sind die Religionen für Bruno in erster Linie das Bindemittel, welches die Menschen in moralischer Gemeinschaft zusammenleben lässt.
FF289

Die Menschen können nichts um sich herum sehen, was nicht ihr Gesicht ist, alles spricht zu ihnen von ihnen selbst. Selbst ihre Landschaft ist beseelt.
FF290

Das "Gesicht" ist im interaktiven Bereich vielleicht überhaupt das paradigmatische Phänomen, an welchem klar werden kann, dass die Subjekt-Objekt-Trennung in der Aesthetik keinen Sinn macht.
FF291

Ueberall also stossen wir auf eine Aesthetik von „Natur als Ursprung“, Natur gerade als Gegenpol zur Kunst oder Kultur. Darin spiegelt sich die alte griechische Unterscheidung von physis und techné. Physis ist dasjenige, was von sich aus da ist und darin das Wachsende und Blühende darstellt; und techné ist dasjenige, was sein Sein einem andern verdankt, also hervorgebracht, beweckstelligt, im Heideggerschen Sinn „Gestell“ ist. Dieser Gegensatz aber ist historisch in Auflösung begriffen. Die Natur, die in unsere Sinne fällt, ist Technonatur - ein Begriff, der für die griechischen Philosophen undenkbar war. Technonatur: das heisst ebenso, dass Landschaften, die wir als Natur ansehen, Erzeugnisse der industrialisierten Agrikultur sind; dass Wälder, die wir durchwandern, nicht physis sondern Plantagen der Holzindustrie sind; dass aber auch die eigene Natur, die Natur des Menschen, nicht nur zivilisatorisch stilisiert, sondern an den Fronten der Gen-Medizin, Prothetik und chemischen Modulation heute fragwürdig geworden ist - bis hin zur propagierten Idee eines "postbiologischen Zeitalters".
FF292

Der Verfall der Naturästhetik hängt mit einer Verdrängung des Leiblichen aus dem Selbstbewusstsein des Menschen zusammen. Die Weise, in der wir Leib sind und haben, die Weise, in der unsere eigenen leiblichen und sinnlichen Spürvermögen kultiviert werden, entscheiden, ob wir weiterhin die natürliche Mitwelt und unseren Leib wesentlich in einer Aesthetik der Gewalt oder in einer Aesthetik der Allianz, der Schonung, der Achtung, der Behutsamkeit und des Sympathischen einrichten werden.
Es ist heute eine generelle Verschiebung der Aufmerksamkeit zu konstatieren, die zunehmend von der (verelendeten) physischen Welt sich verlagert in eine imaginäre bezw. simulierte Welt. In Arbeit und Freizeit gleichermassen heisst gesellschaftliche Anwesenheit: die imaginäre Präsenz der Menschen in den Netztwerken der Medien. Dies kann man als Uebergang zu einem neuen platonischen Zeitalter interpretieren oder als späte Rache Platons an Aristoteles: Die platonische Höhle, in der die Menschen dem Schattenspiel der projizierten Ideen zusehen, wird heute durch die milliardenfache Präsenz der Bildschirme gebildet, die unsere Realität sind.
FF293

Aesthetik ist wieder in einem allgemeinen Sinne, wie ihn Alexander Baumgarten entwickelte, als Erkenntnisform, und zwar als sinnliche Erkenntnis zu entwickeln. das heisst aber: Die Kopräsenz von Dingen ( oder Dingensembles) und sinnlich-leiblich wahrnehmendem Subjekt ist zum Ausgang einer ästhetischen Theorie zu wählen.
Für Aristoteles ist Wahrnehmung das Ineins von Wahrnehmendem und Wahrgenommenen. d.h. Dinge und Subjekte haben ihr Sein nicht in einem Für-Sich, sondern sie treten in ihre volle Wirklichkeit gerade erst in der Wahrnehmung - dann also, wenn ein Koppelungszustand (d.i. Wahrnehmung) zwischen Ding und Ich hergestellt ist. Also: das kalt-feucht-Sein des Elementes Wasser tritt in seine Wirklichkeit dadurch, dass es als kalt und feucht gespürt wird. Das Eidos (Urbild, Gestalt) des Wassers hat gleichsam zwei Seiten: Es ist das organisierende Prinzip des Wassers, das dieses kalt und feucht sein lässt, und es tritt gleichsam aus sich heraus, indem es sich als kalt und feucht zeigt, nämlich als solches sich zu spüren gibt. Das nun ist fundamental. Denn eine solchermassen fundierte Naturästhetik bricht die Ontologie des in sich selbst verschlossenen Dinges auf. Auf der Linie des Aristoteles ereignet sich das Ding-Sein immer auch im metaxü. Metaxü heisst "dazwischen". Es ist der Ausdruck für Medium.
Traditionell wird das Sich-Zeigen als Struktur des Bildes verstanden. Tatsächlich trifft dies auf alle gemachten Bilder zu. Wir meinen aber keineswegs, dass das Sich-Zeigen auf Bilder beschränkt wäre.
FF294

Die Natur liebt es, sich zu verbergen.
FF295

Das Problem bei allen Untersuchungsansätzen ist, dass Kleinkinder die Welt nicht entsprechend den Kategorien unserer akademischen Subdisziplinen erfahren. Das frühkindliche Erleben ist einheitlicher und globaler. Den Säugling kümmert es nicht, in welchem Bereich seine Erfahrungen auftreten. Er nimmt Empfindungen, Wahrnehmungen, Aktionen, Kognitionen, innere motivationale und Verhaltenszustände, unmittelbar wahr: als Intensität, Form, Zeitmuster, als Vitalitätsaffekte, kategoriale Affekte, Lust oder Unlust. Dies sind die Grundelemente des frühkindlichen subjektiven Erlebens. Erkenntnisse, Aktionen und Wahrnehmungen als solche gibt es nicht. Alle Erfahrungen werden zu strukturierten Konstellationen sämtlicher Grundelemente des subjektiven Erlebens umgeformt.
Der Säugling hat erstaunlich hohe Fähigkeiten, wesentliche Aspekte der abstrakten und globalen Qualitäten des Erlebens zu erkennen und zu organisieren. Es ist nämlich nicht so, dass der Säugling hilflos einem Strudel abstrahierbarer Erlebnisqualitäten ausgeliefert wäre: Allmählich und systematisch ordnet er diese Aspekte seines Erlebens, so dass er invariante Konstellationen des Selbst und des Andern identifizieren kann. Und wann immer sich eine Konstellation herausbildet, erlebt der Säugling das Auftauchen von Organisation, nur dass die Elemente, aus denen diese auftauchenden Organisationen bestehen, sich von jenen subjektiven Einheiten unterscheiden, die erwachsene Menschen in Form von Gedanken, Wahrnehmungen, Handlungen usw. subjektiv zu erleben glauben, weil sie ihr Erleben in diese Begriffe übersetzen müssen, um es verbal zu enkodieren.
Diese globale, subjektive Welt auftauchender Organisation ist und bleibt der grundlegende Bereich menschlicher Subjektivität. Ausserhalb des Gewahrseins schafft er die Erfahrungsmatrix, aus der später Gedanken, wahrgenommene Formen, identifizierbare Handlungen und verbalisierte Gefühle hervorgehen. Er liegt auch der kontinuierlichen affektiven Bewertung aller Vorgänge zugrunde. Und schliesslich wird er zum Urquell schöpferischen Erlebens.
Jegliches Lernen und schöpferisches Tun nimmt seinen Ausgang im Bereich der auftretenden Bezogenheit. Nur dieser Erfahrungsbereich hat an der Herausbildung von Organisation, die den Kern des Schaffens und Lernens bildet, teil. Er bleibt auch während der Enstehungsphasen der später auftauchenden Bereiche des Selbstempfindens lebendig.
FF296

Das Kern-Selbst-Empfinden ist ein erfahrungsgeleitetes Empfinden von Vorgängen, das wir normalerweise als völlig selbstverständlich voraussetzen und uns nicht bewusstmachen. Entscheidend ist hier der Begriff „Empfinden“ (sense) im Unterschied zu „Konzeption“, „Kenntnis“, oder „Gewahrsein“ des Selbst oder des Andern. Die Betonung liegt auf der greifbaren Erfahrungswirklichkeit von Substanz, Handlung, Sinneseindruck, Affekt und Zeit. Das Selbstempfinden ist kein kognitives Konstrukt; es ist die Integration des Erlebens. Dieses Empfinden eines Kern-Selbst ist die Grundlage für alle differenzierten Selbstempfindungen, die sich später entwickeln werden.
FF297

Die Zeit ist die Substanz, aus der ich gemacht bin. Die Zeit ist ein Fluss, der mich davonreisst, aber ich bin der Fluss...
Ist das Bewusstsein und die Wahrnehmung in Wirklichkeit so fortlaufend oder wirkt es nur so durch eine Illusion, ähnlich derjenigen des Bioskopes?
FF298

William James bestand immer darauf, dass das Bewusstsein kein „Ding“ sei, sondern ein „Prozess“. Für Edelmann ist die neurale Basis dieser Prozesse eine dynamische Interaktion neuronaler Gruppen in verschiedenen Bereichen des Cortex (zwischen Cortex und Thalamus und anderen Teilen des Hirns). Für ihn entsteht Bewusstsein aus der enormen Zahl solcher Interaktionen zwischen Erinnerungssystemen in den vorderen Hirnbereichen und den für die Kategorisierung von Wahrnehmung zuständigen Systemen in den hinteren Hirnbereichen.
Crick und Koch sind der Ansicht, dass das Bewusstsein (für Sichtbares) eine Reihe statischer Schnappschüsse sei, auf die Bewegung „gemalt“ ist. Doch diese „Schnappschüsse“ sind nicht gleichförmig und konstant wie Filmbilder. Um ins Bewusstsein zu treten muss eine gewisse Intensitätsschwelle überschritten werden, und eine gewisse Zeit andauern; hundert Millisekunden lang, grob gesagt. Das ist die Dauer eines „Wahrnehmungsmoments“. Millionen von Neuronen sind daran beteilgt, schliessen Koalitionen, verschiedene Teile des Hirns „sprechen“ miteinander in einem dauernden Hin und Her. Das Gefühl der Kontinuität entsteht durch die laufende Ueberlagerung aufeinander folgenden Wahrnehmungsmomente. Bewusstsein ist für Crick und Koch ein Schwellenphänomen.
Jede Wahrnehmung, jede Szene wird von uns geformt.
Unsere flüchtigen Gedanken ziehen nicht umher wie wilde Rinder. Jeder Gedanke wird geboren als Besitzer der vorangegangenen Gedanken.
FF299



Vielleicht ist die erstaunlichste Empfindung, die der prähistorische Mensch uns vermacht hat, die der Vorahnung. Diese wird immer bestehen. Wir können sie als ewigen Beweis für die Irrationalität des Universums betrachten. Der Urmensch musste durch eine Welt der unheimlichen Zeichen schreiten. Bestimmt hat er bei jedem Schritt gezittert.
FF300

Das Unheimliche (ist) etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist.
FF301

Alle Alten Meister und Grossen Geister sind unvollkommen. Alles das, die ganze Kunst, wie auch immer, ist nichts gegen den einzigen geliebten Menschen...Wir können uns noch so viele Grosse Geister und noch so viele Alte Meister als Gefährten genommen haben, sie ersetzen keinen Menschen.
FF302

Was heisst es, ein Bild, eine Zeichnung zu verstehen? Auch da gibt es Verstehen und Nichtverstehen. Und auch da können diese Ausdrücke verschiedenerlei bedeuten. Das Bild ist etwa ein Stilleben; einen Teil davon aber verstehe ich nicht: ich bin nicht fähig, dort Körper zu sehen, sondern sehe nur Farbflecke auf der Leinwand. Oder ich sehe alles körperlich, aber es sind Gegenstände, die ich nicht kenne ( sie schauen aus wie Geräte, aber ich kenne ihren Gebrauch nicht). Vielleicht aber kenne ich die Gegenstände, verstehe aber, in anderem Sinne ihre Anordnung nicht.
FF303

Er stellt alles vor, er stellt alles aus, weil er weiss, das Zeigen schon Ethik heisst.
„Schau dir an, was dir Angst macht.“
FF304

Die schwerste Kunst der nobleren Temperamente unserer Zeit ist dies: Eine eigene Gegenwärtigkeit zu vermögen.
FF305

Vor 2500 Jahren nahmen griechische Philosophen an , Licht werde aus den Augen auf die Objekte geworfen, um sie wie mit Fingern zu betasten.

Für die Behavioristen sah es so aus, als könnten Konditionierungsketten alles erlernte Verhalten, selbst Sprache, erklären. ... Wahrnehmung und Verhalten werde von Reizen kontrolliert.

Hermann von Helmholtz hat die Ansicht vertreten, visuelle Wahrnehmung beruhe auf unbewussten Schlüssen und dadurch seien Wahrnehmung und Denken miteinander verknüpft.

Es handelt sich bei visueller und anderer Wahrnehmung um intelligente Entscheidungsfindung auf der Basis begrenzter sensorischer Information. Wesentlich dabei ist, dass sensorische Signale für direkte oder sichere Wahrnehmungen nicht ausreichen; daher ist intelligentes Raten nötig, um Objekte zu sehen. Gregory vertritt in seinem Buch die Ansicht, dass Wahrnehmungen niemals völlig sichere Hypothesen über den Zustand der Aussenwelt sind. Wahrnehmungen sind also konstruierte Hypothesen.

Sprache erfordert grammatikalische regeln (Syntax) und eine Uebereinkunft über die Bedeutung von Symbolen (Semantik). Beides ist offenbar für Sehvorgänge ebenfalls notwendig, wenn deren Syntax und Semantik auch zunächst verborgen sind. Um Objekte zu sehen, sind allgemeine Regeln und ein Wissen um Objekte aus früherer Erfahrung notwendig - die weitggehend aus aktiver manueller Erkundung stammen.
FF306

Es gab schon Leute, die haben behauptet, alle grossen Wahrheiten seien vollkommen banal und wir müssten sie auf neue und möglichst paradoxe Weise ausdrücken, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Wer hat das gesagt? Ein Deutscher, ein gewisser Schlegel, aber mit Sicherheit haben es vor ihm bereits andere gesagt...
FF307

Stundenlang sass der Töpfer an diesem und auch am darauf folgenden Tag da und formte, zerstörte, formte wieder und wieder die Figuren, die bei den ersten Versuchen kaum als solche zu erkennen waren, doch nach und nach Gestalt annahmen, sobald die Finger begannen, auf eigene Faust und nach ihren eigenen Gesetzen die Instruktionen, die der Kopf ihnen gab, auszuführen. In der Tat wissen nur wenige, dass in jedem unserer Finger ein kleines Gehirn sitzt... Jenes andere Organ, das wir Gehirn nennen, mit dem wir zur Welt kamen, das wir in unserem Schädel tragen und das wiederum uns trägt, damit wir es tragen, vermochte noch nie mehr zu produzieren als vage, diffuse und vor allem variierte Angaben über das, was Hände und Finger zu tun haben. Zum Beispiel, wenn dem Gehirn im Kopf die Idee eines Bildes oder einer Musik oder Skulptur oder Literatur oder Tonfigur kommt, dann drückt es seinen Wunsch aus und wartet, was passiert. Nur weil es einen Befehl an Hände und Finger ausgesandt hat, glaubt es, oder tut zumindest so, als glaubte es, dass dies allein schon ausreicht, um nach ein paar von unseren Gliedmassen ausgeführten Operationen die fertige Arbeit präsentiert zu bekommen. Es war nie so neugierig, sich zu fragen, aus welchem Grund das Endergebnis dieser Manipulation, selbst bei einfachsten dieser stets komplexen Vorgänge, so wenig dem ähnelte, was es sich vorgestellt hatte, bevor es die Instruktionen an die Hände aussandte. Man beachte, dass die Finger bei der Geburt noch keine Gehirne haben, dies bilden sich erst im Laufe der Zeit und mit Hilfe dessen, was die Augen sehen, aus. Die Mithilfe der Augen ist wichtig, ebenso wie die Mithilfe dessen, was von ihnen gesehen wird. Und daher ist das, was die Finger immer schon am besten konnten, das Enthüllen des Verborgenen. Das, was im Gehirn vielleicht als eingetrichtertes, magisches oder überirdisches Wissen verstanden wird, was auch immer die Begriffe überirdisch, magisch und eingetrichtert bedeuten mögen, es waren die Finger und ihre kleinen Gehirne, die es ihm beigebracht haben. Damit das Gehirn im Kopf wusste, was ein Stein war, mussten die Finger diesen zuerst berühren, seine Rauheit, sein Gewicht und die Dichte erspüren, mussten sich daran verletzen. Erst viel später begriff das Gehirn, dass man aus diesem Stück Felsen auch etwas machen konnte, das es später Messer nennen würde, und etwas anderes, das es später Götze nennen würde. Das Gehirn des Kopfes hinkt sein Leben lang hinter den Händen her, und selbst dann, wenn es uns scheint, als hätte es sie überholt, sind es immer noch die Finger, die dem Gehirn die Erkundungen des Tastsinns erklären müssen, das Erzittern der äussersten Hautschicht bei der Berührung mit dem Ton...
FF308




Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, dass sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt...; man muss sie als produktives Netz auffassen, das den ganzen Körper überzieht.
FF309


Diese Konstitution von verheissungsvoller Körperlichkeit von Macht, diese Ermöglichung von Lust und Begehren impliziert eine soziale Struktur, in der sich beide zumindest relativ ungehemmt ausarbeiten können. Gille Deleuze bezeichnet diese Struktur im Anschluss an Michel Foucaults Ueberlegungen als „die Konstitution eines Immanenzfeldes oder eines `Körpers ohne Organe`...Dieser Körper ist sowohl biologisch, als auch kollektiv und politisch; auf ihm entstehen und vergehen die Gefüge...“

Eine solche soziale Konstruktion, die Lust und Begehren in sich aufnimmt, mündet bald in einem Konzept von einer emanzipativen, globalen und vielleicht sogar revolutionären „Bioplitik“, wie sie Michael Hardt und Antonio Negri in ihrer (Anti)Globalisierungsfibel „Empire“ (2000) formuliert haben. “Das Biopolitische ist, vom Standpunkt des Begehrens aus betrachtet, nichts anderes als konkrete Produktion, menschliche Kollektivität in Aktion. Begehren erscheint hier als produktiver Raum, als die Aktualisierung menschlicher Kooperation bei der Gestaltung von Geschichte.“ Statt entfremdeter Arbeit tritt am Anfang des neuen Millenniums wieder ein kreatives Miteinander auf den historischen Masterplan. Und diese Entwicklung hat eine neue ( im besten Sinne kommunistische) Weltordnung zur Folge, in der nicht mehr der unumstrittene Herrscher Kapital, sondern die sehnsuchtsvolle Masse regiert. „ In der biopolitischen Gesellschaft kann die Entscheidung des Souveräns das Begehren der Menge niemals negieren. ...Damit sie stattfinden kann, muss sich das Politische der Liebe und dem Begehren fügen, und das heisst: den grundlegenden Kräften biopolitischer Produktion.“
Wie gesagt:“Your body is a battleground.“ (Dein Körper ist ein Schlachtfeld).

Die Kritik dieses körperbewussten Programms liess nicht lange auf sich warten: Der italienische Philosoph Giorgo Agamben warf in seinem Homo Sacer (2002) dieser Konzeption einer Biopolitik vor, sie würde den Menschen auf ihren „biologischen Nullwert“, auf das nur Kreatürliche reduzieren.
FF310

Die Menschen kämpfen und unterliegen, und die Sache, für die sie kämpfen, setzt sich trotz ihrer Niederlage durch; und wenn das Ziel erreicht ist, erweist sich, dass es nicht das ist, was sie eigentlich meinten, und dass andere Menschen zu kämpfen haben für das, was sie meinten, doch unter anderem Namen.
FF311

"Der Mensch, so wie ihn Foucault beschreibt, erscheint als eine Totalität von Widerständen, die zu absoluter Befreiung befähigen, jenseits jeglichen Finalismus, der nicht Ausdruck des Lebens selbst und seiner Reproduktion ist. Es ist das Leben, das sich selbst im Menschen befreit, das sich allem Eingrenzenden und Einsperrenden entgegenstellt."

Negri versucht in seiner Lebensphilosophie die physische und soziale Welt in ihrer Gesamtheit als Ausdrucksformen einer zu Grunde liegenden Lebenskraft anzusehen. Er ist hier weniger Foucault verpflichtet als vielmehr Gilles Deleuze, der das Begehren als einen Ausdruck des Lebens versteht, das zwar ständig innerhalb besonderer geschichtlicher Machtkonstellationen eingegrenzt und hierarchisch strukturiert ist, ebenso ständig diese aber untergräbt und umgeht.

Deleuze gibt offen zu, dass er Henri Bergson, dem französischen Lebensphilosophen des frühen 20. Jahrhunderts, verpflichtet ist. Er ist jedoch ein "materialistischer Vitalist", denn es gibt ein "der Materie eigenes Leben", in dem Materie sich verflüssigt und fließt. Die Materie hat in der Tat die gleiche Struktur wie das Begehren, das ständig über die Grenzen der pyramidalen Machthierarchien hinaus fließt. Daher sieht Deleuze den Nomaden als das Musterbeispiel jeglichen Widerstands gegen Macht. Der Trieb des Staates ist es zu "territorialisieren", das Begehren innerhalb der Konstellationen der Macht einzuschließen, es innerhalb eines bestimmten Territoriums niederzuhalten. Der Trieb des Nomaden dagegen ist es zu "deterritorialisieren", Grenzen zu überschreiten, und den Hierarchien zu entwischen."In erster Linie ist es in der Tat die Bestimmung des Nomaden, einen glatten Raum [espace lisse] zu besetzen und zu halten." Die moderne kapitalistische Welt jedoch ist ebenfalls durch die gleiche Tendenz zur Deterritorialisierung gekennzeichnet: "Die Welt wird wieder zu einem glatten Raum (Meer, Luft, Atmosphäre)."

Hardt und Negri entlehnen von Foucault den Begriff "Biopolitik", um Herrschaftsformen zu bezeichnen, die von innen heraus arbeiten, indem sie Individuen zu Untertanen formen und sie mit den geeigneten Beweggründen ausstatten: "Macht wird nun durch Maschinen ausgeübt, die unmittelbar die Gehirne (in Kommunikationssystemen, Informationsnetzwerken usw.) und die Körper (in Wohlfahrtssystemen, kameraüberwachten Tätigkeiten usw.) auf einen Zustand autonomer Entfremdung vom Sinn des Lebens und vom Wunsch nach Kreativität hin organisieren." Aus dieser Sicht ist der Big Brother von RTL gefährlicher als der von George Orwell, weil ersterer uns glauben lässt, es handle sich bei extrem standardisierten und manipulierten Verhaltensformen um echt angenehme, freiwillig ausgeführte Tätigkeiten.
FF312

Gottlieb Fichte postuliert das „absolute Ich“ als höchstes methaphysisches Prinzip, aus dem heraus die ganze Welt abgeleitet sei.
Friedrich Wilhelm Schellings frühes Denksystem vollendet sich in der Aesthetik. Im Schöpfungsakt des Genies sieht Schelling Subjekt und Objekt zu einer Einheit verschmelzen: Daher ist ihm die Philosophie der Kunst das „Allerheiligste, wo in einiger und ursprünglicher Vereinigung gleichsam in einer Flamme brennt, was in der Natur und Geschichte gesondert ist und was im Leben und Handeln, ebenso wie im Denken, ewig sich fliehen muss.“
In den „Briefen über Dogmatismus und Kritizismus“ und in seinen naturphilosophischen Schriften geht Schelling jedoch über den subjektiven Idealismus hinaus und stellt dem „absoluten Ich“ die Natur als eigenständiges Prinzip gegenüber. Verbunden mit der romantischen Bewegung , hält er reine Spekulationen für eine „Geisteskrankheit des Menschen, noch dazu die gefährlichste von allen, die den Keim seiner Existenz tötet, die Wurzel seines Daseins ausrottet.“ Die Erforschung der Natur zeigt am Ende des 18. Jahrhunderts beachtliche Fortschritte, und es gehört zum Selbstverständnis vieler Gelehrter, sich ihr zu widmen. Schelling gilt als hervorragender Kenner der neusten naturwissenschaftlichen Errungenschaften und unternimmt selbst Experimente, unter anderem mit Johann Wolfgang Goethe. „Die Natur ist der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur“, schreibt Schelling in der Einleitung zu den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“ und nimmt damit einen Kerngedanken der „Phänomenologie des Geistes“ von Hegel vorweg.
FF313

Die Kunst der Gegenwart geht davon aus, dass ihr das Publikum fehlt.

Eine neue Art der Praxis für die künstlerische Produktion und für den Diskurs sehe ich in den Uebergängen von festen Formen mit Namen wie „Objekt“, „Bild“, „Zeichnung“, „Skulptur“ oder sogar „Installation“ in eine Qualität, die man als „künstlerisches Feld“ oder „künstlerischer Raum“ bezeichnen könnte.
Der Begriff meint ein Phänomen, das überaus verwaschene und problematische Grenzen zum nichtkünstlerischen Raum hat. Die Ränder sind eine der wichtigsten konstitutiven Komponenten des künstlerischen Gegenstandes, denn was sonst, wenn nicht die Ränder, bestimmt seine innere Struktur? Mehr noch, eine Struktur ohne Ränder ist vom Standpunkt der klassischen Aesthetik undenkbar - ohne Grenzlinie lässt sich nicht bestimmen, wo das Profane liegt und wo das Exklusive, wo das Leben und wo die Kunst, wo das Kunstwerk endet und wo einfach Leere beginnt. Aber ich denke, dass wir mit unserem Thema auf ein Phänomen stossen, das man ein „Feld mit undefinierten Rändern“ nennen könnte, das nichtkünstlerische, nichtästhetisierte, profane usw. Erscheinungen ausserordentlich lebendig und aktiv in sich aufnimmt, ohne sie sofort in eine künstlerische Form zu verarbeiten. Wir treffen auf ein völlig neues Phänomen in der künstlerischen Praxis... Die Aesthetik tritt hier als eine von vielen changierenden Möglichkeiten auf. Mehr noch, das ist ein Pulsieren, durch das natürlich weder der Künstler noch der Betrachter den Entstehungsmoment eines künstlerischen Objektes festmachen kann.
FF314

Kunst ist ein Bestandteil von Disneyland geworden. Es sieht so aus, als wäre die Kunst als Tätigkeit zum Bestandteil der Vergnügungs- und Tourismusindustrie geworden.
FF315

Was einst auf die Verbrecher beschränkt war, wird heute auf alle Bürger angewandt. auf der europäischen Identitätskarte ist bereits ein Platz für einen digitalen Fingerabdruck vorgesehen. Wir können heute beobachten, dass und wie der Staat zu einem potenziellen Polizisten wird und der Bürger zu einem potenziellen Verbrecher. Interessant ist die Frage wie und warum sich eine liberale Demokratie in einen Kontrollstaat verwandelt... Die Entstehung der Demokratie fällt zusammen mit einer zunehmenden Kontrolle des biologischen Lebens durch die Politik. Diesen Prozess nenne ich Biopolitik...
„ Diese Tendenz, die Giorgo Agamben in Anlehnung an Michel Foucault als Biopolitik bezeichnet, führt zu einem totalitären Zugriff auf den Einzelnen, vor dem auch die Demokratien nicht gefeit sind: In einem Ausnahmezustand, wie ihn etwa Guantanamo darstellt, verliert das Subjekt jegliches Recht auf Leben..“
Die Einbeziehung des nackten Lebens in den politischen Bereich bildet den ursprünglichen - wenn auch verborgenen - Kern der souveränen Macht.
FF316

Ja, ja, ich weiss, es gibt viele wie uns, die die Welt anschauen, aber die Welt schaut nicht zurück...
FF317

Vor der Kunst.
„Die Welt hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird auch ohne ihn enden.“
FF318

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und liess es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Aermchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Aermchen kam immer wieder heraus. Da musste die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Aermchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.
FF319

Wenn das ganze komplizierte Leben bei vielen unbewusst verläuft, dann hat es dieses Leben gleichsam nicht gegeben. Und gerade um das Empfinden wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen - und nicht, wie in der Wissenschaft, zu erkennen - um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennnt. Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als S e h e n, und nicht als wiedererkennen... Dinge, die man mehrere Male wahrnimmt, beginnt man durch Wiedererkennen wahrzunehmen, wir wissen davon, aber wir sehen sie nicht (mehr). Das Verfahren der Kunst ist das Verfahren der Verfremdung, des Seltsammachens der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein Verfahren, das die Schwierigkeit und die Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozess ist in der Kunst Selbstzweck und muss verlängert werden: Die Kunst ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig.
Das Verfahren der Verfremdung bei L.Tolstoj zum Beispiel besteht darin, dass er einen Gegenstand nicht mit seinem Namen nennt, sondern ihn so beschreibt, als werde er zum ersten Mal gesehen. In einem Fall („Leinwandmesser“) spricht ein Pferd, und die Dinge werden verfremdet, indem nicht unsere Wahrnehmungsart, sondern die des Pferdes angewendet wird...

Kunst ist Denken in Bildern... Ohne Bild gibt es keine Kunst....Es erweist sich aber, dass die Bilder fast unbeweglich sind... Je tiefer man in eine Epoche eindringt, desto klarer wird einem, dass ein Dichter (Maler) Bilder, die man für sein geistiges Eigentum gehalten hatte, von andern übernommen hat... Die ganze Arbeit (dichterischer) Schulen läuft hinaus auf das Anhäufen und Kundtun neuer Verfahren der Anordnung und Bearbeitung von (Wort-) Material, und zwar bei weitem mehr auf die Neuordnung, als auf die Erfindung von Bildern.
FF320

Kunst als Methode bedeutet, das Experimentelle in den Vordergrund zu rücken. Aber anders als die Naturwissenschaften, für die Falsifikation und Verifikation die entscheidenden Kriterien sind, die zu Beweisen und überprüfbaren Ereignissen führen, orientiert sich die künstlerische Praxis nicht an der Fixierung auf Resultate als höchstes Ziel, sondern am Prozesscharakter der kreativen Tätigkeit. Künstlerischem Experimentieren geht es explizit um die Bedingungen des Möglichen, nicht um die Grundlegungen des Machbaren. Experimentieren als Verfahrensweise künstlerischer Praxis bedeutet: Strategien der Neuerung zu entwickeln. Dies aber setzt voraus, was man als Haltung innerer Produktivität bezeichnen könnte. Ausdruck dieser Haltung sind: Neugier, Risikobereitschaft und Kompromisslosigkeit hinsichtlich der eigenen Themen und Interessen und hinsichtlich der Arbeit am und mit dem Eigensinn der Medien. Die jeweiligen Möglichkeiten eines Mediums lassen sich zwar theoretisch reflektieren und auch analytisch genauer bestimmen. Um das Potential eines Mediums aber zu erforschen, zu erproben, es auszureizen, es zu transformieren, zu unterlaufen, zu hybridisieren, gegen den Strich zu bürsten, um es als Artefakt sinnlich erlebbar zu machen, dazu braucht es die konkrete künstlerische Arbeit am und mit dem jeweiligen Medium selbst.
FF321

Die Nachtigall ist,
wenn in der Kiefer sie haust,
der Kiefer Stimme...
FF322

Waren die Stressforscher bereits daran verzweifelt, dass die Stressreaktion ihrer Ratten verschwand, sobald diese gemerkt hatten, dass das, was sie anfangs für eine Bedrohung hielten, offenbar nur ein Experiment war, so hat es ihnen gänzlich die Sprache verschlagen, als sie feststellen mussten, dass bei einem Affen immer dann, wenn sein „Freund“ zu ihm gesetzt wird, kaum noch Angst und deshalb auch keine Stressreaktionen mehr gegenüber dem bellenden Hund auslösbar sind.

Die Triebfeder aller Phänomene und Anstrengungen ist die Angst; und das Ziel all dieser Bemühungen ist Sicherheit. Die geeignetste Strategie zum erreichen dieser Sicherheit, so schien es für lange Zeit, ist die Schaffung materieller und geistiger Unabhängigkeit, also die Aneignung von Macht und Wissen.- Dieser Weg scheint eine Sackgasse zu sein. Die individuelle und kollektive Anhäufung von Wissen und Macht ist inzwischen selbst zu einer Bedrohung geworden.

Wir haben die Stressreaktionen nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns ändern können. Krank werden wir erst dann, wenn wir die Chancen, die sie uns bietet, nicht nutzen.
FF323

Der Grossteil der interessanten Informationen liegt in den Relationen der einzelnen Elemente, egal ob es sich um Erbgut-Bausteine handelt oder um Nervenzellen. Doch wie durch die Vernetzung und Kommunikation der 10 hoch 11 Nervenzellen im Gehirn, die mit einem Orchester ohne Dirigenten vergleichbar sind, eine Wahrnehmung entsteht, darüber wissen wir heute nur wenig. Wahrscheinlich ist diese Organisation so komplex, dass sie unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Es ist interessant, dass wir uns nicht vorstellen können, wie das Ding funktioniert, das unsere Vorstellung erzeugt.
FF324

Ein Ding ist wahr und der Rest sind Lügen
Die Blume, die blühte für immer nun stirbt
FF325

Je mehr man mit der Korruption und dem Bösen in Berührung kommt, und je mehr Bereiche des eigenen Lebens es gibt, über die man deswegen nicht nachdenken möchte oder denen man sich nicht stellen kann, oder über die man lügen muss, desto mehr wird die eigene Wahrnehmung von Realität im Allgemeinen sich verzerren ... In anderen Worten, wir haben alle jeden Grund, uns vor der Realität zu verstecken.
FF 326

Alles, was das Auge sieht, malen sie so, wie es das Auge sieht. Sie malen, was sie sehen, wir aber, was wir anschauen.
...
Denn in unserer Malerei kommt die Bedeutung vor der äusseren Form. Wenn man in Nachahmung der (fränkischen und venezianischer) Meister zu malen beginnt, wird diese ganze Bedeutungswelt enden und die Welt der Form ihren Anfang nehmen.
FF327


"Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt der Mann, "wie kommt es, dass in den vielen Jahren niemand ausser mir Einlass verlangt hat?" Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist, und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schliesse ihn.
FF328

In einem seiner jüngsten (letzten) Texte deutet Kantor an, dass Kunst für ihn eher eine Antwort auf die Wirklichkeit sei als deren Darstellung oder Abbild.
FF329

Zu einer besonders bedeutsamen Problematik seines Denkens schreibt Heinz Heimsoeth:
" Das heißt aber für Böhme nun etwa nicht, daß die Wirklichkeit nichts sei als ein Moment des göttlichen Lebens selber! Gegen alle pantheistische Deutung hat er scharf protestiert, und auch der Akosmismus liegt ihm fern. Wenn das Leben des Absoluten ein Selbstgebären ist in Stufen ewiger Entwicklung, so liegt das Heraussetzen der endlichen Realität doch selbst nicht mehr auf diesem Wege; nicht, damit Gottes Offenbarung selber vollkommener werde, mußte die Welt entstehen, sondern der ewige Liebeswille ließ in absoluter schöpferischer Freiheit das Mögliche wirklich und eigenkräftig werden - ohne sich selbst in diesem Akt der äußeren Offenbarung gleichsam zu verbrauchen oder ins Aeußere umzusetzen. Der ewige Wille geht nicht auf in seinem zeitlichen Produkt. Die ewige oder "geistliche Natur" in Gott unterscheidet Böhme sehr scharf von unserer sinnlichen oder sichtbaren Natur, der Wirklichkeit. Die Welt ist begründet in Gott, aber sie ist nicht Gott selbst, noch Teilmoment seines ewigen Lebens...
Sie offenbart an ihrem Teile den göttlichen Willen. Aber diese Offenbarung in der Zeitlichkeit und Endlichkeit ist eine andere als die ewige Offenbarung Gottes in sich selber; der Geist in sich bleibt für die Welt das ewige Mysterium. Und wiederum: die Welt des Vielen und Verschiedenen ist nicht bloße Scheinausstrahlung der göttlichen Ureinheit, sondern wirkliches Eigensein und tatsächliches Auseinander- und Gegeneinandertreten von Wesen, deren Urbilder und Essenzen in der götllichen Natur enthalten sind. Die Welt der Kreaturen hat ihre eigene Realität und ihre Art von Selbständigkeit, obgleich die einzige Seinsquelle in Gott gelegen ist."
FF330

[ § 1. Die Theorie des Leibes als Grundlegung einer Theorie der Wahrnehmung]

Der eigene Leib ist in der Welt wie das Herz im Organismus: er ist es, der alles sichtbare Schauspiel unaufhörlich am Leben erhält, es innerlich ernährt und beseelt, mit ihm ein einziges System bildend.
...
Die äussere Wahrnehmung und die Wahrnehmung einer bestimmten Wahrnehmung meines Leibes synonym, so wie jede Wahrnehmung meines Leibes sich in der Sprache äußerer Wahrnehmung auslegt. Wenn nun, wie wir gesehen haben, der Leib kein transparenter Gegenstand und uns nicht, wie dem Geometer der Kreis, gegeben ist in Gestalt des Gesetzes seiner Konstitution, wenn er vielmehr ein Ausdruckseinheit ist, die wir nur kennenzulernen vermögen, indem wir sie durch Uebernahme uns zu eigen machen, so muß diese Struktur sich auch der sinnlichen Welt selbst mitteilen. Die Theorie des Körperschemas ist implizit schon eine Theorie der Wahrnehmung. Wir haben aufs neue gelernt, unseren eigenen Leib zu empfinden, wir haben, dem objektiven, distanzierten Wissen vom Leib zugrunde liegend, ein anderes Wissen gefunden, das wir schon haben, da der Leib immer schon mit uns ist und wir dieser Leib sind. In gleicher Weise werden wir eine Erfahrung der Welt zu neuem Leben erweckt haben, wo wie sie uns erschient, insofern wir zu Welt sind durch unseren Leib und mit ihm sie wahrnehmen. Doch also ein neues Verhältnis zu unserem Leib wie zur Welt findend, werden wir auch uns selbst wiederfinden, da der Leib, mit dem wir wahrnehmen, gleichsam ein natürliches Ich und selbst das Subjekt der Wahrnehmung ist.
FF331

Ecco hat gezeigt, dass die Gemeinsamkeit oder 'Aehnlichkeit' keine zwischen Zeichen und dargestelltem Gegenstand, sondern eine Gemeinsamkeit der Modelle der Wahrnehmung ist, die sowohl bei der Wahrnehmung des Gegenstandes, wie bei der des Zeichens wirken: "Wenn das ikonische Zeichen mit irgend etwas Eigenschaften gemeinsam hat, dann nicht mit dem Gegenstand, sondern mit dem Wahrnehmungsmodell des Gegenstandes." (Ecco)
FF332

Inhalte des Bewusstseins bestehen hauptsächlich aus Fiktionen und Täuschungen; sie repräsentieren nicht die Wirklichkeit.
Während des grössten Teils der Geschichte der Menschheit hat stets eine kleine Minderheit über die Mehrheit geherrscht, sie ausgebeutet. Durch Gewaltanwendung, durch subtile Beeinflussung.
Jede Gesellschaft bildet durch ihre Lebensweise und Art des Bezogenseins, Fühlens und Wahrnehmens ein System von Kategorien, das die Form des Bewusstseins bestimmt.
Dieses System arbeitet sozusagen wie ein gesellschaftlich bedingter Filter (sozialer Filter). Eine Empfindung kann nur dann ins Bewusstsein eindringen, wenn sie diesen Filter passiert.
FF333

"Was geschieht aber nun, wenn man ein visuelles Bild wahrnimmt, so daß aus diesem ein geistiges Bild konstruiert wird? Man zerlegt, man vergleicht, man wandelt um, und zwar mittels einer Aktivität, deren Wurzel einfach in der wahrnehmungsmäßigen Regulierung und dem wahrnehmenden Vergleich zu finden sind, die aber andererseits in ein Spiel der Begriffe integriert sind, das es ermöglicht, den Elementen Bedeutung zu geben und ebenso den so analysierenden Beziehungen. Und es ist diese Wahrnehmungsaktivität und nicht die Wahrnehmung als soche, die das Vorstellungsbild erzeugt, das Bild, das eine Art Schema oder geraffte Kopie des wahrgenommenen Objekts ist, nicht aber die Weiterführung seiner lebhaft-sinnlichen Fülle. Hinzu kommt, daß das Bild als ein Zeichen unverzüglich in das begriffliche Verständnis integriert wird, wie das schon mit der Wahrnehmungsaktivität der Fall war, denn die Wahrnehmung kann begriffliche Bedeutung enthalten und muß nicht nur sensomotorisch sein." (Piaget 1975, S. 103)
FF334

Zwei Kanibalen essen einen Clown. Meint der eine zum anderen:“Schmeckt der nicht komisch?“
FF335


Alchemistischer Prozess
Das Grosse Werk, oder wie man aus Scheisse Gold macht.
1
Die Suche nach der“Materia prima“, dem „Stein der Alchemisten“, der „Gegenstand ( Subiectum) der Kunst. Er ist nicht der Stein der Weisen.
Alles, was sich auf den Beginn des „Werkes“ bezieht, wird fast immer weggelassen oder bewusst irreführend beschrieben.
Das ganze „Werk“ wird mit dieser einzigen Substanz vollbracht, die man zuerst einmal beschaffen muss, nachdem man sie erkannt hat. Hinab ins „Bergwerk“ und den „Rohstoff“ holen. Das „Werk“ darf nur zu einem bestimmten Zeitpunkt (Frühjahr) begonnen werden.
Die Vorbereitungen umfassen auch die Läuterung des Subjekts.

Jetzt wird das „geheime Feuer“ vorbereitet. (Ignis innaturalis), das auch als“natürliches Feuer“ bezeichnet wird. Dieses geheime Feuer“ oder „Erste Agens“ beschreiben die Alchemisten als ein trockenes Wasser, das die Hände nicht nass macht, oder als ein Feuer, das ohne Flamme brennt. Es handelt sich um ein Salz, das mittels eines Verfahrens mit viel Geschick aus Weinstein gewonnen wird. Dabei spielt auch Frühlingstau eine Rolle, der auf höchst sinnreiche und poetische Weise gesammelt und destilliert werden muss.

Die „Materia prima“ kommt in einen Mörser aus sehr hartem Material und wird mit einem Stössel pulverisiert, mit dem geheimen Feuer vermischt und mit Tau angefeuchtet. Die Mischung wird in ein hermetisch verschlossenes Gefäss, das „philosophische Ei“ gefüllt und auf den Alchemistenofen gestellt. Das äussere Feuer regt die Tätigkeit des inneren Feuers an und muss klein gehalten werden. Im Anfangsstadium wird die Temperatur der Körperwärme einer brütenden Glucke angepasst. (Der Vorgang des „Brütens“ ist dem alchemistischen Prozess vergleichbar ).
Im „Ei“ wirken die beiden Prinzipien; das solare, warme und männliche (Sulphur) und das lunare, kalte und weibliche (Mercurius) - aufeinander ein.
„Diese beiden beissen einander grausam und in ihrer Giftigkeit und wilden Wut lassen sie niemals voneinander ab, bis zu jenem, da sie durch ihren giftigen Geifer und ihre tödlichen Wunden am ganzen Leibe bluten; und wenn sie einander schliesslich getötet haben, kochen sie in ihrem eigenen Gift, das sie nach dem Tode in lebendiges und ewiges Wasser verwandelt; doch von dieser Zeit verlieren sie in ihrer Verwesung und Purifikation die ursprüngliche natürliche Gestalt, um hinterher eine einzige neue, edlere und bessere Form anzunehmen“(1)
So folgt auf den Tod, der eine Trennung darstellt, ein langer Zerfallsprozess, der so lange andauert, bis alles verwest ist und die Gegensätze sich in ein flüssiges nirgendwo aufgelöst haben. Diese dunkelste Finsternis, diese „Schwärze der Schwärzen“ ist ein sicheres Zeichen des richtigen Weges. „ Keine Zeugung ohne Verwesung“.
Die schwarze Phase endet, wenn auf der Oberfläche ein Sternenmuster erscheint, ein Abbild der Sternennacht. Aus der gegenseitigen Zerstörung der miteinander vereinten Gegensätze geht jene metallische, volantile (flüchtige) Feuchtigkeit hervor, die dann der Mercurius des Adepten ist.

2
Das flüchtige Prinzip des Mercurius schwebt durch die alchemistische Luft innerhalb des Mikrokosmos des „philosophischen Eies“, „im Bauch des Windes“ und setzt sich oben den himmlischen und läuternden Einflüssen aus. es sinkt sublimiert auf die „Neue Erde“ herab, die am Ende auftauchen muss. Während das äussere Feuer allmählich verstärkt wird, weicht das Feuchte dem Trockenen, bis die Koagulation (Gerinnung) und Entwässerung des entstehenden Festlandes abgeschlossen ist.
Herrliche Farben werden sichtbar, die das Stadium des „Pfauenschweifs“ markieren.
Das Ende des Zweiten Werkes fällt mit dem Auftreten des Weiss - albedo - zusammen. Sobald das Weiss erscheint, ist die Materie stark genug, um der Hitze des Feuers zu widerstehen. es ist jetzt nur noch ein Schritt bis der Rote König(oder der Sulphur des Adepten) aus dem Schoss der Mutter und Schwester (Isis oder Mercurius oder Rosa Alba, die weisse Rose) hervorgeht.

3
Das Dritte Werk rekapituliert die Operationen des Ersten, allerdings unter einem neuen Gesichtspunkt. Es beginnt mit einer prunkvollen königlichen Hochzeit. Der König wird im Feuer der Liebe ( Salz bzw. geheimes Feuer) mit seiner gesegneten Königin vereint.
So wie Cadmus die Schlange mit seinem Speer durchbohrt, fixiert der rote Sulphur den weissen Mercurius; ihre Wiedervereinigung bewirkt die höchste Vollendung, und der Stein der Weisen ist geboren.

Zusammenfassung:
Das „Werk“ besteht aus drei Steinen oder drei Einzelwerken, drei Stadien der Vervollkommnung.
Das erste Werk endet, wenn der Gegenstand ( durch wiederholte Destillation und Fixierungen) vollkommen geläutert und in eine reine merkurialische Substanz verwandelt ist.
Die zweite Stufe der Vollendung ist erreicht, wenn ebendieser Gegenstand gekocht, digeriert (zersetzt) und als unbrennbarer Sulphur fixiert worden ist.
Der „dritte Stein“ erscheint, wenn der Gegenstand durch Fermentation (Gärung) und Multiplikation die „höchste Vollendung“ erlangt und sich in eine feste, dauerhafte, rötliche Tinktur verwandelt hat: in den Stein der Weisen.
(1) Nicolas Flamel
FF336

Einübung in die Solidarität.
Ich habe mir nie Illusionen gemacht über den Agitationswert der Literatur (der Kunst). der ist gleich Null. Ich bin überzeugt, dass kein einziger Mensch Kommunist oder Sozialist geworden ist, weil er ein Stück von Bertold Brecht gesehen hat - auch wenn Brecht das so postuliert hat. Aber was sicher passierte, in einer Theateraufführung von Brecht 1950, dass da einer sass und weiter vorne sass eine Frau, und er sah, dass diese Frau gleichzeitig wie er lächelte. Und auch sie hat es bemerkt.
FF337

Wie soll man sich an Sie erinnern?
Das kann ich nicht beeinflussen. Es geht mir nur noch darum, welche Menschen ich gern habe.
FF338

Die Frage lautet: was war eher, der Monolog oder der Dialog?...
Im Selbstgespräch zerteile ich mich selbst, indem ich mit mir selbst spreche. Im «Sophistes» bei Platon finden wir diese berühmte Definition des Denkens: Das Denken ist ein lautloses Gespräch mit sich selbst.…Das sogenannte Selbstgespräch bedeutet nicht, dass die Fremdheit des Anderen wegfällt…
Anlässlich der Frage, wie wir uns gemeinsam auf die Dinge in der Welt beziehen, greife ich zurück auf den Begriff der« intercorporité», den Merleau-Ponty geprägt hat und der am besten mit «Zwischenleiblichkeit» zu übersetzen wäre.… Der Zwischenleiblichkeit entspricht die Zwischenwelt (intermonde), die sich von vornherein als Zwischensphäre darstellt. Das Zwischen (inter) kommt in der Philosophie des 20.Jahrhunderts häufig vor: Bei Martin Buber geht das Zwischen dem Ich und dem Du voraus, bei Heidegger ist der Bezug zum Sein eine Sphäre des Zwischen. In ostasiatischen Interpretationen, etwa bei japanischen Philosophen, wird auch das Ki als Zwischen interpretiert: Es bezeichnet eine soziale Atmosphäre, in der wir schon leben, bevor sich bestimmte Personen oder Individuen herauskristallisieren. Das Zwischen bedeutet nicht, dass es ein A und ein B und einen Zwischenraum zwischen den beiden gibt, denn das Zwischen ist nicht das, was zwischen A und B ist, sondern dieses Zwischen bezeichnet eine Sphäre, die allererst zur Ausdifferenzierung von A und B führt…
Eine Zwischensphäre wäre am besten zu charakterisieren als eine Sphäre der Differenzierung. Ich nehme als Beispiel die Familie als eine wandelbare Struktur, innerhalb derer die Mitglieder in der Absetzung, auch in der Trennung voneinander und in der Bindung aneinander ihre Eigenart herausbilden.
Merleau-Ponty hat diese Zwischensphäre auch mit der Figur des Chiasmus umschrieben…Das entscheidende am Chiasmus ist, dass die Kreuzungsstelle weder zu der einen Linie gehört noch zu der andern. Andere Autoren benutzen zu Beschreibung dieser Zwischensphäre das Bild der «Verflechtung»(Norbert Elias), bei der verschiedene Linien ineinanderlaufen, oder das der «Verschränkung»(Helmuth Plessner)…
Die gängige Alternative von Individualismus und Holismus wird vermieden. Der Individualismus geht von Einzelwesen aus, die sekundär zu anderen Einzelwesen in Beziehung treten, der Holismus geht von einem Ganzen aus, innerhalb dessen der Einzelne nur einen Teil bildet -ein Zug zum Totalitären ist da nicht zu leugnen.
Im Gegesatz hierzu vermeidet das Modell des Zwischen solche Extreme; der Einzelne ist nicht bloss Teil eines Ganzen (/etwa einer Famile, einer Nation, einer Kultur), er hat durchaus Eigenes, aber dies Eigene immer in Abhebung von Fremden. Das Individuum entstammt immer einem Differenzierungsgeschehens, es entsteht - wie Merleau-Ponty es mit strukturalen Begriffen sagt - durch Abweichung in einem Feld.
FF339

Keiner der grossen italienischen Meister verfügt über deine Poesie, deine Hingabe und deine Empfindsamkeit, über die Reinheit und Leuchtkraft deiner Farben. Aber ihre Bilder sind überzeugender, sind dem Leben ähnlicher…sie bilden alles ab. Ich empfinde den Versuch, die Welt im Bild nachzustellen, wie sie ist, unwürdig und beleidigend. Doch welch eine Anziehungskraft besitzen die nach jenem Verfahren gemalten Bilder! Alles, was das Auge sieht, malen sie so, wie es das Auge sieht. Sie malen, was sie sehen, wir aber, was wir anschauen.

In unserer Malerei kommt die Bedeutung vor der äusseren Form. Wenn wir das Gesicht auf dem Bild betrachten, könnten wir den Dargestellten nicht an dem Gesicht auf dem Bild erkennen, wohl aber aus dem Ganzen der Darstellung: In der Stimmung des Bildes, in seiner Haltung, in den Farben, in der Vergoldung und in der von Meister Behzart gezeichneten schönen Hand ist etwas, was uns sofort an das Bildnis eines Poeten denken lässt. Denn in unsere Malerei kommt die Bedeutung vor der äusseren Form. Wenn man in Nachahmung der italienischen und fränkischen Meister zu malen beginnt, wird diese ganze Bedeutungswelt enden und die Welt der Form ihren Anfang nehmen.
FF340

Der kapitalistische Diskurs ist etwas ganz Tückisches. Alles läuft wie am Schnürchen, besser könnte es nicht laufen. Aber es läuft einfach zu schnell, es verschleisst sich, und verschleisst sich so sehr, dass es sich verzehrt.
FF341

Der neue Kapitalismus strebt nach Zerstörung aller symbolischer Werte, bis den Waren nichts anderes mehr anhaftet als ihr purer Geldwert…
Indem der Markt alle übergeordneten Werte zunichte macht, dereguliert, fabriziert er langsam, aber sicher einen «neuen Menschen», der keine Urteilsfähigkeit mehr besitzt ( vom Kriterium der Gewinnmaximierung einmal abgesehen) der geniesst ohne zu begehren ( das einzig mögliche Heil liegt in der Ware), dessen Identität sich allen Strömungen bereitwillig anpasst (es gibt ein Subjekt mehr, nur noch vorübergehende, unsichere Subjektivierungen) und der für geschäftliche Verbindungen aller Art offen ist…
Dieser Kapitalismus versucht die Ware auch in die Bereiche einzuschleusen, in denen sie noch nicht den Ton angab - in die Bereiche der Moral und der Kultur…
Die Wertdebatte betrifft nicht nur kulturelle Aspekte. Das «Schrumpfen der Köpfe» und die Desymbolisierung sind nur das Vorspiel zu einer weiteren tief greifenden Neudefinition des Menschen, die nicht nur seinen Geist, sondern auch seinen Körper betrifft…
Die Fabrikation einer Posthumanität könnte auf direktem Wege in eine Phase der Produktion von Uebermenschen führen…
Aber wozu einen neuen Körper, wenn man darüber den Verstand verliert?… und:
Gibt es in unseren postmodernen Demokratien, in denen alles gesagt werden darf, eine politische Instanz, die feststellt, ob die Menschen den Wandel zur reinen Marktlogik wollen oder nicht?…
Der Fortbestand der menschlichen Gattung selbst ist bedroht. Ihr Erhalt erfolgt über einen symbolischen und kulturellen Rahmen. Das erklärt sich aus der von manchen paläanthropologischen Forschern anerkannten Tatsache, dass der Mensch als ein früh geborenes Wesen betrachtet werden kann, unfähig, seine Anlagen vollständig zu entwickeln, und dennoch fähig, sich fortzupflanzen, und seine jugendlichen Eigenschaften, die bei anderen Lebewesen nur für eine Uebergangszeit existieren, weiterzugeben. Man spricht in diesen Zusammenhang von der Neotenie des Menschen. Aufgrund seiner verzögerten Entwicklung strebt dieses unfertige Geschöpf - anders als die andern Lebewesen - nicht in seiner ersten, sondern in seiner zweiten Natur, nämlich in der Kultur, nach seiner vollen Entfaltung. In dieser zweiten Natur finden sich Götter, Erzählungen, Grammatikregeln…
FF342

Männer wollen nur zwei Dinge: Wenn ich nicht geil bin, mach mir ein Sandwich… Männer sind wie Hamster. Gib ihnen Futter und Liebe - und sie fressen dir aus der Hand. Sieben definitive Tipps für eine erfolgreiche Beziehung:
1. Loben sie ihn schön regelmässig als«meinen Helden» - nörgeln törnt ab.
2. Kochen sie ihn um den Verstand - Steaks machen müde Männer munter.
3. Sagen sie nie nein zum Sex. Selbst wenn sie nicht mögen, tun sie so, als ob sie in Stimmung wären.
4. Halten sie sich fit - nur so bleiben sie begehrenswert.
5. Hüten sie sich, ihn intellektuell zu überfordern.
6. Lassen sie ihn Fussball gucken und mit seinen Freunden losziehen.
7. Vergessen sie nie, dass sie ohne ihn Nichts wären. Danken sie Gott, einen tollen Hecht abbekommen zu haben.
FF343

Wir steuern auf eine Gesellschaft mit abgespecktem Sozialstaat, in der unternehmerische Werte dominieren, in der nicht mehr von Rechten gesprochen wird, sondern von den Wahlmöglichkeiten des Konsumenten…
Public Private Partnerships setzen sich durch, bei denen der Staat sich von der Privatindustrie die Infrastrukturprojekte bauen lässt, um ihr die Profite und langfristig auch die Infrastruktur zu überlassen…
Im Bereiche der Erziehung entsteht eine Zweiklassengesellschaft…
Es soll mehr privat, individualistisch, statt sozial und kollektiv gedacht werden. Die Leute sollen sich die Frage stellen: Wie wird meine Pension einmal aussehen? Und nicht: Wie ist eine Gesellschaft beschaffen, die auf eine kollektive Altersvorsorge verzichtet? Die soziale Frage soll nicht mehr gestellt werden… Und alles ist in eine PR-Sprache gekleidet…
Wie weit soll der Markt unreguliert bleiben?
In welchem Masse soll der Markt, obwohl wir nicht ohne ihn auskommen, aus bestimmten Gebieten wie Gesundheitswesen und Umweltschutz ausgeklammert werden?…Wo sollen öffentliche Erwägungen Vorrang vor dem Markt haben?…
Ich bin tief beunruhigt über den Abbau der Zivilrechte und zornig über das generelle Schüren eines Klimas der Angst.
FF344

Die flache Bildschirmwahrnehmung hat uns und unsere Wahrnehmung von Welt «flach» gemacht. Der Diagnostiker Peter Handke hat dieses Phänomen in seinem Roman «Der Bildverlust» wie folgt beschrieben:« Zwar seien die Bilder notwendig, ohne sie keine Weltvermittlung und kein Lebensgefühl. Aber insbesondere in dem vergangenen Jahrhundert sei ein Raubbau an den Bildern betrieben worden wie noch nie. Und so sei die Bildwelt aufgebraucht - ausnahmslos blind, taub und schal geworden - von keinerlei Wissenschaft mehr aufzufrischen. Und so komme in der Zwischenzeit jetzt nur noch die Anschauung in Frage - worin im übrigen alle Wissenschaft inbegriffen sei, und woraus diese sich Schritt für Schritt zu entwickeln habe.»...
In einer«flachen» Wahrnehmung werden die Handlungsabläufe abstrakt. An Stelle der Realität treten Begriffe. An die Stelle des Körpers tritt der Begriff Körper. An Stelle von Erfahrung tritt das Wissen. Das abrufbare Wissen...
David Forster Wallace:« Heute, wo wir selbst beim Chinesen mexikanisch essen können, während im Hintergrund Reggae läuft und im Fernsehen gleichzeitig eine sowjetische Sendung über den Fall der Berliner Mauer zu sehen ist, heute, wo uns alles so verdammt bekannt vorkommt, hat sich die Aufgabe des Realismus ebenfalls verwandelt. Um einen ähnlichen Erkenntnisschub zu erzielen wie vor hundert Jahren, müsste realistische Literatur im Bekannten das Fremde aufdecken, müsste paradoxerweise das, was wir für real halten, das heisst die zweidimensionalen Medienbilder, in die dreidimensionale Welt zurückgeführt werden, müssten wir demzufolge aus der flachen Images des Fernsehens die verlorengegangene Wirklichkeit rekonstruieren.»
FF345

Die Transzendenz ist in Tausende von Fragmenten zerborsten, die wie die Bruchstücke eines Spiegels sind, in denen wir flüchtig noch unser Spiegelbild greifen können, bevor es vollends verschwindet
FF346

Im Spiegel sehe ich mich da, wo ich nicht bin: in einem unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche auftut;... vom Spiegel aus entdecke ich mich als abwesend auf dem Platz, wo ich bin, da ich mich dort sehe; von diesem Blick aus, der sich auf mich richtet, und aus der Tiefe dieses virtuellen Raumes hinter dem Glas kehre ich zu mir zurück und beginne meine Augen wieder auf mich zu richten und mich da wieder einzufinden, wo ich bin.
FF347


Eine «Krise der Repräsentation» ist schon lange nicht abzustreiten. Wir werden von Bildern förmlich bombardiert, haben aber die Fähigkeit verloren, sie zu sehen.

Eine Mobilisierung der «Sehfähigkeit» ist angesagt. Es besteht aber eine grosse Skepsis gegenüber der Vermittelbarkeit von Wirklichkeit an sich und durch die moderne Informationsmaschinerie: Sie können in einer Zeitung lesen, dass Millionen Menschen gestorben sind, und vergiessen keine Träne. Das Publikum konsumiert diese Information, nimmt sie aber nicht auf. Vielleicht müssen wir versuchen, die Information im Publikum selbst stattfinden zu lassen. Gibt es die künstlerisch erzeugten Bilder, deren Magie darin besteht, die Barriere zwischen innen und aussen aufzuheben, Phänomene sicht- und spürbar zu machen, die über die Einweg-Repräsentation des «wirklichkeitsgetreuen», aber wirkungslos gewordenen Abbilds hinaus reichen?...

Das Wort «verrückt» impliziert eine räumliche Verlagerung, es beschreibt im medizinischen Sinne einen Menschen, der nicht am richtigen Ort ist. Dinge zu verrücken ist vielleicht die passende Metapher für Kunst. So besteht die politische Aufgabe des Künstlers im Bewusstmachen und Geraderücken, der aus seiner Sicht komplett verschobenen Machtverhältnisse in der Welt. Auch wenn sich nichts daran ändern lässt, ist die einzige Form der Widerstands, es trotzdem zu probieren.
FF348

Ich wollte bloss Onkel Vern neben seinem neuen Auto (einem Hudson) an einem klaren Tag fotografieren. Der Onkel und das Auto waren dann auf dem Bild, ausserdem aber waren da noch Tante Marys Wäsche auf der Leine und Beau Jack, der Hund, der an den Zaum pinkelt, und die Begonien-Töpfe auf der Veranda und 87 Bäume und eine Million Kieselsteine in der Einfahrt und mehr. Die Fotografie ist ein grosszügiges Medium.
FF349

Helmut Lachenmann hat aus der Analyse der Tradition heraus die Idee einer «musique concréte instrumentale» entwickelt: einer Musik der körperlichen Erfahrung, der Klangrealistik, bei welcher die Energetik des Hervorbringens eines Klanges ebenso freilegt und existentiell wird, wie der Klang und sein Inneres selber.
FF350

«Das Nichtphilosophische ist vielleicht tiefer im Zentrum der Philosophie als die Philosophie selbst». Gilles Deleuze weigerte sich, der Rationalität einen privilegierten Platz einzuräumen... Er versuchte, das auf Eindeutigkeit ausgerichtete philosophische Denken durch eine Mehrfachperspektivierung aufzubrechen. Im Unterschied zur traditionellen, europäischen Philosophie, die vom Subjekt her denkt, ortet Deleuze die Quellen des Seins in einem vor- und überindividuellen System, das er «Rhizom» nannte... Er kritisierte an den Grosstheorien von Kant, über Hegel bis Freud, dass sie, auf Kohärenz bedacht, einem Zwang zur Vereinheitlichung unterliegen: Alles, was nicht ins System passt, was sich logisch nicht einordnen lässt, wird ausgeschlossen. Das «nomadische Denken» in der Nachfolge Friedrich Nietzsches hingegen zielt darauf ab, « die Mannigfaltigkeit als solche zu denken». Dem Identitätsdenken setzt er die Vielheit entgegen - die Differenz, die sich stets wandelt und deshalb immer wieder neu ge- und bedacht werden muss. Gilles Deleuze plädiert für eine Zerschlagung der konventionellen binären Theoriekorsette... weg mit den einfachen, sturen Oppositionen wie Herr - Knecht (Hegel), Bewusstes - Unbewusstes (Freud), Imaginäres - Symbolisches (Lacan)... « Statt an der wirklichen Befreiung mitzuwirken, ist die Psychoanalyse Teil jenes allgemeinen bürgerlichen Werkes der Repression, das darin besteht, die europäische Menschheit unter dem Joch von Papa und Mama zu belassen». (Deleuze). Ein Denken, das einzig auf der Basis der von Deleuze verfochtenen Pluralität beruht, birgt die Gefahr der Dissoziation, des Zerfalls jeder sinnvollen Ordnung. Aus heutiger Distanz wird klar, dass seine Schriften ihre eigentliche Bedeutung bloss in Verbindung und in Absetzung von den systematischen Theorien erhalten.
« Nietzsche, Van Gogh, Artaud, Roussel, Campana usw. haben die Mauer von Papa- Mama durchbrochen. Aber das zweite Element bleibt in diesem Prozess dennoch präsent, nämlich die Gefahr des Zusammenbruchs. Dass der Durchbruch mit einer Art Zusammenbruch koinzidieren kann, ist etwas, was niemand auf die leichte Schulter nehmen darf». (Deleuze)
Auch Gilles Deleuze hat das Unmögliche zu denken gewagt: das, was vor aller sozialen, gesellschaftlichen und politischen Formung, die aus seiner marxistischen Sicht stets Verformung und Entfremdung bedeutet, in uns allen schlummert. « Man vernachlässigt das, was das „reine Erleben“ ist». (Deleuze)
FF351

447 Ueber das von D.H. Lawrence eingeführte Motiv des Schirms, den die Menschen zu ihrem Schutz über sich aufspannen und in den die Künstler Löcher und Schlitze schneiden, um einen «Luftzug vom Chaos her» einzulassen: vgl. Gilles Deleuze, Félix Guattari, was ist Philosophie?, Frankfurt 1996, S.241-242
FF352

Die weltweite Armut hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Gleichzeitig sind die Militärausgaben wider Erwarten stark gewachsen. 1974 versprachen die reichen Länder, bis zum Jahr 2000, „ die Armut zu beseitigen“. Jeder Mensch sollte mehr als zwei Dollar am Tag zur Verfügung haben, denn so war damals wie heute die absolute Armutsschwelle definiert... Die Armut hat weiter zugenommen. Im Milleniumsjahr lebten von den rund 6 Milliarden Bewohnerinnen und Bewohnern der Erde 2,7 Milliarden unter der Armutsschwelle, davon 1,3 Milliarden in „äusserster Armut“ (das heisst, sie verfügten über weniger als einen Dollar am Tag)... Bei der derzeitigen Globalisierung gibt es kein “Wir“, sondern nur eine schier endlose Reihe von „Ichs“, die um die lebenswichtigsten Güter und Dienstleistungen konkurrieren. Das Evangelium der Wettbewerbsfähigkeit dient inzwischen zur Erklärung und Rechtfertigung von Krieg und Armut... Nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank, der EU, der Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo), des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta), der Vereinigung südostasiatischer Staaten (Asean), der Neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas (Nepad) und ähnlichen Organisationen sind all jene zu bekämpfen, die das Wachstum des Konsums, die “Freiheit“ von Handel und Finanzen sowie den „freien“ Verkehr und die gegenseitige Befruchtung der Kulturen behindern. Erhalt und Förderung der westlichen, zum Inbegriff der menschlichen Zivilisation erhobenen Lebensweise liegen demnach im ureigenen Interesse aller Völker...
Dabei gibt es durchaus Alternativen...Es ist an der Zeit, die Armut als rechtswidrig zu erklären: “Niemand hat das Recht, arm zu sein.“ Armut für rechtswidrig erklären, heisst konkret, alle Gesetze und Verordnungen ausser Kraft zu setzen, die die Armut in der Welt, auch die Armut in den „entwickelten“ Industrienationen, hervorbringen und aufrechterhalten. Mit Blick auf die Europäische Union impliziert dies, die so genannte Lissabon-Strategie - „Europa zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt zu machen“-, den Bologna-Prozess (Privatisierung und Kommerzialisierung der Universitätsbildung) und jede weitere Form der „Bolkestein-Richtlinien“ durch Massnahmen zu ersetzen, die der gegenseitigen Zusammenarbeit, der Stärkung der Universitäten als Service Public und der Entwicklung einer EU-Bürgerschaft Priorität einräumen... Es gilt die Liberalisierung, Privatiserung und Kommerzialisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen abzulehnen...
Ebenso den Freilandanbau von gentechnisch veränderten Pflanzen sowie ihre Nutzung in der Nahrungsmittelindustrie zu verweigern... Die Privatisierung der Wasserversorgung oder die Verlängerung der Verträge mit den Wassermultis zu stoppen - und den Zugang zu sauberem Trinkwasser als allgemeines Menschenrecht zu verankern.
Eine Alternative zu Armut und Krieg - der Traum vom Weltfrieden - setzt also vor allem die Förderung wirtschaftlicher Verhältnisse voraus, die auf dem freien Zugang zu öffentlichen Gütern und Dienstleistungen beruhen, und zwar auf der ganzen Welt. Dringend der Anerkennung bedarf dass Wasser, Luft, Sonnenenergie, Wälder, Wissen, Biodiversität, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Bildung, Weltmeere und Funkwellen, Finanzstabilität und Sicherheit in den Zuständigkeitsbereich und die Verantwortung des Weltgemeinwesens fallen...
Aus der Organisation der Vereinten Nationen muss eine Weltorganisation der Menschheit werden. Wir müssen uns auf Weltebene um eine politische Architektur bemühen, die der conditio humana als einer weltumfassenden Gegebenheit gerecht wird.
FF353

Wir wollen doch nichts anderes als ein wenig Ordnung, um uns vor dem Chaos zu schützen... In einem ungemein poetischen Text beschreibt Lawrence, was die Dichtung tut: Unablässig stellen die Menschen einen Schirm her, der ihnen Schutz bietet, auf dessen Unterseite sie ein Firmament zeichnen und ihre Konventionen und Meinungen schreiben; der Dichter, der Künstler aber macht einen Schlitz in diesen Schirm, er zerreisst sogar das Firmament, um ein wenig freies und windiges Chaos hereindringen zu lassen und in einem plötzlichen Lichtschein eine Vision zu rahmen, die durch den Schlitz erscheint, die Schlüsselblume von Wordsworth oder den Apfel Cézannes, der Umriss von Macbeth oder Ahab. Nun folgt die Reihe der Nachahmer, die den Schirm mit einem Stück flicken, das vage der Vision ähnelt, und die der Ausleger, die den Schlitz mit Meinungen füllen: Kommunikation. Immer weitere Künstler werden nötig sein, um weitere Schlitze anzubringen, um die notwendigen und vielleicht immer grösseren Zerstörungen vorzunehmen und so ihren Vorgängern die unkommunizierbare Neuheit zurückzugeben, die man nicht mehr zu sehen vermochte. Das heisst, dass der Künstler sich weniger mit dem Chaos herumschlägt (das er in gewisser Weise aus vollem Herzen herbeiwünscht) als mit den «Klischees» der Meinungen. Der Maler malt nicht auf einer noch unberührten Leinwand, wie auch der Schriftsteller nicht auf ein weisses Blatt schreibt, vielmehr sind Blatt und Leinwand schon derart bedeckt mit bereits bestehenden, fertigen Klischees, dass als erstes ausgewischt, gewaschen, gewalzt, ja zerfetzt werden muss, um einen Luftzug vom Chaos hereindringen zu lassen, der uns die Vision bringt.. Tatsächlich kämpft die Kunst mit dem Chaos, aber nur, um dabei eine Vision zum Vorschein zu bringen, die es einen Augenblick illuminiert, eine Empfindung.... Ein chaotisches Werk ist gewiss nicht besser als ein Werk der Meinung, die Kunst besteht aus Chaos ebensowenig wie aus Meinung; aber wenn sie sich mit dem Chaos herumschlägt, dann, um ihm die Waffen zu entlehnen, die sie gegen die Meinung richtet, um sie mit erprobten Waffen besser schlagen zu können. Ja sogar weil das Gemälde zuerst mit Klischees gespickt ist, muss der Maler sich dem Chaos stellen und die Zerstörungen vorantreiben, um eine Empfindung zu erzeugen, die jeder Meinung, jedem Klischee trotzt (wie lange?). Die Kunst ist nicht das Chaos, wohl aber eine Komposition des Chaos, die die Vision oder Sensation schenkt, so dass die Kunst einen Chaoismus bildet, wie Joyce sagt, ein komponiertes Chaos - weder vorausgesehen noch vorgefasst.
FF354

Er lag im Bett und schwitzte. Die Feuchtigkeit sammelte sich heiss in seinen Achselhöhlen und rann kalt und unangenehm an den Seiten herab. Sein Fieberfinger folgte dem Pfad im Verputz und hielt vor dem Höhleneingang erschöpft inne, derweil sein Hirn eintrat und innen finster-fantastische Grotten und Gestalten entdeckte. Einer dieser Gestalten fiel ihn jäh an, grub ihre Zähne in ihn und zerfleischte ihn bis zum Erwachen. Seufzend folgte er diesmal einem Himmelspfad an der Decke, schwang sich auf um später tödlich ins Erwachen zu stürzten.
Leonardo da Vinci empfahl seinerzeit angehenden Künstlern, in Wolkenformen und abblätterndem Mauerwerk fantastische Figurationen, Fratzen, Reiter usw. zu entdecken und zu zeichnen. Müsste heute das gegenteilige Rezept empfohlen werden? Erkenne in den Grotten, in den Figurationen, Fratzen und Reitern den Verputz!?!
FF 355

«Es sei möglicherweise nicht gesund im Alter von siebenundzwanzig, bald neunundzwanzig Jahren mehr oder weniger zurückgezogen in einer Badewanne zu leben. Ich müsste das Wagnis eingehen, sagte ich mit gesenktem Blick und streichelte dabei über das Email der Badewanne, das Wagnis, die Seelenruhe meines abstrakten Lebens aufs Spiel zu setzen, um.
Ich beendete meinen Satz nicht.»
FF356

Wie war das mit Vermeer - 35 Bilder als Lebenswerk; keine Zeichnungen, keine Stiche, keine Briefe, keine Skizzen, keine Wandbilder, keine bekannten Reisen, 35 Bilder und sonst nichts? 35 Bilder, deren Sujets geklaut sind, und die die Beklauten in den Schatten stellen. Offenbar muss man nicht mal was erfinden, man muss es nur besser machen als die Vorherigen. Ein Haufen Kinder, ein Haufen Schulden und ein extrem schmales Werk, was so hell strahlt, lauter Kleinformate ohne spektakuläre Darstellungen - meilenweit von jedem Expressionismus. Bei Proust stirbt ein Mann in Anbetracht einer kleinen von Vermeer gemalten Mauerecke...
FF357

« Kennen Sie Adam?», fragte Teddy.
«Ob ich wen kenne?»
« Adam. Aus der Bibel?»
N. lächelte.« Nicht persönlich», sagte er.
« Sie erinnern sich doch an den Apfel, den Adam im Garten ass und von dem auch in der Bibel die Rede ist?», fragte er. « Wissen Sie, was in dem Apfel war? Die Logik. Logik und intellektueller Kram. Das war alles, und etwas anderes war nicht drin. Und deshalb - darum dreht es sich nämlich - müssen Sie sich leer machen, wenn Sie die Dinge sehen wollen, wie sie wirklich sind.»
FF358

Der Begriff der Körperbeherrschung gefällt mir nicht. Ich würde eher von Körperbewusstsein sprechen. Es geht um die Qualität der Selbstwahrnehmung, das ist fundamental...
Choreographie verstehe ich als Organisation.
Es geht nicht darum, Bewegungen zu schaffen und zu zeigen. Mich interessiert die Wahrnehmung und das Verständnis von Wahrnehmung...
Schreiben ist immer auch Bewegung. Ich verstehe meine choreographische Praxis als räumliches Schreiben. Die Tänzer sollen mit ihrer Bewegung Spuren hinterlassen.
FF359

«MAN KANN IM NAMEN DER KUNST KEIN HUHN SCHLACHTEN»
FF360

Der Aufstand gegen die ideologisch eingeschüchterte Wahrnehmung ist vielleicht das entscheidende Charakteristikum einer ästhetischen Weltsicht.
FF361

Mutanten werden das sein, die - effizient wie im Labor gezüchtete Vieren - ihre Kontakte, ihre Networks, ihre Verbände und Dachverbände, ihre Links und ihre Zentren aufbauen werden, künftige Fachleute für die televisuelle Kommunikation, für audiovisuelles Management, für net und web. Das werden die Planer fremder Leben und eigener Karrieren sein, solche, die think deeply, read wildly and write beautifully. Selbstbewusste Menschen, Menschen mit einer multiplizierten Identität, Kosmopoliten, Globalisten, Multikulturalisten, Nationalisten...alles auf einmal, als hätten sie mehrere Köpfe auf dem Hals, flexibel, schnell beim Definieren, Selbstdefinieren und Redefinieren, beim Reflektieren und Selbstreflektieren, inventierend und reinventierend, modellierend und remodellierend, konstruierend und dekonstruierend. Sie werden die neuen Kämpfer für die Demokratie unter den Bedingungen der Transition sein, und da alles im Wandel begriffen ist und alles sich seit Menschengedenken im Fluss befindet, werden diese Menschen ständig die Wörter mobility, flexibility und fluidity wie Kaugummi im Munde drehen. Es werden junge, fotrschrittliche Menschen sein, bezahlte Kommissare der European integration und des enlargement-Prozesses, Erbauer der neuen Ordnung, Spezialisten für new, unique postnational political units, für national und postnational constellations, Fachleute für globalization versus localization und umgekehrt, advocats, die vehement dieses oder jenes verteidigen. In x geboren werden sie in y in Geschichte des Mittelalters diplomieren, in z English business terminology studieren und ihre Doktorarbeit zum Thema What do Medieval History and Business Terminology have in common schreiben. Von o werden sie sich nach p begeben um dort Mikro- und Makroökonomie zu studieren und sich dann in good governance and sustainable peace in war-torn societies zu spezialisieren. Aus q, r, s und t kommend werden sie zu Fachleuten beim UNHCR, bei NGOs, bei der EU.... Sie werden mehrere Sprachen beherrschen, die Neusprache des neuen Europas schaffen, flotte, phantasievolle Schlüsselbegriffe prägen. Das Wort Elargement werden sie gross schreiben, als handle es sich um eine neue Epoche, vergleichbar mit dem Humanismus, der Renaissance oder der Aufklärung. Ihre Schlüsselbegriffe werden sein: management, technology of negotiations, income, profit, investment, expense, hidden communication. Schnell dabei, sich zu definieren und zu positionieren, zäh wie Katzen mit neun Leben, werden sie wissen, was sie wollen. Sie werden strong self-confidence haben, sie werden hardworking, communicativ, loyal, discreet, tolerant und friendly sein und spielend mit stressful situations fertig werden. Sie werden ein gesteigertes Interesse an diplomatic und consular privileges an den Tag legen. Ihre Bewerbungsschreiben werden sie mit Slogans schmücken wie Challenge is my propeller, perfection is my ultimate goal und mit Begriffen spicken wie contemporary self, bastardism of your age, postcolonialism, marketization, recruiting, training, contacts...
FF362

Vor drei Jahrzehnten hat Roland Barthes einen kulturellen Text elegant als «ein Gewebe von Zitaten» definiert:«Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn erfüllt (welcher die „Botschaft“ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur».
FF363

Soviel auch zitiert, gesampelt und gestohlen wird - letztendlich sind es die alten Subjekte, die ihre eigene Modernisierung vornehmen. Auch der Blick auf Technik und Produktionsbedingungen rettet die Aesthetik nicht davor, letztendlich doch an den Autor glauben zu müssen. Es sieht einfach nur anders aus.
FF364

Denn was soll eigentlich diese ununterbrochene Verbildlichung unseres Lebens, diese tendenzielle Verdoppelung der Realität? Dazu müssen wir noch einmal nach dem Unterschied von Original und Bild fragen...
Original und Bild sind je auf ihre Weise reicher, übertreffen einander. Die nicht schon als Bild gesehene Realität* ist unbestimmt, und in ihrer Unbestimmtheit reicher an Möglichkeiten...
Das Bild oder Foto ist in gewisser Weise ärmer als das Original, weil in ihm die Perspektive, die Konstellation, die Einheit und der Rahmen festgelegt sind. Das Bild ist insofern ärmer an Möglichkeiten, aber es übertrifft das Original gewissermassen an Wirklichkeit. Das Bild ist eindeutiger, bestimmter, entschiedener, prägnanter als die Realität. Es kann deshalb die Realität an emotionaler Wirkung bedeutend übertreffen...
Es zeigt sich, dass Verbildlichung eine Steigerung an Wirklichkeit darstellt. Im Bild tritt die Realität mehr aus sich heraus, wird bestimmter, entschiedener, prägnanter und in diesem Sinne auch wirklicher. Sie wird erst im Bild eigentlich etwas Bestimmtes aus der Fülle der mannigfaltigen Möglichkeiten.

*Realität soll die dingliche Welt einschliesslich der Menschen bezeichnen. Ich vermeide hier den auch gebräuchlichen Ausdruck „Wirklichkeit“, weil ich diesen für die affektiv erfahrene Wirksamkeit reserviere.
FF365

« Ce n est pas une image just, c est just une image»
FF366/1

Heute morgen habe ich in der Zeitung «Tagesspiegel» in diesem Zusammenhang einen Artikel über Godard gelesen:
Es steht schon bei Shakespeare. Beethoven hat es komponiert, Delacroix hat es gemalt, Godard hat es bereits einmal zusammengerührt, und bevor wir uns umsehen,, hängt es für 9,90 bei H&M... Nur dass Godard die rasenden Montagen das Sampeln offenbar in der Hoffnung tut, am andern Ende des Zitatentunnel etwas Neues anzutreffen.
FF366/2

«Enthülle mich nicht, wenn Dir die Freiheit lieb ist!»
FF367


Das Wichtigste, was mich beschäftigt ist Komplexität. Komplexität in dem Sinne, dass es nicht nur eine Antwort auf eine Frage gibt, sondern verschiedene Antworten, dass es nicht nur einen Weg zur Schönheit gibt, sondern viele mögliche Wege. Was ich versucht habe, ist eine Begegnung mit der Realität zu finden...
FF368

Ausgangspunkt für Gustav Metzgers Werk ist sein Konzept der Autodestruktiven Kunst, die er 1959 in seinem ersten Manifest als „ eine Form der öffentlichen Kunst für Industriegesellschaften“ definierte. Im Mittelpunkt der Autodestruktiven Kunst steht nicht das Künstlersubjekt...
Wenige Zeit später definiert Metzger ebenfalls den Begriff der Autokreative Kunst: Es sind Vorgänge des Wachstums, die ein Werk generieren und in ständigem Fluss halten; Säure, zerfressene Leinwände, Flüssigkristalle, industrielle Materialien werden verwendet und zielen auf einen Angriff auf kapitalistische Werte und den Kunstmarkt...
Im Katalog zu Years without Art 1977 - 1980 ruft er zu einem dreijährigen „Kunststreik“ auf, der das Potential politisch engagierter Kunst vor seiner Verharmlosung durch Establishment und Kunstmark bewahren soll...
Das Symposium - Destruction in Art Symposium (DIAS) - fand im September 1966 in London statt. Etwa 100 KünstlerInnen aus 18 Ländern steuerten Werke bei. Gemeinsam verband sie die Auffassung, dass Destruktion als eine Form des Widerstandes gegen psychische, soziale und politische Gewalt einzusetzen ist. Sie beschäftigten sich mit der Wechselwirkung und gegenseitigen Verbindung von Zerstörung und Schöpfung innewohnenden Prozesse und Strukturen. Obwohl sie sich mit Destruktion in der Kunst beschäftigten, betrieben sie keine Zerstörung der Kunst, denn sie verstanden Destruktion als ursächliches Prinzip, das - wenngleich eine andere Dimension derselben - mit der Kreativität im Einklang steht und ein Teil des Produktionszyklus ist. Zudem benutzten sie Zerstörung als provokatives Mittel, um konventionelle Kunstformen zu kritisieren.
Viele DIAS-KünstlerInnen waren Pioniere in Happening, Fluxus, Wiener Aktionismus und Konkreter Poesie und legten den globalen Grundstein für sozial engagierte Kunst. Sie betonten die zentrale Rolle der Kunst im Hervorbringen neuer Wissens- und Wahrnehmungsformen und neuer Einsichten in das Leben...
Ihre Techniken umfassten Demolierungsakte durch Mittel wie Sprengen, Verbrennen, Zerreissen, Zertrümmern, Zerschneiden; dem Einsatz natürlicher Elemente wie Wind, Feuer, Regen, Wasser und Schwerkraft; die Zertrümmerung diachroner Narrative durch den Einsatz von Klang, visueller Gestaltung und Performance sowie die Zerschlagung psychosexueller Konventionen und sozialer Zwänge...
- Ein Abschnitt des Symposiums war gänzlich den teilnehmenden Künstlern aus Oesterreich gewidmet: Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Kurt Kren und Peter Weibel (19).
- Nur sehr wenige Frauen nahmen aktiv an DIAS teil.
- Townshend, der Leadgitarrist der Rockgruppe The Who, erklärte, dass der Vortag von Metzger ihn auf die Idee gebracht habe, bei Musikperformances seine Gitarre zu zertrümmern.
- Mit der agressiven Kleidung, den schrill gefärbten Irokesen-Frisuren und ihrem schonungslos chaotischen Benehmen gelang der Punk-Kultur die Verbreitung der Themen, die DIAS aufgeworfen hatte.
- Metzgers Gebrauch der Destruktion zur Kritik des Totalitarismus und Kapitalismus in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren wurde von vielen Künstlern aufgenommen, auch wenn sie Metzgers Werk nicht kannten:
- 1978 Gründung der Gruppe Survival Research Laboratories (SRL) in San Francisco.
- 1980 im ehemaligen Jugoslawien: Neue Slowenische Kunst ( NSK), eine Dachorganisation, zu der auch Gruppen wie Laibach und Irwin gehören, die den Theorien von Slovoj Zizek nahe stehen.
- In den 1990er Jahren zog dann die spanische Gruppe La Fura Del Baus, die ebenfalls teil des DIAS-Affektes ist, bei grossen öffentlichen Festivals für Zerstörungsaktionen Hunderte von Zuschauern an.

- Selbst der Psychologe Arthur Janov sieht als Auslöser für die Entwicklung seiner Urschreitherapie die Aktion Self-Destruction von Ortiz (S.60)
- Im Jahre 2002 veranstaltet Peter Weibel in Zusammenarbeit mit Bruno Latour im ZKM-Karlsruhe die Ausstellung ICONOCLASH
- Das ist nur der Anfang einer Liste von Affekten, die sich von DIAS aus rhizomartig verbreiteten, eine Form der Verbreitung, die Gilles Deleuze und Felix Guattari teilweise unter der kulturellen Anleitung des DIAS- Teilnehmers Jean-Jacques Lebel theoretisch zu fassen versuchten..
Die Frage, wie wir mit Bildern der in den Medien dokumentierten humanitären Katastrophen umgehen, stellt Gustav Metzger in seiner jüngsten Werkgruppe der Historic Photographs (ab 1990). Indem die BetrachterInnen bestimmte Aktivitäten setzen müssen, wenn sie die historischen Fotografien sehen möchten, verdeutlicht Metzger unsere Ambivalenz zwischen Voyeurismus, Bagatellisierung und Anteilnahme..
Im gleichen Masse wie bei seiner künstlerischen Arbeit engagiert sich Gustav Metzger in theoretischen Vorträgen, Symposien und politischen Foren...
Lassen wir zum Abschluss den Psychiater und Trauma-Experten Robert Jay Liften mit einem Satz zitieren, der eine bezwingende Parallele zum DIAS-Affekt aufweist:
« Je signifikanter ein Ereignis, um so geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es untersucht wird».
FF369

Es scheint mir nicht, sagte Austerlitz, dass wir die Gesetze verstehen, unter denen sich die Wiederkunft der Vergangenheit vollzieht, doch ist es mir immer mehr, als gäbe es überhaupt keine Zeit, sondern nur verschiedene, nach einer höheren Stereometrie ineinander verschachtelte Räume, zwischen denen die Lebendigen und die Toten, je nachdem es ihnen zumute ist, hin und her gehen können, und je länger ich es bedenke, desto mehr kommt mir vor, dass wir, die wir uns noch am Leben befinden, in den Augen der Toten irreal und nur manchmal, unter bestimmten Lichtverhältnissen und atmosphärischen Bedingungen sichtbar werdende Wesen sind.
FF370


Hans Peter Duerrs Recherchen handeln vom gross angelegten Versuch, die soziologische Theorie von Norbert Elias zu widerlegen, und zu belegen, dass es so etwas wie eine Höherentwicklung bestimmter, insbesondere westlicher Kulturen nicht gibt. Das Verhalten der Menschen werde zwar vom jeweiligen kulturellen Kontext moduliert und gesteuert, aber eine zielgerichtete Entwicklung, einen fortschreitenden «Prozess der Zivilisation» (Elias) mit zunehmender Triebsublimierung, kann der Ethnologe genauso wenig erkennen wie eine naturwüchsige Wildheit bei afrikanischen Stämmen. Das schlagende Argument für Duerr sind die Kriege und Gewaltexzesse, die auf allen Kontinenten und zu allen Zeiten immer wieder ausbrechen... «Ich bin ein Wissenschafter, den die Anschauung zur Theorie führt»...Die Themen fallen ihm zu: So sei er auf seinen Reisen zu den sogenannten Wilden mit einer Schamkultur konfrontiert worden, die ihn habe zweifeln lassen an der allgemein akzeptierten Annahme, dass erst die moderne Verinnerlichung komplexe Schamgefühle erzeuge.
FF371


Aus dem Grunde haben wir die Szene gedreht, in der Mitterand nackt in der Badewanne sitzt. Die Attribute der Macht, das ist ja immer das Kostüm. In dieser Szene gleicht Mitterand allen alten Menschen dieser Welt. Die Nacktheit führt ihn zurück auf die Condition humaine. Ich glaube, dass das Publikum Könige und andere mächtige Figuren gerade deshalb liebt, weil selbst die Macht sie nicht vor Krankheit, Leid und Tod verschont.
FF372

Meine Menschen wurden alle erschossen
Von einer Kamera, gerahmt,
bevor ich sie malte. Sie wussten nicht,
dass ich ihnen das antun würde.
Sie wussten nicht, mit welchen Namen ich sie nennen würde....
(1985)

Im Augenblick siedelt meine Kunst
zwischen der pornographischen Tendenz,
alles zu enthüllen
und der erotischen Neigung,
zu verbergen, worum es eigentlich geht.
(1986)
FF373

Die Anthropologie mutmasst, dass das Ausgesetztsein in eine Situation der Baumlosigkeit, in der jede Flucht nach oben abgeschnitten war, zur Erdichtung der Mythologeme führte. Kafkas in die menschliche Gesellschaft verschleppter Affe erläutert sehr ähnliche Zusammenhänge in seinem Bericht für eine Akademie. Es war die Ausweglosigkeit die ihn, der «doch so viele Auswege bisher gehabt», dazu zwang, selber zum Menschen zu werden.
FF374

Bilder sind schön, Bilder sind nicht zu entbehren, aber eine Qual sind sie auch.
FF375


Sarrasine ist die Geschichte eines Bldhauers, der nicht verstehen will, dass die schönste aller Frauen – La Zambinella – ein Kastrat ist. Nachdem er gezwungen wird, sich seine Blindheit einzugestehen, sucht er zuerst seine meisterhafte Abbildung dieses trügerischen Körpers mit dem Hammer zu zerstören. Nachdem dies scheitert, ergreift er das Schwert, um seine Zerstörungswut auf das Modell selbst zu richten. Er wird daran aber von den Gehilfen des Kardinals Cicognara, dem Besitzer des Kastraten, gehindert, die statt dessen ihn selber erdolchen. Rolands Barthes Lektüre der Novelle von Balzac mündet in einer Warnung: Das Verlangen, am Körper ein Bild entstehen zu lassen, welches klare Geschlechtsidentitäten festmacht und auch unser traumatisches Wissen um die eigene Versehrtheit und Verletzbarkeit in eine Fantasie der körperlichen Vollkommenheit umsetzt, kann nicht aufgehen. Der Körper, der makellose weibliche Schönheit zur Schau stellt, ist eine Täuschung auf der Ebene der Geschlechtlichkeit und weist somit darauf hin, dass die tradierte Vorstellung dessen, was perfekte Weiblichkeit sei, nichts anderes als eine kulturelle Konstruktion ist...
Der Wunsch, den Körper festzulegen, um über ihn eine ganz andere Fantasie (nämlich eine auf den unversehrten Körper gerichtete) Gestalt annehmen zu lassen, muss scheitern. Das zeigt sich auch in der Rahmenhandlung von Balzacs Novelle. Denn der Erzähler, der mit seiner Wiedergabe dieser Geschichte eine wunderschöne Frau zum Beischlaf verführen will, scheitert ebenso wie sein Held, wenn auch mit weniger fatalen Folgen. Weil die Geschichte, die er erzählt, von sexueller Kastration und Mord handelt, von der Versehrtheit, die dem Glanz der Schönheit und des Prunkes immer innewohnt, von der unheimliche Nähe von Meisterwerk und Monster, von dem perfekten weiblichen und dem verstümmelten männlichen Körper, löst die genaue Benennung des Rätsels bei der Zuhörerin Widerwillen und Ekel aus. Es kommt nicht zum Beischlaf.
FF376

Das innerste Geheimnis der profanen Metaphysik ist die seltsame Sensation der Körperabsenz, die hervorgerufen wird durch einen, wenn man so sagen kann, überentwickelten Blick. Bezeichnenderweise müssen sich ja auch die Klienten, wenn sie aus dem Dämmer der Peep-Show ( oder des Kinos) wieder auf die Strasse herauskommen, immer einen kleinen Ruck geben, um wieder Herr zu werden über den ihnen vor lauter Schauen abhanden gekommenen Körper.
FF377

Am 2. März 1757 war Damiens dazu verurteilt worden,« vor dem Haupttor der Kirche von Paris öffentlich Abbitte zu tun», wohin er « in einem Stürzkarren gefahren werden sollte, nackt bis auf ein Hemd und eine brennende zwei Pfund schwere Wachsfackel in der Hand; auf dem Grève-Platz sollte er dann im Stürzkarren auf einem dort errichteten Gerüst an den Brustwarzen, Armen, Oberschenkeln und Waden mit glühenden Zangen gezwickt werden; seine rechte Hand sollte das Messer halten, mit dem er den Vatermord begangen hatte, und mit Schwefelfeuer gebrannt werden, und auf die mit Zangen gezwickten Stellen sollte geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pechharz und mit Schwefel geschmolzenes Wachs gegossen werden; dann sollte sein Körper von vier Pferden auseinandergezogen und zergliedert werden, seine Glieder und sein Körper sollten vom Feuer verzehrt und zu Asche gemacht, und seine Asche in den Wind gestreut werden»...
FF378

«Im Bunker hing von der Gewölbedecke eine oben in einer Rolle laufende Kette, die am unteren Ende einen starken, geschwungenen Eisenhaken trug. Man führte mich an das Gerät. Der Haken griff in die Fessel, die hinter meinem Rücken meine Hände zusammenhielt. Dann zog man die Kette mit mir auf, bis ich etwas einen Meter hoch über dem Boden hing. Man kann sich solcher Stellung oder solcher Hängung an den hinterm Rücken gefesselten Händen eine kurze Weile mit Muskelkraft in der Halbschräge halten. Man wird, während dieser wenigen Minuten, wenn man bereits die äussertste Kraft verausgabt, wenn schon der Schweiss auf Stirn und Lippen steht und der Atem keucht, keine Fragen beantworten. Komplizen? Adressen? Treffpunkte? Das vernimmt man kaum. Das in einem einzigen, engbegrenzten Körperbereich, nämlich in den Schultergelenken, gesammelte Leben reagiert nicht, denn es erschöpft sich ganz und gar im Kraftaufwand. Nur kann dieser auch bei physisch kräftig konstituierten Leuten nicht lange währen. Was mich betrifft, so musste ich ziemlich schnell aufgeben. Und nun gab es ein vom meinem Körper bis zu dieser Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. Die Kugel sprang auf den Pfannen. Das eigene Körpergewicht bewirkte Luxation, ich fiel ins Leere und hing nun an den ausgerenkten, von hinten hochgerissenen und über dem Kopf nunmehr gedreht geschlossenen Armen...»
FF379

Am frühen Morgen weckte ihn ein quälender Traum. Er sah sich selbst auf der Pritsche liegen und davon träumen, dass er auf der Pritsche lag und davon träumte, auf der Pritsche zu liegen und zu träumen.
FF380

Mag der Begriff der Sublimierung bis heute etwas unscharf geblieben sein, die Wurzeln der Kreativität selbst sind aber von zahlreichen PsychoanalytikerInnen erforscht worden und werden es weiterhin. Nach Melanie Klein entspricht der kreative Drang der Nötigung zur Wiedergutmachung gegenüber dem durch imaginäre Angriffe zerstörten Objekt. Ziel ist die Wiedererrichtung des Objekts in seiner schönen Ganzheit. Der kreative Schwung ist mit der depressiven Phase verknüpft, in der das Subjekt fähig wird, sich mit seiner Schuld auseinanderzusetzen. Hanna Segal zitiert in ihrem Werk Verse von Rilke, um ihre Auffassung von der Nähe des Schönen und des Schrecklichen zu bekräftigen. Sie zeigt, inwiefern das Kunstwerk eine Hervorbringung der destruktiven Triebe ist und zugleich der Triumph über das innere Chaos seines Schöpfers.
FF381


Eine «Activity» von Allan Kaprow bestand darin, dass jemand mit Kreide einen Strich auf die Strasse zog und jemand anderen diesen mit einem Radiergummi wieder auslöschte. Die «Activity» dauerte so lange, bis entweder die Kreide oder der Gummi aufgebraucht waren.

Die Verbindung zwischen Kunst und Leben war das Leitmotiv von Kaprows künstlerischer Arbeit. Er war der Erfinder des Happenings, einer neuen Form von Kunst, die er 1959 in New York mit «18 Happenings in 6 Parts» zum ersten Mal verwirklichte. Er ersetzte das physisch greifbare Kunstwerk in Form einer Skulptur, eines Gemäldes oder eines Films durch die Aufführung in der Art eines Spiels. Und er hob die Trennung zwischen Künstler und Zuschauer auf, indem die Happenings, im Unterschied zu Theaterstücken oder Performances, keine Zuschauer, sondern nur Mitspieler hatte.
Er baute mit Architekturstudenten auf einer Mülldeponie Gebilde aus Abfall auf und riss diese wieder ein («Household»1964). Für «Fluids» 1967 konstruierte er in Los Angeles Bauten aus Eisblöcken, die bald schmolzen. Und für «Sweet Wall» 1970 errichtete er neben der Berliner Mauer eine Mauer aus Ziegelsteinen, die mit Brot und Marmelade verbunden wurde.
Er entzog sich dem Einfluss von Museen, Sammlern und Galerien. Es ging ihm, der bei Hans Hofmann Malerei, bei John Cage elektronische Musik und bei Meyer Schapiro Kunstgeschichte studiert hatte, dabei aber nicht um eine kritische Reflexion des Kunstbetriebes, der Gesellschaft oder der Kunst als solcher. Er begriff, wie zur selben Zeit auch Robert Smithson, dass jede kritische Reflexion ihren Gegenstand unweigerlich reproduziert und damit auch stärkt. Er wollte vielmehr von der Idee loskommen, dass die Kunst als etwas Absolutes über oder neben der Wirklichkeit steht...
Anders als Marcel Duchamp interessierte er sich nicht für die Frage « Was ist Kunst?», also die Frage nach dem Wesen der Kunst, sondern eher für die Frage «Wo ist Kunst?», also die Frage nach ihrem Ort und ihrer Funktion. Wenn er in seinen Aufsätzen und Vorträgen von der Vermischung von Kunst und Leben sprach, teilte er damit nicht das Ziel der Avangarden, die mittels der Kunst das Leben verbessern und die Probleme der Wirklichkeit lösen wollten. Vielmehr wollte er die Kunst verbessern, indem der sie der Komplexität und Widersprüchlichkeit des Lebens aussetzte. Auf Joseph Beuys berühmten Ausspruch « Jeder Mensch ist ein Künstler» hätte er entgegnen können: « Jeder Künstler ist ein Mensch.» Kaprows Werk stellt die Wertehierarchien der Kunstwelt radikal in Frage. Ohne ihn wäre ein grosser Teil der heutigen Installations- und Performanzkunst nicht denkbar.
FF382

Poesie soll das Leben nicht erklären, Poesie war für Brodsky das Leben selbst. Er verneinte die künstlerische Autonomie des Dichters und dreht die Abhängigkeitsverhältnisse um. Es ist die Sprache, die sich des Dichters als eines Instruments bedient, um ihre eigenen Aussagemöglichkeiten zu erproben: « Vom Ganzen des Menschen bleibt – als Teil - / bloss Sprache übrig. Er als Sprachanteil. Als Redeteil.»
FF383


Der Philosoph Hegel beschreibt in den « Vorlesungen über die Aesthetik» 1820 das ganze Seelenkulturprogramm:«...zur wahren Tiefe und Innigkeit des Geistes gehört, dass die Seele ihre Gefühle, Kräfte, ihr ganzes inneres Leben durchgearbeitet, dass sie vieles überwunden, Schmerzen erlitten, Seelenangst und Seelenleiden ausgestanden, doch in dieser Trennung sich erhalten habe und aus ihr in sich zurückgekehrt sei.»
FF384

Ihren Nachruhm verdankt Gertrude Stein einer einzigen Zeile, die oft falsch zitiert wird, meistens als „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“. In Wirklichkeit heisst sie „ Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, also „Rose is a Rose is a Rose is a Rose“ im Original...
Natürlich hilft es, wenn man das Kinderbuch „Die Welt ist rund“ kennt, das Gertrude Stein 1993 als Auftragsarbeit geschrieben hat. Das Mädchen Rose in der Kindergeschichte fragt sich, wer sie ist und was ihre Existenz mit ihrem Namen zu tun hat: „Alle hatten sie Namen und ihr Name war Rose aber wäre sie oft weinte sie deswegen wäre sie Rose gewesen wenn ihr Name nicht Rose gewesen wäre.“ ...Gertrude Steins Rosensatz ist der steinigste aller Sätze. Das poetische Programm der Gertrude Stein steckt in den vier Rosen: Dem symbolgeschwängerten Wort gibt sie seine Selbstbestimmung zurück, macht daraus wieder, mit rhythmischem Nachdruck, einen Gegenstand – um ihn durch den Zauber der Wiederholung in Sprachmusik zu verwandeln. Aber noch ist die Geschichte der kleinen Rose aus dem Kinderbuch nicht zu Ende erzählt: Auf ihrer Suche nach sich selbst zieht sie in die Welt hinaus, erlebt allerlei und ritzt ihren Namen in die Rinde eines Baums. Aber so, dass er rundherum geht: „Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“
FF385

„Also hören Sie! Verstehen Sie denn nicht, dass, als die Sprache neu war, - wie bei Chaucer und Homer – der Dichter den Namen eines Dinges gebrauchen konnte, und das Ding dann wirklich da war? ...Und verstehen Sie denn nicht, dass er, nachdem Hunderte von Jahren vergangen und Tausende Gedichte geschrieben worden waren, sich auf eben jene Worte berufen konnte und herausfinden, dass sie nur abgenutzte literarische Worte waren? Das Erregende des reinen Seins war von ihnen gewichen; es waren nur noch ziemlich abgegriffene literarische Worte. Nun, der Dichter muss in der Erregung des reinen Seins arbeiten; er muss der Sprache diese Intensität neu verleihen. Wir alle wissen, dass es schwer ist, in späteren Lebensjahren Gedichte zu schreiben; und wir wissen, dass man etwas Ungewöhnliches, etwas Unerwartetes in das Satzgefüge bringen muss, um dem Substantiv seine Vitalität zurückzugeben. Es genügt aber nicht bizarr zu sein; die Eigenart des Satzgefüges muss auch von der dichterischen Begabung kommen. Darum ist es doppelt schwer, in späteren Lebensjahren ein Dichter zu sein. Nun, Sie alle kennen Hunderte von Gedichten über die Rose, und Sie haben in Ihren Knochen gespürt, dass die Rose nicht vorhanden war...
Also hören Sie! Ich bin kein Narr! Ich weiss, dass man im täglichen Leben nicht herumgeht und sagt: „is a... is a... is a...“ Ja, ich bin kein Narr; aber ich denke, dass in dieser Zeile die Rose zum ersten Mal seit hundert Jahren in der englischen Dichtung rot ist.“
FF386

Das Modell ist eine aus fünf Stufen bestehende Leiter. Die Menschheit ist diese Leiter Schritt für Schritt aus dem Konkreten hinaus in immer höhere Abstraktionen emporgeklommen: ein Modell der Kunstgeschichte und der Entfremdung des Menschen vom Konkreten.
Erste Stufe: Das Tier und der „Naturmensch“ sind in eine Lebenswelt gebadet, in eine vierdimensionale Raumzeit, welche das Tier und den „Naturmenschen“ angeht. Es ist die Stufe des konkreten Erlebens.
Zweite Stufe: Die uns vorangegangenen Menschenarten (etwa zwischen - 2 000 000 und –
40 000 Jahren) standen als Subjekte einem objektiven Umstand entgegen, einem dreidimensionalen, aus behandelbaren Objekten bestehenden Umstand. Es ist die Stufe des Fassens und Behandelns. Auf ihr stehen Gegenstände (zum Beispiel Steinmesser und geschnitzte Figuren).
Dritte Stufe: Homo sapiens sapiens hat zwischen sich und den objektiven Umstand eine imaginäre, zweidimensionale Vermittlungszone geschoben, und er erfasst und behandelt den Umstand dank dieser Vermittlung. Es ist die Stufe der Anschauungen und des Imaginierens. Auf ihr stehen die traditionellen Bilder (zum Beispiel die Höhlenmalerei).
Vierte Stufe: Vor etwa 4000 Jahren wurde zwischen den Menschen und seinen Bilder eine weitere Vermittlungszone, die der linearen Texte, eingeschoben, der der Mensch von nun an den Grossteil seiner Anschauung verdankt. Er ist die Stufe des Begreifens, des Erzählens, die historische Stufe. Auf ihr stehen die linearen Texte (zum Beispiel Homer und die Bibel).
Fünfte Stufe: Die Texte haben sich jüngst als unzulänglich erwiesen. Sie erlauben keine weiteren Bildvermittlungen mehr, sie sind unanschaulich geworden. Und sie zerfallen zu Punktelementen, welche gerafft werden müssen. Es ist die Stufe des Kalkulierens und des Komputierens. Auf ihr stehen die technische Bilder.
Die Absicht des hier vorgeschlagenen Modells ist selbstverständlich nicht, die Kulturgeschichte schematisieren zu wollen. Das wäre ein lächerlich naives Unterfangen. Das Modell soll vielmehr die Aufmerksamkeit auf die Schritte konzentrieren, welche von einer Stufe des Modells auf die nächste führen. Es soll letztlich zeigen, dass die traditionellen Bilder das Resultat eines völlig andersartigen Schritts zurück aus dem Konkreten sind als die technischen Bilder. Es soll zeigen, dass die technischen Bilder völlig neuartige Medien sind, und dass sie etwas völlig anderes als die traditionellen Bilder«bedeuten»...

Die fünf Stufen der Leiter, welche aus dem konkreten Erleben der Umwelt ins Universum der technischen Bilder führt, sind voneinander durch Intervalle getrennt, die übersprungen werden mussten, Intervalle, die wir im Verlauf unseres Leben auch tatsächlich immer wieder in beiden Richtungen der Leiter überspringen müssen.
Erster Schritt: Im Unterschied zum Tier, auch zu den Primaten, verfügt der Mensch über Hände, welche die ihn angehende Lebenswelt aufhalten und zum Stillstand bringen können (so dass die Lebenswelt ihn nicht mehr angeht). Dieses Ausstrecken der Hand gegen die Welt kann als „Handlung“ bezeichnet werden. Dank ihr zerfällt die Lebenswelt in zwei Regionen: in die Region der nun stillstehenden, «verstandenen» Gegenstände und in die Region des „verstehenden“, den Gegenstände gegenüberstehenden menschlichen Subjekts. In die Region des objektiven Umstands und in die Region der Ek-sistenz des Menschen. Die Handlung abstrahiert das Subjekt aus der Lebenswelt, klammert es aus ihr aus, und was übrigbleibt ist das dreidimensionale Universum der zu fassenden Gegenstände, der zu lösenden Probleme. Dieses Universum der Objekte kann nun vom Subjekt umgeformt, „informiert“ werden. Kultur ist die Folge.
Zweiter Schritt: Hände handeln nicht blindlings, sondern unter Augenkontrolle. Die Koordination von Hand und Auge, von Hand und Schauen, von Praxis und Theorie ist ein Grundschema des Daseins. Man kann den Umstand anschauen, bevor man ihn behandelt. Zwar sehen die Augen nur die Oberfläche der zu behandelnden Objekte, doch dafür überblicken sie ein weiteres Feld als jenes, welche Hände fassen. Uns sie sehen Zusammenhänge. Sie können Vorbilder für späteres Handeln herstellen. Dieses der Handlung vorangehende Überblicken des Umstands kann „Weltanschauung“ genannt werden. Es geht um ein Abstrahieren der Tiefendimension aus dem Umstand, und dank ihr entsteht eine zweidimensionale, imaginäre Region zwischen Umstand und Subjekt: das Universum der traditionellen Bilder.
Dritter Schritt: Die Bilder stellen den Umstand vor: man muss ihn durch sie hindurch, «vermittels der Bilder», fassen und verändern. Fassen und Handeln sind Folgen von Vorstellungen, und da die Bilder zweidimensional sind, verhalten sich die Vorstellungen in ihnen zirkulär, das heisst, die eine erhält von der anderen ihre Bedeutung, welche diese ihrerseits der anderen verleiht. Ein solches Wechselverhältnis der Bedeutungen heisst «magisch». Das Fassen und Verändern der Umwelt durch Bilder hindurch ist eine magische Handlung. Will man den Weg zurück zum Umstand ohne Bildermittlung finden, will man die Handlung ent-magisieren, dann muss man die Vorstellungen aus dem magischen Kontext der Bildfläche herausreissen und in eine andere Ordnung bringen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Bilder nicht fassbar sind: sie haben keine Tiefe, sie sind nur ersichtlich. Aber man kann ihre Flächen mit Fingern begreifen, und wenn die Finger die Vorstellungen aus der Fläche heben, um sie zu begreifen, können sie sie zählen und erzählen. Dank dieser «Begreifen» zu nennenden Geste entstehen lineare Texte. Es geht um ein Übersetzen von Vorstellungen in Begriffe, um ein «Erklären» der Bilder, ein Zerfasern der Bildflächen zu Zeilen. Also um ein Abstrahieren der Höhe aus den Bildflächen , ein Reduzieren der Bilder auf die Eindimensionalität der Zeile. Dank ihm entsteht das konzeptuelle Universum der Texte, der Rechnung, der Erzählung und Erklärung, welche als Projekte für nichtmagisches Handeln dienen.
Vierter Schritt: Texte sind abaskusartige Reihen von aufgefädelten Begriffen, und die die Begriffe ordnenden Fäden sind Regeln, «orthographische Regeln». Der von den Texten beschriebene Umstand erscheint durch diese Regeln hindurch, er wird nach ihnen begriffen und behandelt, das heisst, die Textstruktur drückt sich auf den Umstand auf, so wie auch die Bildstruktur auf ihn aufdrückt. Beides, Text und Bild, sind «Mediationen».Dies ist lange verborgen gebliebe, weil die «orthografischen Regeln» (vor allem die Logik und die Mathematik) zu einem weit wirksameren Handeln führten als die vorangegangene Magie. Und wir beginnen erst in jüngster Zeit festzustellen, dass wir diese Regeln nicht etwa im Umstand «entdecken» (zum Beispiel in Form von Naturgesetzen), sondern dass sie von unseren wissenschaftlichen Texten selbst hineingetragen wurden. Dadurch verlieren wir das Vertrauen zu den Rechtschreibregeln. Wir erkennen in ihnen Spielregeln, die auch anders sein könnten, und mit dieser Erkenntnis zerfallen schliesslich die ordnenden Fäden und kollern die Begriffe auseinander. Und zwar zerfällt der zu beschreibende Umstand zu einem Schwarm von Partikeln und Quanten und das schreibende Subjekt zu einem Schwarm von Informationsbits, Entscheidungsmomenten und Aktomen. Übrig bleiben dimensionslose Punktelemente, die weder fassbar noch verstellbar, noch begreifbar sind – unzugänglich für Hände, Augen und Finger. Aber sie sind kalkulierbar, («calculus» = Steinchen) und können mittels spezieller, mit Tasten versehener Apparate («komputiert») werden. Man kann diese mit Fingerspitzen auf Apparat-Tasten drückende Geste «Kalkulieren und Komputieren“» nennen. Dank ihr entstehen mosaikartige Raffungen von Punktelementen: die technischen Bilder. Ein komputiertes Universum, in welchem Punktelemente zu scheinbaren Bildern eingebildet werden. Dieses eben entstehende Universum, dieses dimensionslose, eingebildete Universum der technischen Bilder soll den Umstand begreiflich, vorstellbar und fassbar machen. Das ist das hier zu besprechende Thema.
Demnach wäre dies der Unterschied zwischen traditionellen und technischen Bildern: Die ersten sind Anschauungen von Gegenständen, die zweiten Komputationen von Begriffen. Die ersten entstehen durch Imagination, die zweiten durch eine eigentümliche Einbildungskraft, nachdem das Vertrauen zu Regeln verloren gegangen ist.
FF387






Shinichi Hisamatsu, der sich auch mit Gartenkunst beschäftigte, stellte „Sieben Wesenheiten“ als Merkmale der Zen-Kunst auf, die man als „Schritte“ auf dem Weg zum Wesentlichen im Sinne der Abstraktion auffassen kann.

1. Fukisei – Asymmetrie. Das bedeutet: die allgemeine Eleganz soll überwunden werden – offene Balance.
2. Kanso – Einfachheit. Das bedeutet: rein, offen, naiv, unbedacht, unsorgfältig, keine behindernden Dinge, Reduktion.
3. Koko – kostbare Einfachheit. Das bedeutet: schmucklos, erhaben, altern, reifwerden: als bewusster willentlicher Vorgang Haut. Fleisch abfallen lassen und das Knochengerüst sichtbar machen. Altwerden ist ein wesentliches Kriterium des Zen. Es bedeutet nicht Sterben, sondern Erreichung des Kerns der Dinge, gleichzeitig Sorglosigkeit und Hochherzigkeit.
4. Shizen – spontane Natur. Das bedeutet: nicht gekünstelt, nicht unnatürlich, ohne Absicht, aber auch nicht Angeborensein, sondern mit Schöpferswillen und Erfindungsgeist: „wirkliche Natur“ verneint die blosse Natur.
5. Yügen – unergründliche Tiefe. Anmut, vornehm zurückhaltend. Das bedeutet: nicht das Ganze unverhüllt ausdrücken, sondern im Inneren zurückhalten. Durch das Nicht-Dargestellte die Unendlichkeit ausdrücken – Grazie und ruhige Tiefe.
6. Datsukoku – Überwindung der Welt.
7. Sijaku – reine Stille, nicht geräuschvoll. Das bedeutet: Die Stille in der Bewegung, gleich der Musik im No-Spiel.

FF388


Wie durch ein Wunder überlebte Viktor Frankl das Konzentrationslager, kehrte nach Wien zurück und übernahm seine alte Stelle in der Psychiatrie, aus der er Jahre zuvor verhaftet und abtransportiert wurde. Seine Frau und seine Eltern blieben verschollen.
Für viele Menschen, die in den letzten Kriegsjahren und der darauf folgenden russischen Besetzung ihre Orientation verloren hatten, war Frankl ein rettender Engel.
Wie durch ein Wunder überlebte auch ein Wiener Ehepaar die Haft in zwei veschiedenen Lagern und trafen sich nach jahrelanger Trennung wieder in Wien. Die Freude, die Ergriffenheit dieses Zusammenfindens der beiden Menschen hatte etwas Überirdisches.
Nach zwei Monaten jedoch starb die Frau an einer Krankheit mit der sie sich im Konzentrationslager angesteckt hat. Der Mann verfiel in eine tiefe Depression. Gebeugt von seinen Schmerzen, sass er in seiner Küche auf dem Schemel, ass nichts, wollte nicht sprechen, wollte alleine sein. Alles Zureden seiner Freunde fiel auf taube Ohren. Schliesslich gelang es ihnen, ihn zu überreden, Viktor Flankl aufzusuchen. Er folgte dem Rat, und die beider Männer sprachen gut ein paar Stunden miteinander. Da wechselte Flankl plötzlich das Thema: „Nehmen Sie an, Gott gäbe mir die Kraft, eine Frau zu schaffen, die der Ihren völlig gleich ist: nicht nur Aussehen , Sprache und Gebärde, sondern auch die der geistigen und seelischen Harmonie, die Sie zusammen hatten. Sie würden keinerlei Unterschied finden können. Soll ich dieses Frau erschaffen?“
Für eine lange Zeit sass der Mann schweigend da. Dann sagte er: „Nein“, stand auf, schüttelte Frankl die Hand, ging zur Türe hinaus und wendete sich wieder dem Leben zu. Als ich von dieser Geschichte hörte, konnte ich es nicht fassen.
Zum Glück war ich damals in Wien durch meine Arbeit mit Dr. Frankl befreundet. Bei der ersten Gelegenheit überstürzte ich ihn mit Fragen: „Was ging da vor? Was haben Sie gemacht? Wie soll man das verstehen?“
„Das ist ganz einfach“, antwortete Frankl, „wir sehen uns selbst durch die Augen des anderen. Als sie starb, wurde er blind. Aber als er sah, dass er blind war, konnte er sehen“. Hier endet mein Gleichnis vom Blinden Fleck.
FF389


Ich würde vier kinetische Grundstellungen unterscheiden: das Liegen, das Stehen oder Zum-Stand-Kommen, das Getragenwerden und das Fallen. Diese vier Urmodi bilden untereinander sehr komplexe Muster. Einfügen muss man das Schweben, als Synthesis zwischen dem Liegen und dem Fallen. Nach meiner Sicht steht das Fallen am Anfang... Mir scheint, dass die Kinetik des Zivilisationsprozesses von zwei Umständen geprägt ist: dass erstens der Zivilisationsmensch ein Defizit an Getragenheit empfindet und dass zweitens dieses Defizit an Getragenheit kompensiert wird durch eine Hyperproduktion von Selbst-Ständigkeit, von stellenden, und zwar sich selbst-stellenden Akten. Ich glaube auch, dass Heideggers „Seinsvergessenheit“, wenn man sie in kinetischen Ausdrücken reformulieren würde, bedeutete: Es herrscht eine Getragenheitsvergesenheit vor, die nun durch das Gestell, die Technik, durch diesen Zwang zur Selbstaufrichtung schicksalhaft kompensiert wird. Es kann nicht anders sein: Auch wer nicht getragen ist, bleibt ein Wesen, das zur Vertikalen gehört. Gerade der Nicht-Getragene muss sich selbst aufstellen, daher ist die ganze Zivilisation heute durchdrungen von einer fundamentalen Pathologie der vertikalen Regungen. Wir alle sind entsetzlich selbst-ständig, aber wir können selbstständig nur werden, indem wir den aufrechten Gang pervertieren zu einem aufrechten Sturmlauf nach vorne, zum Sturz in den Schritt. Das ist das, was in der Fortschrittsideologie, wenn man sie kinetisch neu denkt, passiert ist. Wir haben die Aufrichtung, das Auf-die-Beine-Kommen des Kindes pervertiert in eine Struktur der erzwungenen Selbständigkeit, welche eine barbarische Ideologie des autonomen Subjektes beinhaltet.
FF390

Bis zu Giotto, dem Zeitgenossen und Freunde Dantes, war die Malerei unperspektivisch: sie kannte keinen Raum, das Symbolhafte herrschte vor, und die Welt war eingebettet in den Goldgrund: der Mensch jener Zeit war noch in die Welt einbeschlossen, er war in der Welt. Mit Giotto einsetzend und dann seit Leonardo da Vinci war das Hauptcharakteristikum der Malerei durch alle Stile hindurch, dass sie perspektivisch war: sie stellte den Raum dar, sie war dadurch gegenständlich; der Mensch jener Jahrhunderte stand als Ich der objektiven Welt gegenüber.
Bei den Romantikern aufleuchtend, dann stark sichtbar werdend bei Cézanne und endgültig seit dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts ändert sich nochmals grundlegend das Bild: die Malerei befreit sich von der räumlichen Gebundenheit, sie befreit sich von der Perspektive, sie wird aperspektivisch: die Welt ist nicht mehr ein Gegenüber, es ist eine Welt ohne Gegenüber, die jetzt wahrnehmbar wird. Diese Welt ohne Gegenüber erscheint uns leicht als eine Welt des Verlustes; aber sie ist die neue Wirklichkeit, ist die Befreiung von dem Blick auf eine verstellte, fixierte Welt. Anstelle blickbegrenzten Raumwelt tritt die Wahrnehmbarkeit einer offenen Welt...
Cézanne, der als erster auf die Perspektive verzichtete, schreibt: «Ich fühle mich von allen Nuançen der Unendlichkeit gefärbt. Ich bin nunmehr eins mit dem Bild». Die Überwindung von Objekt und Subjekt, welche beiden in der alten Wirklichkeit ja stets als Gegenüber auftreten, spricht aus diesen Sätzen. Sie darf keinesfalls als psychologisch interpretierbare Identifikation oder als mystischer Rausch aufgefasst werden, was auch Paul Westheim hinsichtlich Paus Klees unterstreicht... Dieser stützt sich auch auf eine Äusserung Klees: «Ich beginne immer mehr hinter oder, besser gesagt, durch die Dinge zu sehen» – so wie heute der Kernphysiker durch die Bewegung im Atomkern durch die Materie hindurchsieht.
Wie aber gelang diese Überwindung des Gegenübers? Durch die Auflösung, ja die Zerstörung des vorherrschenden raumhaften Elements in der Malerei zufolge der Hereinnahme der Zeit in das Bild. Es genügt, dass wir an die Pointillisten und die Fauves denken, an die Futuristen, Expressionisten, Kubisten und Surrealisten: allen gemeinsam ist die Dynamisierung der Bildinhalte – und das Dynamische ist der Zeitaspekt und der Raumattribut –, allen gemeinsam ist die Sprengung des Raumgefühles...
Der entstehende Wandel erfolgte um die Jahrhundertwende. Er hatte sich seit der Renaissance vorbereitet, wurde krass in der Französischen Revolution sichtbar, begann aber erst um etwa 1900 die Oberhand zu gewinnen. Er wurde ausgelöst durch jenen Einbruch der Zeit in unser Bewusstsein. Er äusserte sich, was die Naturwissenschaften anbetrifft, auf verschiedene Weise. In der Physik waren es die Quantentheorie Plancks sowie Einsteins erste Relativitätstheorie, in der Biologie war es die Mutationstheorie von de Vries. Beschränken wir uns auf diese naturwissenschaftlichen Theorien, denen in der Psychologie Sigmund Freud die Lehre vom Unbewussten an die Seite stellte. Die Formulierung all dieser Theorien, die unsere Kenntnis der Wirklichkeit tiefgehend und grundlegend veränderten, erfolgte in dem Jahrfünft nach der Jahrhundertwende, also in den Jahren 1900 bis 1905. Auf die parallelen Äusserungen auf den Gebieten der Soziologie und Politik – denken Sie nur an die erste russische Revolution des Jahres 1905! Können wir jetzt nicht eingehen...
Die neue Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass anstelle der bisher materialistisch-final betonten Betrachtungsweise heute eine geistig-integrale zu treten beginnt.

8. die früher vornehmlich quantifizierende Betrachtungsweise wurde von einer qualitativ wertenden abgelöst, beziehungsweise durch sie ergänzt.
9. Die einstige Klassifizierung der Welt der Systeme brach weitgehend in sich zusammen; heute denken wir und leben wir in einer Welt der Strukturen.
10. Die vorwiegend statische Auffassung, die stets dem Systematischen zuneigt, wird von einer mehr funktionellen und damit strukturierenden abgelöst.
Diese drei neuartigen und einander bedingenden Betrachtungsweisen, die den Akzent auf das Qualitative, auf die Struktur und das Funktionelle legen, ermöglichten eine neue Einsicht in das Wesen der Dinge und bringen zwei entscheidende Korrekturen der bisherigen Wirklichkeits-Erfassung mit sich:
1. Die Überwindung des dualistischen Prinzips – das will besagen das Gegenstandsloswerden des Gegenübers und des Gegensatzes; dabei müssen wir, um Missverständnisse auszuschliessen, scharf unterscheiden zwischen Gegensatz – dem Catesianischen Dualismus – und Polarität; Polarität ist die lebendige Konstellation des Sich-Ergänzenden, des einander Bedingenden und Entsprechenden: Tag und Nacht, männliches und weibliches Prinzip sind Polaritäten, die man nicht ungestraft als sich gegenseitig bekämpfende und einander ausschliessende Gegensätze, die nur unsere Rotation als solche gegeneinander setzt, werten darf;
2. Die Überwindung des blossen Zeitbegriffes – oder, wenn Sie so wollen, die der blossen Uhrenzeit, der blossen Ablaufzeit.
Dies sind lediglich Umschreibungen der Grundkonzepte, welche unsere heutige Wirklichkeit neu zu formen beginnen. Und es darf vielleicht in diesem Zusammenhange an einen bedeutsamen, aber zumeist übersehenden Sachverhalt erinnert werden. Er besteht darin, dass unsere Leben bis in den Alltag hinein und damit unsere Einstellung zur Wirklichkeit von gewissen gedanklich klar formulierten Grundkonzepten abhängen. Diese Grundkonzepte sind es, welche unsere gesamte Wirklichkeit gestalten. Grundkonzepte wie das des platonischen Dialoges, also das deduktive Denken; wie das der christlichen Verantwortung, also Ichbewusstheit; wie das von Galilei postulierte der Wissenschaftlichkeit, welches er in den Satz zusammenfasste: «Messen, was messbar ist, und messbar machen, was es noch nicht ist», sowie seit einigen Jahrzehnten unter anderem das Konzept der Indeterminiertheit – sie alle sind für unser Verhalten, für unsere Art, Welt und Wirklichkeit zu sehen und zu gestalten, bestimmend, und sie beeinflussen jede Äusserung, jede Beziehung, bewirken die jeweils vorherrschende soziologische Struktur und damit selbst die Art unseres wirtschaftlichen Denkens...



....Hinsichtlich der Kultur, die Jakob Burckhardt als dritte Potenz den beiden anderen als Einheit betrachteten Potenzen, Staat und Religion an die Seite stellt, führt er aus, dass die Kultur „die Summe derjenigen Entwicklung des Geistes (sei), welche spontan geschehen“.

Die Anerkennung des Spontancharakters der geistigen Kulturentwicklung, der den blossen, gewissermassen uhrenmässigen Ablaufcharakter des Geschehens überhöht.
FF391



Wie Toto in Pasolinis «Grosse Vögel, kleine Vögel» sagt, die Armen sterben nicht, »sie gehen von einem Tod in den andern».


Pier Paolo Pasolinis Weg führt weg von der fachmännischen Präzision, hin zur Wiedererlangung eines naiven Blicks*, verstanden als Fundament eines künstlerischen Ausdrucks, der gegen die verhasste «Kultur der Mittelschicht» gerichtet ist... Aehnlich wie Theodor Adorno kommt Pasolini zur These, dass die Sprache, unhabhängig von -und noch vor- jeglichem Inhalt schon alle Elemente in sich enthält, die eine Massregelung des Denkens bewirken. Der Begriff an sich mit seiner behaupteten Universalität negiert die spezifische pragmatische Funktion und Freiheit des denkenden Subjets als einzigartiges, kontextbezogenes Wesen... es ist ein Mechanismus der Vereinheitlichung. Das Denken von dieser implizierten Konditionierung zu befreien wird zum vorrangigen Ziel der künstlerischen Arbeit des späten Pasolini.... Mit dem Kino wollte er eine Sprache erproben, die ihm jene unmittelbare Beziehung zur Wirklichkeit ermöglichen sollte, welche ihm im Schreiben unmöglich geworden war. Fünf Jahre und sieben Filme später erschien ihm das Kino in noch radikalerer Weise als selbst die schriftstellerische Arbeit in den Schematismen der Massenkultur gefangen... Seine Suche nach einer Sprache, die auf die Gewalt des «Begriffs» verzichtet ging weiter...
Seine Zeichnungen (Comic-Drehbuch, Storyboard) stellen ein radikales Stilexperiment dar. Er verschiebt damit den Prozess, der den filmischen Aufnahmen vorausgeht, von der Ebene der Beschreibung auf die der plastischen Gestaltung. Es findet eine äusserste Beschränkung auf das Wesentliche im Geflecht der Realität statt...und es zeigt sich das kreative und simultane Wesen der Zeichnung. Pasolini betont die Bedeutung der Nicht-Buchstäblichkeit des Visuellen und es geht ihm nicht um die Reproduktion der Wirklichkeit, vielmehr verlangt er vom Betrachter ein «intuitives ästhetisches Nachschaffen». In der statischen und noch mehr in der Filmfotografie hingegen dominiert sehr oft die perfekte Beherrschung der Technik der Objektivierung, das virtuose Spiel mit den schier unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten, die die Reproduktionsmechanismen anbieten, doch der Formbarkeit nur einen schmalen und «realistischen» Raum der Veränderung des Realitätsgeflechts überlassen. Dieser Prozess ist zum Teil dem Medium selbst inhärent, seiner mechanisch-reproduktiven Eigenheit, weil man seinen technischen Gebrauch, wie eine Art Grammatik mit mehr oder weniger komplexen Daten erlernen muss: eine Grammatik der korrekten Beziehung zwischen der Kamera und ihren Objekten, die nur sehr schwer den Sprung zu einer subjektivierenden Verwandlung schafft, zu einer Poetik über das Objekt statt einer Poetik des Objekts.



*Naivität ist Ursprünglichkeit, und also das Gegenteil jener pseudokultivierten Banalität, sie ist die Fähigkeit, das Wesentliche zu erfassen, den Ueberbau der Rhetorik des Oeffentlichen und der bürgerlichen Moral zu durchbrechen, um wieder mit den Sinnen denken zu lernen, jenseits der Betäubung durch die alle berieselnde Kulturvermittlung. Pasolinis Werk wird immer mehr Körper, Materie, Stille.
FF392

Fragen zu Intersubjektivität

- Stimmt die Behauptung, dass das Bewusstsein des Menschen sich über seine Interaktionen (Beziehungen, Bindungen) mit anderen Menschen konstituiert?
- Wendet sich der Mensch dem andern zu, weil er sich dadurch erst als Mensch konstituiert?

- Heisst Intersubjektivität: Beziehung mit wechselseitiger Anerkennung; Anerkennung eines je abgegrenzten, eigenständigen Subjekts mit eigenem Gefühls- und Wahrnehmungszentrum?
- Oder ist Intersubjektivität mehr als Feld oder System aufzufassen, das sich im Zusammenspiel zwischen zwei oder mehreren Erfahrungswelten konstituiert?
- Wird der Einzelne durch die intersubjektive Sicht nicht zum blossen Knotenpunkt im Netzwerk seiner sozialen Beziehungen? (siehe Flusser-Modell, FF18)
- Inwieweit existiert letztlich nur dieses Feld (Realität / Nichts / Urmaterie / Gott / Brahman /...) und wir sind Spiel dieser Konfigurationen, dieser Wogen und Rhythmen; Spur und Hinweis auf diesen Unort, auf diese Fata Morgana; Atman...?
-Schaffen nicht wir den «Stoff», sondern der «Stoff» schafft uns, analog der Blume, die uns anschaut? Was ist der Motor, der Antrieb der Funke?
- Und führt diese intersubjektive Wende nicht zu Konformismus, zur Preisgabe der Idee der Unangepasstheit zwischen Subjekt und Gesellschaft?
- Wenn der Mensch als Wesen seine Subjektivität ganz und gar dem sozialen Prozess (der Anerkennung) verdankt – bleibt dann noch Raum für die Kraft des «Negativen»: der Unangepasstheit, des Widerstandes und der Revolte?
- Ist die (locksche) Annahme der ausschliesslichen Prägung des Menschen durch äussere Umstände nicht ein Rückfall in den philosophischen Idealismus?
- Besteht das individuelle Subjekt gleichsam nur aus dem, was es an Ueberzeugungen, Wünschen und Absichten durch Uebernahme der Perspektive eines Interaktionspartners gelernt hat? Gelangt der Einzelne nicht vielmehr zur Individualität einer erwachsene Person in dem Masse, in dem er im Medium eines intersubjektiv geteilten, allgemeinen Vokabulars seine eigenen Impulse und Ansichten zu artikulieren vermag?
- Steht der Formel des Selbst als Produkt sozialer Interaktion alleine die Behauptung von vorsozialen Elementen entgegen?
- Muss nicht eine Keimform des Selbst vorausgesetzt werden?
- Ist von einer Vielfalt der Selbstzustände auszugehen?

- Hat Kant recht, wenn er den Menschen mit einem vorsozialen Potential, einer ursprünglichen Art der Reflexivität ausstattet, einem «ursprünglichen Mit-sich-Vertrautsein»?
- Muss der Mensch nicht schon genetisch über ein Empfinden eines «Kern-Selbst» und «Kern-Anderen» verfügen, eines elementaren Selbstgefühles, einer vorsozialen Selbstgegebenheit?
- Ist Interaktion biologisch grundiert? Ist das Soziale Gegensatz des Biologischen?

- Bewahrt «Das Dritte» die Beziehung zweier Menschen vor dem Zusammenbruch?
- Welche Variante des Zusammenbruchs ist vorzuziehen:
1_ Die symbiotische Verschmelzung; die Einheit, die die Differenz auflöst oder
2_ Die Zweiheit, die Trennung (die oft zum Machtkampf führt)?
- Steht im Zentrum die Wechselwirkung von Interaktionsregulierung und Selbstregulierung?
- Wie lösen wir das Problem im Fluss zu bleiben, ohne zu zerfliessen?
- Was ist das Rätsel der Emergenz? Etwas Neues taucht auf, das vorher noch nicht da war und aus einer (Zweier-) Beziehung erwächst!?! ( Emergenz: auftauchen, auftauchen lassen)
- S.A. Michells dreidimensionale relationale Matrix: Selbstpol, Objektpol, Interaktionspol; wie lässt sich da die Balance halten?


- Müssen wir weiterhin, mit Freud, den Menschen als vernünftiges und soziales Wesen in Frage stellen?
- Sind psychische Zustände zutiefst subjektiv und autistischer Natur? Entsteht «soziales Denken» erst unter Sozialisationsdruck?
- Was hat die Behauptung eines abgegrenzten Selbst, eines isolierten, monadischen Subjekts für Folgen?
- Wieweit ist diese (freudsche) Vorstellung – auch des Unbewussten, hineinverlegt ins biologische Substrat - beeinflusst von Descartes Vorstellung einer abgeschlossenen Seele und der Trennung von Subjekt und Objekt?
- Können wir eine vorsoziale Natur des Menschen annehmen, die als Quelle einer unausrotbaren Widerständigkeit und Unangepasstheit gelten kann?
- Gibt es – wie Freud behauptet - ein ursprüngliches Streben nach Omnipotenz, nach Symbiose und Allmacht; gibt es ein Mass an Realitätsverleugnung, an «Irrationalität» im einzelnen Selbst?
- Wenn wir von frühkindlichen Episoden eines Symbioseempfindens und vom aufbegehren gegen die Erfahrung der Unverfügbarkeit des Andern ausgehen: Ist dann der Impuls zu revoltieren (gegen etablierte Anerkennungsverhältnisse) dem Bedürfnis zu verdanken, die Unabhängigkeit des Interaktionspartner zu leugnen und weiterhin «omnipotent» über ihn und die Welt verfügen zu wollen?
- Lässt sich das mit dem biblischen Bild des Paradies und des Rauswurfes verbinden?
- Müssen wir dennoch das Dogma der « abgeschlossenen Psyche» wieder verlassen?
- Bestehen die Problemzonen hauptsächlich in individuellen und kollektiven Nähe- (und Distanz-) Konflikten?

-Ist nicht mehr Sexualität, sondern Identität, das seelische Hauptproblem?
- Oder ist immer noch der Trieb die Matrix des Subjets?
Was ist der Unterschied zwischen Trieb (drive) und Bedürfnis (need), zwischen Selbsterhaltung und Sexualtrrieb?


- Ist das Gute vielleicht der verzweifelte Versuch, das Böse abzuwehren?
- Ist das Böse der Versuch, jenem Gefängnis der Anpassung zu entkommen?
- Stehen sich die Menschen auf Grund einer natürlichen Aggressivität in feindseliger Stellung gegenüber?
- Ist Hobbes Annahme einer ursprünglichen Feindseligkeit richtig?
- Ist Wut und Feindschaft nicht endogen (kein vererbter Agressionstrieb also), sondern eine Reaktion auf Unlusterfahrung; eine reaktive Bewältigung von Versagen und Verletzung ( Trauma, Misshandlung, Missbrauch...)?
- Oder hat Hannah Arendt recht, wenn sie vermutet, dass das Ueberflüssigmachen von Menschen als Menschen, das radikal Böse ist? (FF397)


- Gibt es den Säugling nicht, ohne die Mutter, die ihn versorgt?
- Ist das Gesicht der Mutter der Vorläufer des Spiegels?
- Wie weit prägen uns auch da christliche Bilder: Maria mit Kind?
- Ist der Säugling nun im klassischen Sinne ein hilfloses Wesen, passiv und reizschutzsuchend, autistisch, symbiotisch, primär narzisstisch - asozial?
- Oder müssen wir mit der aktuellen Säuglingsforschung vom «kompetenten Säugling» ausgehen, der aktiv, lustvoll sich der Welt zuwendet und zum Andern eine Resonanzbeziehung unterhält?
- Ist das werdende Selbst bereits vor jeder Interaktion sozial konstituiert.
- Stellt sich der Säugling in Wirklichkeit darauf ein, dass sich die Mutter auf ihn einstellt? Oder mit anderen Worten: verlieben wir uns in die Liebe?

Gibt es eine (objektive) Realität?
Verliert der Realitätsbegriff seinen Sinn, ohne die Unterscheidung zwischen dem wovon wir «subjektiv» überzeugt sind, dass es der Fall ist, und dem was der Fall ist?
Ist Platos Vorstellung, Worte oder Begriffe hätten an sich bereits Bedeutung, falsch? Basiert vielmehr das Vermögen Begriffe zu bilden auf sozialen Voraussetzungen?
- Verfolgt der klassische Subjektivismus einen falschen Ansatz, wenn er das Denken vom Handeln, privates Denken von allgemeiner Sprache, die Psyche vom Körper trennt?
FF 393

Zu Beginn seiner Schrift «Jenseits des Lustprinzips» berichtet Sigmund Freud von dem Spiel eines eineinhalbjährigen Knaben, das er über längere Zeit hat beobachten können. Das Kind, das die Stunden der Abwesenheit der von ihm zärtlich geliebten Mutter ohne Weinen erträgt, erfindet ein Spiel, das zunächst darin besteht, dass er kleine Gegenstände und Spielsachen in die Zimmerecke oder unter das Bett schleudert und dabei ein langgezogenes «o-o-o-o» hervorbringt, das die Erwachsenen mit «fort» übersetzen. Später vervollkommnet es das Spiel, indem es eine mit Bindfaden umwickelte Garnrolle zum Verschwinden bringt und dabei sein o-o-o-o» ausstösst, um sie dann am Faden wieder hervorzuholen und ihr Erscheinen mit einem freudigen «da» zu begleiten.

Nicht nur gelingt es dem Kind, die abwesende Mutter durch einen beliebigen Gegenstand ( Saussure würde sagen: durch ein arbiträres Zeichen; D.W.Winnicott würde sagen: Uebergangsobjekt) zu symbolisieren, es erzählt damit auch eine Geschichte, die Geschichte vom Weggehen und Wiederkommen seiner Mutter: Freud deutet das Spiel nun so, dass das Kind, das den Abwesenheiten der Mutter passiv ausgeliefert ist, sich spielend in eine aktive Rolle bringt. Indem es mit der Erzählung über das Weggehen und Wiederkommen der Mutter verfügt, verschafft es sich eine Bestimmungsmacht, die es in der Realität nicht hat... es ermöglicht ihm seine Elemente des Erlebens bzw. seiner Vergangenheit in eine für ihn erträgliche Ordnung zu bringen. Freilich, wenn die neue Ordnung gefunden ist, hört damit das Erzählen nicht auf. Es kommt nie zum Anschluss, da es dem Prinzip der endlosen Wiederholung gehorcht.
FF394

Es war einmal eine Kaiserin, die von ihrem Bruder einen Stapel feinstes Papier geschenkt bekam. Sie erinnerte sich, dass der Kaiser auch einmal ein solches Geschenk erhalten hatte, und erzählte ihren Hofdamen, dass er den guten Gedanken gehabt hätte, darauf die chinesische Chronik abzuschreiben. Aber, so fragte sie sich, was könnten wir Frauen wohl darauf schreiben? « Ich würde daraus ein Kopfkissen machen», meinte die Hofdame Sei Shongagon. Diese Idee gefiel der Kaiserin, und so gab sie ihr das Papier.
Es war das Jahr 1000 in Japan, und mit Kopfkissen bezeichnete man ein Notizbuch, in das man schrieb, was man sonst nur dem Kopfkissen anvertraut.
FF395

Wenn es wirklich schwierig wird, will man den Knoten eher entwirren als zerschneiden, so fühlt wenigstens jeder der mit irgendeinem Faden arbeitet, so fühlt jeder der mit irgendeinem Werkzeug arbeitet so fühlt jeder der irgendeinen Satz schreibt oder liest nachdem er geschrieben worden ist.
FF396

Hannah Arendt zufolge krankt die abendländische Tradition an dem Vorurteil, dass das Böseste, was der Mensch tun kann, aus den Lastern der Selbstsucht stammt, während wir wissen, dass das Böseste oder das radikal Böse mit solchen menschlich begreifbaren, sündigen Motiven gar nichts zu tun hat. Was das radikal Böse nun wirklich ist, weiss auch Arendt nicht, aber ihr scheint, dass es irgendwie mit folgendem Phänomen zu tun hat: Die Ueberflüssigmachung von Menschen als Menschen.
FF397

Wir besitzen, das steht fest, keinen Wertbegriff, den wir auf das Werk, das wir hervorbringen, anwenden können. Wir bringen es hervor, das ist ganz sicher, um uns zu zerstreuen, aber nicht wie der Gefangene, der Stroh flicht, um sich angesichts des Schicksals zu zerstreuen, sondern wie das Junge Mädchen, das Kissen bestickt, um sich zu unterhalten – und weiter nichts.
FF398

Ich kann Theorien nicht ausstehen. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, ein Problem durch eine Brille zu erfassen.
FF399

Für Plinius steht die Zeichnung am Ursprung aller bildenden Künste. Er erzählt die Geschichte von der Tochter eines Töpfers aus Sicyone namens (Di)Butades, die in einen jungen Mann verliebt ist, der eines Tages zu einer langen Reise aufbrechen muss. Während der Abschiedsszene... befinden sich die beiden Liebenden in einer Kammer, die durch ein Feuer (oder eine Lampe) beleuchtet wird. Das Feuer (die Lampe) wirft somit den Schatten der beiden an die Wand. Um die bevorstehende Abwesenheit ihres Geliebten zu bannen und eine physische Spur seiner gegenwärtigen Anwesenheit zu bewahren, also in diesem von Angst und Begehren bis zum Zerreissen gespannten Moment, kommt das Mädchen auf den Gedanken, die Silhouette des Geliebten, die sich auf der Wand abzeichnet, mit Kohle nachzuzeichnen. Sie will in diesem letzten, lichtdurchzuckten Moment die Zeit töten und den Schatten desjenigen festhalten, der noch da ist, aber bald fort sein wird.
(Die Geschichte ist damit nicht zu Ende: (Di)Budates der Töpfer – so fährt Plinius fort – trug dann Lehm auf diese Zeichnung auf und fertigte durch eine Art Schattenabguss ein Relief an. Daraufhin brannte er es im Ofen mit anderen Töpferwaren und erzielte somit das erste Basrelief aus Ton.)

Dieser Ursprungsmythos wird in den letzten Jahren von Kunst- und Filmhistorikern gerne zitiert, um jene mediale, anthropologische, körperbezogene Dimension der Kunst wieder ins rechte Licht zu rücken. Wichtig scheint, dass es sich um eine Zeichnung handelt, welche die Kammer in ein Atelier verwandelt, und damit um die unmittelbare Umsetzung eines Gefühls und eines Gedankens. Die Liebe ist es, die sich hier direkt ihr Medium sucht. Alles andere, Malerei oder Bildhauerei, kommen später. Die Liebe ist der Motor, die Zeichnung ihr Medium und nicht ein Wille zur Kunst, zum Meisterwerk.
FF400


Noch vor wenigen Jahren war die Stringtheorie der leuchtende Stern am Himmel der theoretischen Physik. Die Vorstellung, dass Elementarteilchen keine punktförmigen Objekte sind, sondern schwingende Saiten, schien ein vielversprechender Ansatz...
Das anthropische Prinzip besagt, dass unser Universum so ist, wie es ist, weil anderfalls niemand da wäre, der sich diese Frage stellt...
In den 1980er Jahren postulierten Kosmologen, dass unser Universum kurz nach dem Urknall eine inflationäre Phase durchlaufen hat, in der es sich innert Sekundenbruchteilen extrem stark aufblähte. Unter dem Einfluss von winzigen Fluktuationen entstehen nun ständig neue Raumzeit-Blasen, die wie unser Universum inflationär aufgebläht werden. Das Ergebnis ist ein chaotischer Raumzeit-Schaum, in dem jede Blase ein separates Universum mit eigenen Naturkonstanten und Gesetzmässigkeiten darstellt....
Die Schwierigkeiten mit der Stringtheorie rühren daher, dass diese Theorie nur dann konsistent formuliert werden kann, wenn die Strings in zehn Dimensionen – neun räumlichen und einer zeitlichen – schwingen. Tatsächlich scheinen wir jedoch in einer vierdimensionalen Welt zu leben. Die Stringtheorie erklärt diese Diskrepanz damit, dass die sechs zusätzlichen Raumdimensionen zu unvorstellbar kleinen Gebilden gerollt sind. So wie ein Schlauch aus grosser Entfernung wie ein Strich aussieht, sind auch die aufgerollten Dimensionen nicht als solche erkennbar.
FF401


Das letzte Wort, das der ungemein reiche und mächtige Charles Foster Kane in Orson Wells Film „Citizen Kane“ über die Lippen bringt, als er stirbt, ist „Rosebud“. Niemand kommt dahinter, was er damit gemeint hat; die meisten seiner alten Gefährten nehmen an, dass es sich um den Namen eines Mädchens handelt, das er nicht vergessen konnte. Die von Wells verkörperte Figur bleibt seinen Kollegen und Freunden ein Rätsel: Sie sind zwar imstande, ihn als Person zu beschreiben, vermögen aber seine tieferen Beweggründe nicht zu erklären. Erst die letzte Einstellung enthüllt dem Zuschauer in einer perfekten Wendung dramatischer Ironie die Bedeutung des Wortes. Als sein Besitz aufgeteilt und sein mannigfaltiges Hab und Gut weggeschafft wird, sehen wir einen recht gewöhnlichen Holzschlitten, der verbrannt werden soll: Es ist Kans Schlitten aus Kindertagen, auf dem in gotischer Schrift der Name „Rosebud“ steht.
FF402

Die Erfahrung der Leere (leerer Magen, leeres Haus, leere Flasche(Herausforderung)leere Schachtel) des in eine Leere Fallens verweist auf Verlassenwerden von der Mutter, auf die Angst, von der Mutter verlassen zu werden (1998)

Ich weiss nicht wohin ich gehe, was ich tun kann, was genau geschieht, was ich sehe. Ich bin voller Leidenschaft irgendwohin unterwegs, aber ich glaube nicht, dass ich weiss, wohin.
FF403

A.:Ich möchte mir die Telefonnummer 408 25 17 merken, wie kann das gehen?
B.: Das Neue wird über Bilder mit dem Bekannten verknüpft:
Ein Schaf (4 Beine) springt durch einen Reifen (0), weil es dem Achterruderboot (8) zuschauen möchte. Auf der andern Seite des Flusses stehen Oma und Opa (2) und winken (Hand mit 5 Fingern) mir (1). Später treffen wir die sieben Zwerge (7) zum Essen.
FF404


Deleuze zitiert einmal Malraux, der gesagt hat, Kunst sei, was dem Tod widersteht. Dadurch bildet sich ein Einverständnis zwischen Liebe und Kunst...

Die Verschiebung des Menschlichen. Diese Verschiebung des Menschlichen setzt die Anerkennung voraus, dass das Ursprüngliche die Beziehung zwischen dem Menschlichen und dem Unmenschlichen ist, und nicht das Fortdauern des Menschlichen.
FF405




Eine Zeichnung ist ein Komplex von Markierungen. Diese Markierungen haben keinen Ort; weil in einer echten, einer schöpferischen Zeichnung die Markierungen, die Spuren, die Linien in den Hintergrund nicht mit einbezogen sind. Es sind im Gegenteil die Markierungen, die Linien – die Formen, wenn man so will - die den Hintergrund als offen Raum schaffen. Sie schaffen, was Mallarmé „die leere Seite, die von ihrem Weiss beschützt wird“ nennt... In der Zeichnung schaffen ein paar Markierungen einen inexistenten Ort... Um eine Zeichnung handelt es sich, wenn eine ortlose Spur sich eine leere Fläche als Ort schafft... Dies formuliert ist in andern Worten meine knappe Formulierung von Kunst, als Beschreibung ohne Ort...

Es ist möglich, dass zu scheinen – sein ist,
So wie die Sonne etwas ist, das scheint und ist.*

Die Frage der Zeichnung ist sehr verschieden von der in Hamlet. Sie lautet nicht: „Sein oder Nichtsein“, sondern „Sein und Nichtsein“. Das ist der Grund für die fundamentale Fragilität der Zeichnung. Diese Fragilität ist das Wesentliche an ihr... Wir müssen den Punkt bestimmen, wo Erscheinen uns Sein ununterscheidbar sind. Dieser Punkt ist in der Zeichnung eben der Punkt, die Markierung, die Spur, wenn sie vom weissen Grund kaum unterscheidbar sind.

Die Beschreibung ist künstliches Ding, das existiert
In seinem eigenen Scheinen, klar sichtbar,
Dennoch nicht allzu genau das Doppel unseres
Lebens,
Sondern ist intensiver als irgendein wirkliches
Leben sein könnte.

Künstlichkeit. Ja, die Zeichnung ist etwas Zusammengesetztes. Eine echte Zeichnung ist nicht Kopie von irgend etwas. Sie ist eine konstruktive Dekonstruktion von etwas und viel wirklicher als das anfängliche Ding (siehe FF Böhme)... Eine Zeichnung ist fragil. Aber sie schafft eine sehr intensive Fragilität...

In einer Zeichnung ist eine Gitarre nichts anderes als ihre reine Form. Eine Gitarre ist eine Linie, eine Kurve.
Wenn man sagt, die Zeichnung sei ein Kunstwerk, dann hat das also eine Bedeutung. Es ist eine Beschreibung ohne Ort, die eine Art künstliche Welt schafft. Diese Welt gehorcht nicht dem üblichen Gesetz der Trennung zwischen realem Sein und Erscheinung. In dieser Welt – oder mindestens an ein paar Punkten von dieser Welt – gibt es keinen Unterschied zwischen „Sein“ und „Existieren“ oder zwischen „Scheinen“ und Erscheinen“.

All dies erlaubt uns, eine Beziehung zwischen Zeichnung und Politik ins Auge zu fassen. Klassisch ist Politik, ist revolutionäre Politik eine Beschreibung mit Orten. Da sind soziale Orte, Klassen, rassische und nationale Orte, Minoritäten, Ausländer usw. da sind herrschende Orte, Reichtum, Macht.... eine politische Partei etwa organisiert man als Ausdruck gewisser sozialer Orte, in der Absicht, die Macht im Staat zu ergreifen.
Heute aber könnte es sein, dass wir eine neue politische Richtung schaffen müssen, jenseits der Herrschaft der Orte, jenseits sozialer, nationaler, rassischer Orte, jenseits von Geschlecht und Religion. Eine ganz und gar ortlose Politik, mit absoluter Gleichheit als Grundbegriff.
Diese Art Politik wird eine Aktion ohne Ort sein. Eine internationale und nomadische Schöpfung, in der – wie im Kunstwerk – Gewalt, Abstraktion und finaler Frieden gemischt sind.
Wir müssen jenseits des Gesetzes der Orte und der Machtzentralisierung, eine neue politische Richtung organisieren. Und wir müssen eine Aktionsform finden, in der die politische Existenz eines jeden von seinem Sein nicht getrennt ist, einen Punkt, an dem wir in so intensiver Weise existieren, dass wir unsere innere Teilung vergessen. In diesem Fall werden wir ein neues Subjekt. Kein Individuum, sondern Teil eines neuen Subjekts.
Von etwas Derartigem schreibt Wallace Stevens* am Schluss eines sehr schönen Gedichts mit dem seltsamen Titel: Finales Selbstgespräch der inneren Geliebten.

Aus diesem selben Licht, aus dem zentralen Geist
Machen wir eine Heimstatt in der Abendluft,
In welcher zusammen zu sein genug ist.

Ja, wir müssen ein neues Haus bauen, wo „zusammen zu sein genug ist“. Dazu aber müssen wir unsere Geistesverfassung („aus dem zentralen Geist“) und das Licht ändern. Und dazu müssen wir, mit Hilfe neuer Formen von Kunst, uns auf eine Aktion ohne Ort einlassen.
Genau das ist das Ziel der Zeichnung: eine neue Welt einzusetzen, und zwar nicht mittels Stärke der Mittel, der Bilder, Malereien, Farben, sondern mittels der Minimalität von ein paar Markierungen und Linien, sehr nahe an der Nichtexistenz jeden Orts. Zeichnung ist das vollkommene Beispiel für eine Intensität der Schwäche.
Sieg oder Fragilität. Sieg oder Weiblichkeit, vielleicht. In der Zeichnung ist das „Zusammen“ bloss das Zusammen von ein paar schwindenden Markierungen. „Zusammen sein ist genug“.
Darum können wir vielleicht von einer Politik der Zeichnung sprechen.
FF406


Das Bild lässt etwas sichtbar werden, schiebt sich aber zugleich wie ein Filter zwischen den Blick des Betrachters und die dargestellte Sache. Marie-José Mondzain orientiert ihre Theorie der Sichtbatkeit am christlichen Konzept der Inkarnation, das einem Bild Fleisch und Körper verleiht, ohne die Gottheit aber jemals vollständig sichtbar zu machen. Hier kommt die Autorin die zweifache Bedeutung des Wortes Schirm („écran“) zu Hilfe: Der Bildschirm lässt etwas sichtbar werden, zugleich schirmt er aber auch ab. Erst in dieser Doppelfunktion von Zeigen und Verbergen, Annäherung und Distanz entfaltet sich die „fruchtbare Irrealität“ der Bilder.
FF407


„...alles Unglück der Menschen von einem einzigen herkommt: dass sie es nämlich nicht verstehen, in Ruhe allein in einem Zimmer zu bleiben.“
FF408

Laut der von Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse wird unbewusstes psychisches Material abgewehrt und erst durch kulturelle, künstlerische bezw. bildnerische Produktion in eine sichtbare, gesellschaftlich höher bewertete, aber verschlüsselte Form überführt (Freud 1910, S.104; Freud 1914, S. 60f)...
Freud versuchte im Jahre 1915 die kompensatorische Wirkung von Kunstschaffenden zu erklären, indem er den Künstler als einen „Introvertierten“ benennt, der es nicht weit zur Neurose habe.
„Er wird von überstarken Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, Reichtum, Ruhm und die Liebe der Frauen erwerben; es fehlen ihm aber die Mittel, um diese Befriedigung zu erreichen. Darum wendet er sich wie ein Unbefriedigter von der Wirklichkeit ab und überträgt all sein Interesse (...) auf die Wunschbildungen seines Phantasielebens, von denen aus der Weg zur Neurose führen könnte“. (Freud 1915 nach Kraft 1984 S.21f.) Der Künstler besässe ferner das rätselhafte Vermögen, ein bestimmtes Material zu formen, bis es zum getreuen Ebenbild seiner Phantasievorstellungen geworden sei. Daraufhin vermag er „an diese Darstellung seiner unbewussten Phantasie soviel Lustgewinn zu knüpfen, dass durch sie die Verdrängungen wenigstens zeitweilig überwogen und aufgehoben werden. Kann er das alles leisten, so ermöglicht er es den andern, aus den eigenen unzugänglich gewordenen Lustquellen ihres Unbewussten wiederum Trost und Linderung zu schöpfen, gewinnt ihre Dankbarkeit und Bewunderung und hat nun – durch seine Phantasie – erreicht, was er vorerst nur in seiner Phantasie erreicht hatte: Ehre, Macht und Liebe der Frauen“(ebd.)
FF409

Zu der Frage nach den eigentlichen Ursachen menschlicher bildnerischer Gestaltungskraft dringt Freud mit seiner Kompensations-Theorie nicht vor (siehe FF409).
Donald W. Winnicott entwickelte eine 1971 erstmals veröffentlichte Theorie über die Ursachen menschlicher Schöpferkraft... Ausdrücklich setzt er nicht an grossen künstlerischen Leistungen an, sondern bezieht sich bei der Oeffnung des Fokus auf Kreativität, auf Merkmale des Individuums in Bezug zu seiner Umwelt. Im Mittelpunkt steht hier die Erfahrung des Säuglings innerhalb der Mutter-Kind-Beziehung, auf welche Weise das Kind die zeitweise Trennung von seiner Mutter wahrnimmt und verarbeitet. Die schmerzliche Trennungserfahrung sublimiert, d.h. steigert und verfeinert, das Kind zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat durch einen Ersatz für die Nähe der Mutter, es schafft sich so genannte „Uebergangsobjekte“ (Winnicott 1984, S.65). Solche typischen Uebergangsobjekte sind der Teddybär oder der Zipfel einer Decke. Durch sie befähigt sich das Kind selber und vermag hierdurch, langsam zur Symbolbildung zu gelangen. Winnicott schrieb, er habe den Begriff Uebergangsobjekt eingeführt, „um einen ìntermediären Raum`zu kennzeichnen, den Erlebnis- und Erfahrungsbereich, der zwischen dem Daumenlutschen und der Liebe zum Teddybär liegt, zwischen der oralen Autoerotik und der echten Objektbeziehung“. Denn „die Uebergangsphänomene repräsentieren die frühen Stadien des Gebrauchs der Illusion, ohne den ein menschliches Wesen keinen Sinn in der Beziehung zu einem Objekt finden kann“. Ein solcher intermediärer Bereich sei auch die Kunst. „Der intermediäre Bereich entwickelt sich direkt aus dem Spielbereich kleiner Kinder, die in ihr Spiel `verloren`sind (Winnicott 1984, S. 65, 67).
FF410

„An den Küsten endloser Meere spielen Kinder“
FF411


„Die Fähigkeit des differenzierenden Sehens“, bei jeder Gelegenheit üben; weder den Suggestionen der Begriffe noch der Bücher erliegen; vielmehr alles an Ort und Stelle beobachten; immer von den Singularitäten ausgehen, was alle Lebewesen ja auch sind; und nie vergessen, dass die Beschreibungen von systematischen Einheiten weit hinter der Merkmalfülle der sie repräsentierenden Exemplare zurückbleiben. Viele Philosophen setzen nicht bei den Phänomenen an, sondern bei ihrem System, nach welchen sich die Phänomene zu richten haben.
Die Grundfrage des Hauptwerkes von Hans Kunz(1904-1982) lautet: Warum hat der Mensch dieses merkwürdige Verlangen, quer zur einzigen realen Welt imaginative Welten zu entwerfen: Bildwelten, Gedankenwelten, Sprachwelten, Vorstellungswelten, Traumwelten, Wahnwelten?
Die phänomenologische Analyse praktisch aller Weltbezüge zeigen uns, dass sie immer wieder für kurze Zeit durch Einfälle, Abschweifungen, Tagträume unterbrochen werden. Diese Unterbrechungen sind die Lücken, in denen sich das Denken aus seiner Zweckgerichtetheit befreit und in ein schweifendes, strömendes und Ich-fernes Fantasieren übergeht... Was hat es mit dieser „Weltflucht“ oder auch mit den kleinen Fluchten auf sich? Es ist nichts anderes als das Denken und die Ratio selber, die uns in das Fantasieren, in die Gegenwelten und in den Weltverlust treiben. Denn „im Ursprung der Ratio ist der virtuelle Tod wirksam“. Das Denken und der Wissensakt sind seine Manifestationen.... Wir wissen, dass wir sterben werden. Dem Wissen um unsere Sterblichkeit entspringen unsere Träume von der Ewigkeit.
FF412

Sigmund Freud entwickelt in „Totem und Tabu“ (1912/13,St.A.IX287-445) die mythische Erzählung: Am Anfang steht bei Freud ein primordialer (uranfänglicher) Mord... Freud steigt hinab, nicht wie Goethe (oder Melanie Klein) zu den Müttern, sondern zum hominiden Tyrannen. „Im Anfang war die Tat“, nämlich die Un-Tat: der kollektive Mord der „Darwinschen Urhorde“ am Ur-Vater, der alle Weibchen monopolisierte. Sexualkonkurrenz als Ursprung des Mordes. Der Ermordete wurde zum Clan-Totem erhoben und damit zu Gott (Idol), dem gegenüber alle schuldig sind (alle Kultur ist Schuld-Kultur). Den man liebt und hasst....Schon bei Freud entsteht also das Heilige aus der Gewalt, die zu einer untilgbaren Verschuldung und mithin zur dauerhaften Installierung von Bewältigungsriten führt: Das ist Religion. Aus dieser Szene wird der Opferkult geboren: Der Gott wird immer wieder rituell getötet und erst dadurch zu Gott. Man verzehrt sein Substitut, das Totemtier, das im Opfermahl in alle Clanmitglieder hineinwandert und die Nachlebenden zur community macht, zur Kultgemeinde und zur Sozialgruppe. Die Bindekräfte des Gesellschaftlichen entstammen aus der Gemeinsamkeit des Mordes (Schuld), der zugleich die Heiligkeit des Opfers kreiert. Aus dem geopferten Leib Gottes wird die Welt, die Ordnung und die menschliche Gemeinschaft geschaffen und erhalten. Ohne rituellen Opfermord keine Kultur...
Um nicht in eine um die Weibchen rivalisierende Bruderhorde zu zerfallen, wird die Regel eingeführt, dass die Frauen eines Clans niemandem im Clan gehören sollen. Damit haben wir das Freudsche Herzstück: das mit dem Inzest-Verbot gekoppelte Exogamie-Gebot – der Oedipuskomplex. Alles, was mit Sexualität, Fortpflanzung und Heirat zu tun hat, muss unter die Kontrolle der Religionsverwalter übergeführt werden.
FF413


RUTH AM ABEND

Am Abend ruth Ruth
Ruth ruht am Abend
Rot ist der Abend, abendrot
Rot ist Ruth, denn ahnend

Ahnend, dass der Abend rot
Ruth auf ihrer pauser Backe rot
Auf ihrer pauser Backe rot, abendrot
Ruth, Abend, ahnend. rot Ruth

Ahnend, dass rot der Abend, Ruth
Ruht, ihrer pauser Backe rot
Ruth am Abend, ahnend, dass rot
Ruth das Abendrot, ahnend, Ruth
FF414

Komplexe Netzwerke können nur unter Voraussetzung der „agency“ (Agentenschaft) nicht-menschlicher Entitäten funktionieren. Es ist nicht nur möglich, sondern notwendig, die sprachlosen Objekte als Agenturen in soziale Systeme aufzunehmen... Hier liegt in der Tat eine systematische Schwäche von Moderne-Theorien, denen die Dinge toter als tot sind...
Wir kommen auf der Suche nach einer Brücke über die Kluft zwischen Subjekt und Objekt auf Fetische und Idole zu sprechen... Die Subjekt-Objekt-Kluft begründet den Wissenschaftskrieg der Moderne, der jeden in die Entscheidung zwingt, entweder auf die Seite des Subjekts zu treten ( dann ist alles Wissen „gemacht“, Konstruktivismus) oder auf die Seite des Objekts (dann ist alles von sich aus Tatsache, Realismus); oder auch beiden Seiten zugleich beizutreten. Die Lösung dieses „modernen“ double bind liegt (für Bruno Latour) an der Bruchstelle selbst, was heisst: weder der einen noch der andern Seite beizutreten, sondern den Entscheidungszwang zu suspendieren... Latour prägt die Formel der „schöpferischen Zerstörung“: Es ist die Doppelmatrix von Zertrümmerung vormoderner Kulturen und voraufgeklärten Bewusstseins einerseits, andererseits die gleichzeitige Kreation unzähliger Netzwerke, in denen nicht-menschliche und menschliche Elemente sich zu Handlungsclusters zusammenschalten.
FF415


Wie wir uns in den Dingen vergegenständlichen, so verkörpern sich die Dinge in uns (Csikszentmihalyi)S.95

„Es gilt zu verstehen, dass die Dinge uns haben und nicht wir die Dinge haben. Dass das vergangene Sein niemals aufhört, gewesen zu sein. Das „Gedächtnis der Welt“. Dass die Sprache uns hat und nicht wir die Sprache haben. Dass das Sein in uns spricht und nicht wir vom Sein sprechen.

Ernst Mach widersprach kategorisch jeder Substanzialität der Dinge und löste diese, wie auch die Subjekte, in mehr oder weniger stabile, locker geknotete Empfindungskomplexe auf. Die berühmte Formel Machs „Das Ich ist unrettbar“ gilt auch für die Körper und Dinge, die als Substanzen zu denken nichts als eine „zweckmässige Gewohnheit“ sei. An ihre Stelle tritt der „psychophysische Parallelismus“: ein flüssiges, den Gegensatz von Ich und Ding aufhebendes, funktionales Relationsgefüge, das wir an den Stellen, wo es stärkere Verdichtungen zeigt, „Ding“ oder „Ich“ zu nennen uns gewöhnt haben.

Tommaso Marinetti phantasiert die Fusion der neuronalen Netze mit dem globalen technischen Kommunikationsnetz, wodurch das traditionale Ich ausgelöscht und eine transpersonale „drahtlose Phantasie“ installiert würde (siehe Flusservision FF...)
FF416

Ernst Kapp sagt in seiner Philosophie der Technik(1877): Alle technischen Dinge folgen der Logik von Körperorganen, denen sie gleichsam erwachsen, um sich ausserhalb des Körpers, doch in seiner Matrix, zu spezialisieren, zu verstärken und zu perfektionieren. Geräte und Apparate sind projizierte Organe. Auch Leroi-Gourhan versteht die Technikgeschichte insgesamt als Exteriorisierung, als verselbständigte Herausverlagerung von technomorphen, an den Körper gebundenen Operationen und Gesten. Der Mensch habe aber im Verlaufe der Evolution das Arsenal der Werkzeuge „in gewisser Weise ausgeschwitzt“.

Spätestens seit der Frühzeit beobachten wir eine Umkehrung: Pneumatische und hydraulische Maschinen, mechanische Räderwerke, Dampfmaschinen, kybernetische Steuerungen, Computer werden zu Modellen, nach denen organische Vollzüge – Atmen, Blutkreislauf, Bewegungen, sensomotorische Rückkoppelungen, Denken – konzipiert werden. Nicht die Technik folgt länger dem Dispositiv des organischen Leibes, sondern dieser wird nach Modellen technischer Artefakte modelliert.
FF417

Es ist heute ein Faktum, dass die Verwaltung der Städte, die Arbeit der Ordnungskräfte, die Verkehrssysteme, die Herstellung von Oeffentlichkeit, die Abläufe des Warenumschlags, die Transaktionen der Börse und die Zirkulation des Geldes, die Dienstleistungsbetriebe, die Formen der Informationszirkulation, die Wissenserzeugung, aber auch die Formen des Entertainments in Werbung, Film, Musik ebenso wie die Partizipation der Haushalte und Menschen an Institutionen – also die klassischen Funktionen des städtischen Lebens – abhängig geworden sind von Steuerungsprogrammen der lokalen und internationalen Digitalnetze.
FF418

Ich glaube, ich habe nie eine Gedankenbewegung erfunden, sondern sie wurde mir immer von jemandem anderen gegeben. Ich habe sie nur sogleich leidenschaftlich zu meinem Klärungswerk aufgegriffen.
FF419

„Die Realität ist das, was man nicht erkennt, wenn man sie erkennt“. Niklas Luhmann.

Auf die bei Philosophen beliebte Frage, was/wie denn die unabhängig vom Menschen existierende Realität sei, kann man mit Carl Friederich von Weizsäcker so antworten:“ Sprechen wir sinnvoll von Realität, so sprechen wir von Realität, spricht niemand von Realität, so ist von Realität nicht dir Rede“...

Menschliches Wissen bezieht sich nicht auf „die Realität“, sondern auf menschliches Wissen von der Realität...

So existiert ein Handlungspartner für uns nie als beobachterunabhängige Gegebenheit, sondern ausschliesslich in Form des Wissens, das wir von ihm haben, sowie die Form der emotionalen Einstellung zu ihm.
FF420


Bewusstsein ist ein geschlossenes kognitives System, das seine eigenen Operationen nie direkt an die Operationen anderer kognitiven Systeme anschliessen kann. Denken bleibt aber sozial ohne Effekt, wenn es nicht kommuniziert wird.
FF421

„Die Kultur ist die Regel, die Kunst ist die Ausnahme“

Es geht weder darum, einen ausgearbeiteten Gedanken zu illustrieren, noch darum „über die Bilder „ nachzudenken. Vielmehr soll mit den Bildern und ausgehend von ihnen gedacht werden, bis man den Gedanken aus den Bildern selbst hervorgehen sieht.
FF422

Das Wesentliche der Kunst ist vielleicht das: die Frage nach dem Leben und damit zwangsläufig nach dem Tod, nach dem Uebergang vom Subjekt zum Objekt. Sie sind ein Subjekt – sie haben Wissen und Gedächtnis – wenn ich ihnen den Schädel einschlage, sind sie ein ekliges Objekt. Das ist doch eins der sonderbarsten Dinge überhaupt.... Wie funktioniert dieser Uebergang, was heisst das, wenn jemand vom Subjekt zum Objekt wird?
FF423

Wolfgang Kemp hat als erster darauf aufmerksam gemacht, dass Aby Warburgs kommentarlose Präsentation von beträchtlichen Mengen historischer Information den surrealen Montageverfahren nahe steht. Er vergleicht Warburgs Atlas mit einem anderen herausragenden (und ebenfalls unvollendeten) Montageprojekt der 20er Jahre: Walter Benjamins Passagen-Werk, das als eine textliche „Assemblage“ den Versuch unternahm, analytische Erinnerung an die kollektiven Erlebnisformen des ausgehenden 19.Jahrhunderts in Paris zu rekonstruieren.
In Theodor W. Adornos Beschreibung der Charakteristika des Passagen-Werks sind unschwer die Grundzüge von Warburgs Mnemosyne Atlas erkennbar: „Benjamins Absicht war es, auf alle offenbare Auslegung zu verzichten und die Bedeutungen einzig durch schockhafte Montage des Materials hervortreten zu lassen... Zur Krönung seines Antisubjektivismus sollte das Hauptwerk nur aus Zitaten bestehen.“
FF424

Der Vogel ... ist im Ganzen eigentlich ein Kopf...
Die Vögel denken nicht. Wir denken, weil wir nicht fliegen können. Unsere Gedanken sind eigentlich die umgewandelten Flugkräfte...
FF425

Landschaft und Modell, zugleich aus nächster Nähe und weiter Ferne betrachtet, vermitteln die radikale Diskontinuität zwischen dem allumfassenden Ueberblick und der kompletten Fragmentierung der Erfahrung... Diese fundamental modernen Wahrnehmungsbedingungen - Individualität, Fragmentierung, Ausgeliefertsein und Selbstbestimmung, (Grandiosität/PR) – sind das Resultat einer langen Verhandlungsgeschichte der eigenen Rolle innerhalb einer umfassenden Natur- (und Sozial-/PR)-Welt... Die Geschichte der veränderten Wahrnehmungsmodelle erinnert uns an den Auftrag, den die Aesthetik einst erfüllte: Die eigene Freiheit im Genuss am Sichtbaren der Welt zu erkennen und die eigene Bedingtheit angesichts ihrer Macht zu begreifen.
FF426

Medien und Körper kommen meist in getrennten Diskursen vor, obwohl sie stets an der Erfahrung von Bildern beteiligt sind. Bilder entstehen ohnehin nur im Blick. Blicke sind Komplizen des Körpers im Umgang mit alten und neuen Bildmedien. Sie sind so aktiv, wie es das blickende Subjekt selbst ist. Wir sind es gewohnt von Blicken auf ein Bild zu sprechen, doch es geht darum, dass Bilder im Blick erst entstehen...Körper sind Orte der Bilder. Unsere Körper interagieren mit der sozialen Umgebung und unterliegen ebenso wie diese dem historischen Wandel. Sie sind dabei oft gefangen (gefangen genommen) durch Bilder im politischen Sinne... Bilder entstehen also diesseits des Mediums, in unserem Blick...( ja, unser Körper ist unser erstes Medium/PR). Zwischen dem Blick eines Körpers und dem Trägermedium, ob Gemälde, Zeichnung oder Foto, entsteht eine Zone der Ungewissheit. Was oder wo ist also das Bild?
Die Körperferne vieler Medientheorien ist Anlass zum Widerspruch. Seit McLuhan gehört es zum Allgemeinwissen, dass Medien, mit ihrer Kompetenz, als Prothesen des Körpers fungieren...

Doch mit dem Gegensatz von inneren (mentalen) und äusseren (medialen) Bildern verbauen wir uns den Zugang zu den Prozessen der Wahrnehmung und Vorstellung. Als Träger eigener Bilder und als Zensor wirkt der Blick als Akteur unseres Körpers an der Bildgeschichte mit. Die interne Repräsentation (Begriff der Neurowissenschaft) hat als körpereigene Bilderzeugung fliessende Grenzen zur externen Repräsentation, mit der uns die aktuellen Bildmedien prägen.

Wenn das Bild so verdinglicht ist, dass es nur dort draussen als Werk existiert, dann geht die Dynamik verloren, die auf der Körperseite das Bild doch immer erst hervorbringt. Der „Blick aus dem Bild“ wiederholt nämlich, wie in einem Spiegel, den Blick, den wir auf ein Bild werfen. Blickwechsel. Wir können die Partnerschaft zwischen Betrachter und Bild mit den Begriffen Körper und Medium benennen. Dadurch löst sich der Bildbegriff aus seiner medialen Verdinglichung und bezieht unseren Blick ein.
FF427

„Représentation“ wird im Französischen als gemeinsamer Begriff für „Vorstellung“ und „Darstellung“ verwendet. Die Balance zwischen mentalen und physischen Bildern wird in jeder Generation neu eingerichtet. Das Imaginäre einer Gesellschaft entsteht in der Symbiose zwischen den offiziellen „Mythen“ und den privaten „Träumen“. Die jeweils aktuelle Bilderwelt leitet uns dazu an, die Welt in kollektiven Bildern zu symbolisieren.
Unsere Bereitschaft zur Symbolisierung lässt sich als Bilderglauben bezeichnen. Er beruht auf einem symbolischen Akt, den wir Animation nennen. Animation nicht missverständlich als „primitive Magie“ (Animismus) oder als elektronische Technik, Bewegung zu simulieren verstanden, sondern Animation verstanden als eine geborene (und erlernbare) Fähigkeit unserer Körper, in unbelebten Bildern ein Leben zu entdecken. ..Auf diese Weise erwerben Bilder die Macht lebender Wesen... Es sind wir, die wollen, dass Bilder etwas wollen.

Medien erhalten die Attraktion der Bilder nie lange aufrecht. Deshalb entsteht immer wieder der Bedarf nach neuen und aktuellen Medien (und Bilder/PR)...
FF428

Der Körper ist ein lebendes Medium, zwar nicht ein solches für Geister, aber eines für gesehene und erinnerte oder geträumte Bilder... Viele Sehtheorien blenden die Erfahrung aus, dass wir mit dem ganzen Körper wahrnehmen (der Hörsinn kann sogar unsere Bilderfahrung dominieren, ohne dass wir uns dessen bewusst sind).

Narziss scheitert, weil er das eigene Spiegelbild für den Körper eines andern hält. Für Ovid ist das Anlass, die Illusion im Verhältnis von Körper und Bild zu beklagen; aber das setzt voraus, dass die Unterscheidung von Bild und Körper überhaupt eine echte Frage ist.
Hier steht nicht die Narzissfrage im Vordergrund. Vielmehr geht es bei der Erfahrung und Wahrnehmung des eigenen Schattens oder des Spiegelbildes darum, dass Menschen am eigenen Körper erfahren, wie Bilder entstehen, bevor sie selbst daran gehen, Bilder künstlich herzustellen. Vielleicht kann man noch weitergehen und sagen, dass sie durch Schatten und Wasserspiegel erfahren, was Bilder sind, und dass diese Erfahrung den Trieb auslöst, nicht nur selbst zum Bild zu werden, sondern ähnliche Bilder herzustellen. Die Aehnlichkeit bestünde dann nicht zwischen dem eigenen Körper und seinem Bild, sondern zwischen dem einen und dem andern Bild, zwischen dem Bild, das sich im Licht und am Wasser von selbst ereignet, und dem Bild, das der Mensch mit seinen Bildtechniken fabriziert, indem er die Natur nachahmt.
(Siehe FF400 Pliniuslegende)
FF429

Zu den wesentlichen Erfolgen der
1 neuen technischen Medien: Video und Computer wie den
2 alten technischen Medien: Fotografie und Film
zählen nicht nur, dass sie neue Kunstbewegungen initiiert und neue Kunstmedien, neue Ausdrucksmedien schufen, sondern, dass sie eine entscheidende Wirkung auf die
3 historischen (oder nicht-technischen, alten) Medien: Zeichnung, Malerei, Skulptur ausübten...
Der postmediale Zustand ist heute durch die Gleichwertigkeit der Medien und das Mischen der Medien definiert... Die Menge aller Medien bilden ein universales Medium, das sich selbst enthält. Das ist der postmediale Zustand der Medienwelt in der künstlerischen Praxis heute.
FF430


Es gehört zu den uralten Träumen der Menschen, die natürliche, die vorgefundene Welt in Bildern zu verdoppeln, um beispielsweise das unabwendbare Ende des Daseins, den Tod, zu überwinden...
Der Bildhauer Pygmalion zog sich, aus Abscheu vor den lasterhaft lebenden Frauen, von diesen zurück und machte sich, weil die Natur des Mannes nach der Frau verlangt, eine Kunstfrau als Ersatz. So erzählt es Ovid in den Metamorphosen. Mit seinen immensen künstlerischen Fähigkeiten gelang es Pygmalion das vollkommen ähnliche und lebendig scheinende Abbild einer Frau aus Elfenbein zu erschaffen. Die Kunst des Bildhauers ahmte die Natur so perfekt nach, dass man nicht sah, dass die Frau keine wirkliche Frau war:
„Sieh die Gestalt einer wirklichen Jungfrau: man dächte, sie lebe,
wolle sich plötzlich bewegen, sofern es die Scham nicht verwehrte.
Dass es nur Kunst war, verbarg die Kunst“.
Seine perfekte Kunsttechnik befähigte den Bildhauer zu einer Statue, die einer lebendigen Frau so sehr glich, dass er sich in das eigene Bildwerk verliebte... Pygmalion bringt der Kunstfrau Muscheln und Bernsteinketten, kleidet sie und bettet sie neben sich auf Kissen und erliegt nun gänzlich der Sinnestäuschung. Doch hier an der „natürlichen Grenze“ des Bildes stösst er unweigerlich zur Erkenntnis ihrer Bildlichkeit vor. Die erotische Begegnung mit der Kunstfrau führt nicht zum gewünschten Erfolg. Der Protagonist erfährt das Bild mit seinem Körper. Das selige Gefühl der Bildüberwindung, das den Künstler trieb, gelangt hier an sein Ende. Die Geschichte nimmt, wie man weiss, ein glückliches Ende, denn Venus erbarmt sich und macht aus der Kunstfrau eine lebendige Frau. Es bedurfte damals, in Zeiten der mythischen Bilder, (noch) der Götter, denen allein es vorbehalten war, Leben zu spenden...
Es war und ist ein grosses Phantasma unserer Kultur, dass die Bilder, die wir uns machen, lebendig werden. Heute sind es nun nicht mehr die Künstler, die an der Verwicklichung des „lebendigen Bildes“ arbeiten, sondern die Forscher des AI (Artificial Intelligence) und Life siences... Wird der Pygmalion-Traum wahr, wird das Bildsein des Bildes überschritten?

Der Reiz, das Surplus der Bilder bestand und besteht immer darin, dass die in ihnen in Erscheinung tretenden Welten erfunden und eben nicht wirklich wahr sind. Das sinn- und erkenntnisstiftende Potential schöpfen die Bilder (der Kunst) gerade daraus, dass sie nicht wirklich, sondern möglich oder wahrscheinlich sind. Die Leblosigkeit des Bildes ist sein uneinholbares Potential. (Werden wir unserer Fähigkeit zur Animation beraubt? s.FF429)
FF431

Die prä- und perinatalen Aspekte des schöpferischen Prozesses hat Sahlberg(1985,1988) herausgearbeitet. Er hebt die Grundfigur „Zerstörung und Neuaufbau“ zur Charakterisierung der Dynamik des schöpferischen Prozesses hervor. Es ist die Grundfigur des Goetheschen „Stirb und Werde“. Dabei bezieht sich Sahlberg auf Melanie Klein in der Wendung „Verlust und Wiederherstellung“ oder auf Lorenzer „Sprachzerstörung und Rekonstruktion“.

Es ist die Sehnsucht nach rückwärts, „als Wunsch nach Regression in einen paradisischen Zustand: Die Phantasie ist entstanden.... Der Kern aller Riten und Religionen ist die Wiedergeburt. In den Riten der Schamanen wird der Einzuweihende symbolisch getötet und zerstückelt und dann neu zusammengesetzt wiedergeboren... Die Phantasien eines Künstlers mit ihrem Szenarium der frühen Konflikte sind Halluzinationen, wie sie ein Baby hat: Bilder, die aus einem Mangel entstehen und dieser Mangel ist vorhanden, solange diese Bilder entstehen: Sie sollen die Leere füllen. Im Kern der Kunst steht der Verlust eines frühen KörperIchs, bzw. von Teilen davon. Halluziniert wird nur das Entbehrte.“(Sahlberg 1985S.39). Urbild dieses Mangels ist der Verlust der pränatalen Einheit, die sich auf verschiedenen Lebensebenen wiederholt und transformiert. „ Das sinnliche Medium der Kunst lässt sich im Kern als Versuch einer Herstellung eines totalen Hautkontaktes deuten, einer Berührung des unendlich sensiblen Körpers nach der Geburt, bzw. als Erstellung eines Mediums, das den All-Kontakt vor der Geburt nachahmt.“
FF432

Der Wettstreit des Parrhasios mit Zeuxis, wie er von Plinius dem Aelteren in seiner Historia naturalis beschrieben wird, ruft einen gängigen Topos der Malerei auf: ihre Mimesis-Konzeption. Zeuxis hatte Trauben so wirklichkeitsgetreu gemalt, dass Vögel angeflogen kamen, um daran zu picken. Im Wettstreit mit Parrhasios glaubte sich Zeuxis daher bereits als Sieger. Parrhasios jedoch malte einen leinernen Vorhang so naturgetreu, dass Zeuxis den Vorhang vor dem Bild seines Konkurrenten beiseite zu ziehen suchte. Daraufhin erkannte er Parrhasios den Sieg zu, mit dem Argument, dass er selbst wohl die Vögel, Parrhasios aber ihn, einen Menschen und dazu noch einen Künstler, habe täuschen können.
F433

Von Wu Daozi wird die Geschichte erzählt, er habe ein grosses Landschaftsbild an eine Wand des Palastes gemalt, dieses aber dem Kaiser erst nach der Fertigstellung enthüllt. Er habe auf eine Grotte gedeutet und in die Hände geklatscht. Daraufhin hätte sich eine Türe geöffnet und der Maler sei in das von ihm geschaffene Bild getreten und zusammen mit diesem vor den Augen des Kaisers verschwunden.
FF434

Ferenczi bringt die frühsten Entwicklungsstufen der intrauterinen Lebenszeit mit dem Gefühl der Allmacht in Verbindung:...
„Ich überzeugte mich, dass auch jedes spätere Schlafen nichts anderes ist, als eine periodisch sich wiederholende Regression zum Stadium der magisch-halluzinatorischen Allmacht der Mutterleibssituation...“ (Ferenczi 1913, S.62ff). Im “Versuch einer Genitaltheorie“ folgt Ferenczi stammesgeschichtlichen Spekulationen. Für ihn ist die Intrauterinzeit eine Reproduktion stammesgeschichtlichen Lebenszeit im Meer und die Geburt entspricht der Wiederholung der Eroberung des Landes. Die Mutter erscheint in diesem Sinne als ein Symbol oder partieller Ersatz des Meeres. Unter diesen Aspekt gewinnt die sexuelle Vereinigung, die erlebensmässige Tiefendimension einer Rückkehr in den Mutterleib, die die Partner wechselseitig indentifikatorisch in der sexuellen Vereinigung vollziehen, so dass die Sexualität auch den Erlebnishorizont tiefster regressiver Wünsche hat.
FF435

O dass wir unsere Urahnen wären.
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.
FF436

D. hatte wieder einmal mitgedacht und konnte auf die Frage nach dem Problem der Verknüpfung und Ueberleitung (Uebergang) sofort antworten.
(Einmal hatte sie mir von ihrem „Mantel der Mäntel“ erzählt. Zuletzt sei sie an diesem „Problem der Verknüpfung“ gescheitert, das ich als Schriftsteller ja auch kennen müsse. Dabei habe sie ihren „Grössenwahn“ verloren.) „Ich soll Dir also von dem Mantel erzählen. Es fing damit an, dass ich das, was ich mir überlegte hatte, die grosse Idee nannte. Der Mantel sollte sie leibhaftig machen.
Ich fing mit einem Aermel an. Es gab sofort Schwierigkeiten, dem weichen, haltlosen Material die feste, gewölbte Form aufzuzwingen, die ich wollte. Ich entschloss mich, die Stoffe auf dicke Wolle zu arbeiten.
Der Aermel wurde fertig. Er kam mir so kostbar und schön vor, dass ich meinte, für die anderen Teile des Mantels nicht mehr dieselbe Kraft zu haben.
Ich dachte an meine Idee; an die Momente von Spannung und plötzlichem Weichwerden in der Natur; wie eins ins andere geht.
Täglich schaute ich auf den angefangenen Mantel, ein oder zwei Stunden lang; ich verglich die Teile mit meiner Idee und überlegte mir die Weiterführung.
Der obere Teil wurde fertig. Mit dem unteren Teil verlor ich den Zusammenhang. Ich nähte Stücke, die sich als verbindungslos zum oberen Teil herausstellten. Die Arbeit wurde jetzt erschwert durch das Gewicht der ineinandergenähten dünnen und kräftigen Stoffe, die ich an der Nähmaschine hochhalten musste, immer bedacht, nichts ins Rutschen zu bringen.
Ich legte die Teile nebeneinander vor mich hin, keines passte zum anderen. Ich wartete auf den Moment, wo ich auf einmal das eine Bild finden würde.
Während dieser Zeit des Anschauens und Ausprobierens fühlte ich mich körperlich schwach werden und unfähig. Ich verbot mir, auch nur an die grosse Idee zu denken.
Abbildungen und Baupläne von chinesischen Dachkonstruktionen wurden mir spannend, und das Problem der Entlastung von Gewichten durch richtige Ueberleitungen. Ich sah, dass es einen Bereich des Dazwischen überall gab.
An einem späten Tag nähte ich, ohne weiter zu überlegen, die Teile zusammen und gab dem Rock an einer Stelle eine Rundung nach innen. Ich war aufgeregt vor Sicherheit.
Ich hing den Mantel an die Wand. Jeden Tag prüfte ich ihn und begann, ihn zu achten. Er war im Vergleich besser als alle meine anderen Kleider, und er war nicht vollkommen.
Bei der Anfertigung eines Kleids muss jede bereits benutze Form für die Weiterarbeit im Gedächtnis bleiben. Ich darf sie aber nicht innerlich zitieren müssen, ich muss sofort die weiterführende, endgültige Farbe sehen. Es gibt in jedem Fall nur eine richtige, und die Form bestimmt die Masse der Farbe und muss das Problem des Uebergangs lösen.
Der Uebergang muss für mich klar trennend und ineinander sein.“
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Was wäre denn die Aufgabe des Künstlers heute?

Ich glaube nicht, dass der Künstler gegenüber der Gesellschaft eine Verpflichtung hat. Ich denke, dass er die Menschen reich beschenken kann, indem er sich selbst findet und erfindet. Der Künstler selbst besitzt ja von irgendwoher ein Geschenk, ein Talent, das er mit den andern teilen mag. Niemand aber kann ihn dazu zwingen, es ist wie ein Brunnen. Er erschafft Wirklichkeiten nicht aus moralischem Pflichtgefühl, sondern weil Stimmen und Bilder über ihn kommen.

Und woher kommen diese Stimmen?

Sie können es nennen, wie sie wollen – Gott, Inspiration, Chemie des Gehirns, Unterbewusstsein. Es kommt von ausserhalb des Ich, Kunst und Poesie sammeln sich in einem an wie in einem Schwamm. Irgendwann braucht man nur noch zu drücken, und es fliesst. Ich habe dafür keine Erklärung. Es ist eine grosse Kraft, und ich bin in der Mitte davon. Es ist grösser als ich, es schreibt in mir. Und je grösser das ist, was einen bewegt, desto grösser ist das Werk. Als Künstler kann man nur dankbar sein.
FF438

William Robertson Smith reklamierte, das Interesse der Religionswissenschaften müsse sich den Ritualen zuwenden. Denn das fundamentale Prinzip der Religion sei die Handlung und nicht die Lehre, nicht das Dogma. Smith beschäftigt sich mit Opferritualen, wie sie z.B. im alten Testament dargestellt sind. Er interpretiert das Kamelopfer als uralte totemistische Praxis und stellt eine Theorie auf, nach der das Opfer als eine feierliche Mahlgemeinschaft zu begreifen sei. Der gemeinsame Vollzug der Handlungen, nämlich das Sich-Einverleiben von Fleisch und Blut des Opfertieres – einer Gottheit, wie Smith im Sinne des Totemismus annahm -, verbinde alle Beteiligten durch ein unauflösliches soziales Band. Er bringe überhaupt erst die Gemeinschaft als eine Mahlgemeinschaft hervor. Aus der rituellen Gruppe werde so eine politische Gemeinschaft... Die zentrale Rolle der Religion (bis heute) im sozialen Leben wird hier sichtbar. Das kollektive Leben wird nicht aus dem individuellen Leben geboren, sondern es verhält sich umgekehrt.
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Rhythmus ist ein Schlüsselbegriff. Der Zirkulationsprozess selbst, der Prozess der Freisetzung und Uebertragung, des Austauschs von Energien stehen im Mittelpunkt des Interesses; rhythmisches Sprechen, rhythmische (Körper-) Bewegungen, zirkulierende Energie; ein biologisches Prinzip, das unseren Atem und unseren Herzschlag reguliert.
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Der Blick hüllt die sichtbaren Dinge ein, er tastet sie ab und vermählt sich mit ihnen.... Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass jedes Sichtbare aus dem Berührbaren geschnitzt ist, dass jedes taktile Sein gewissermassen der Sichtbarkeit zugedacht ist...
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Für Grotowski ist der Körper kein Instrument, er ist weder ein Ausdrucksmittel noch Material für Zeichenbildung o.ä. Seine „Materie“ wird vielmehr in und durch die Tätigkeit des Schauspielers „verbrannt“, in Energie verwandelt. Der Schauspieler beherrscht nicht seinen Körper, er lässt ihn vielmehr selbst zum Akteur werden: Der Leib agiert als verkörperter Geist (embodied mind). Es ist ein neues Verständnis von Leib, in dem die alte Trennung von Körper und Geist aufgehoben ist, der Geist nur als verkörperter und der Körper nur als ein „vergeistigter“ gedacht werden kann. (Parallelen zu Merleau-Pontys Spätphilosophie)
FF442


Grundvokabular der Bühne: Auftreten; Ueber- die- Bühne- Gehen, Stehen, Sich – Setzen, Sitzen, Sich – Legen, Liegen, Aufstehen, Abgehen.
FF443


Gernot Böhme hat seine Aesthetik der Atmosphäre als Antithese zur einer semiotischen Aesthetik entwickelt. Während die semiotische Aesthetik von der Voraussetzung ausgeht, dass Kunst als Sprache zu verstehen sei, weswegen sie Prozesse der Bedeutungsgenerierung fokussiere, lenke die Aesthetik der Atmosphäre die Aufmerksamkeit auf die leibliche Erfahrung. Es ist aber anzuzweifeln ob die Bedeutungsdimension ganz und gar ausgeklammert werden kann.
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Der Moment, in dem sich die Stimme von der Sprache löst, erscheint so als letzte Steigerung, bzw. als Umschlagen der Spannung zwischen Sprache und Stimme. In ihm ist die Spannung aufgehoben, weil hier die Stimme selbst Sprache geworden ist. Sie übermittelt nicht länger Sprache, ist vielmehr selbst Sprache...
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Wie die Forschung in letzter Zeit überzeugend nachgewiesen hat, sind es weniger unsere ruhigen Reflexionen oder prinzipielle Grundannahmen über die Beschaffenheit der Welt und andere Ueberzeugungen, aus denen sich unsere Handlungen ableiten lassen. Vielmehr sind es unsere Gefühle, welche die entscheidendste Motivation für unsere Handlungen liefern.
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Es war zuerst der Mathematiker und Physiker Henri Poincaré, der sich gezwungen sah, die Frage nach der erlebten Dreidimensionalität des Raumes anders zu stellen, nachdem sein Versuch, sie durch binokulares Sehen zu erklären, gescheitert war. In seinen mathematischen Ansätzen hatte er zunächst zu wenig Gleichungen, um seine Unbekannten zu bestimmen, bis ihm die geniale Idee kam, die Beziehung einer bewussten Aenderung des Blicks mit der zugehörigen Veränderung des Sicht in sein Gleichungssystem aufzunehmen.

Diese Einsicht gibt dem Problem der Wahrnehmung eine völlig neue Perspektive: es sind die durch Bewegung hervorgebrachten Veränderungen des Wahrgenommenen, die wir wahrnehmen. Wie der Biologe Humberto Maturana sagt: „Wir sehen mit unseren Beinen“. Man braucht nur unserer Sprache zuzuhören: „ wahr-nehmen“, „be-greifen“, „ver-stehen“! Das Sensorische der Alltagsbedeutung verschmilzt mit dem Motorischen des Wortursprungs.
FF447


Manchmal wenn man einem Gespräch zuhört das für zwei Männer, für zwei Frauen, für zwei Männer und Frauen sehr wichtig ist, ist es dann irgendwann etwas Wunderbares zu sehen wie beide immer alles wiederholen was sie sagen und jedes Mal im Wiederholen, har was jeder sagt für jeden von ihnen mehr Bedeutung und deshalb wiederholen sie weiter und weiter und weiter und weiter und immer für solche die zuhören, ist Wiederholen etwas Wunderbares. Es gibt viele von ihnen die nicht in jedem Wiederholen jedem wiederholen das aus ihnen herauskommt leben aber immer ist Wiederholen interessant. Wiederholung ist was ich liebe. Manchmal ist in mir ein trauriges Gefühl wegen all dem Wiederholen das niemand der Wiederholung liebt hört, es ist wie irgendeine Schönheit die niemand sieht, es ist etwas Herrliches, immer sollte jemand die Bedeutung in der Wiederholung erkennen die immer aus Frauen und aus Männern herauskommt, der Wiederholung des Seins in ihnen. Nun also.
FF448

Bilder lassen sich einerseits als reine Repräsentationen in die Schranken weisen und gewinnen andererseits eine privilegierte Rolle dadurch, dass sie in den Körpern sinnliche, affektive und motorische Impulse wecken. Jedes Bild ist zunächst einmal „Verkehrsmittel“. Es involviert den Körper, der stets in sozialen Beziehungen zu Gesellschaft lebt.
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Wenn etwas aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente. Diese Logik ist der Kern des Turing-Tests, auf den sich die künstliche Intelligenz stützt. Alan Turing hat massgeblich dazu beigetragen, dass die Alliierten den Geheimcode der Nazis knacken konnten. Verkürzt ausgedrückt, läuft sein Test daraus hinaus, dass nicht das eigene Bewusstsein, sondern die Wahrnehmung der anderen entscheidend ist. Wenn sich somit ein Roboter benimmt wie ein Mensch, dann ist er ein Mensch – egal, ob er weiss, dass er ein Mensch ist.
FF450


Unauffällig, aber häufig, taucht der Begriff „pli“ in der zeitgenössischen Philosophie auf. Ob man nun an Heideggers Falte des Seins, Merleau-Pontys Falte als Chiasma oder Geflecht, Foucaults Falte des Draußen im Innenraum, Deleuzes Falte der Oberfläche, Derridas Konzept von der Falte, das die Unmöglichkeit einer einfachen Selbst-Identität belegt, oder - aus jüngster Zeit stammend - an Jean-Luc Marions Falte des Gegebenen denkt: Das Konzept der Falte erscheint im philosophischen Diskurs immer als strategisch wichtig. So unterschiedlich die Gedanken zu dem Begriff auch sein mögen, der Gebrauch eines solches Begriffs scheint oft der gleiche zu sein: Ein Vertiefen der gegensätzlichen Paare, die die Geschichte der Philosophie durchziehen und strukturieren, entschärft deren Gegensätzlichkeit; ein Ersetzen der illusorischen „Überwindung“ der Metaphysik durch eine unermüdliche geduldige Arbeit an einer konzeptionellen Verschiebung, die die Metaphysik von innen her aushöhlt. Aber schafft dies das Konzept der Falte? Kann man außerdem von „der Falte“ als einem wirklich philosophischem Konzept sprechen? Handelt es sich nicht weniger um philosophische Stichhaltigkeit als um einen literarischen Effekt? Mit anderen Worten, genügt das Konzept der Falte seinen eigenen Ansprüchen?
Diese Fragen ergeben eine Art roter Faden, der die hier versammelten Texte durchzieht.
FF451

Falte
Philosophie, Mathematik. Die 'Falte' stammt aus der Philosophie des französischen Poststrukturalismus, die diesen Begriff wiederum von René Thoms Katastrophentheorie, also aus der Mathematik, entlehnt hat. Thom wollte damit diskontinuierliche Veränderungen in natürlichen Phänomenen (mit besonderer Betonung auf die Biologie) mit Hilfe der von Henri Poincaré stammenden 'topologischen Theorie dynamischer Systeme' (den Wechsel von einen Gleichgewichtszustand in den nächsten) erfassen.
Im Poststrukturalismus ist die Falte eine Metapher für ein komplexes Verhältnis von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, das sich nicht mehr durch die einfache Dichotomie "innen - außen" beschreiben läßt. In der Architektur soll die Falte eine Situation beschreiben, in der räumliche, funktionelle oder formale Einheiten ihre Identität verlieren und sich zu überlappen beginnen, um ineinander überzugehen oder sich gegenseitig zu transformieren. "Gefaltete" Architektur muss nicht buchstäblich gefaltet sein, doch war es eine Zeit lang populär, Teile von Gebäuden wie eine Stoff-Falte aussehen zu lassen, um die angesprochene Transformation oder Metamorphose von Räumen durch ein Bild der Transformation zu verdeutlichen.
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Wer findet, hat nicht richtig gesucht. Ein humoristisch klingender und doch tiefernster Satz: Der Witz nimmt die Stelle eines Glaubensbekenntnisses ein, das sich für die Kunst nicht gehört. Sie hat keinen Gott zu definieren; genug, wenn sich das Göttliche am Werk zeigt; in Gestalt frommer Ahnungslosigkeit; im Vertrauen darauf, dass sie Gott nicht zu suchen braucht. Wenn es ihm gefällt, findet er sie.
FF453

Der deutsche Kunsthistoriker Hans Belting beschreibt in einem Artikel über das „Meisterwerk“, wie im 19.Jahrhundert der Kunstbegriff von einer technischen Fertigkeit allmählich auf die konzeptuelle Leistung übertragen wird. Er führt für seine These das Beispiel der 1831 erschienen Künstlernovelle „ Das unbekannte Meisterwerk“ des französischen Schriftstellers Balsac an. In dieser Novelle begegnet der Leser dem Maler Frenhofer, einem von vielen Künstlern bewunderten Maler und gefürchteten Kritiker, der seit zehn Jahren an einem Frauenbildnis malt, das an Lebensechtheit alle Werke übertreffen soll, die je gemalt wurden. Man weiss um das Werk, doch gesehen hat es niemand. Erst die Begegnung mit dem jungen Maler Poussin bricht den Widerstand Frenhofers: Poussin bietet dem greisen Maler seine Freundin Gillette als Modell an, unter der Bedingung allerdings, dass er und der Maler Probus das Gemälde sehen dürfen. Verführt von der „unvergleichlichen Schönheit“ der jungen Frau, öffnet Frenhofer die Türe zu seinem Atelier und zeigt sein Werk mit den Worten: „Ihr steht vor einer Frau und sucht ein Bild. Auf dieser Leinwand seht ihr so viel Tiefe, die Luft ist so wahr, dass ihr sie nicht mehr von der Luft unterscheiden könnt, die uns umgibt. Wo ist die Kunst? Zunichte gemacht, verschwunden! Hier sind die Formen eines jungen Mädchens.“ Poussin sieht zunächst nur „verworren aufgetragene Farben, die von einer Vielzahl seltsamer Linien umgrenzt sind, welche eine Mauer aus Malerei bilden“, wird dann aber von Probus auf „die Spitze eines nackten Fusses“ hingewiesen, der „aus diesem Chaos von Farben, Tönen, verschwommenen Nuancen, aus diesem formlosen Nebel hervorragt: ein köstlicher Fuss, ein lebendiger Fuss! Zu Stein erstarrt vor Bewunderung, verharren sie vor diesem Fragment, das einer unglaublichen, einer langsam voranschreitenden Zerstörung entkommen ist“. Die Reaktion der beiden Betrachter und insbesondere die Bemerkung Poussins, der Maler werde früher oder später merken, „dass nichts auf der Leinwand ist“, lösen bei Frenhofer Bestürzung aus, Frenhofer stirbt in der folgenden Nacht, nachdem er alle seine Bilder verbrannt hat.
FF454

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat in einem kleinen „Die Unüberschreitbarkeit der Schlangenlinie“ überschriebenen Beitrag zur Bedeutung der Zeichnung auf Paul Klees „Variationen der Schlangenlinie“ im 1925 erschienenen Pädagogischen Skizzenbuch hingewiesen. Klee schreibt zu seiner liegenden S-Linie: “Eine aktive Linie, die sich frei ergeht, ein Spaziergang um seiner selbst willen, ohne Ziel. Das Agens ist der Punkt, der sich verschiebt.“ Die Schlangenlinie wird also als ein elastischer Punkt aufgefasst, der sowohl die einsetzende Formung darstellen als auch den Uebergang ins Nichts vollziehen kann. Bredekamp sieht die Bedeutung der Zeichnung als „Medium und Symbol des innovativen Kerns aller geistigen Tätigkeit“ in der Wertschätzung dieser Linienform begründet:“ Die Bedeutung der Linie als Urelement aller Bewegungen der Natur und der Kunst ist nicht unangefochten geblieben, und es hat immer wieder, allen voran im Impressionismus, Bestrebungen gegeben, die Kontur in die atmosphärische Wirkung von Raum- und Sprühlichtzonen aufzulösen. Diesen fehlt aber der Doppelcharakter der Linie, in ihrer Reduktion auf den beweglichen Punkt äusserst präzis zu sein und doch jede Freiheit zuzulassen. Für Bredekamp verkörpert deshalb die Linie an erster Stelle ein intellektuelles Verfahren, das, wie er vermutet, in jeder Zeit und in jedem Medium anzutreffen ist.
FF455

Wir sehen auf den sichtbaren Dingen mit unseren Augen nur Licht und Farbe. Alle ihre anderen Eigenschaften erkennen wir nur durch Rückschluss (...) Alle sichtbaren Dinge unterliegen in einer Welt des Werdens und des Vergehens dem Wandel, der auch unsere Wahrnehmung prägt, und deshalb sehen wir kein Ding genau so, wenn wir es zum zweiten Mal sehen.
FF456

Norman Bryson geht (in „Vision and Painting“ 1983) von der Kontroverse um den westlichen Begriff des Subjekts aus, welches vor allem durch ein Objekt definiert wird, von dem sein Blick Besitz nimmt. Die Entgrenzung des Blicks in der ostasiatischen Kultur entzog dagegen dem Subjekt einen festen Ort und seinem Blick einen sichern Standort. Japanische Philosophen, so Bryson, haben immer den westlichen Denkzwang kritisiert, einen Objektbezug zu gebrauchen, durch welchen das Subjekt definiert ist. In einem konturlosen Raum, der durch den japanischen Begriff der „Leere“ oder sunyata bezeichnet wird, verliert auch jedes einzelne Objekt seine festen Konturen und verschwindet mit ihm der Focus, dessen der besitzergreifende Blick im westlichen Sinne bedarf. Ein Betrachter, dem ein Blickrahmen abhanden kommt, wird selbst in den kontinuierlichen Fluss der sinnlichen Erscheinungen hineingezogen, aber er ist kein selbständiger Beobachter mehr und kann erst recht nicht als Massstab von Wahrnehmung gelten.
Die alten chinesischen Bildrollen führten den Fluss ständig wechselnder Ansichten an einem und demselben Kunstwerk vor. Der Betrachter, der sie selbst öffnen und abrollen musste, liess die Blicke von einer zur andern Ansicht wandern, ohne ein Gegenüber und einen zwingenden Focus zu finden, wie es das gerahmte Einzelbild ist. Erst die Kontrolle über das Objekt kann einen Blick individualisieren.
FF457

Dass seine Schriftzüge, seine Kompositionen gleichsam „link“ sind, dies veweist TW (Cy Twombly) in den Kreis der Ausgeschlossenen, der Randständigen, wo er sich, wohlgemerkt,mit den Kindern, mit den Siechen wieder findet. Der Linke (oder der „Linkische“) ist eine Art Blinder: Er sieht nicht richtig die Richtung, die Tragweite seiner Gesten; lediglich seine Hand führt ihn, das Verlangen seiner Hand, nicht sein instrumentelles Geschick: Das Auge, das ist die Vernunft, die Evidenz, die Empirie, die Wahrscheinlichkeit, die Kontrolle, die Koordination, die Imitation; als exklusive Kunst der Schau war unsere gesamte Malerei einer repressiven Rationalität unterworfen. In gewisser Weise befreit TW die Malerei von der Schau; denn der „Linke“ (der „Linkische“) löst das Band zwischen der Hand und dem Auge; er zeichnet ohne Licht (so tat es TW in der Armee).

Im Gegensatz zu so vielen zeitgenössischen Malern zeigt TW die Geste. Es geht nicht darum, das Produkt zu sehen, zu denken, zu kosten, sondern die Bewegung, die es dazu gebracht hat, wiederzusehen, zu identifizieren, oder gar zu „geniessen“ Solange nun die Menscheit die Handschrift unter Ausschluss der Buchdruckkunst praktiziert hat, war der Weg der Hand, und nicht die visuelle Wahrnehmung von deren Werk, der fundamentale Akt...
FF458


Nach Marshall Mc Luhan ist das Licht so etwas wie das Urmedium aller Medien. Licht als solches ist reine Information ohne jeden Inhalt. Einen Inhalt erhält es erst, wenn es etwas anderes anstrahlt. Dann aber beachtet man nicht das Licht, sondern das, was es zeigt.
FF459


„Alle Dinge sind verzauberte Menschen“.
Die Menschen legen in das, was sie arbeiten, das Beste aus ihrem Leben hinein. Privat geben sie sich nicht halb so viel Mühe. Dadurch steckt in den Produkten sehr viel Mensch. Interessant ist nun, dass diese Dinge ein Eigenleben entwickeln. Vom Warenfetisch spricht Marx, weil der Mensch sich in den Produkten nicht wieder erkennt, obgleich sie doch seine Arbeit spiegeln. ...
Der Mensch müsste der Produzent seines Lebens sein; er verhält sich aber, als sei er dessen Zuschauer. Und da mir das nie gefallen hat, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich der Gegenpol des Kapitals? Was wäre die Selbstorganisation, was die Spontaneität? ...
Den Eigensinn haben die Menschen von der Evolution mitbekommen... Dieser Eigensinn lässt sich nie ganz unterjochen, und er ist die Kernzelle einer politischen Oekonomie der Arbeitskraft, also des Gegen-Kapitals. Was würden Menschen machen, wenn sie sich auf sich verlassen könnten und die nötigen Mittel hätten, um selber zu bestimmen? ...
Adam Smith hat einen Satz geprägt, den Marx immer wieder vorbringt: „Ich habe noch nie zwei Hunde einen Knochen tauschen sehen.“ Und dies, der friedliche Tausch, unterscheidet den Menschen als gesellschaftliches Lebewesen sehr wohl vom Wolf, der zu sein man ihm ebenfalls nachsagt ... Deutschland 1946: Meist unter Führung von Frauen und Müttern wurde eine Naturalwirtschaft in Gang gesetzt, die vertrauenswürdiger war, als jede Wirtschaft, die ich kenne. ...
Das Kapital ist dauernd im Umbau begriffen, die neuen Anlagemöglichkeiten geben uns eine Idee davon... Die Krisen kommen routinemässig alle paar Jahre...
Die menschlichen Fertigkeiten aber brauchen, um sich herauszubilden, sehr viel länger. Die Schrift entstand vor 6000 Jahren und ist immer noch in Verwendung. Der Dialog, diszipliniert und lustbetont, wie Sokrates ihn übt, das ist eine Erfindung der Achsenzeit, 2500 Jahre alt...
Unser Problem ist der Zeitbedarf für solide Veränderungen.
FF460


Was den Kapitalismus jenseits allen individuellen (Fehl-)Verhaltens „unhaltbar“ macht, das ist sein ureigenes Funktionsprinzip. Das heisst die Tatsache, dass die menschliche Arbeitskraft, die den Reichtum hervorbringt, selbst den Charakter einer Ware angenommen hat. Die menschliche Tätigkeit wird in der Aneignung durch das Kapital nicht in ihrem nützlichen Charakter anerkannt, sie gilt vielmehr nur als Mittel zu fremden Zwecken. Man muss nicht Kant gelesen haben, um in dieser Umkehrung von Mittel und Zweck den tieferen, fortdauernden Grund für die Amoralität des ganzen Systems zu erkennen...
Es fehlt der Gesellschaft an abgestimmten, gemeinsamen Handlungsregeln...Die Produzenten selbst müssten sich ihre Produktionsmittel wieder aneignen und in ihrer eigentlichen Funktion anerkannt werden... Was ansteht ist also ein „langer Marsch“ in Richtung einer anderen gesellschaftlichen Organisation der Arbeit...

An diesem Punkt tritt uns stets das Argument entgegen, eine „andere Gesellschaft“ sei eine mörderische Utopie, die menschliche Natur lasse sich nun mal nicht ändern. Und was „der Mensch“ ist, behauptet die liberale Denkschule genau zu wissen: ein Tier, dessen Wesen nicht durch die von Menschen gestaltete soziale Welt geprägt, sondern durch die Gene determiniert ist, eine von Eigeninteresse angetriebene Rechenmaschine. Mit diesem homo oeconomicus ist natürlich nur eine Gesellschaft der privaten Eigentümer denkbar, deren Beziehungen allein durch „freie, ungehinderte Konkurrenz“ geregelt sind...
Dennoch, eine Revolution der Anthroplogie als der wirtschaft vom Menschen ist angesagt: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnende Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Feuerbach-These). Der Mensch ist also, anders als es die liberale Lehre des Individualismus will, das Produkt einer historischen Entwicklung. In dieser gesellschaftlichen Menschenwelt, und nicht in der Welt des Genom, bildet sich zum Beispiel die menschliche Sprache heraus.. Und nur hier entstehen auch unsere höheren psychischen Funktionen und sozialen Fähigkeiten.
FF461

In allen Zivilisationen beginnt die Wissenschaft und Kunst mit dem Sammelsurium der Kuriositäten.
Die Beschäftigung mit dem Geheimnisvollen, dem Unerklärten, das ästhetische Gefühl, das nach geheimnisvollen, bizarren Formen sucht, nach Muschelschalen, Steinen, Zähnen oder Hauern, nach fossilen Abdrücken, gehört sicher einer der tiefsten Schichten des menschlichen Verhaltens an; es ist die erste ästhetische Empfindung schlechthin.
FF462

Reisende, die von den Japanischen Inseln zurückgekehrt, berichten von bestimmten, unter dem Namen Koan bekannten, religiösen Rätseln, deren vielleicht berühmtestes gerade die Frage betrifft – ob nämlich ein Hund die Beschaffenheit des göttliche Buddha besitzt. Eine Antwort, die ein gewisser,höchst erleuchteter Meister darauf gegeben, lautet: „Mu!“
FF463


Wenn du nicht fliegen kannst, lauf. Wenn du nicht laufen kannst, geh. Wenn du nicht gehen kannst, krabble, aber beweg dich weiter.
FF464

„Heil…, heil…, heil…! ja wie heißt er denn nur – ich kann mir einfach den Namen nicht merken.“

„Wie gut ist es doch, dass der Führer nicht Kräuter heißt.“
FF465

In Abb.Ia sind verschiedene der üblichen Darstellungen eines Wassermoleküls H2O und in Abb. Ic ein winziger Teil eines Wassertropfens abgebildet. Natürlich glaubt kein Chemiker, dass das Wassermolekül bzw. Eis so aussieht, denn die Messungen zeigen: Es gibt keine wirkliche Begrenzung der Moleküle nach aussen, wiederum keine voneinander separierten Atome in den Molekülen; es gibt keine Eigenfarbe, und die Teilchen sind in ständiger Bewegung – Schwingungen, Rotation und Translation.
FF466

Das Nicht-Wissen entblösst. Dieser Satz ist der Gipfel, muss aber so verstanden werden: es entblösst, doch ich sehe, was das Wissen bis dahin verbarg, aber wenn ich es sehe, weiss ich es. Am Ende weiss ich, aber was ich wusste, entblösst das Nicht-Wissen von neuem.
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Ein ganz witziger Vogel ist der Satin Bowerbird, der Seidenlaubenvogel. This guy baut aus Zweigen eine Laube, ein kleiner Tunnel mit zwei Spalieren, und schmückt dessen Eingang mit blauen Gegenständen: blaue Federn, blaue Steinchen, aber auch blaues Plastikzeugs wie Glacélöffelchen, Mineralwasserdeckel, ja eine blaue Füllfeder war in einem der Bauer zu finden. Als farbbewusster Gestalter setzt er am Schluss einen Akzent mit einer orangen oder gelben Beere. Ein dominantes Männchen unterhält mehrere solcher Einrichtungen und pflegt und vertei-
digt sie das ganze Jahr durch gegen Eindringlinge und Rivalen, denen er die schönsten Blaustücke zu stehlen sucht. Zur Balzzeit lockt der Seidenlaubenvogel das Weibchen durch Präsentation seiner Reichtümer, kleinen Tänzen und einem für unsere Ohren eher schnarrenden Gesang in die Laube und rennt wenn sie drin ist schnell um den Bauer herum und schon ist’s geschehen.
FF468

Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzähligen, oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. – Das ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber es bedeutet an sich nicht wenig.
FF469


KUNST UND NAIVITAET
Es ist nicht ganz unberechtigt, beim „Zerbrochnen Krug“ von einem Volksstück zu sprechen. Analysiert man es allerdings, stellt man fest, dass da eine unglaubliche Kunstfertigkeit am Werke ist. Was gesprochen wird, ist alles in einen fünffüssigen Jambus eingebunden, der manchmal auf einer einzigen Verszeile bis zu fünf Repliken vereint- jeder Sprecher sagt immer nur ein einziges Wort in diesem Jambus. Auch die Gedankengänge sind äusserst kompliziert und alles andere als volkstümlich. Aber sie kehren seltsamerweise in einer nicht genau beschreibbaren Form zu einer Naivität zurück. Da ist Kleist etwas Wunderbares gelungen, das er übrigens in seinem Aufsatz „Ueber das Marionettentheater“ erörtert. Er beschreibt dort, dass wir vieles, was wir ganz selbstverständlich machen, im Augenblick, da wir anfangen, es zu überlegen und zu durchdenken, plötzlich nicht mehr zu tun in der Lage sind.
Den Schauspielern stellt sich dieses Problem in besonderem Masse. Sie müssen ja Dinge sehr bewusst tun, aber den Zuschauern vormogeln, dass sie sie ganz normal, natürlich tun. Kleist beschreibt den Charme von Marionetten, die an Drähten gezogen werden und bei denen man genau sieht, dass ihre Bewegungen nur mechanisch aufgebrochene Bewegungsabläufe sind, die trotzdem einen grossen Reiz haben. Er fordert in seinem Aufsatz, dass der Schauspieler durch diese Phase der Bewusstmachung laufen muss und dann sozusagen eine zweite Naivität erreicht, indem er die Durchdringung der theoretischen oder formalen oder abstrakten oder bewussten Aspekte einer Tätigkeit oder Bewegung auf die Spitze treibt und sich von diesem Punkt aus in der Lage sieht, plötzlich wieder ganz naiv und „natürlich“ zu wirken.
FF470

Als Alain Badiou einmal bei einem meiner Vorträge im Publikum sass, fing plötzlich sein Handy an zu klingeln ( und was noch schlimmer war: Es war mein Handy – ich hatte es ihm geliehen). Anstatt es abzuschalten, unterbrach er mich sachte und bat mich, doch bitte ein wenig leiser zu sprechen, damit er seinen Gesprächspartner am Telefon besser verstehen könnte... Wenn das, was Alain tat, kein Akt wahrer Freundschaft war, dann weiss ich nicht, was Freundschaft ist.
FF471

Darum sind Wiederholung und Differenz, die letztlich den Denkraum der Sichtbarkeit und Anwesenheit ... bestimmen, abhängig voneinander und wird die Geschichte der Kunst nicht durch ständige Innovation bis zu ihrer Apokalypse vorwärtsgetrieben, sondern durch die Kraft „diskreter Verwegenheit“ und „besonnenen Wagemuts“. Ziel ist die von Gilles Deleuze gedachte Dezentrierung, die Individualisierung von Minoritäten im atmosphärischen Raum (und seine präzise Ausführungen zur Wiederholung als Entstehungsform des Neuen): “Wir lernen nichts von dem, der uns sagt: Mach es wie ich. Unsere Lehrer sind einzig diejenigen, die sagen: Mache es mit mir zusammen, und die, anstatt uns bloss Reproduktion von Gesten abzuverlangen, Zeichen auszusenden vermochten, die man im Heterogenen zu entfalten hat.“
FF472

Ich stelle Wasser für einen Becher Kaffee auf, ich schneide eine Scheibe Brot vom Laib herunter und bestreiche sie mit Butter. Zusammen mit einer Tomate lege ich das Brot auf den Teller und stelle ihn auf meinem Arbeitstisch ab. Das Bild der kleinen Mahlzeit inmitten der Papiere und Arbeitsgeräte gefällt mir. Ich stelle den vollen Kaffeebecher daneben: die Schere liegt neben dem Teller, der Kaffeebecher steht neben dem Leimtopf, das Rot der Tomate leuchtet neben dem weissen Papier. Alles ist mit allem verknüpft: Arbeit, Stille, Essen. Leben, Kunst. Ich muss das Bild fotografieren. Der Titel des Fotos könnte sein: Die Unmöglichkeit der Trennung vom Tisch. Ich hole den Fotoapparart aus dem Schrank, aber im Augenblick, als ich fotografieren will, fällt mir ein, dass mein Kaffe-Brot-und-Arbeit-Bild, indem ich es fotografiere, schon wieder ein Bild für andere wird. Aber das Bild braucht kein Publikum! Für Augenblicke bin ich dem Ausdruck einer neuen Kunst näher als sonst: wir brauchen zufällige, abräumbare und persönliche Kunstwerke, die einzelnen Menschen antworten.
FF473

Im Er-staunen, der Grundstimmung des ersten Anfangs, kommt das Seiende erstmals zum Stehen in seiner Gestalt. Im Erschrecken, der Grundstimmung des andern Anfangs, enthüllt sich hinter aller Fortschrittlichkeit und Beherrschung des Seienden die dunkle Leere der Ziellosigkeit und das Ausweichen von den ersten und letzten Entscheidungen.
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Menschen zeigen eine unbewusste Tendenz, Haltungen oder Bewegungen eines Gegenübers spontan zu imitieren: So müssen wir unweigerlich gähnen, nur weil wir jemanden hemmungslos gähnen sehen. Fütternde öffnen im Blickkontakt mit einem Kleinkind selbst den Mund, wenn sie den Löffel zum Mund des Kindes führen. Sie wissen intuitiv, dass sich dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Kind nun seinerseits den Mund öffnen wird...

Die Beobachtung einer, durch einen anderen vollzogenen Handlung aktiviert im Beobachter ein eigenes neurobiologisches Programm, und zwar genau das Programm, das die beobachtete Handlung bei ihm selbst zur Ausführung bringen könnte. Nervenzellen, die im eigenen Körper ein bestimmtes Programm realisieren können, die aber auch dann aktiv werden, wenn man beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum dieses Programm in die Tat umsetzt, werden als Spiegelneurone bezeichnet. Nicht nur die Beobachtung, jede Wahrnehmung eines Vorgangs, der bei andern abläuft, kann im Gehirn des Beobachters Spiegelneurone zum Feuern bringen...

Bei der Ausführung einer Aktion geht das Gehirn ähnlich vor wie Asterix und Obelix: Den Plan haben die Handlungsneurone, die intelligenten Asterix-Nervenzellen der prämotorischen Hirnrinde. Die konkrete Ausführung erfolgt durch die Bewegungsneurone (Obelix)...

Was ein Mensch beobachtet, wird auf der eigenen neurobiologischen Tastatur in Echtzeit nachgespielt. Eine Beobachtung löst also in einem Menschen eine Art innerer Simulation aus...
Diese Resonanz der Spiegelneuronen bahnt in ihm auch eine Handlungsbereitschaft...


Aus neurobiologischer Sicht besteht aller Grund zur Annahme, dass kein Apparat und keine biochemische Methode den emotionalen Zustand eines anderen Menschen jemals so erfassen und beeinflussen kann, wie es durch den Menschen selbst möglich ist.51

Was die Gene bereitstellen, ist eine fantastische neurobiologische Grundausstattung. Die Entfaltung dieser Grundausstattung ist nur im Rahmen von zwischenmenschlichen Beziehungen möglich, und zwar im für unmittelbaren Kontakt. Empathie ist nicht angeboren...
FF475

Bei Personen, die fest zu unserer sozialen Welt gehören oder mit denen wir das Leben ein Stück weit teilen, bleibt es nicht dabei, dass wir in Momenten der Begegnung spüren, was in ihnen vorgeht. Das Resonanzmuster, das Nahestehende in uns hervorrufen, wird innerhalb von kurzer Zeit zu einer festen Installation. Es entsteht eine dynamische innere Abbildung eines Menschen, komponiert aus seinen lebendigen Eigenschaften: seinen Vorstellungen, Empfindungen, Körpergefühlen, Sehnsüchten und Emotionen. Ueber eine solche innere Repräsentation einer nahe stehenden Person zu verfügen heisst, so etwas wie einen weiteren Menschen in sich zu haben. Denn einen haben wir ja schon in uns: die neurobiologische und psychische Repräsentation des eigenen Selbst. Sie bezieht ihr Wissen über sich selbst keineswegs nur aus eigenen Quellen, sondern auch aus der Summe jahrelanger Rückmeldungen, wie andere uns erleben und für was sie uns halten. Umso wichtiger ist die Frage, wie wir beides auseinander halten, unser Selbst und die Repräsentationen anderer Menschen....
Der berühmte Seelenforscher Otto F. Kernberg hatte also Recht, als er einst einen überfüllten Hörsaal von Studenten mit der Bemerkung zum Lachen brachte:“ Wenn zwei miteinander schlafen, sind mindestens vier oder mehrere Personen beteiligt.“
Niemand weiss, wer wir wären, wenn wir nicht über Repräsentationen wahrgenommen werden würden. Zwischenmenschliche Wahrnehmung geschieht immer über die Bildung von Repräsentationen. Eine objektive Wahrnehmung gibt es nicht. Auch psychiatrische Fragebogen können hier nicht helfen, denn sie werden sowohl von Menschen gemacht als auch von ihnen ausgewertet. Was wir aus solchen scheinbar objektiven Fragebogen herauslesen, ist genau das, was wir bei seiner Konstruktion hineingelegt haben. Das beste Instrument, um einen anderen Menschen wahrzunehmen, ist die Repräsentation, die sich ein empathischer anderer Mensch von ihm macht... Im Antlitz des anderen Menschen begegnet uns unser eigenes Menschsein...
Wir sind auf den Empfang einer Mindestdosis von verstehender Resonanz angewiesen, das ist ein elementares biologisches Bedürfnis. Ohne diesen gemeinsamen Verständnisraum kann das Krankheit, im Extremfall den Tod bedeuten. Ausgrenzung, Ausschluss, Mobbing. Der Staufer-Kaiser Friedrich II. (1194-1250) liess Kinder von Ammen aufziehen, denen es verboten war, mit ihnen zu sprechen. Er wollte herausfinden, welche Sprache diese Kinder sprechen würden. Sie starben...
Leider gibt es einen hohen Anteil von psychpathischen Persönlichkeiten unter den Führungseliten.
FF476


„... damit alles sich leichter einpräge, möge man alle möglichen Sinnestätigkeiten heranziehen“ . (Comenius)
„Lernen am Modell“-Experiment zeigen, dass die Beobachtung einer bestimmten Handlung die Fähigkeit verbessert, diese Handlung selber auszuführen. Zu beobachten, wie ein anderer sich ein Problem vom Hals schafft, eine Apparatur bedient oder emotional mit einer brisanten Aufgabe umgeht, kann ein entscheidender Beitrag für meine eigenen Kompetenzen sein. Neurobiologisch gesehen ist beim „Lernen am Modell“ die zwischenmenschliche Beziehung von überragender Bedeutung. Jede Aktivität, die nicht von einem lebenden Individuum ausgeführt wird, sondern von einem Instrument, einem Apparat oder Roboter, wird von den Spiegelzellen eines Beobachters verweigert. Die persönliche Unterweisung ist eine entscheidende Komponente. Wirkliches und gesichertes Wissen, aber auch Motivation entstehen erst durch das handelnde und fühlende Ausprobieren. Es ist neurobiologisch eine völlig unsinnige Strategie, Schülergruppen eigenständig neuen theoretischen Stoff mit Hilfe eines Lehrbuches erarbeiten zu lassen...
FF477


Lebewesen haben in der Tat ihre eigenen Gesetze. Ihr eigenes Verhalten folgt jedoch nicht physikalischen oder chemischen Regeln. Das Verhalten biologischer Systeme ist, indem es sich fortlaufend an Signalen orientiert, immer gerichtet. Welche Schlüsse ein Lebewesen aus einem erhaltenen Signal zieht, ist das Ergebnis eines biologischen Selbstorganisationsprozesses. Was das Terrain des „freien Willens“ betrifft: Er kann sich die eigene Person und die Welt nicht neu erfinden, sondern ist zunächst einmal an die Gesamtheit der im eigenen Gehirn gespeicherten Programme für Handeln, körperliche Empfindung und emotionales Fühlen gebunden. Hier tut sich ihm allerdings ein beachtliches Terrain auf. Mehrere Reaktionsprogramme sind möglich. In die Entscheidung gehen drei wesentliche Aspekte ein:
1) Das erste Kriterium ist die biologische und emotionale Situation des eigenen Körpers.
2)Ein zweiter ist der Wusch, Bindungen zu sichern und massgeblichen Bezugspersonen in Liebe verbunden zu bleiben.
3) Ein dritter Aspekt sind Fragen des sozialen Ranges, bzw. der sozialen Anpassung.

Der freie Wille ist also das Resultat eines Selbstorganisationsprozesses.
Das Verhalten biologischer Systeme ist nicht die Wirkung einer Ursache, sondern das Ergebnis eines inneren Selbstorganisationsprozesses
FF478

In einer Szene des Films „Trennung mit Hindernissen“ fragt Vince Vaughn seine Partnerin Jennifer Aniston genervt: „Du hast gesagt, ich soll dir beim Abwaschen helfen, und jetzt helfe ich dir – wo ist das Problem?“ Sie antwortet:“ Ich möchte nicht, dass du mir beim Abwaschen hilfst – ich möchte, dass du mir beim Abwaschen helfen willst!“ Das ist die minimale Reflexivität des Begehrens, seine „terroristische“ Forderung: Ich will nicht nur, dass du tust, was ich will, sondern dass du es so tust, als ob du es wirklich tun wolltest – ich will nicht nur dein Tun bestimmen, sondern auch dein Begehren... Und damit sind wir bei der Höflichkeit...

Bei einem vornehmen Dinner fragt Borat im gleichnamigen Film, seine Gastgeber nach der Toilette, sucht sie auf und kommt dann mit seiner fein säuberlich in einer Plastiktüte verpackten Scheisse zurück, um die Hausherrin in gedämpftem Ton zu fragen, wo er sie hintun könne. Das ist eine beispielhafte Metapher einer wahrhaft subversiven politischen Geste: Man präsentiert den Mächtigen einen Beutel voll Scheisse und fragt sie höflich, wie man ihn loswerden kann.
FF479

Ein Mann, der sich für ein Samenkorn hält, wird in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo die Aerzte ihr Bestes tun, um ihn davon zu überzeugen, dass er kein Korn, sondern ein Mensch ist; als er dann allerdings als geheilt ( also überzeugt, dass er ein Mensch und kein Samenkorn ist) entlassen wird, kommt er umgehend und vor Angst schlotternd zurück – da sei ein Huhn vor der Tür, und er habe Angst, dass es ihn aufpicken könnte. „Guter Mann“, sagt darauf der Arzt, „Sie wissen doch ganz genau, dass Sie ein Mensch und kein Samenkorn sind.“ – „Natürlich weiss ich das“, erwidert der Patient, „aber weiss das das Huhn auch?“
FF480

Vor einigen Jahrzehnten starteten Deutschnationale in Kärnten, dem südlichsten Bundesland Oesterreichs, das an Slowenien grenzt, eine Kampagne gegen die angebliche slowenische „Bedrohnung“ unter dem Motto „Kärnten bleibt deutsch!“, auf das Oesterreichs Linke eine perfekte Antwort fand. Anstatt rational dagegen zu argumentieren, gaben sie in den grössten Tageszeitungen eine Anzeige mit obszönen, ekelhaft klingenden Variationen des nationalistischen Mottos:“Kärnten deibt bleutsch! Kärnten leibt beutsch! Kärnten beibt dleutsch!“ Kann sich dieses Vorgehen nicht mit der obszönen, „analen“, sinnlosen Rede der Hitler-Figur Hynkel aus Chaplins Der grosse Diktator messen?
FF481

Die Idee stammte natürlich von Duchamp.

Nur ein ready-made aus seiner Zeit in Buenos Aires existiert noch oder hat überlebt. Dabei war sein ganzes Leben ein ready-made, also eine Art, das Schicksal zu besänftigen und gleichzeitig Alarmsignale auszusenden. Calvin Tomkins schreibt dazu: “Als Hochzeitsgeschenk für seine Schwester Suzanne und seinen nahen Freund Jean Crotti, die am 14. April 1919 in Paris heirateten, wies Duchamp das Paar in einem Brief an, ein Geometriebuch auf dem Balkon ihrer Wohnung an Bindfäden aufzuhängen, damit der Wind „das Buch durchblättern, sich seine eigenen Probleme aussuchen, die Seiten umwenden und herausreissen“ konnte“. Wie man sieht, hat Duchamp in Buenos Aires nicht nur Schach gespielt. Tomkins fährt fort: „Dieses Unglückliche ready-made, wie er es nannte, mag manchen Jungverheirateten als seltsam freudloses Hochzeitsgeschenk erscheinen, doch Suzanne und Jean führten Duchamps Anweisungen frohgemut aus; sie machten ein Foto von dem offenen Werk, wie es in der Luft baumelt (der einzige Nachweis für das Werk, das, den Elementen ausgesetzt, nicht überdauerte), und Suzanne malte später ein Bild davon, das sie „Le readymade malheureux de Marcel“ nannte. Duchamp erzählte Cabanne später: “Es amüsiert mich, die Idee von unglücklich und glücklich in die ready-mades einzubringen, und dann der Regen, der Wind, die flatternden Seiten, es war eine amüsante Idee“... Tomkins fährt fort: „Einem Interviewer sagte Duchamp in späteren Jahren, es habe ihm Spass gemacht, „die Ernsthaftigkeit eines Buches voller Prinzipien“ herabzusetzen, und einem anderen deutete er an, dem Wetter ausgesetzt habe „das Traktat endlich ein bisschen was vom Ernst des Lebens begriffen“.
FF482

Die Welt ändert sich nicht. Das ist der Kern von Dürrenmatts konservativem Credo... Alle Systeme, die mit dem Versprechen der Weltverbesserung auftreten und daraus das Recht ableiten, die Menschen ihren Gesetzen zu unterwerfen, müssen entlarvt, notfalls gesprengt werden.
In diesem Akt des Aufbrechens aller installierten Ordnungen aber kann für einen Moment eine Wahrheit sichtbar werden, die ausserhalb aller Erlösungslehren, aller Dogmen, aller Institutionen liegt. Diese Wahrheit ist vorwissenschaftlich, weil sie mit den Mitteln der Wissenschaft nicht zu erfassen ist. Was ausserhalb der systematischen Theorie liegt, ist, wenn es für uns trotzdem zur Erfahrung wird, ein Ereignis des Mythos. Mythos nicht als Legende oder Märchen – so wie das Wort heute in den Medien gebraucht -, sondern Mythos als die Erscheinung von Zeichen, die mich überwältigen ohne Beweise und Gründe. Wenn bei Dürrenmatt die installierten Ordnungen ironisiert werden oder in die Luft fliegen, wenn sie abgefackelt werden wie das grosse Hotel im „Durcheinandertal“, dann ist das immer verbunden mit einem in diesem Sinne mythischen Signal.
FF483
Dürrenmatt hat in der späten Erzählung „Der Auftrag“ die grandiose Theorie entwickelt, die Menschheit habe es nicht mehr ausgehalten, immerzu von oben, von Gott, beobachtet zu werden, und habe deshalb diesen Gott abgeschafft. Jetzt aber halte sie es auch nicht aus, dass sie von niemandem mehr gesehen werde und gewissermassen unter einem ausgestochenen Auge leben müsse. So installiere die Welt nun riesige Systeme der gegenseitigen Ueberwachung, aus angeblich politischen Gründen, in Wahrheit aber, um dem Entsetzen des Nicht-mehr-gesehen-Seins zu entkommen.
FF484

Kongo hat sich heute gewissermassen wieder in das Conradsche „Herz der Finsternis“ verwandelt: niemand wagt es, das Thema frontal anzugehen. Der Tod eines Palästinenserkindes aus dem Westjordanland, ganz zu schweigen von einem Israeli oder einem Amerikaner, ist medial tausendmal mehr wert als der Tod eines namenlosen Kongolesen. Warum diese Ignoranz?
Am 30. Oktober 2008 berichtet Associated Press, Laurent Nkunda, der Rebellenführer, der die Hauptstadt einer östlichen Provinz, Goma, belagert, habe gesagt, er wolle direkte Gespräche mit der Regierung führen über seine Einwände gegen einen Milliardendeal, der China im Austausch gegen den Bau einer Bahnstrecke und einer Autobahn Zugang zu den gewaltigen Bodenschätzen sichern würde. So problematisch (weil neokolonial) dieser Deal auch sein mag, er stellt eine entscheidende Bedrohung der Interessen lokaler Kriegsherren dar, weil sein Erfolg die infrastrukturellen Grundlagen für die Demokratische Republik Kongo als einen funktionierenden, geeinten Staat schaffen würde.
Zuvor hatte im Jahr 2001 eine UN-Untersuchung zur illegalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen im Kongo gezeigt, dass es bei dem Konflikt im Land hauptsächlich um den Zugang zu, die Kontrolle über und den Handel mit den fünf wichtigsten Bodenschätzen geht: Coltan, Kobalt, Kupfer, Gold und Diamanten. Laut dieser Studie beuten die lokalen Kriegsherren die Ressource des Landes „systematisch und systemisch“ aus, insbesondere die Warlords aus Uganda und Ruanda ( knapp gefolgt von jenen aus Simbabwe und Angola) hätten ihre Soldaten in eine Businessarmee verwandelt: Ruandas Armee habe innerhalb von 18 Monaten mindestens 250 Millionen Dollar mit dem Verkauf von Coltan verdient, das für die Produktion von Handys und Laptops benötigt wird. Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass der andauernde Bürgerkrieg und die Deintegration des Kongo „eine Win-Win-Situation für alle Kriegsteilnehmer geschaffen habe. Der einzige Verlierer dieses riesigen geschäftlichen Unterfangens ist das kongolesische Volk“.
Hinter der Fassade ethnischer Konflikte entdecken wir also die Konturen des globalen Kapitalismus.
...
Die Tatsache, dass der belgische König Leopold, der die Kongogreuel vor hundert Jahren zu verantworten hatte, ein grosser Philantrop war und die Wertschätzung des Papstes genoss, lässt sich nicht als blosse ideologische Heuchelei oder als Zynismus abtun. Wahrscheinlich war er, subjektiv betrachtet, wirklich ein aufrechter Menschenfreund, der sogar in Massen versuchte, den katastrophalen Folgen des ökonomischen Riesenprojekts der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Kongo, dem er vorstand (der Kongo war sein Privatbesitz!), entgegenzuwirken – die ultimative Ironie ist, dass sogar der Grossteil der Gewinne aus diesem Unterfangen dem belgischen Volk zugute kam, weil damit öffentliche Werke, Museen usw. finanziert wurden.
FF485

Das Programm der kaiserlich-japanischen Armee zur Herstellung biologischer Waffen von 1932 bis 1945 wurde an einer Forschungseinrichtung namens „Einheit 731“ durchgeführt, die sich in Beiyinhe in der Nähe der Stadt Harbin in der japanisch besetzten Mandschurei befand. Das Ausmass dieser Operation lässt Josef Mengele wie einen kleinen Landarzt erscheinen: Das Ganze umfasste einen Komplex von 150 Gebäuden, in denen sich Hunderte von Medizinern, Krankenschwestern und Wissenschaftlern am Massenmord an etwas 580 000 Männern, Frauen und Kindern beteiligten, die entsetzlichen Experimenten ausgesetzt wurden, darunter Vivisektionen am lebenden Körper, künstlich ausgelösten Krankheiten, Erfrierungen, grauenhaften simulierten Kriegsverwundungen, Flüssigkeitsentzug, Bluttrandfusionen von Tieren zu Menschen und Luftdrucktests (um etwa herauszufinden, bei welchem Druck die Augen aus ihren Höhlen springen). Geleitet wurde das Programm von dem Arzt und Mikrobiologen Shiro Ishii, der sein Werk das „geheimste Geheimnis“ nannte. Die grosse Mehrheit der Täter wurde nach der Niederlage Japans nie als Kriegsverbrecher angeklagt; die US-Behörden hielten Shiro Ishiis Forschungsprogramm für zu wertvoll, so dass Dutzenden Forschern der Einheit 731 und auch Ishii selbst Straffreiheit zugesichert wurde. Es ist dokumentiert, dass Ishii nach dem Krieg in den USA Vorlesungen hielt und dass er sowie andere Forscher der Einheit 731 nach Südkorea gingen, um die amerikanische Armee in Fragen der biologischen Kriegsführung zu beraten.
FF486

Bei der Unesco macht sich inzwischen Unruhe breit:“ Auf lange Sicht könnte die Nanomedizin eine grundlegende Verwandlung der menschlichen Gattung herbeiführen. Die Anstrengungen, die die Menschheit unternimmt, um sich zu verändern, wie und wann sie will, könnte in eine Situation münden, in der es nicht mehr möglich ist, von „Menschen“ zu sprechen.“ Eine vom Homo sapiens 2.0 bevölkerte transhumane Welt stünde am Beginn eines neuen Zeitalters, in dem posthumane Menschen mit einem künstlich gesteigerten physischen und intellektuellen Leistungsvermögen lebten. Daneben gäbe es dann die Menschen zweiter Klasse, die mit ihrer herkömmlichen Ausstattung vorliebnehmen müssten und sich an den Rand gedrängt fänden.
...
Der Informatiker und Visionär Raymond Kurzweil sieht in der Verflechtung von Nanotechnologie, Genetik und Robotertechnik eine grosse Gefahr für die Menschheit. Ein terroristischer oder militärischer Anschlag mittels Nanorobotern, die ausser Kontrolle geraten und zu krankheitserregenden molekularen Strukturen, der sogenannten grauen Schmiere (grey goo), werden könnten, hätte laut Kurzweil das Potential, innerhalb einiger Tage die gesamte Zivilisation zu vernichten.
FF487

Was ist seit Urzeiten noch nie geschehen?
Eine Frau furzt in den Schoss ihres Mannes.
Was soll das, fragen sie sich.
FF488

Ich werde jetzt anfangen, mit dem Anfang und mit dem Ende zugleich. Denn ich habe mit dem Ende angefangen, als ob es der Anfang wäre...
Als ob das Ende der Arbeit am Ursprung der Welt stünde...

Jeremy Rifkin spricht in seinem Buch Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft von der „Dritten industriellen Revolution“. Eine Revolution, die ein gewaltiges Potential berge, das „einen guten oder einen schlechten Ausgang nehmen“ könnte: „Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien verfügen über das Potential zur Befreiung wie zur Destabilisierung der Zivilisation.“... Das Buch beschäftigt sich mit den technologischen und den marktorientierten Kräften, durch die wir uns auf die Schwelle einer beinahe arbeitslosen Welt zu bewegen...
Es kommt in der Tat etwas Schwerwiegendes auf uns zu, mit dem geschieht oder zu geschehen im Begriff ist, was wir „Arbeit“, „Tele-Arbeit, „virtuelle Arbeit“ nennen – also auch mit dem In –der-Welt-Sein dessen, was wir noch Mensch nennen. Zuzugestehen ist auch, dass dies weitgehend mit einer techno-wissenschaftlichen Mutation zusammenhängt, von der in der Cyber-Welt, der Welt des Internet, der Welt der E-mail und des Mobiltelefons die Tele-Arbeit und die Virtualisierung der Arbeit ebenso affiziert werden wie – in eins mit der Kommunikation des Wissens, in eins mit jedem Mit-Teilen, jeder Vergemeinschaftung, jeder „Gemeinschaft“ – die Erfahrung des Ortes, der Stätte und des Werkes, mit einem Wort: die Erfahrung dessen, was geschieht, eintritt oder ankommt...
Die dritte technologische Revolution ist ein absoluter Umbruch. Die beiden ersten Revolutionen – die des Dampfes, der Kohle, des Stahls und des Textils im 19. Jahrhundert, die Elektrizität, des Erdöls und des Automobils im 20.Jahrhundert – hatten zu keinem radikalen Bruch in der Geschichte der Arbeit geführt...
In der dritten Revolution scheint es keine vierte Zone mehr zu geben, in der die Arbeitslosen mit Arbeit versorgt werden können. Eine völlige Sättigung durch Maschinen kündigt das Ende des Arbeiters, also ein gewisses Ende der Arbeit an...
...nur eine einzige Kategorie von Arbeitern (bleibt) verschont, die des „Wissens“: „eine Elite von Unternehmern, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Programmierern, professionellen Ausbildern und Beratern“... Die Opfer jener Entwicklung leiden entweder darunter, dass es ihnen an einer Arbeit fehlt, die sie bräuchten, oder darunter, dass sie zuviel arbeiten für den Lohn, den sie auf einem Weltmarkt, auf dem eine zutiefst gewalttätige Ungleichheit herrscht, im Austausch für die Arbeit erhalten. Diese kapitalistische Situation (...) ist in absoluten Zahlen tragischer, als sie es in der Geschichte der Menschheit je war.
FF489

Die neuen Humanities müssen sich 1. Der Geschichte des Menschen widmen, der Idee des Menschen, der Figur des Menschen und des „Menschen Eigenen“ (und einer nicht abgeschlossenen Reihe von Gegensätzen, durch die der Mensch definiert wird, namentlich dem überlieferten Gegensatz zwischen dem Lebewesen „Mensch“ und dem Lebewesen „Tier“)... Die dringlichste Aufgabe wäre in diesem Zusammenhang die Problematisierung... der Geschichte der Erklärung der Menschenrechte... und der Geschichte des Begriffs „ Verbrechen gegen die Menschlichkeit“...
2.Diese neuen Humanities müssen sich, im selben Stil, der Geschichte der Demokratie und der Idee der Souveränität widmen... und 3. der Geschichte der „professer“ – „öffentlich erklären“, „ausüben“, „lehren“ -, der „profession““ – Beruf, öffentliche Erklärung, Sichbekennen zu...- und der Professur. 4.
der Geschichte der Literatur, ihrem Verhältnis zu Fiktion und zur performativen Kraft des „als ob“, ihrem Begriff des Werks, des Autors, der Signatur, der Nationalsprache, ihrem Bezug zu jenem Recht, alles zu sagen....5. der Geschichte der profession – des Berufs, der öffentlichen Erklärung, des Sichbekennens zu...-, der profession de fois – des Glaubensbekenntnisses... als nicht bloss die Anwendung eines Wissens, in das man seinen Glauben setzt,..., sondern singuläre Werke, andere Strategien des „als ob“ zeitigt, bei denen es sich um Ereignisse handelt, die die Grenzen des akademischen Bereichs unberührt lassen...6. Diese neuen Humanities müssten sich schliesslich, im selben Stil, aber im Zuge einer furchteinflössenden, zugleich kritischen und dekonstruktiven reflexiven Wendung der Geschichte des „als ob“ widmen...
7. Lasse ich vielleicht am Ende eben das kommen, das geschehen, was geschieht und, indem es geschieht stattfindet oder eine Stätte einnimmt, nichts anderes umstürzt, revolutioniert, über den Haufen oder aus der Bahn wirft, als die Autorität... 1. des Wissens..., 2. der Profession als Erklärung oder Glaubensbekenntnis..., 3. des Ins-Werk-Setzens des „als ob“...

Was ist das, was geschieht, stattfindet, hereinbricht, was ist, im allgemeinen, das, was man Ereignis nennt?...
Falls es sie gibt, die singuläre Ereignishaftigkeit dessen, was geschieht und (mit) mir geschieht, oder dessen, der da unversehens kommt und über mich kommt, wenn es also dergleichen gibt, dann setzt es einen Einbruch oder einen Ausbruch voraus, der den Horizont sprengt, der jede performative Regelung, jede Vereinbarung und jeden von einer Konventionalität beherrschbaren Kontext unterbricht. Was nichts anderes heisst, dass dieses Ereignis einzig dort stattfindet, wo es sich von keinem „als ob“, zumindest von keinem bereits lesbaren, entzifferbaren und als solches artikulierbaren „als ob“ bändigen lässt...- dass also dieses kleine Wort „als“ der Name des eigentlichen Problems, um nicht zu sagen: die Zielscheibe, der Dekonstruktion ist...
Wie ich häufig zu zeigen versucht habe, kann einzig das Unmögliche geschehen.
Auf denselben Gedanken stützt sich auch meine wiederholte Erinnerung daran, dass die Dekonstruktion unmöglich oder das Unmögliche und dass sie keine Methode, keine Lehre, keine Meta-Philosophie sei, sondern das, was geschieht.
Die Beispiele, durch die ich versucht habe, diesem Gedanken gerecht zu werden ( die Erfindung, die Gabe, die Vergebung, die Gastfreundschaft, die Gerechtigkeit, die Freundschaft etc.), bekräftigen sämtlich ein Denken des unmöglichen Möglichen, des Möglichen als des Unmöglichen, ein Denken des Unmöglich-Möglichen...

Und es ist in der Tat der Sinn des Sinns, der hier in Frage steht.
FF490


Ich habe den Begriff „Uebergangsobjekte“ und Uebergangsphänomene“ eingeführt, um einen „intermediären Raum“ zu kennzeichnen, den Erlebnis- und Erfahrungsbereich, der zwischen dem Daumenlutschen und der Liebe zum Teddybär liegt, zwischen der oralen Autoerotik und der echten Objektbeziehung, zwischen der ersten schöpferischen Aktivität und der Projektion dessen, was bereits introjiziert wurde, zwischen frühester Unkenntnis einer Dankespflicht und der Kenntnisnahme dieser Verpflichtung („sag: danke!“).
Nach dieser Definition gehören das Lallen des Säuglings und das Sich-in-den-Schlaf-Singen als Uebergangsphänomene ebenso in den intermediären Bereich wie die Verwendung von Objekten, die nicht Teil des kindlichen Körpers sind, jedoch noch nicht als zur Aussenwelt gehörig erkannt werden... (S.11)

Sobald der Mensch die Phase erreicht hat, in der er sich als abgegrenzte Einheit, ein Innen und ein Aussen erlebt, verfügt er damit auch über eine innere Realität, eine innere Welt, die reich oder arm, friedlich oder mit sich selbst zerfallen sein kann. ...
Meines Erachtens ist noch ein dritter Aspekt notwendig. Dieser dritte Bereich des menschlichen Lebens, den wir nicht ausser Acht lassen dürfen, ist ein intermediärer Bereich von Erfahrungen, in den in gleicher Weise innere Realität und äusseres Leben einfliessen. Es ist ein Bereich, der kaum in Frage gestellt wird, weil wir uns zumeist damit begnügen, ihn als eine Sphäre zu betrachten, in der das Individuum ausruhen darf von den lebenslänglichen menschlichen Aufgaben, innere und äussere Realität voneinander getrennt und doch in wechselseitiger Verbindung zu halten. ...

Ich möchte hier die Aufmerksamkeit auf ein Stadium lenken, das zwischen der völligen Unfähigkeit und der wachsenden Fähigkeit des Kleinkindes liegt, die Realität zu erkennen und zu akzeptieren. Deshalb untersuche ich das Wesen der Illusion, die dem Kleinkind zugebilligt wird und im Leben des Erwachsenen einen bedeutenden Anteil an Kunst und Religion hat...
(S11, 12)

Wir behaupten nun, dass die Akzeptierung der Realität als Aufgabe nie ganz abgeschlossen wird, dass kein Mensch frei von dem Druck ist, innere und äussere Realität miteinander in Beziehung setzen zu müssen, und dass die Befreiung von diesem Druck nur durch einen nicht in Frage gestellten intermediären Erfahrungsbereich (Kunst, Religion usw.) geboten wird. Dieser intermediäre Bereich entwickelt sich direkt aus dem Spielbereich kleiner Kinder, die in ihr Spiel „verloren“ sind. ...
Einen Erwachsenen, der uns zumutet, seine subjektiven Phänomene als objektiv anzuerkennen, halten wir für geistesgestört. Gelingt es ihm aber, seinen persönlichen intermediären Bereich ohne diese Ansprüche zu geniessen, so können wir unseren eigenen entsprechenden intermediären Bereich zur Kenntnis nehmen und und freuen, wenn wir Ueberschneidungen entdecken; dies sind die gemeinsamen Erfahrungen mehrerer Mitglieder einer Gruppe auf dem Gebiete der Kunst. Der Religion oder Philosophie...
(S.23, 24)
FF491


Ich halte das Spiel für das Universale; es ist Ausdruck von Gesundheit. ...
Das Spiel führt zu heftiger Erregung. Es ist jedoch hervorzuheben, dass es primär nicht deshalb erregend ist, weil Triebe am Spiel beteiligt sind. ...

Kindliches Spielen enthält alles. ...
Der entscheidende Augenblick ist der, in dem das Kind in Verwunderung gerät. ...
Es besteht eine direkte Entwicklungsfolge von Uebergangsphänomenen zum Spielen, vom Spielen zum gemeinsamen Spielen und von hier zum kulturellen Erleben...
(S.52,59,62,63)


Natürlich wird niemals jemand in der Lage sein, den kreativen Impuls zu erklären. ...
In Freuds „Moses, sein Volk und die monotheistische Religion“ (1939) steht in einer Fussnote, die ich für eine äusserst wichtige Einzelheit in Freuds Werk halte: „Das erste Individuum in der Menscheitsgeschichte“, nennt ihn Breasted. Wir können uns nicht einfach mit Menschen früherer Zeiten identifizieren, die sich ihrerseits mit der Gemeinschaft, mit der Natur und mit unerklärlichen Phänomenen, wie Sonnenaufgang und –untergang, Unwetter und Erdbeben, identifiziert haben.
(S.82,83)
FF492

Ein weiterer Beitrag zum Thema Kreativität stammt von Melanie Klein (1957). Dieser Beitrag beruht auf ihrer Erkenntnis, dass aggressive Impulse und destruktive Phantasie aus den allerersten Phasen des kindlichen Lebens herrühren. Melanie Klein nimmt den Gedanken der Destruktivität des Kleinkindes auf, gibt ihm besonderes Gewicht und kommt aufgrund der Vorstellung, dass erotische und destruktive Impulse als Zeichen einer gesunden Entwicklung miteinander vermischt werden, zu neuen und bedeutsamen Schlussfolgerungen. Ihre Darstellung schliesst das Konzept der Wiedergutmachung und Wiederherstellung ein.... Auch misst sie Schuldgefühlen eine zentrale Bedeutung zu. Dahinter steht Freuds Grundkonzept der Ambivalenz als ein Aspekt individueller Reife....
Jahrelang schien Aggression in der psychoanalytischen Metapsychologie auf der Grundlage von Aerger erklärt zu werden.
Feud und Melanie Klein gehen beide an dieser Stelle einer Schwierigkeit aus dem Wege und nehmen Zuflucht zur Veranlagung. Das Konzept des Todestriebes kann als eine Erneuerung des Prinzips der Erbsünde beschrieben werden. Ich habe diese These aufzustellen versucht, dass Freud und Klein damit die ganze Tragweite von Abhängigkeiten und damit von Umweltfaktoren anzuerkennen vermeiden. Wenn Abhängigkeiten wirklich Abhängigkeiten bedeutet, kann man die Geschichte des einzelnen Kindes nicht allein in Hinblick auf das Kind schreiben. Man hat ebenso die Umweltbedingungen zu berücksichtigen... Es gilt zu beschreiben, auf welche Weise genügend gute Umweltbedingungen dem einzelnen in den allerfrühesten Entwicklungsphasen ermöglichen, mit der gewaltigen Erschütterung fertigzuwerden, seine Omnipotenz zu verlieren. Das „subjektive Objekt“ wird mehr und mehr mit objektiv wahrgenommenen Objekten in Beziehung gebracht; dies geschieht jedoch nur, wenn genügend gute Umweltbedingungen oder eine „durchschnittlich annehmbare Umgebung“ dem Kleinkind ermöglicht, auf bestimmte Weise, die man eben dem Kleinkind zugesteht, verrückt zu sein. Dieses Verrücktsein wird nur dann zu wirklichem Irrsein, wenn es im späteren Leben auftritt. In der Phase der frühen Kindheit handelt es sich hier um denselben Bereich, auf den ich bereits hingewiesen habe, als ich von dem Paradoxon sprach, dass das Kleinkind ein Objekt gestaltet, das jedoch niemals als solches gestaltet worden wäre, wenn es nicht schon vorhanden gewesen wäre.
(S.83,84)

Von der Objektbeziehung zur Objektverwendung
Nach der Position „das Subjekt steht in Beziehung zum Objekt“ folgt die Position „ Das Subjekt zerstört das Objekt (das erst dadurch etwas Aeussers wird)“; erst dann kann die Position „das Objekt überlebt die Zerstörung durch das Subjekt“ folgen. Es kann überleben, muss aber nicht. Daraus leitet sich ein neuer Gesichtspunkt für die Theorie der Objektbeziehung ab. Das Subjekt sagt gewissermassen zum Objekt:“Ich habe dich zerstört“, und das Objekt nimmt diese Aussage an. Von nun an sagt das Subjekt: „Hallo, Objekt! Ich habe dich zerstört! Ich liebe dich! Du bist für mich wertvoll, weil du überlebt hast, obwohl ich dich zerstört habe! Obwohl ich dich liebe, zerstöre ich dich in meiner (unbewussten) Phantasie.“ Dies ist der eigentliche Anfang der Phantasie im Menschen. Das Subjekt kann jetzt das Objekt, das überlebt hat, verwenden. Es ist wichtig festzustellen, dass das Subjekt das Objekt nicht nur deshalb zerstört, weil das Objekt ausserhalb des Bereiches seiner omnipotenten Kontrolle steht. Es ist ebenso wichtig, dies auch von der anderen Seite her zu sehen: dass nämlich das Objekt erst durch die Zerstörung in den Bereich ausserhalb der omnipotenten Kontrolle des Subjekts gestellt wird. So entwickelt das Objekt seine eigene Autonomie und sein eigenes Leben auf zweierlei Art und steht, wenn es überlebt, je nach seinen Eigenschaften dem Subjekt zur Verfügung.
Mit anderen Worten: Weil das Objekt überlebt, kann das Subjekt ein Leben in der Objektwelt beginnen und dadurch unermesslich viel für sich gewinnen: aber es hat dafür einen Preis zu zahlen, der darin besteht, in bezug auf Objektbeziehungen der fortwährenden Zerstörung in seiner unbewussten Phantasie nicht ausweichen zu können.
(S.105)
FF493

Nach der völligen Verschmelzung mit der Mutter tritt das Kleinkind in eine Phase, in der es die Mutter vom eigenen Selbst trennt und in der die Mutter das Ausmass ihrer Anpassung an die Bedürfnisse einschränkt, um sich selbst nach weitestgehender Identifizierung mit dem Kind wiederzufinden und weil sie auf das veränderte Bedürfnis des Kindes, sie jetzt als unabhängiges Wesen zu erleben, eingeht. ...

Das Kleinkind kann die Trennung von Objektwelt und Selbst nur vollziehen, weil es zwischen beiden keinen leeren Raum gibt, da der potentielle Raum in der von mir dargestellten Weise ausgefüllt ist.
Wahrscheinlich gibt es zwischen Menschen niemals eine Trennung....

Wie soll sich Trennung vollziehen, wenn Trennung unmöglich ist? (Dieser Widerspruch muss einfach hingenommen werden.)

Erst das Vertrauen auf die Verlässlichkeit der Mutter und damit die anderer Menschen und Objekte ermöglicht die Abtrennung des „Nicht-ich“ vom Ich. Trennung wird jedoch gleichzeitig dadurch vermieden, dass der potentielle Raum mit kreativem Spiel, mit Symbolen und dem, was allmählich das kulturelle Erleben ausmacht, erfüllt wird...
(S.124, 125, 127)

Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass sich die Natur des Menschen verändert hat...
(163)
FF494

L'homme mes frères, l'homme qui nous domine tous est un ridicule animal.
(Der Mensch, meine Brüder, der Mensch der uns beherrscht ist ein lächerliches Tier).
FF495

Die zu starke Ausprägung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen- die sogenannten „höheren Funktionen“ –hat uns in eine Welt katapultiert, die wir nicht mehr meistern können. Viele sind daher der Ansicht, und diese Meinung teile ich, dass der Mensch ein Irrläufer der Evolution ist.
FF496

Unverzüglich verschliesst er den Nordwind in Aeolus ' Höhlen...
Finsternis, schwarz wie Pech, überdeckt sein entsetzliches Antlitz;
Schwer ist von Wolken sein Bart: es triefen die Haare, die grauen...

„...Entfaltet mit Macht eure Kräfte! So ist es vonnöten.
Oeffnet die Häuser, durchstosst die Dämme und lasset entzügelt
Eure Flüsse gewaltig entströmen!“ So lautet des Gottes
Weisung. Sie kehren zurück und lockern den Quellen die Zäume,
Und in die Ebenen wälzen sie sich in entfesseltem Laufe.
Er erschütterte selbst mit dem Dreizack die Erde, und diese
Bebte: es öffnete weit der Stoss den Wassern die Wege.
Ueber die Ufer fluten die Flüsse durch offene Felder,
Reissen die Bäume hinweg mit den Saaten, das Vieh und die Menschen,
Häuser mitsamt den heiligen Räumen, darinnen die Bilder...

Völlig verwischt sind die Grenzen, wo Meer und Erde sich scheiden...

Lang hat vergeblich ein Plätzchen gesucht der schweifende Vogel,
Und – unerhört! – es schlagen an Bergesgipfel die Wogen.
So ertrinken die meisten, und welche die Wellen verschonen,
werden von Mangel an Nahrung gequält: sie müssen verhungern.
FF497

„Sehen Sie, es ist ganz einfach“, sagt Mahasweta Devi und zeigt durchs Fenster auf ein halbnacktes Strassenkind.“ Auch dieses Kind hat ein Recht auf ein anständiges Leben.“
FF498

Einer lag schwer krank im Bett. Der Arzt sass beim Tischchen, das an das Bett geschoben war, und beobachtete den Kranken, der wiederum ihn ansah. „Keine Hilfe“, sagte der Kranke, nicht als frage sondern als antworte er. Der Arzt öffnete ein wenig ein grosses medizinisches Werk, das am Rande des Tischchens lag, sah flüchtig aus der Entfernung hinein und sagte, das Buch zuklappend:“Hilfe kommt aus Bregenz.“ Und als der Kranke angestrengt die Augen zusammenzog, fügte der Arzt hinzu: „Bregenz in Vorarlberg.“ „Das ist weit“ sagte der Kranke.
FF499

...Sisyphos, der als der hinterlistigste aller Menschen gilt, ja, Sisyphos, Sohn von Aiolos und Enarete, Gründer der Stadt Ephyra, wie Korinth früher hiess, eine Stadt, die Sisyphos zu einem Schlupfwinkel für seine Schandtaten machte, denn mit der ihm eigenen körperlichen Gewandtheit und der intellekuellen Neigung, jede Wendung des Schicksals als Schachaufgabe oder Dedektivspiel anzugehen, und mit dieser Lust am Necken und Lachen und Sticheln und Zanken und Hohn und Spott und Ulk und Spass und List und Tücke und Jux und Schabernack und Affentanz und Witz und Possen verlegte er sich aufs Rauben, das heisst, er erleichterte alle Reisende, die dort vorbeikamen, um ihre Habe, er beraubte sogar seinen Nachbarn Autolykos, selber ein Dieb, vielleicht in der unwahrscheinlichen Hoffung, dass, wer einen Räuber beraubt, sich hundert Jahre Straffreiheit erwarb, und entbrannte in Liebe zu dessen Tochter Antikleia, denn Antikleia war sehr schön, eine Tollkirsche, aber diese Antikleia hatte einen offiziellen Verlobten, will sagen: Sie war einem bestimmten Laertes, der später berühmt wurde, zur Ehe versprochen, was Sisyphos nicht schreckte, zumal er im Vater des Mädchens, dem Räuber Autolykos, einen Komplizen wusste, dessen Bewunderung für Sisyphos gestiegen war wie die Wertschätzung, die ein ehrlicher und objektiver Künstler einem andern, höher begabten Künstler entgegenbringt, sagen wir also, dass Autolykos, denn er war ein Ehrenmann, an seinem Wort Laertes gegenüber festhielt, allerdings ohne scheele Blicke oder auch nur zu Hohn und Spott seines künftigen Schwiegersohns die Liebesbezeugungen beobachtete, mit denen Sisyphos seine Tochter überschüttete, die sich am Ende, wie es heisst, mit Laertes vermählte, doch nachdem sich Antikleia Sisyphos ein- oder zweimal, fünf- oder sechsmal, vielleicht auch zehn- oder fünfzehnmal hingegeben hatte, jedes Mal mit Billigung des Autolykos, der wünschte, Sisyphos möge seiner Tochter seinen Samen einpflanzen, damit er einen Enkel bekäme, der so listig wäre wie jener, wurde sie wirklich schwanger, und neun Monate später, als Antikleia bereits Laertes Frau war, gebar sie einen Sohn, der Odysseus oder Ulixes genannt wurde und sich tatsächlich als so listenreich erwies wie sein Vater, welcher sich freilich nie um ihn kümmerte und sein Leben unverändert fortsetzte, ein Leben der Ausschweifungen, Feste und Vergnügungen, in dessen Verlauf er Merope heiratete, schwächstes Licht im Sternbild der Plejaden, darum nämlich, weil sie einen Sterblichen geheiratet hatte, einen verdammten Sterblichen, einen verdammten Wegelagerer, einen verdammten Ganoven, wild nach Ausschweifungen, blind vor Ausschweifungen, eine davon, und beileibe nicht die geringste, die Verführung von Tyro, der Tochter seines Bruders Salmoneus, nicht weil sie ihm gefallen hätte, nicht weil sie besonders sexy gewesen wäre, sondern weil Sisyphos seinen eigenen Bruder hasste und ihm schaden wollte, und aus diesem Grunde wurde er nach seinem Tod in der Unterwelt dazu verdammt, einen Felsblock einen Hügel hinaufzurollen, von wo er wieder hinunterrollte, von wo Sisyphos ihn wieder hinaufrollte, und so in alle Ewigkeit, eine fürchterliche Strafe, die Sisyphos Verbrechen oder Sünden übersteigt und eher ein Racheakt von Zeus war, denn, so wird erzählt, Letzterer kam einmal mit einer Nymphe, die er vergewaltigt hatte, durch Korinth, und Sisyphos, der intelligenter war als die Polizei erlaubt, bekam das spitz, und als später Asopos, der Vater des Mädchens, auf der verzweifelten Suche nach seiner Tochter vorbeikam, erbot sich Sisyphos, als er ihn sah, ihm den Namen des Vergewaltigers zu verraten, wenn Asopos im Gegenzug in der Stadt Korinth eine Quelle entspringen liesse, was beweist, dass Sisyphos kein schlechter Bürger war, oder auch bloss, dass er Durst hatte, jedenfalls ging Asopos darauf ein, es entsprang eine Quelle kristallklaren Wassers, und im Gegenzug verriet Sisyphos den Göttervater, der ihm fuchsteufelswild, postwendend Thanatos, den Tod, auf den Hals hetzte, der Sisyphos jedoch nicht gewachsen war, denn mit einem genialen Schachzug, der seinem Witz und seiner findigen Intelligenz keine Schande machte, fing und fesselte er Thanatos, eine Meisterleistung, zu der sehr wenige, wirklich sehr wenige das Zeug hatten, und hielt Thanatos lange Zeit gefangen, eine Zeit, während der kein einziger Mensch vom Antlitz der Erde verschwand, ein goldenes Zeitalter, in dem die Menschen, ohne dafür ihr Menschsein abzulegen, frei von der Last des Todes lebten, also frei von der Last der Zeit, denn Zeit war das, was es im Ueberfluss gab, möglicherweise das, was eine Demokratie auszeichnet, die überflüssige Zeit, der Mehrwert an Zeit, Zeit zum Lesen und Zeit zum Nachdenken, bis Zeus persönlich eingreifen und Thanatos befreien musste, woraufhin Sisyphos starb.
FF500


...Das eigentliche Bild ist nicht das Resultat, das eigentliche Bild ist der Prozess seiner Genese. Erst aus diesem Prozess wird das, was an dem Bild Welt ist, was kommunikabel ist, verständlich. Dadurch, dass das Bild selbst als Prozess erfahren wird, ist es auch in seiner Subjektivität vermittelbar.

...Welt-Anschauungen verweisen zunächst auf uns, die Anschauenden zurück. Anschauung ist dabei nichts Passives. Bilder werden gewonnen, nicht bloss reproduziert.

...Welt-Bilder sind zunächst und vor allem innere Bilder. Was sie zeigen, ist das Wahrnehmungsmuster des Subjektes.
FF501

Es ist die Geste, insbesondere die Zeigegeste, welche der menschlichen Sprache den Weg bahnte. Michael Tomasello geht es darum, zu beweisen, dass es eine vorsprachliche Kommunikation gibt, die sich in drei Grundgesten (des Zeigens) manifestiert: Auffordern (Requesting), Informieren (Information), und Teilen (Sharing). Das Kleinkind will also nicht nur Befehle erteilen ( Essen verlangen, wie dies auch Affen können), sondern andere Menschen informieren ( darüber, wo Mama den Schlüssel hingelegt hat) und Wissen teilen ( auf ein Flugzeug am Himmel hinweisen).
In der Tradition des Genfer Entwicklungspsychologen Jean Piaget hat Tomasello mit seinen Experimenten nachgewiesen, dass Menschen im Unterschied zu Tieren ein „gemeinsames Wissen ausbilden und kooperativ dieselben Ziele verfolgen können“. Den Kritikern, die einwenden, dass auch Wölfe in einem Rudel kooperieren, entgegnet Tomasello, dass diese Form von Zusammenarbeit aus Eigennutz geschehe und nicht selbstlos, freiwillig. Da die Menschen sich durch Perspektivenwechsel in die Situation des andern versetzen und gemeinsame Ziele und Absichten verfolgen können, ist ihre Motivation für kooperative Aktivitäten einzigartig. (Oder ist es auch nur „Eigennutz“. Anm.PR)
FF502

Ich vermute, d a s wird die Kunst der Zukunft sein: immer in Bewegung, nie am Ziel, „l’art d’être perdu sans se perdre“, die Kunst sich zu verlieren, ohne verloren zu gehen.

FF503

Wir wissen seit fast einem ganzen Jahrzehnt, dass man kein Geld leihen kann, das überhaupt nicht existiert, und dass die Dinge nicht wert sind, was sie wert zu sein scheinen. Die lauterere und sehr viel verführerischere Geschichte ist jedoch, dass wir mit dem Falschgeld bis in alle Ewigkeit Geschäfte machen können und uns kaufen können, was wir wollen, ohne jemals dafür zu bezahlen. Das klingt zwar nicht plausibel, ist aber zweifellos die hübschere Story. Es ist, als erzählte man einem Dreijährigen, dass er für den Rest seines Lebens nur noch Kuchen essen dürfe, ohne davon krank zu werden. Aber er wird davon krank, und er wird davon fett, und irgendwann ist der Kuchen aufgegessen...
Nicht alles im Leben dreht sich ums Geld, und wenn es das täte, hätten wir es mit einem sehr ungemütlichen Ort zu tun. In Grossbritanien erleben wir bereits eine sehr besorgniserregende. Wir haben eine Wirtschaftskrise, wir sind in einen Krieg verstrickt, der uns viel Geld kostet und nichts abwirft, wir haben Neonazis, die zunehmend an Einfluss gewinnen, und Politiker, die in moralischer Hinsicht vollkommen bankrott sind. Wir haben zu viele Arbeitslose, zu viele Menschen ohne Einkommen – Menschen die in einer Gesellschaft, welche sich primär über Geld definiert, das wachsende Gefühl haben, mit ihnen könne irgend etwas nicht stimmen. Wohin das alles führt weiss ich nicht, aber es dürfte sehr, sehr hässlich werden.

In seinem Buch „Der wunderbare Weg“ schreibt der amerikanische Psychiater M.Scott Peck von der Liebe als einem Akt, sich selbst zum Wohle anderer zu erweitern. Ich halte das auch für eine ziemlich gute Definition von Kunst.
FF504

Der Strich bildet das Elementarmedium... Wir müssen den Strich als die Basishandlung operativer Bildlichkeit ansehen... Der Unterscheidungsreichtum der Linie ist erstaunlich...
Alle Zeichenpraktiken finden in der elementaren graphischen Markierung, die ein Strich setzt, ihre „Urszene“ und ihren Schüssel, denn die Linie durchtrennt und zerlegt eine Fläche. Eine Grenzziehung... Eben der Moment in dem ein Universum entsteht...
FF505

Lieber ein witziger Idiot als ein idiotischer Witz.
FF506

Wir müssen uns damit abfinden, meint Wittgenstein, dass das Wunderbare, das Religiöse, alles, was uns wirklich wertvoll erscheint, der sinnvollen und der Wissenschaft einzig angemessenen Sprache entgeht. Das soll weder heissen, die Wissenschaft sei deshalb etwas Niedriges, noch soll es bedeuten, jeder versuchte Ausdruck dessen, was für mich ethischen und absoluten Wert hat, müsse als blosser Unfug abgetan werden. Wir haben es hier mit zwei grundverschiedenen Ebenen zu tun, und es gibt keinen Zwischenbereich, in dem man teils noch wissenschaftlich und teils schon im strengen Sinne ethisch redet: “Soweit die Ethik dem Drang entspringt, etwas über den eigentlichen Sinn des Lebens, das absolut Gute, das absolut Bedeutungsvolle zu sagen, kann sie keine Wissenschaft sein. Was sie sagt, trägt in keiner Weise zu unserem Wissen bei.“
Der Versuch, das Ethische sinnvoll auszusprechen, ist „a priori“ zum Scheitern verurteilt. Wittgenstein kennzeichnet diesen Versuch als „Anrennen gegen die Grenze der Sprache“ und nennt in diesem Zusammenhang Kierkegaard. Dieses Anrennen gegen die Grenze der Sprache macht nach Wittgenstein die Ethik aus. Es ist zwar völlig aussichtslos, doch es manifestiert einen „Trieb“ des Menschen, den Wittgenstein für sein Teil um keinen Preis ins Lächerliche ziehen will, sondern hochachtet: “Aber die Tendenz, das Anrennen, deutet auf etwas hin. Das hat schon der heilige Augustin gewusst, wenn er sagt: Was, du Mistviech, du willst keinen Unsinn reden? Rede nur einen Unsinn, es macht nichts!“
FF507

ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN
Günther Eich kurz vor seinem Tod:
ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN
FF508


Risse durch die westeuropäische Gesellschaft:
Die Aufspaltung in die hungrigen Zugewanderten und die besorgten Besitzstandwahrer, die Unausgebildeten und die Überlasteten, die Arbeitslosen und die Aktionäre.
FF509


Er hält die entstehende Maske weit von sich in die Höhe und betrachtet sie, dreht sie langsam in der Hand und betrachtet sie, schliesslich macht er sich mit finsterer Miene wieder an die Arbeit, schnitzt mit dem Beitel, pustet die Spähne hinunter, hebt die Maske in die Höhe und betrachtet sie, dann schnitzt er erneut an ihr herum, legt die Schablone an und schnitzt und pustet und betrachtet sie, und dabei denkt er eigentlich an nichts, vor allem nicht daran, ob er jetzt wohl eine wundervolle Hannya_Maske herstellt, oder eine genau entsprechende, er kümmert sich nicht darum, wie die Maske wird, die Sehnsucht, das Wundervolle zu wollen, hat er nicht, und wenn er sie hatte, in seiner Jugend, so hat ihm sein Meister oder, besser, wie der Meister es ihm prophezeite, seine eigene persönliche Erfahrung gelehrt, dass ihm, wenn er diese Sehnsucht in sich trüge, jetzt eine wundervolle Maske herzustellen, dann unbedingt und unvermeidlich nur die hässlichste Maske gelingen würde, und das ist immer und unbedingt so, diese Sehnsucht also fühlt er schon lange nicht mehr, genaugenommen fühlt und denkt er gar nichts mehr, keinerlei Gedanken, sein Kopf ist leer, als wäre er von irgendetwas berauscht, nur seine Hand weiss, der Beitel weiss, was zu tun ist, dieser Kopf ist nur dann wieder klar, dann aber vollkommen, wenn seine Hand die entstehende Maske in die Höhe hält und er schauen muss, ob alles seinen richtigen Gang geht, nur dann ist dieser Kopf klar, aber auch dann nur so lange, wie er die entstehende Maske betrachtet, wenn er sie wieder in den Schoss sinken lässt und sich seine Hand mit dem Beitel wieder an die Arbeit macht, dann ist er es schon nicht mehr, klar, sondern sofort und vollkommen leer, es kreisen, wirbeln, schlängeln sich nicht verschiedene, einander auslösende Gedanken darin herum, es gibt nur die vollkommene Leere in seinem Kopf, die vollkommene Leere im Haus, die vollkommene Leere im Viertel, aber auch sonst gibt es nichts, woran er denken müsste.....

---vielmehr gibt es in seinem vollkommen leeren Kopf ganz einfach nichts..., ihn interessiert es nicht, was das No-Theater ist und wodurch die Maske „magisch“ wird, ihn interessiert nur, innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und mit Hilfe von im Geheimen gesprochenen Gebeten das Beste zu machen, zu dem er fähig ist......
FF510

Karl Jaspers hat nach Auffassung von Jeanne Hersch die Illusion endgültig zerstört, es könne die Philosophie eine objektive, vom Subjekt des Philosophen losgelöste Wahrheit entdecken. Seine Existenzphilosophie, die aus der Erfahrung des Scheiterns die Einsicht in die Freiheit der Selbstverantwortung gewinnt, weist Hersch den Weg aus der „Sackgasse“.
Den Moment und den Ort der Umkehr – der beginnenden Selbstverantwortung - charakterisiert Hersch mit dem Ausdruck der „Leere“. In einer Passage, in der sie von einem der Philosophie eigenen Glauben spricht, der offenkundig nicht jener Irrglaube an eine erreichbare absolute Wahrheit sein kann, liest man: Es handle sich um den „ganz formalen, den blossen Glauben daran, dass der Mensch verstehen könne“. Dieser Glaube am Ursprung des philosophischen Denkens sei näherhin „eine Leere, die Freiheit und Entscheidung ermöglicht. Nichts weiter – aber das ist unermesslich viel. An ein Leeres glauben, in dem der Mensch den Ort findet, um über sich selber entscheiden zu können – hier ist der ‹Glaubenssatz› jeder Philosophie“.
Dieses Motiv der „Leere“ kehrt in Herschs Schriften in mancher Verwandlung wieder – auch in einer politischen, in dem von dem „Leerraum“ die Rede ist, der durch Demokratie geschützt werde.
FF511

1
Wahrlich, so wie das Licht sich selbst und die Finsternis offenbart, so ist auch die Wahrheit die Norm ihrer selbst und des Falschen.
2
Worin es im Leben meistens geht und was unter Menschen, wie ihre Taten zeigen, als sozusagen höchstes Gut eingeschätzt wird, lässt sich auf diese drei Dinge zurückführen: nämlich auf Reichtum, Ehre und Genusssucht.
FF512

BILDNIS EINES SCHATTENS
Deine Augen, Lichtspur meiner Schritte;
deine Stirn, gefurcht vom Glanz der Degen;
deine Brauen, Wegrand des Verderbens;
deine Wimpern, Boten langer Briefe;
deine Locken, Raben, Raben, Raben;
deine Wangen, Wappenfeld der Frühe;
deine Lippen, späte Gäste;
deine Schultern, Standbild des Vergessens;
deine Brüste, Freunde meiner Schlangen;
deine Arme, Erlen vor dem Schlosstor;
deine Hände, Tafeln toter Schwüre;
deine Lenden, Brot der Hoffnung;
dein Geschlecht, Gesetz des Waldbrands;
deine Schenkel, Fittiche im Abgrund;
deine Knie, Masken deiner Hoffart;
deine Füsse, Walstatt der Gedanken;
deine Sohlen, Flammengrüfte;
deine Fussspur, Auge unsres Abschieds.
FF513

Am 22.Februar 1969 hielt Michel Foucault den Vortrag Was ist ein Autor?...Sofort nach den einführenden Worten formuliert Foucault anhand eines Zitats von Beckett („ Was liegt daran wer spricht, hat jemand gesagt was liegt daran wer spricht?“) die Gleichgültigkeit gegenüber dem Autor als ethisches Motto und Grundprinzip des zeitgenössischen Schreibens. Worum es beim Schreiben geht, so meint er, ist nicht, dass ein Subjekt sich selbst zum Ausdruck bringt, sondern vielmehr, dass ein Raum geöffnet wird, in dem das schreibende Subjekt unablässig verschwindet:“ Das Merkmal des Schriftstellers besteht nur in der Eigentümlichkeit seiner Abwesenheit.“...“er (der Schriftsteller) muss beim Spiel des Schreibens die Rolle des Toten übernehmen.“ Der Autor ist nicht tot, aber sich als Autor hinstellen heisst den Platz eines Toten einnehmen. Es gibt ein Subjekt „Autor“, doch wird es nur durch die Spuren seiner Abwesenheit bezeugt. Aber auf welche Weise kann eine Abwesenheit eigentümlich sein?...

Heisst das, der Ort des Gedankens und des Gefühls sind in dem Gedicht selbst, in den Zeichen, aus denen sich sein Text zusammensetzt? Auf welche Weise aber könnte eine Leidenschaft, ein Gedanke in einem Blatt Papier enthalten sein? Seinem Wesen nach verlangt ein Gefühl, ein Gedanke ein erlebendes bzw. denkendes Subjekt. Damit sie gegenwärtig werden, ist es also nötig, dass jemand das Buch in die Hand nimmt, sich an die Lektüre wagt. Aber das kann nur heissen, dass dieses Individuum im Gedicht genau denselben leeren Platz einnehmen wird, den der Autor dort gelassen hat, dass es dieselbe ausdruckslose Geste wiederholen wird, mir der der Autor von seiner Abwesenheit im Werk Zeugnis abgelegt hat.
Die Stätte des Gedichts – oder eher sein Stattfinden – ist also weder im Text noch im Autor (noch im Leser): Sie liegt in der Geste, mit der Autor und Leser sich im Text aufs Spiel setzen und sich zugleich unendlich aus ihm zurückziehen. Der Autor ist nur der Zeuge, der Garant seines eigenen Fehlens in dem Werk, in dem er aufs Spiel gesetzt wurde; und der Leser kann dieses Zeugnis nur wieder nachlesen, nur seinerseits Garant werden für sein eigenes unerschöpfliches Spiel, sich zu verfehlen.
FF514

Ich bin schon lange über meine Weisheit erstaunt gewesen und glaube nicht an sie.
FF515

Wie wir in Untersuchungen zeigen konnten, besteht die Ich-Identität aus stark emotional geprägten Erlebnissen vergangener Zeiten. Diese sind im episodischen Gedächtnis in Form von Bildern gespeichert. Jede(r) von uns hat Hunderte bis Tausende solcher Bilder, aus denen sie (er) seine persönliche Identität zusammenstellt. Das Besondere an diesen Bildern ist, dass man darin selber als Akteur(in) auftritt. Ich sehe mir gleichsam über die Schulter, bin mein eigener Doppelgänger. Die Konstruktion der Ich-Identität hat somit ein narratives Element – die im episodischen Gedächtnis abgelegten Bilder erzählen meine persönliche Geschichte. Dieser Prozess wird aber nicht bewusst gesteuert, sondern erfolgt intuitiv.

Wir treten in die Welt mit angeborenen Programmen von Möglichkeiten. In den ersten zehn Lebensjahren werden daraus Wirklichkeiten: Dann wird festgelegt, wie die über hundert Milliarden Nervenzellen miteinander verschränkt werden. Bei manchen Funktionen – etwa jenen, die mit Ich –Identität und Wertesystemen zu tun haben – dauert dieser Prozess etwas länger. Kulturelle Einflüsse spielen bei der frühkindlichen Prägung eine wesentliche Rolle. Das heisst, die Struktur meines Gehirns ist abhängig vom kulturellen Kontext, in dem ich aufwachse.

Einmal Geprägtes lässt sich nicht mehr umprägen. Sicherlich, wir können bis zum Lebensende lernen. Aber die Grundstruktur – das Vertrauen, das ich in die Welt habe, und die emotionale Prägung, wie sie Freud beschrieben hat -, da gibt es meines Erachtens keinen Weg zurück.

Ich begeistere mich für Poesie und lerne Gedichte auswendig. Gedichte geben Menschheitsereignisse wieder: Trauer, Freude, Tod, Lust und Liebe. Wenn ich ein Gedicht spreche, kann ich mich auf jemanden beziehen, der die gleichen Erlebnisse hatte wie ich. Das Gedicht war eine ungeheure Erfindung. Bevor es die grossen Schriften gab, wurde das ganze Menschheitswissen in gebundener Sprache überliefert.
FF516


Ein Ingenieure, der am Fluss fischte, war einer der wenigen Menschen, der die Explosion sah. Sie war voller Farben: “Rot, Orange, Himmelblau – es war eigentlich wunderschön.“
FF517

Kunst erinnerst uns daran, dass wir geistfähig sind. In diesem Sinne hat sie einen Teil jener Bedeutung übernommen, die einst die Religion hatte: Sie ist dort, wo der Verstand nicht mehr hinkommt, wo das reine Denken an seine Grenzen stösst.
FF518

Die Spur macht das Abwesende niemals präsent, sondern vergegenwärtigt seine Nichtpräsenz; Spuren zeigen nicht das Abwesende, sondern vielmehr dessen Abwesenheit
FF519

Streng genommen gibt es uns nur durch die Beziehung. Das bedeutet nicht, dass alles zufällig ist, aber die Faktoren, die diesen Zustand beeinflussen, sind ohne Zahl, und wir können nicht sagen, welcher von ihnen entscheidend ist, ob es die grossen Gedanken sind, die wir uns über Glück und die Entwicklung der Menschheit machen, oder vielleicht die letzte Mahlzeit, die ein saures Aufstossen versursacht.
FF520

Der Ursprung ist immer gegenwärtig. Er ist kein Anfang, denn aller Anfang ist zeitgebunden. Und die Gegenwart ist nicht das blosse Jetzt, das Heute oder der Augenblick. Sie ist nicht ein Zeitteil, sondern eine ganzheitliche Leistung, und damit auch immer ursprünglich. Wer es vermag, Ursprung und Gegenwart als Ganzheit zur Wirkung zu bringen, sie zu konkretisieren, der überwindet Anfang und Ende und die blosse heutige Zeit.
FF521

Ich erinnere mich an eine Mission im Süden von Aethiopien. Wir hatten Fahrzeuge und einen Helikopter: Einen kleinen englischen Huge505. Er hatte nur Platz für zwei bis drei Personen und war so klein, dass ich ihn neben den Autos auf den Parkplatz stellen konnte. Eines Tages kamen zwei Typen aus einem Dorf, nackt, als einzige Kleidung ihre Waffen. Die zwei Jungs hatten die Gewohnheit bei unserem Camp vorbeizuschauen. Wir sprachen miteinander, so gut es ging in ihrem Dialekt (es gibt deren 200 in Aethiopien), mit starken Gesten. Es war Anfang Nachmittag. Der Helikopter sollte eine Mission nicht weit vom Fluss weg fliegen. In meinem kleinen, dummen europäischen Kopf sagte ich mir, dass das wunderbar sein wird, dass die beiden vom Abflug fasziniert sein würden, und dass dies in jedem Fall einen starken Eindruck hinterlassen werde. Die zwei Jungs schauten zu, wie der Pilot mit einem Wissenschaftler das seltsame Gefährt bestiegen. Die Rotoren fingen an zu drehen, was sie nicht sonderlich überraschte. Dann, vom Boden sich erhebend, entschwand der Helikopter in der Vertikale. Das sehend, schauten sich die beiden an und fielen dann zu Boden und wälzten sich in der Erde vor Lachen!
Ich gestehe, ich war etwas überrascht über mein Fehlurteil.
Das ist Humor, habe ich mir dann gesagt; die Jungs stehen vor einem etwas eigenartigen Fahrzeug und sie erwarten, dass dieses normal (wie gewohnt das Auto )wegfahren wird; und siehe da, es fliegt in die Höhe! Von da das irre Lachen. Humor ist, was man nicht erwartet hat.
FF522

Latour Bruno hat folgende ikonoklastische Gesten unterschieden:

Typ A der Bilderstürmer ist gegen alle Bilder.

Typ A ist die reine Form des „klassischen“ Ikonoklasmus, wiederzuerkennen in der formalistischen Ablehnung von Imagination, Zeichnung und Modellen. (Siehe die vielen Byzantinischen, Lutherischen, revolutionären Bewegungen von Bilderstürmern und die schrecklichen „Exzesse“ der Kulturrevolution). Reinigung ist das Ziel. Für die A wäre die Welt ein sehr viel besserer Ort, sehr viel reiner, aufgeklärter, wenn man nur all die Vermittlungen und Bilder loswerden könnte und unvermittelt in Kontakt mit dem Original, dem wahren Gott kommen könnte.

Typ B ist gegen das Einfrieren von Bildern, nicht gegen Bilder

Typ B des Bildedrstürmers hält es nicht für möglich oder notwendig Bilder loszuwerden. Im Gegenteil , die Bildproduktion soll nicht aufgehalten, sondern so schnell wie möglich wieder in Gang gesetzt und werden. Ikonophilie heisst für Typ B, sich von einem Bild zum anderen zu bewegen. Er weiss: „Die Wahrheit ist Bild, doch es gibt kein Bild von der Wahrheit“. Bilder, Objekte, Zeichen, Dokumente, künstlerische Projekte sind wichtige Vermittler, sie sind Uebergangsobjekte und ihr Verbindungs- und Beziehungscharakter zählt. Der einzige Weg um Wahrheit, Objektivität und Heiligkeit zu erreichen, besteht darin, schnell von einem Bild zum nächsten überzugehen, und nicht den unmöglichen Traum zu träumen, man könne zu einem nicht existierenden Original hinüberspringen. Bilder zählen, nicht weil sie Urbilder von etwas sind, sondern weil sie diese Bewegung hin zum andern Bild ermöglichen.

Typ C ist nicht gegen Bilder, sondern gegen die Bilder der Gegner

Anders als die A und die B haben hat Typ B nichts gegen Bilder im allgemeinen: Er ist bloss gegen das Bild, an dem sein Gegner am stärksten hängt. Fahnenverbrennung, Gemäldezerschlitzen, und Geiselnahme sind typische Beispiele.. Es ist eine Minimaxstrategie: Maximaler Schaden bei minimalem Einsatz.

Typ D zertrümmert Bilder, ohne es zu wollen.

Eher ein abwegiger Typus: Der „unschuldige Vandale“. Besonders im Bereich der Architektur gibt es viele dieser „Unschuldigen“, die zerstören müssen, um zu bauen...
Ein weiters Beispiel ist auch jener Museumskurator, der die wunderbaren neuguineanischen „Malanggans“ aufbewahrt, obwohl diese inzwischen wertlos geworden sind, denn ginge es nach ihren Herstellern, so müssten sie nach drei Tagen zerstört werden...Oder jene afrikanischen Objekte, die sorgfältig dazu angefertigt wurden, um auf der Erde zu verrotten, und die jetzt von Kunsthändlern sorgfältig aufbewahrt und damit in den Augen der Hersteller unwirksam gemacht werden.

Typ E ist einfach das Volk, das weder Ikonoklasten noch Ikonophile achtet. Typ E scheut jede scharfe Unterscheidung zwischen den beiden Seiten. Er übt seine vernichtende Ironie gegen alle Mittler aus.
FF523

Oder besser noch das entdecken, was man nie gesehen hat, was man nicht erwartete, was man sich nicht vorgestellt hat. Aber wie soll man Beispiele anführen? Es ist nicht das, was im Verlaufe der Zeit gewesen ist, überprüft im Angebot der Ueberrraschungen oder der Wunder dieser Welt; es ist weder das Grandiose noch das Beeindruckende; es st nicht einmal unbedingt das Fremde; im Gegenteil, es dürfte eher das wiedergefundene Vertraute sein, ein brüderlicher Raum...
FF524

Hier hatte ich ein Kapitel über die gekrümmte Linie geschrieben, um die Vortrefflichkeit der geraden Linie zu loben...
Eine gerade Linie! Der Fussweg des wahren Christen, sagen die Theologen.
Das Symbol der moralischen Rechtschaffenheit, sagt Cicero.
Die beste aller Linien, sagen die Kohlpflanzer.
Die kürzeste Linie, sagt Archimedes, die von einem Punkt zum andern gezogen werden kann.
Aber ein Autor wie ich und wie viele andere ist eben kein Geometer; ich habe die gerade Linie aufgegeben.
FF525

Alles, was gesehen werden kann, ist nicht wirklich.
FF526

Die fernöstliche Malerei interessiert nicht aufgrund ihres Exotismus, sondern aufgrund ihrer Absicht, das Nicht-Darstellbare darzustellen: Den Wind, die Leere, die Strömung, das Verwelken, das Weiche; alles im wesentlichen taktile Dinge, die uns noch jenseits der Möglichkeiten der Zeichenkunst zu liegen scheinen...
Man kann also mit einer Bleistiftmine, einem Pinsel oder mit Tinte übertragen, was wir nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Tastsinn, durch die Haut wahrnehmen. Die Formen setzen uns nicht nur über ihr Wesen, über das, was sie materiell darstellen in Kenntnis, sondern informieren uns auch über ihre Erfahrungen innerhalb der Zeit. Durch ihre Bewegungen, von der geringfügigsten bis zur heftigsten, unterrichten sie über das Wesen der Leere, über die Windstärke, die Strömung eines Flusses ....die Dinge geben und empfangen Informationen, sie informieren uns über ihre fühlbare Realität und die erfahrenen Wirkungen, sie empfangen und spiegeln die Totalität des Sinnes in ihrem Milieu und in ihrer unmittelbaren Umgebung...

Ich entschloss mich zur Jagd auf die Figuren der Zwischenräume... ich wollte die Antiformen aufstöbern...
Das Verschwinden der Antiformen erschien mir als Folge einer Art von Imperialismus der Furch. Die Sicht, meine Sicht, verstiess, wie die abendländische Kultur überhaupt, den Hintergrund, die Ränder, das Andersartige...
Ich kam mir vor wie jener Humorist, der erklärt hatte:“ Ich muss am Rande einer Sache meditieren, die Sache selbst ist dabei belanglos, wesentlich st das Vorhandensein eines Randes.