« Wenn das Kissen warm geworden ist,
sollte man es umdrehen.»
1
Die ersten Kissen sind das Produkt des Scheiterns. Der Versuch – in meiner "Vasinar"-Arbeit- ein Bild von mir selber machen zu wollen, die Anmassung, den Konditionen der Wahrnehmung und des Selbstbildes auf bildnerische Weise auf die Spur zu kommen, konnte offensichtlich nur fehlschlagen. Die einzige akzeptable Lösung zeigte sich in den Kissen und Falten, d.h. in der Absenz des Gesichtes, in der Abwesenheit dieses Gesichtes, das noch kurz zuvor da auf dem Kissen gelegen hatte.
2
Die Unmöglichkeit der Darstellung, das Paradox und die Ambivalenz dem Bild gegenüber: In der Bewegung des Zeigens werfe ich gleichzeitig ein Tuch aus, entziehe dem Betrachter den direkten Blick und lasse ihn im Rätsel(n) zurück: Ein "Verschleierungsprozess". Mir liegt dieser Widerspruch, die Möglichkeit der Projektion ins Ungeheuerliche und Banale, die Spannung, die dadurch erzeugt wird; diese doppelte Illusion.
Was bei den Kissen und Falten gezeigt wird, ist ein Bezug, nichts mehr. Das Bild wirft auf sich ein Bild; das Bild wird auf sich zurück geworfen. Letztendlich bin ich jetzt da angelangt, wo sich das Kissen an den Rand des Zeichenblattes annähert und auf die Umrandung des vorliegenden Zeichenblattes reduziert. Dieser Prozess ist unbemerkt geschehen, ohne Absicht und ist einer jener (Kipp-) Momente, die mich froh machen.
3
Michael Glasmeier schreibt in einem Text über die Teppiche von Johannes Vermeer von den Falten als Verkörperung der Willkür; im Gegensatz zur wohl konstruierten Uebersichtlichkeit. Er ordnet die Teppiche in eine Geschichte der "Mehrdeutigkeit" ein. Sie sind in ihrer Geworfenheit und Zufälligkeit künstliche Fata Morganas, Gebirgslandschaften, eine Art Modellbaulandschaften. Die Teppiche sind geworfene Muster und Ornamente, die durch Faltungen uneinsehbar werden – "Nicht-Orte".
Meine Recherchen bieten in diesem Sinne keine Erklärungen, noch Gründe oder Ursprünge. Sie sind blosse Orientierungsorientierungen; die Lust mit wenigen, banalen Markierungen am Orientierungslauf teilzunehmen, ohne Recht haben, ohne finden oder gewinnen zu wollen.
Ich möchte den Prozess selbst als Teil der Recherche (der Arbeit) zeigen, in seiner Bewegung, im Suchen und Finden, im Rhythmus, im "Auf und Ab", im "(R)ein und (R)aus", im "Hin und Her", in den Wiederholungen, in den Dreh-, Wende-, und Kippmomenten und in den Zufälligkeiten und Irrwegen. Es geht also darum, diese Bewegung selbst zu vollziehen. Mich interessieren Bewegungsmuster.
4
Es ist die Faszination dieser Kissen und Falten, das Staunen über das ewig Gleiche und immer Andere. Immer immer immer wieder wiederholen holen wieder immer immer wieder: Wiederholung. Diese Banalität erstaunt mich. Gertrude Stein ist mir hier eine treue Begleiterin, immer wieder immer greife ich nach "The Making of Americans" und lese immer weiter, immer wieder.
5
Auch hier bei den Kissen geschieht im Verlaufe des wiederholten (Auf-) Zeichnens, durch den Akt des Zeichnens etwas; ein Kippmoment, durch das sich das Zeichnen verselbständigt, die " Linie der Schönheit"(W.Hogart), die Schönheit der Linie zeigt sich. Auch für William Black ist die scharfbegrenzte Linie, ihre Autodynamik das schöpferische Prinzip im unmittelbaren Vollzug, und als solches auch der einzige Anker von Identität in einer verfliessenden Erscheinungswelt der reinen Prozessualität.
6
Es ist die Faszination dieser Hüllen, Verweise auf Abwesendes, Verborgenes, Nicht-Sichbares, Nicht-Existentes. In einem Gespräch mit Ruth Schweikert zu unserem Buch "Hin und Her" taucht der Begriff «Stoff» im Kontext der Frage nach «Inhalt» auf. Ist der «Stoff» im Kontext der Bildnerei eben die Hülle, im Kontext der Kissen eben der Bezug oder Ueberzug? Und was ist dann der "Inhalt", die "Substanz"? ( Der Flaum , die Federn, der Kunststoff?) Ist der "Inhalt"- wie die "Realität" - nicht zu bestimmen, nicht zu benennen und zu begreifen? Was soll hier also eingehüllt werden? Ist etwas gefaltet, um eingehüllt zu werden, um in etwas anderes getan zu werden?
7
Durch Zufall habe ich in der NZZ unter Forschung und Technik ein Bild (siehe Fremdbilder), ähnlich einem Kissen entdeckt, mit folgendem Text: "So könnte die grossräumige Struktur unseres Universums aussehen: Durch die Raum-Zeit ziehen sich tiefe Furchen, die auf die Existenz von dunkler Materie hinweisen. In den Furchen sammelt sich heisses Gas; die Galaxien sitzen an den Kreuzungspunkten der Kanäle." Betrachten wir also jedes Kissen als momentaner Zustand des Universums!
8
Mich interessieren visuelle "Programme", "Modellbaulandschaften"(ich denke dabei z.B. an das einheitliche Energiesystem von Jean Piaget,(FF223 und 206), das Knotenmodell von Vilem Flusser(FF18), ich denke an Gilles Deleuze, Jean Gebser(FF391) an den poetischen Text von Lawrence(FF354) oder an Fragen zur Intersubjektivität: Was sind die Grenzen des Einzelnen, des Selbst, des Subjekts, ja auch des Autors, der Autorin selbst? (FF393)). Es geht mir dabei, mit Godard gesprochen, weder darum, einen ausgearbeiteten Gedanken zu illustrieren, noch darum über "Bilder" nachzudenken. Vielmehr soll mit den Bildern und ausgehend von ihnen gedacht werden, bis man den Gedanken aus den Bildern selbst hervorgehen sieht. Die Kissen erlauben mir bildnerisch an diesen Gedanken zu arbeiten (nicht illustrativ!). Dieses Denken ist im Entstehen...
9
Die kunsthistorischen Bezüge eröffnen sich im Laufe der Recherche: Albrecht Dürers Selbstbildniszeichnung mit einem Kissen, auf deren Rückseite noch einmal sechs Kissen gezeichnet sind (1493, Feder, USA, Privatbesitz) tauchen auf(siehe Fremdbilder); Adolph Menzels "ungemachte Betten" (1845 und 1846), seine Vorliebe für "tote Gegenstände", objects trouvés, die für rätselhaften Ausdruck sorgen, Trugbilder der Wirklichkeit, die von Hintersinn gezeichnet sind. Besonders geeignet scheinen ihm leere Hüllen (hohle Rüstungen, hingeworfene Kleider, leere Austern, Totenschädel, und eben: verlassene Betten – Doppeldeutungen. Wunderbar auch sein "Schlafzimmer des Künstlers in der Ritterstrasse von 1847. Die Teppiche von Johannes Vermeer sind schon angeführt worden. Auch aktuelle Bezüge, z.B. Janson Rhoades "The great See Battles of Wilhelm Schürmann (1994-95) tauchen auf. Nicht fehlen darf der vielfältige literarische Bezug: Vorab "Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon", die interessanten philosophischen Texte von Eva Meyer "Faltsache" oder aktuelle Romane wie "Das Kissen der Jadwiga"
von Pál Závada oder "Die Frau in den Kissen" von Brigitte Kronauer.
10
"Immerzu Falte in der Falte. Eine Falte zwischen den zwei Falten.
Diese Intuition nun ist ganz einfach: warum wäre etwas gefaltet, wenn nicht, um eingehüllt zu werden, um in etwas anderes getan zu werden?" (AutorIn unbekannt)
Ist es die Falte, die in der Falte eingehüllt werden will? Oder ist es letztendlich, die Leere, der Zwischenraum die eingefaltet werden wollen, damit sie erst existieren?
Die Kissenarbeit ist im Grunde eine philosophische Arbeit (siehe FF451). Bar jedes aktuellen Bezugs und des Weltgeschehens führt sie mich im Bildnerischen an die zentralen Fragen: Wie formt eine Linie einen Gegenstand? Wie steht es mit der Autonomie der Linie? Wie entsteht Bedeutung?
Die Zeichnung als notwendige Randerscheinung gerät hier an ihren Rand, auch an den Rand der Zeit /Zeitlosigkeit.
11
In der Ausstellung im Kunstmuseum Bern werden die Kissen in einem medialen Transfer gezeigt. Nicht die Originale (registrierte Bleistift- Zeichnungen, div. Formate A6, A4, A3, bis 75x100cm), sondern eine Rauminstallation mit einem Plotter, der kontinuierlich Kissen auf einer Rolle (Breite ca. 100cm, Länge noch unbestimmt) ausspuckt, wird uns empfangen. Die Bahnen der ausgedruckten Kissen füllen allmählich "in ihrer Geworfenheit und Zufälligkeit wie eine künstliche Fata Morgana, eine Gebirgslandschaft, eine Art Modellbaulandschaft (Faltenhaufen) den Raum. So sehe ich die Präsentationsform hier speziell im Kunstmuseum Bern, als installativen , "gefalteten" Raum, in dem die Recherche als offener Prozess spürbar ist und sich in einer anderen Dimension fortsetzt.
12
Mich interessiert der heutige postmediale Zustand, der durch die Gleichwertigkeit der Medien und das Mischen der Medien definiert ist. Was verändert sich durch diesen medialen Transfer. Was entsteht neu durch diesen Uebergang, indem wir das Medium selbst thematisieren, verschieben, verändern? (Zeichnung/Malerei/Druck/Buch/Website/Beamerprojektion/TV/Compi...).
13
Mich treibt der Gedanke um, dass alle Kissen im Grunde ein Bild dahinter schützen ( langweilige Bilder? Katastrophenbilder? fragile Embryos? Banalitäten? Monstruositäten/Perversionen, Auswüchse?). Oder vielleicht schützt das Kissen das Bild vor "Inhalt", vor Ueberfrachtung. Vielleicht steckt gar nichts dahinter. Oder vielleicht ist es auch eine Art Airbag für den Betrachter, die Betrachterin:
Frei nach der Warnung Leonardo da Vincis:
"Enthülle mich nicht, wenn dir die Freiheit lieb ist!"
14
Zum Schluss jetzt (vorläufig) die "ungezeichneten Kissen", "reine" Kissen, spurlos (fast), Nichts oder zumindest wenig, hin zu Nichts.
Dieser Prozess führt mich letztendlich zu "Kissenzeichnungen", die zu reinen Aufzeichnungen oder Markierungen des Blattes, des Blattrandes übergehen. Die Zeichnung thematisiert sich selber, die "Form" wird zum "Inhalt", ist identisch – Nichts mehr.
15
Ein Jahr zuvor standen plötzlich die Falten als Zeichnung einer Schrift, von Schriftzeichen da. In kurzer Zeit entstanden Kissen mit (unleserlichen) Inschriften wie "wiederholen/ wieder holen/ Wort Wort/ Ort// Wort Bruch// denken denken// auf und ab// gut leben/unendlich..."
Auch die Umkehrung, das Experiment, durch die Zeichnung zu Worten zu kommen , interessiert mich.
16
Wohlig im Bett liegen (draussen regnet es),
ein sauberes, frisches, gut riechendes
weiches Kissen,
Wärme, Wohligkeit
Geborgenheit und Schutz
Zu Peter Radelfingers Arbeit Kissen und Falten
Eine Handvoll Gedanken zu 1009 Kissen
Ruth
Schweikert
Auftauchen aus dem Schlaf und nicht in den Spiegel schauen, um sich zu vergewissern, dass man noch da ist, die Zähne, der Mund, die Haut wie Pergament um die Augen, stattdessen einen Stift in die Hand nehmen, ein Blatt Papier und das Kissen ins Visier, wie es daliegt auf dem Bett, ein wenig verloren vielleicht, knapp körperwarm noch von der kurzen Nacht oder der ausgedehnten Siesta in der südfranzösischen Sommerhitze. Zeichnen, abzeichnen, was man sieht, und gleichzeitig zusehen, wie sich die Zeichnung in der Geste des Zeichnens vom Abgezeichneten löst. Darüber Erleichterung empfinden oder so etwas wie Freiheit. Am nächsten Morgen dasselbe tun, am übernächsten, drei Wochen später.
Was hat man auf dem Kissenbezug zurückgelassen, von blossem Auge nicht erkennbar oder doch kaum: Bakterien, Viren, ein paar Schweisstropfen, abgestorbene Hautzellen, einen Hauch Aftershave oder Feuchtigkeitscreme, eine einzelne Wimper vielleicht. Sichtbar dagegen die Stoffoberfläche: Mulden und Falten, die vom Gewicht des eigenen Kopfes zeugen und von seiner Form, von den nicht rekonstruierbaren Bewegungen, die er im Schlaf oder in der Schlaflosigkeit vollzogen hat.
Innehalten. Und dann, je länger man sich in die Kissenlandschaft vertieft, in ihre unzähligen Kleinstflächen, ihre verschatteten Täler, Abhänge, Lichtseen und spitze Höhen, in die Fältchen und Faltenwürfe, die vielleicht gar ein Stück Stoff verbergen, umso näher rückt die Vorstellung, das Kissen sei mehr als ein möglicher Indizienträger für Kriminalisten, es konserviere womöglich gar Spuren der Träume, der Sehnsüchte und Nachtmahre, denen man eben erst mühsam entflohen ist; ja die verlorene Zeit selbst, die ich im Schlaf zurückgelassen habe, müsse im Kissen gespeichert sein, bilde ich mir ein und verspüre plötzlich den Impuls, dieses Kissen aufzubewahren, es haltbar zu machen, es in Kunstharz zu giessen und auszustellen und damit auch seine Geschichte; all die Geschichten, die es erzählen könnte.
Das eigene Kissen als Spiegelbild, in das man sich verliebt, wie Narziss sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt hat.
Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen, weiss der Volksmund, und so werden manche Leute nicht müde, zu betonen, wie gut und tief sie schlafen; Politikerinnen beispielsweise oder Konzernchefs, nachdem sie ein paar hundert Leute entlassen mussten – als beglaubige eine hervorragende Schlafqualität schon die moralische Integrität einer Person. Wie also präsentierten sich wohl die Kopfkissen, die George W. Bush während seiner achtjährigen Amtszeit benutzt hat, und wie diejenigen eines Adolf Hitler oder Josef Stalin? Wie deins und meins natürlich, ein dreidimensionales Etwas - und dennoch fänden sich nicht zwei absolut identische Kissen, kämen eines Morgens alle Kissenbenutzer dieser Welt auf die Idee, ihre Kopfkissen mit einer hochauflösenden Kamera abzufotografieren und die entstandenen Bilder auf Facebook oder Flickr zu präsentieren. Diese Kissenbilder unterschieden sich voneinander ebenso eindeutig wie sich die Fingerabdrücke, reale oder genetische, verschiedener Menschen voneinander unterscheiden. Jedes Kissen ein Original.
Im Gegensatz zu Fingerabdrücken allerdings liessen sich diese Kissenbilder beim besten Willen nicht einem bestimmten Individuum zuordnen – das 386. Kissen muss Peter Radelfinger gehören, nur er kriegt dank seines linken Ohrläppchens diese Falte an exakt dieser Stelle exakt so hin; das 529. ist eindeutig Ruth Schweikerts Kissen; davon zeugt die Ausbuchtung in der rechten oberen Ecke, schläft sie doch stets mit einem Tennisball, den sie unter das Leintuch schiebt; - ihre Einzigartigkeit, könnte man sagen, hat keine Bedeutung, weil wir sie nicht zu lesen vermögen. Zwar verweist sie auf ihre eigene Geschichtlichkeit, aber sie erzählt keine Geschichte. Vielleicht sollten wir präzisieren: sie gibt sie nicht preis.
An diesem Punkt beginnt der Weg, den Peter Radelfinger mit seiner Arbeit „Kissen und Falten“ im Jahr 2000 in Angriff genommen hat und der sich einem (vorläufigen) Endpunkt zu nähern scheint. Natürlich ist die Formulierung falsch, hat der Künstler doch kein definierbares Projekt in Angriff genommen, sondern er ist einem Impuls gefolgt, einer Verzweiflung vielleicht, die ihn erst über das Scheitern am Selbstbildnis hinausführte. Das Scheitern als notwendiger Vorgang, das Eingeständnis des Scheiterns als unhintergehbare Voraussetzung für den nächsten Schritt. Hatte er sich im Zyklus „Vasinar“ im weitesten Sinne mit der eigenen Geschichte, dem eigenen Gesicht und seinem Körper beschäftigt, bestand die „Lösung“ im doppelten Wortsinn darin, sich davon zu verabschieden und mit eben der Absenz, der Abwesenheit des eigenen Körpers zu arbeiten. Gerade eben lag der Kopf noch auf dem Kissen, jetzt ist er zum Wahrnehmungsinstrument geworden, das seine eigene Abwesenheit betrachtet und bedenkt.
Daraus könnte leicht ein Gestus des Trauerns erwachsen; gebeugt über die eigene Abwesenheit, würde dem Künstler das leere Kissen zur „Nature Morte“, zur bekannten Chiffre der Vergänglichkeit.
Das ist Radelfingers Sache nun ganz und gar nicht; allein schon das Medium der Zeichnung macht es deutlich: Die Zeichnung konserviert nicht und sie imitiert nicht. Sie verweist auf etwas und lässt es dabei bewenden. Wichtiger als das, worauf sie verweist, ist ihr Verweischarakter an sich.
Zeichnen. Keine Skizzen anfertigen für das endgültige Bild, keine Vorstellung einer Zeichnung, die gültiger wäre als die vorangegangene und die kommenden, einzig dem Gestus verpflichtet, dem nächsten Impuls. Nicht verstehen wollen, was und warum man etwas getan hat, sondern das Nichtverstehen als Forschungsauftrag annehmen, der nicht zu einem Ergebnis führt, sondern zu tausenundneun Ergebnissen, die alle gleichermassen vorläufig und gleichermassen wahrhaftig sind. Nicht die Wahrheit suchen, sondern wahrhaftig suchen.
1009 Kissen hat Peter Radelfinger für diese Ausstellung gezählt, einige Kissen mehr hat er im Laufe der letzten acht Jahre gezeichnet, und wie der Zufall es will, ist 1009 eine Primzahl, kann also ohne Rest nur durch 1 und sich selber geteilt werden. Die Zahl 1009 ist also spezifisch und speziell, doch darin eine Bedeutung sehen zu wollen, wäre vermessen, handelt es sich doch weder um eine definiert abgeschlossene Arbeit noch ist sie in ihrer Vorläufigkeit vollständig, sind doch einzelne Zeichnungen unauffindbar verloren, andere verkauft oder sie haben in einer anderen Arbeit Unterschlupf gefunden. Die Anzahl ist zufällig und soll weniger eine Ordnung behaupten im Sinne von „seht her, das ist der Zeitenlauf, das ist Entwicklung“ als vielmehr auf die potentielle Unendlichkeit d.h. Unabschliessbarkeit, Unvollendbarkeit jeder künstlerischen Arbeit verweisen.
Dabei gibt es durchaus Entwicklungen; von Kissen, die sich gebärden wie Kissen zu Kissen, die sich gebärden wie Tiere, zu Kissen, die sich wie Schriftzeichen verhalten, zu Kissen, die zur blossen Grenzziehung verflachen, zum Nachfahren des Blattrands, als wollten sie sagen, jetzt ist genug, du hast ausgezeichnet; Kissen, die erahnen lassen, dass sich darunter etwas verbirgt, was eben nicht gezeichnet werden kann und auch nicht gezeigt werden soll. Von der Sehsucht, das eigene Abbild ex Negativo zu erfassen, zum Akzeptanz der Nichterzählbarkeit. Nicht das Abbild der Absenz interessiert Peter Radelfinger in diesem Zyklus, sondern die Unmöglichkeit jeglichen Abbilds, die er nicht beklagt, sondern in der er sich einrichtet. Die Unmöglichkeit wird ihm zum einzig möglichen Aufenthaltsort: Nicht das Geschichtenerzählen interessiert ihn (mehr), sondern die Unmöglichkeit, es zu tun; nicht die verlorene Zeit zurückzuholen interessiert ihn, sondern die Unmöglichkeit, es zu tun. Interesse heisst im Wortsinn: Dazwischen sein.
Es ist jenes Dazwischen, in das hinein in der Installation im Kunstmuseum Bern ein Plotter die zuvor abfotografierten Kissenbilder Bild um Bild ausspuckt, die sich, stelle ich mir vor, mit der Zeit alle übereinander legen zu einem schwarzen Quadrat, das natürlich keine exakte geometrische Form ist, sondern in seiner Struktur dem Universum gliche, wie Peter Radelfinger es in der NZZ gefunden hat. Die Bildlegende dazu lautet: „Durch die Raum-Zeit ziehen sich tiefe Furchen, die auf die Existenz von dunkler Materie hinweisen. In den Furchen sammelt sich heisses Gas: die Galaxien sitzen an den Kreuzungspunkten der Kanäle.“
Betrachten Sie also jedes Kissen als momentanen Zustand des Universums.
Ob hier durch die Hintertür doch wieder so etwas wie Geschichten hereinschauen? Ausdenken und erzählen müssten wir sie uns selber.